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Empowerment-Landkarte: Diskurse, normative Rahmung, Kritik


18.3.2014
Menschen stärken, Ressourcen fördern, zivilgesellschaftliche Handlungsfähigkeiten entwickeln – Stichworte wie diese verweisen auf ein Handlungskonzept, das in den vergangenen Jahren zum Fixstern am Himmel der gesellschaftspolitischen und psychosozialen Diskurse avanciert ist: das Empowerment-Konzept. Ursprünglich ein Theorieimport aus dem Bereich der Bürgerrechtsbewegung und der Neuen Sozialen Bewegungen in den USA gehört dieses Konzept heute zu den Kursgewinnern auf dem sozialwissenschaftlichen Ideenmarkt. Es hat in zivilgesellschaftlichen Bewegungen und Bürgerprojekten, in der Gesundheitsförderung, der Behindertenpädagogik und Sozialen Arbeit Aufmerksamkeit gefunden und vielfältige Modellprojekte stimuliert.

In der Literatur finden sich viele Versuche, das, was Empowerment ausmacht, in einen Begriff zu fassen. Gemeinsam ist allen Definitionsangeboten eines: Empowerment (Selbstbefähigung, Selbstbemächtigung, Stärkung von Eigenmacht und Autonomie) bezeichnet biografische Prozesse, in denen Menschen ein Stück mehr Macht für sich gewinnen – Macht verstanden als Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen (participation in political decision-making) oder aber als gelingende Bewältigung alltäglicher Lebensbelastungen (mastery).

Es beschreibt Mut machende Prozesse der Selbstbemächtigung, in denen Menschen in Situationen des Mangels, der Benachteiligung oder der gesellschaftlichen Ausgrenzung beginnen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, in denen sie sich ihrer Fähigkeiten bewusst werden, eigene Kräfte entwickeln und ihre individuellen und kollektiven Ressourcen zu einer selbstbestimmten Lebensführung nutzen lernen. Kurzum: Empowerment zielt auf die (Wieder-)Herstellung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Alltags. In der Entwicklungsgeschichte dieses Konzepts lassen sich zwei Traditionslinien unterscheiden:[1]

Empowerment als kollektiver Prozess der Selbstbemächtigung. Die Anfänge des Empowerment stehen in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung in den USA und der Befreiungsbewegungen in Ländern der "Dritten Welt". Die radikale Politik der Selbstbemächtigung und der Forderung nach Gleichheitsrechten durch diskreditierte Bevölkerungsgruppen in den 1960er Jahren, die Friedensbewegung in ihrem Kampf gegen kriegerisch-imperiale Einmischungen in die Souveränität anderer Staaten, die Armutsbewegung der Landbevölkerung und ihr Widerstand gegen Enteignung und Vertreibung, die Frauenbewegung mit ihrer Dekonstruktion von Machtungleichheiten zwischen den Geschlechtern – die Geschichte des Empowerment-Konzeptes ist unlösbar mit der Geschichte dieser sozialen Bewegungen verbunden.

Empowerment wird verstanden als ein politischer Prozess der Selbstbemächtigung, in dem Menschen, deren Leben bislang in Ohnmacht eingesponnen war, sich in kollektiver politischer Selbstorganisation in die Spiele der Macht einmischen. Empowerment ist hier also ein kollektiver Prozess der (Wieder-)Herstellung einer politisch definierten Selbstbestimmung, der sich die Umverteilung von Entscheidungsmacht und die Korrektur von sozialer Ungleichheit auf seine Fahnen geschrieben hat.

Empowerment als professionelle Unterstützung von Autonomie. Eine zweite (historisch jüngere) Traditionslinie thematisiert die Rezeption von Empowerment in der verberuflichten psychosozialen Arbeit. Seit den 1990er Jahren erobert der Empowerment-Gedanke die Territorien von psychologischer Beratung und Sozialer Arbeit. Empowerment wird so zum Signum einer professionellen psychosozialen Arbeit, die Prozesse der (Wieder-)Aneignung von Selbstgestaltungskräften anregend, unterstützend und fördernd begleitet.

Das Ziel einer von diesem Verständnis angeleiteten psychosozialen Praxis ist es, dort, wo die Dynamik autonomer Selbstorganisation sich nicht in eigener Kraft in Bewegung setzt, Unterstützung bereitzustellen, die es den Adressaten sozialer Dienstleistung ermöglicht, sich ihrer ungenutzten, lebensgeschichtlich verschütteten Kompetenzen und Stärken zu erinnern, sie zu festigen und zu erweitern.


Fußnoten

1.
Vgl. Norbert Herriger, Empowerment in der Sozialen Arbeit, Stuttgart 20145.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Norbert Herriger für bpb.de
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