Leichte und Einfache Sprache
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Leichte Sprache, komplexe Wirklichkeit


19.2.2014
Die Idee, dass gesellschaftliche Teilhabe mit sprachlicher Komplexität zusammenhängt, ist nicht neu. "Ohne eine demokratische, eine allgemein verständliche, einfache, klare Sprache, ohne einen ächten Volksstyl ist keine Volksherrschaft möglich; aber auch umgekehrt ist mit einer klaren, einfachen, aller Welt zugänglichen Schriftsprache auf die Dauer kein Absolutismus, keine Aristokratie mehr haltbar", schrieb der Publizist und Politiker Jacob Venedey schon 1850.[1] Durch ein wachsendes Bewusstsein für die Notwendigkeit einer inklusiven Gesellschaft hat die Frage nach einer sprachlichen Teilhabe möglichst all ihrer Mitglieder in den vergangenen Jahren aber eine neue Dringlichkeit erhalten. Es besteht weitgehende Einigkeit darüber, dass der Zugang zu Informationen und zu Kommunikation ein allgemeines Recht ist, das auch Menschen mit kognitiven oder sensorischen Einschränkungen zusteht.[2] Ebenfalls unstrittig ist, dass gerade diese Menschen (aber vielleicht nicht nur sie) nur schwer Zugang zu gehobenen standardsprachlichen Registern finden, vor allem in ihrer schriftlichen Form. Mit "Registern" meine ich im Folgenden Sprachvarietäten, die durch eine situationsbedingte Auswahl sprachlicher Strukturen charakterisiert sind. Diese unterscheiden sich entlang von Parametern wie einfach/komplex, informell/formell und familiär/öffentlich.

Die Sprachwissenschaft, von der man für dieses Dilemma vielleicht Lösungsansätze erwarten könnte, tut sich grundsätzlich schwer, sprachplanerische Hilfestellungen für gesellschaftliche Probleme anzubieten. So haben es hier (wie auch in anderen Bereichen) Aktivistinnen und Aktivisten übernommen, Vorschläge für eine einfache, möglichst weithin verständliche Sprache zu entwickeln. Es ist höchste Zeit, diese Vorschläge aus sprachwissenschaftlicher Perspektive zu beleuchten, um eine Grundlage für konstruktive Kritik zu schaffen. Im vorliegenden Beitrag will ich einen ersten Schritt dahin versuchen, indem ich die sogenannte Leichte Sprache in die wissenschaftliche Diskussion um sprachliche Komplexität und ihre kognitiven und sozialen Konsequenzen einordne.

Leichte Sprache



Zielgruppen. Die Vorschläge für Leichte Sprache richten sich an eine sehr heterogene Zielgruppe: Menschen mit Lernbehinderungen und anderen kognitiven Einschränkungen, Menschen mit Leseschwierigkeiten unterschiedlicher Art, nichtdeutsche Muttersprachige, Menschen mit Altersdemenz oder sogar ältere Menschen insgesamt.[3] Auch Jugendliche werden manchmal als Zielgruppe genannt oder sogar die Sprachgemeinschaft generell, etwa wenn es um Schwierigkeiten beim Verständnis von Gebrauchstexten geht.[4] Berührungspunkte bestehen hier zu anderen Initiativen für Einfache Sprache, wie etwa der Forschungsstelle "Verständliche Sprache" an der Ruhr-Universität Bochum,[5] deren Ziel eine einfache(re) Verwaltungssprache ist, oder den Autorinnen und Autoren der Studie "Sprichst du Politik?", die von der Politik eine "einfache, verständliche Sprache" fordern, um insbesondere junge Menschen besser anzusprechen.[6]

Es ist fraglich, ob es für eine derart heterogene Zielgruppe eine einheitliche Lösung geben kann oder sollte. Zu unterscheiden wären hier mindestens Gruppen, an deren Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache in ihrer vollen Komplexität sich nichts oder nur wenig ändern lässt (also Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Lese- und Lernschwächen), und diejenigen, deren Schwierigkeiten aus einem nicht abgeschlossenen Erwerb des Deutschen entstehen (also nichtdeutsche Muttersprachige einschließlich Gebärdender). Bei Ersteren kann ein besseres Sprachverständnis nur durch eine entsprechende Anpassung der sprachlichen Komplexität einschließlich orthografischer und typografischer Hilfestellungen erreicht werden, bei Letzteren ist eine solche Anpassung eher als Übergangslösung zu verstehen, bis der Spracherwerb abgeschlossen ist.

Dies gilt erst recht dort, wo jugendliche oder auch erwachsene Mitglieder der Sprachgemeinschaft bestimmte Register – beispielsweise die der Politik, Wirtschaft oder Verwaltung – nicht (oder nicht ausreichend) beherrschen. Hier wäre zunächst zu klären, inwieweit die Gesellschaft von ihren Mitgliedern erwarten kann, diese Register und Textsorten zu beherrschen. Denn eine Vereinfachung sprachlicher Strukturen ist in Bezug auf die kommunizierten Inhalte nicht kostenneutral und sollte deshalb nicht automatisch als optimale Lösung betrachtet werden.

Regeln Leichter Sprache. Betrachten wir zunächst die Regeln der Leichten Sprache.[7] Diese Regeln lassen sich in drei Bereiche gliedern: erstens, typografische Empfehlungen (etwa gerade Schriftarten zu verwenden oder Texte und Überschriften linksbündig zu halten); zweitens, orthografische Empfehlungen (etwa Zahlen immer als Ziffern zu schreiben, die Bestandteile von zusammengesetzten Wörtern durch Bindestriche abzusetzen und Punkte auch vor Teilsätzen und Phrasen zu setzen, die durch Konjunktionen eingeleitet werden); drittens, sprachstrukturelle Empfehlungen bezüglich Vokabular und Grammatik. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist zu den grundsätzlich plausiblen typografischen und orthografischen Empfehlungen wenig zu sagen. Ich werde mich deshalb im Folgenden auf die sprachstrukturellen Empfehlungen konzentrieren.

Auf der Wortebene sieht die Leichte Sprache Kürze (Bus statt Omnibus), Umgangssprachlichkeit (erlauben statt genehmigen) und das Vermeiden von Fremdwörtern (Arbeits-Gruppe statt Workshop) vor. Außerdem sollen genaue Zahlenangaben durch ungefähre Angaben (wie lang, viele, einige und wenige) ersetzt werden. Auf grammatischer Ebene sollen Negation, Passivsätze und der Genitiv völlig vermieden werden, Konjunktive und Modalverben (wie hätte, könnte, müsste, sollte, wäre und würde) sollen durch Wörter wie vielleicht ersetzt werden, und statt Nominalisierungen (wie Wahl) sollen Verben (wie wählen) verwendet werden.

Interessanterweise ordnet sich die Leichte Sprache mit diesen Empfehlungen in eine Reihe anderer sprachkritischer Traditionen ein – ein weitgehend ähnliches Inventar abzulehnender Wörter und Strukturen findet sich in herkömmlichen Stilfibeln,[8] aber auch in der Kritischen Diskursanalyse, wo sie als intransparent und potenziell manipulativ kritisiert werden.[9]


Fußnoten

1.
Jacob Venedey, Machiavelli, Montesquieu, Rousseau. Erster Theil: Machiavelli und Montesquieu, Berlin 1850, S. 463.
2.
Vgl. Artikel 9 des Übereinkommens der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderung, 21.12.2008, »http://www.un.org/Depts/german/uebereinkommen/ar61106-dbgbl.pdf« (22.1.2014).
3.
Vgl. Netzwerk Leichte Sprache (Hrsg.), Die Regeln für Leichte Sprache, Kassel 2013; Lebenshilfe Bremen (Hrsg.), Für wen ist leichte Sprache?, Bremen 2013.
4.
Vgl. Lebenshilfe Bremen (Anm. 3).
5.
Vgl. die Webseite der Forschungsstelle: »http://www.moderne-verwaltungssprache.de« (22.1.2014).
6.
Vgl. Nina Arnold et al., Sprichst du Politik?, Berlin 2011. Vgl. hierzu auch den Artikel von Bettina Fackelmann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Bei der folgenden Darstellung beziehe ich mich auf die Vorschläge des Netzwerks Leichte Sprache (Anm. 3).
8.
Vgl. etwa: Ludwig Reiners, Stilfibel. Der sichere Weg zum guten Deutsch, München 1951.
9.
Vgl. etwa: Teun A. Van Dijk, Critical Discourse Analysis, in: Deborah Schiffrin/Deborah Tannen/Heidi E. Hamilton (Hrsg.), The Handbook of Discourse Analysis, London 2005, S. 349–371.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/de/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Anatol Stefanowitsch für bpb.de

 
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