Leichte und Einfache Sprache
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Funktionaler Analphabetismus – Hintergründe eines aktuellen gesellschaftlichen Phänomens


19.2.2014
Bei dem Wort "Barriere" denken wir meist sofort an ein sichtbares Hindernis. Viel subtiler sind jedoch unsichtbare Hindernisse, zum Beispiel sprachliche Barrieren. So wie jede Treppe für das Fortbewegen mit Krücken oder Rollstuhl eine Herausforderung darstellt, so sind viele Texte für Menschen mit geringen Lesekompetenzen ein ernsthaftes Hindernis. Schrift, so hätte es der französische Soziologe Pierre Bourdieu ausgedrückt, ist eben nicht nur ein Zeichensystem und ein Kommunikationsmittel, sondern auch ein Instrument sozialen Handelns – ein Mittel der Herrschaft.

Mit dem Konzept der Leichten Sprache werden Texte so vereinfacht, dass auch Menschen mit einer geringeren Lesekompetenz sie lesen können. Das Konzept leistet daher einen wertvollen Beitrag zur Verminderung sprachlicher Teilhabebarrieren – und damit zur gesellschaftlichen Inklusion. Dies ist sicher hilfreich und notwendig, aber nicht hinreichend. Denn geringe Lesekompetenzen sind ein gesellschaftliches Problem. Ein großer Teil der Bevölkerung versteht Texte nur auf sehr basalem Niveau. Der vorliegende Beitrag widmet sich den Hintergründen dieses Phänomens. Wie viele Menschen bezeichnen wir als gering literalisiert? Wie kommt es dazu? Und wie sehen die Lebensweltbedingungen der betroffenen Menschen aus?

Definition und Größenordnung



Um das Problem der geringen Literalität zu fassen, sei ein kurzer Ausflug in die jüngere Historie vorangestellt. Erstmals diskutiert wurde das Phänomen der nicht ausreichenden Schriftkompetenzen in Deutschland in den 1970er Jahren. Vor allem die Volkshochschulen machten darauf aufmerksam, dass in der Mitte unserer Gesellschaft Menschen leben, deren schriftliche Kompetenzen nicht ausreichen, um an relevanten gesellschaftlichen Prozessen in voller Breite partizipieren zu können. Diese Menschen besäßen durchaus Kenntnisse der Schrift, sie seien keine An-Alphabeten im wörtlichen Sinne. Wohl aber seien ihre schriftlichen Kompetenzen derart niedrig, dass sie die Funktion von Schrift nur sehr eingeschränkt nutzen können. In unserer ausgeprägt literal organisierten Gesellschaft könnten die Betroffenen die vorhandenen Schriftkompetenzen in ihren persönlichen Lebenswelten somit nicht funktional einsetzen. Dies drückte sich aus in dem Begriff des funktionalen Analphabetismus.

Das Phänomen war in den 1970er Jahren sicherlich nicht neu, es wurde aber erst zu dieser Zeit virulent. Mit der Einführung neuer Technologien entfielen zahlreiche Arbeitsplätze im primären Sektor (wie etwa in der Land- und Forstwirtschaft) – oder sie veränderten sich so, dass Lese- und Schreibkompetenzen unabdingbar wurden. Dennoch überraschten die Berichte, ging man doch davon aus, dass seit Einführung der allgemeinen Schulpflicht und der damit verbundenen Alphabetisierung der breiten Bevölkerung alle Menschen schreiben können.

Entsprechend wurden die ersten Berichte von politischer Seite zunächst negiert, später als Einzelfälle betrachtet und auf individuelle Schwächen zurückgeführt. Erst allmählich setzte sich die politische und gesellschaftliche Erkenntnis durch, dass ein bestimmter Anteil von Schülerinnen und Schülern das deutsche Schulsystem verlässt, ohne hinreichend lesen und schreiben gelernt zu haben. Dass Illiteralität ein drängendes gesellschaftliches Problem ist, das struktureller Lösungen bedarf, dringt jedoch erst seit wenigen Jahren und nur allmählich in das Bewusstsein von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Ähnlich der PISA-Studie wurden in PIAAC 2012 (Programme for the International Assessment of Adult Competencies) der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) Grundkompetenzen ermittelt, in diesem Fall von Erwachsenen.[1] Es zeigen sich deutliche Parallelen zu PISA, insbesondere das "leicht unterdurchschnittliche Abschneiden von Deutschland in der Lesekompetenz, verursacht durch überdurchschnittliche Schwächen im unteren Leistungsbereich, und ein auffallend hoher Zusammenhang der Kompetenzen mit der sozialen Herkunft entsprechen den Befunden von PISA 2000".[2]

Wie groß der Anteil der Menschen ist, deren vorhandene Kompetenzen niedriger sind, als die von der Gesellschaft erwarteten, ist nicht leicht zu bestimmen. Denn Literalität ist relational. Die Anforderungen an Schriftsprachlichkeit sind historisch und kulturell variabel. Sie haben sich in den vergangenen Jahren insbesondere durch die Verbreitung digital verarbeiteter Schrift deutlich erhöht. Der gesellschaftliche Wandel kann somit als ein Bedingungsfaktor des funktionalen Analphabetismus beschrieben werden.

Bezüglich der Größenordnung legten die Bildungsstudien der vergangenen Jahre erstmals belastbare Daten vor. Die Level-One-Studie der Universität Hamburg offenbarte, dass etwa 4,4 Prozent der Bevölkerung maximal Wörter, aber keine Sätze lesen können (Alpha-Level 1+2, vgl. Abbildung 1 in der PDF-Version).[3] Weitere zehn Prozent der Bevölkerung können zwar mit kurzen Sätzen umgehen, scheitern aber an Texten und vermeiden diese daher (Alpha-Level 3).[4] Die Größenordnung des funktionalen Analphabetismus in Deutschland liegt somit bei 14,5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung beziehungsweise bei 7,5 Millionen Menschen. Um dies zu veranschaulichen: Das ist mehr als jede einzelne deutsche Stadt Einwohner hat. Das ist sogar mehr als die Einwohner der fünf bevölkerungsreichsten Städte Deutschlands – Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt am Main – zusammen.

Der Anteil der Männer an der Gesamtgruppe ist leicht größer als der der Frauen. Überraschend ist die Erkenntnis, dass das Niveau der Literalität mit dem Alter abnimmt. Die jüngeren Jahrgänge (18 bis 29 Jahre) verfügen tendenziell über leicht größere schriftliche Kompetenzen als die älteren. Ein Befund, der sich mit der PIAAC-Studie deckt, aber im Widerspruch zur derzeit oft vorgebrachten Klage über abnehmende Lese- und Rechtschreibkompetenzen jüngerer Menschen steht.

Übrigens besitzen weitere 25,9 Prozent (13,3 Millionen) größere Probleme beim Lesen und Rechtschreiben (Alpha-Level 4). Sie gelten zwar nicht als funktionale Analphabeten, doch verschriften sie auch einen geläufigen Wortschatz (Grundschulniveau) sehr fehlerhaft. Auch sie profitieren von den Konzepten der Leichten Sprache. Addiert man die zuletzt genannte Gruppe hinzu, stellt Leichte Sprache für über 40 Prozent (über 20 Millionen Menschen) der gesamten erwachsenen Bevölkerung eine angemessene Form der Schriftlichkeit dar. Geringe Schriftkompetenzen sind mithin kein Randphänomen, sondern ein bedeutendes gesellschaftliches Thema.

Dabei scheint geringe Literalität sozial "vererbt" zu werden. Nicht nur der eigene Schulabschluss, sondern auch der Schulabschluss der Eltern ist gemäß der Level-One-Studie ein relevanter Prädiktor für Illiteralität. Während in der Bevölkerung insgesamt nur drei Prozent der Personen in Elternhäusern aufgewachsen ist, in denen weder Mutter noch Vater einen Schulabschluss haben, liegt dieser Anteil unter Illiteralen mit zwölf Prozent viermal so hoch.

Wer nun glaubt, dass es sich bei den 14,5 Prozent der sehr gering literalisierten Personen aus der Level-One-Studie vornehmlich um Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte handelt, der irrt. Zwar ist der Anteil der mehrsprachigen Menschen im Vergleich zur Verteilung in der Gesamtbevölkerung überproportional, doch für die Mehrheit der Betroffenen (58 Prozent) ist Deutsch die Muttersprache. Zudem wurden in die Stichprobe der Studie nur Personen aufgenommen, welche die deutsche Sprache mündlich soweit beherrschten, dass sie einer Befragung und einem Test folgen können. Rechnete man Zugewanderte ohne ausreichende Sprachkenntnisse des Deutschen hinzu, dürften noch etliche Personen der Zahl von 7,5 Millionen hinzugefügt werden.

Derart geringe Lese- und Schreibkompetenzen sind gesellschaftlich aus mehreren Gründen problematisch. Zum einen bedeutet dieses Ausmaß an geringer Grundbildung einen ökonomischen Nachteil. Wie groß der volkswirtschaftliche Schaden ist, der durch zu geringe Lese- und Schreibkompetenzen entsteht, wurde in Deutschland noch nicht explizit untersucht. Entsprechende Studien in vergleichbaren Industrienationen lassen darauf schließen, dass eine Zahl von mehreren Milliarden Euro pro Jahr durchaus realistisch ist.

Regeln der Leichten Sprache

Leichte Sprache folgt dem Prinzip der maximalen sprachlichen Einfachheit. Mittlerweile existieren mehrere Veröffentlichungen, die entsprechende sprachliche Regeln spezifizieren. Die wichtigsten Regeln werden nachfolgend skizziert.

Lexik:

  • leicht verständliche, anschauliche, vertraute oder einfache Wörter
  • Abstrakta möglichst umgehen
  • Fach- und Fremdwörter, Abkürzungen sowie Redewendungen und Metaphern vermeiden
Morphologie:
  • kurze Wörter benutzen
  • Komposita mit Bindestrichen trennen
Syntax und Morphosyntax:
  • kurze, einfache Hauptsätze mit jeweils nur einer Aussage
  • Perfekt statt Präteritum
  • kein Konjunktiv, kein Genitiv, kein Passiv, keine Nominalisierungen
  • bei Pronomen auf eindeutige Referentialität achten
Nicht alle Regeln können gleichzeitig berücksichtigt werden. In der Praxis gilt es meist abzuwägen, welchem Prinzip der Vortritt zu gewähren ist. Auch sind einige Regeln durchaus umstritten. So ist die Aneinanderreihung kurzer Sätzeunverständlich, wenn keine Kohärenz zwischen den Sätzen hergestellt wird. In Ergänzung der genanntenlinguistischen Aspekte ist zudem auf eine lesefreundliche Darbietung des Textes zu achten (wie große, klare Schrift, möglichst jeder Satz in einer neuen Zeile, bei längeren Texten Zwischenüberschriften einfügen).

Neben der Leichten Sprache existieren verwandte Konzepte. Die Einfache oder die Verständliche Sprache, wie sie in der Bürger-Verwaltung-Kommunikation angestrebt wird, ist nicht maximal vereinfacht. Diese Konzepte richten sich an den Großteil der Bevölkerung und versuchen, das "Behördendeutsch" verständlicher zu machen. Leichte Sprache hingegen spricht vor allem diejenigen an, die besondere Probleme bei der Verarbeitung der geschriebenen Sprache haben.

Literaturhinweis:
Vgl. für eine detaillierte Darstellung der Regeln: Julia Kuhlmann, Zum Konzept der Leichten Sprache. Erkenntnisse aus der Verständlichkeitsforschung. In: Alfa-Forum, (2013) 8, S. 11-15.


Niedrige Schriftsprachkompetenz korreliert dabei statistisch signifikant mit dem häufigeren Auftreten diverser Krankheiten und ungesundem Lebensstil. Nach der OECD ergibt sich folgende Korrelation: Ein Land, das bei der Lesekompetenz Erwachsener ein Prozent über dem Durchschnitt liegt, übertrifft andere Länder bei der Arbeitsproduktivität um 2,5 Prozent und beim Brutto-Inlandsprodukt um 1,5 Prozent. Während von politischer Seite bisher meist argumentiert wird, dass für Maßnahmen im Sozial- und Bildungssektor die finanziellen Ressourcen fehlen, stellt sich aus diesem Blickwinkel eher die Frage, wie lange wir uns den aktuellen Zustand ökonomisch noch leisten können.

Des Weiteren ist geringe Grundbildung im Hinblick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt in einer Demokratie kritisch zu sehen. So ist beispielsweise belegt, dass Menschen mit geringer Grundbildung sich weniger für politische Zusammenhänge interessieren und sich deutlich weniger ehrenamtlich oder in Vereinen engagieren.



Fußnoten

1.
Vgl. »http://www.oecd.org/site/piaac« (10.2.2014).
2.
Beatrice Rammstedt, PIAAC 2012: Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick, in: dies. (Hrsg.), Grundlegende Kompetenzen Erwachsener im internationalen Vergleich. Ergebnisse von PIAAC 2012, Münster 2013, S. 18.
3.
Vgl. »http://blogs.epb.uni-hamburg.de/leo« (10.2.2014).
4.
Vgl. Anke Grotlüschen/Wibke Riekmann (Hrsg.), Funktionaler Analphabetismus in Deutschland. Ergebnisse der ersten leo. – Level-One Studie, Münster 2012.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Sven Nickel für bpb.de