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18.3.2014 | Von:
Norbert Herriger

Empowerment-Landkarte: Diskurse, normative Rahmung, Kritik

Menschen stärken, Ressourcen fördern, zivilgesellschaftliche Handlungsfähigkeiten entwickeln – Stichworte wie diese verweisen auf ein Handlungskonzept, das in den vergangenen Jahren zum Fixstern am Himmel der gesellschaftspolitischen und psychosozialen Diskurse avanciert ist: das Empowerment-Konzept. Ursprünglich ein Theorieimport aus dem Bereich der Bürgerrechtsbewegung und der Neuen Sozialen Bewegungen in den USA gehört dieses Konzept heute zu den Kursgewinnern auf dem sozialwissenschaftlichen Ideenmarkt. Es hat in zivilgesellschaftlichen Bewegungen und Bürgerprojekten, in der Gesundheitsförderung, der Behindertenpädagogik und Sozialen Arbeit Aufmerksamkeit gefunden und vielfältige Modellprojekte stimuliert.

In der Literatur finden sich viele Versuche, das, was Empowerment ausmacht, in einen Begriff zu fassen. Gemeinsam ist allen Definitionsangeboten eines: Empowerment (Selbstbefähigung, Selbstbemächtigung, Stärkung von Eigenmacht und Autonomie) bezeichnet biografische Prozesse, in denen Menschen ein Stück mehr Macht für sich gewinnen – Macht verstanden als Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen (participation in political decision-making) oder aber als gelingende Bewältigung alltäglicher Lebensbelastungen (mastery).

Es beschreibt Mut machende Prozesse der Selbstbemächtigung, in denen Menschen in Situationen des Mangels, der Benachteiligung oder der gesellschaftlichen Ausgrenzung beginnen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, in denen sie sich ihrer Fähigkeiten bewusst werden, eigene Kräfte entwickeln und ihre individuellen und kollektiven Ressourcen zu einer selbstbestimmten Lebensführung nutzen lernen. Kurzum: Empowerment zielt auf die (Wieder-)Herstellung von Selbstbestimmung über die Umstände des eigenen Alltags. In der Entwicklungsgeschichte dieses Konzepts lassen sich zwei Traditionslinien unterscheiden:[1]

Empowerment als kollektiver Prozess der Selbstbemächtigung. Die Anfänge des Empowerment stehen in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung in den USA und der Befreiungsbewegungen in Ländern der "Dritten Welt". Die radikale Politik der Selbstbemächtigung und der Forderung nach Gleichheitsrechten durch diskreditierte Bevölkerungsgruppen in den 1960er Jahren, die Friedensbewegung in ihrem Kampf gegen kriegerisch-imperiale Einmischungen in die Souveränität anderer Staaten, die Armutsbewegung der Landbevölkerung und ihr Widerstand gegen Enteignung und Vertreibung, die Frauenbewegung mit ihrer Dekonstruktion von Machtungleichheiten zwischen den Geschlechtern – die Geschichte des Empowerment-Konzeptes ist unlösbar mit der Geschichte dieser sozialen Bewegungen verbunden.

Empowerment wird verstanden als ein politischer Prozess der Selbstbemächtigung, in dem Menschen, deren Leben bislang in Ohnmacht eingesponnen war, sich in kollektiver politischer Selbstorganisation in die Spiele der Macht einmischen. Empowerment ist hier also ein kollektiver Prozess der (Wieder-)Herstellung einer politisch definierten Selbstbestimmung, der sich die Umverteilung von Entscheidungsmacht und die Korrektur von sozialer Ungleichheit auf seine Fahnen geschrieben hat.

Empowerment als professionelle Unterstützung von Autonomie. Eine zweite (historisch jüngere) Traditionslinie thematisiert die Rezeption von Empowerment in der verberuflichten psychosozialen Arbeit. Seit den 1990er Jahren erobert der Empowerment-Gedanke die Territorien von psychologischer Beratung und Sozialer Arbeit. Empowerment wird so zum Signum einer professionellen psychosozialen Arbeit, die Prozesse der (Wieder-)Aneignung von Selbstgestaltungskräften anregend, unterstützend und fördernd begleitet.

Das Ziel einer von diesem Verständnis angeleiteten psychosozialen Praxis ist es, dort, wo die Dynamik autonomer Selbstorganisation sich nicht in eigener Kraft in Bewegung setzt, Unterstützung bereitzustellen, die es den Adressaten sozialer Dienstleistung ermöglicht, sich ihrer ungenutzten, lebensgeschichtlich verschütteten Kompetenzen und Stärken zu erinnern, sie zu festigen und zu erweitern.

Aktuelle Diskurse

Ein Blick auf die aktuelle Literaturproduktion zum Thema und die bunte Vielfalt der Praxisprojekte verdeutlicht, dass das Empowerment-Konzept in sehr unterschiedlichen "Arenen" diskutiert wird. Im Folgenden werden drei aktuelle Diskurse skizziert.

Empowerment und subjektive Identitätsarbeit. Ein erster Diskurs verknüpft das Nachdenken über Empowerment mit jener Gegenwartsdiagnose, die in der Literatur unter den Stichworten Individualisierung, Enttraditionalisierung und reflexive Modernisierung geführt wird. Wir Menschen der Moderne – so die Lesart dieses Diskurses – sind eingebunden in eine beschleunigte Dynamik von Individualisierungsprozessen.

Individualisierung[2] wird gedeutet als ein gesellschaftlicher Prozess, der Menschen aus den traditionalen Mustern ihrer sozialen Herkunft wie auch aus den Sicherheiten von Glauben, Werten, gemeinschaftlichen Lebensorientierungen herauslöst. In immer schnellerem Tempo vollzieht sich eine Freisetzung der Menschen aus traditionsbestimmten Lebensformen, Geschlechterkonstruktionen oder Milieubindungen. Es zerfällt die Bindungskraft sozialkulturell überlieferter Modelle "normaler" Lebensführung. Die Lebensgestaltung wird offen, die Subjekte werden zu Regisseuren der eigenen biografischen Geschichte.

Diese Biografisierung von Lebenskonstruktionen verknüpft sich mit einem zweiten Umbruch: Der ökonomische Boden, auf dem Menschen ihre Lebensentwürfe bauen, wird sandiger. Die "Normalarbeitsbiografie", die für frühere Generationen noch selbstverständliche Koordinate des Lebens war, wird für immer weniger Menschen erreichbar. Traditionelle Erwerbsbiografien werden bunten Patchwork-Berufsbiografien weichen, in denen vielfältige Statusinkonsistenzen und Karrierebrüche, lebenslange Zwänge zu Nach-, Weiter-, Neu-Lernen, das Oszillieren zwischen Branchenwechsel, Arbeitslosigkeit, Umschulungen und beruflichen Neuanfängen miteinander verwoben sind.

Diese Umbrüche konstituieren ein neues Profil von Anforderungen an das modernisierte Subjekt: Soziales Handeln im Zeichen der Individualisierung ist stets Handeln in Situationen der Unsicherheit. Verlässliche normative und ökonomische Sicherheitsleitplanken für einen individualisierten Lebensentwurf stehen nicht mehr zur Verfügung. In dem Maße aber, in dem ehemals verlässliche Basissicherheiten zerfließen, wird der Einzelne selbst zum Planungs-, Entscheidungs- und Aktionszentrum seiner Lebensführung.

Soll diese selbstbestimmte Lebensführung aber gelingen und nicht an Divergenz und Widersprüchen scheitern, so setzt dies eine veränderte psychosoziale Ausstattung des Subjektes voraus – ein Leben mit Fähigkeiten, das den Anspruch der Moderne auf Selbstbemächtigung des Subjektes lebensalltäglich einlöst.

Hier nun ist das Verbindungsstück zwischen Individualisierung und Empowerment: Individualisierung – konsequent zu Ende gedacht – bedarf eines Subjekts, das auf Vorräte von (selbstreflexiven, psychischen, sozialen) Ressourcen zurückgreifen kann, die für eine produktive Nutzung der riskanten Chancen einer individualisierten Lebensführung unentbehrlich sind. In der Literatur ist hier die Rede vom "Identitätskapital" der Person.[3] Es umfasst Ich-Stärke, Selbstwirksamkeitserfahrungen, Lebenssinn und kritische Denkfähigkeit. Der Einsatz dieses Identitätskapitals macht es dem Einzelnen möglich, die offenen Horizonte der Individualisierung produktiv zu nutzen wie auch Lebensbrüche und kritische Lebensetappen ohne Schaden an Körper und Seele zu bewältigen. Die Selbstbemächtigung des Subjekts – hier verstanden als biografischer Prozess der Aneignung des beschriebenen identitären Kapitals – ist somit notwendige Voraussetzung einer gelingenden Individualisierung.

Empowerment und neue psychosoziale Professionalität. Ein zweiter Diskurs führt uns in das Praxisfeld von Diensten und Einrichtungen der psychosozialen Arbeit. Empowerment-Gedanken sind heute fester Bestandteil der Dienstleistungsprogrammatik von Einrichtungen in den Feldern von Beratung, Alltagsbegleitung und sozialer Unterstützung. Dieser Wechsel der fachlichen Sprachspiele ist freilich mehr als nur "modische Attitüde". Hierin artikuliert sich ein markanter Paradigmenwechsel in der psychosozialen Dienstleistungsgestaltung, der durch drei Stichworte gekennzeichnet werden kann:

Abkehr von einer grundlegenden Defizitorientierung: Der Ausgangspunkt des Empowerment-Konzeptes ist eine Kritik an dem tradierten Klientenbild, das die Dienste und Einrichtungen der psychosozialen Hilfe anleitet. Dieses Klientenbild ist bis heute vielfach von einem Defizitblick auf den Menschen geprägt. Dies bedeutet: Menschen, die psychosoziale Dienstleistungen nachfragen, ihre Lebenserfahrungen und biografischen Geschichten werden allzu oft allein in Kategorien von Defizit, Mangel und Ungenügen wahrgenommen. Die Folge dieses Defizitblicks aber ist, dass die vorhandenen Lebensfähigkeiten der Menschen, ihre produktiven Ressourcen zur Lebensbewältigung, aus dem Blick geraten. Psychosoziale Arbeit ist so vielfach eine "Buchhaltung von Lebensschwächen".

Das Empowerment-Konzept bricht mit diesem Blick auf die Schwächen und Abhängigkeiten. Menschen, die psychosoziale Unterstützung in Anspruch nehmen, werden hier nicht mehr (ausschließlich) als hilfebedürftige Mängelwesen angesehen. Im Gegenteil: Sie werden – auch in Lebensetappen der Belastung und der Demoralisierung – in der Rolle von kompetenten Akteuren wahrgenommen, die über das Vermögen verfügen, ihren Lebensalltag in eigener Regie zu gestalten. Dieses Vertrauen in die Stärken der Menschen, in produktiver Weise die Belastungen und Zumutungen der alltäglichen Lebenswirklichkeit zu verarbeiten, ist Leitmotiv einer jeden Empowerment-Praxis.

Der helfende Dialog als Ko-Konstruktion: Ein leitendes Motiv der Empowerment-Arbeit ist die Anerkennung der "Expertenschaft des Klienten in eigener Sache" vor dem Hintergrund seiner individuellen Lebenserfahrungen. Mit dieser Wertschätzung der lebensgeschichtlich geschöpften Expertise des Klienten geht zugleich eine signifikante Veränderung der Machtbalance in der helfenden Beziehung einher: An die Stelle des Expertenurteils des psychosozialen Fachpersonals (das heißt der Unterstellung, "sicher zu wissen, wessen der andere bedarf") tritt das offene und machtgleiche Aushandeln von Lebensperspektiven.

In den Mittelpunkt der helfenden Beziehung rückt so der biografische Dialog, in dem die Lebensdeutungen des Klienten und die (durchaus auch abweichenden und konträren) stellvertretenden Lebensdeutungen des pädagogischen Experten zusammengeführt und in einer gemeinsamen Verständigung über lebbare Lebenszukünfte miteinander verknüpft werden.

Obwohl Muster struktureller Macht in die institutionelle Arbeitsbeziehung unlösbar eingelassen sind, ist das Ziel die Konstruktion einer (weitgehend) symmetrischen Arbeitsbeziehung. Sie verzichtet auf die Attribute einer bevormundenden Fürsorglichkeit, verteilt die Verantwortung für den Arbeitskontrakt gleich und lässt sich auf einen Beziehungsmodus des partnerschaftlichen Aushandelns ein. Der helfende Dialog wird so zu einer Ko-Konstruktion "auf Augenhöhe".

Zukunftsorientierung: Der traditionelle pädagogische Blick auf den Klienten ist ein biografisch-retrospektiver Blick. Die analytische Aufmerksamkeit wandert zurück in die Lebensvergangenheit des Adressaten sozialer Unterstützung auf der Suche nach signifikanten biografischen Schlüsselereignissen der Entmutigung.

Im Empowerment-Konzept gilt die pädagogische Aufmerksamkeit nicht den erfahrenen Lebensniederlagen, sondern der Lebenszukunft und den Schritten, die in diese Zukunft hinein ein Mehr an Selbstbestimmung und produktivem Lebensmanagement möglich machen können. Ausgehend von hier und jetzt erschließbaren Ressourcen sollen den Klienten neue Möglichkeitsräume eröffnet werden, in denen sie die eigenen Fähigkeiten zur Selbstorganisation entdecken, Vertrauen in die eigenen Kräfte gewinnen und damit neue Territorien von Unabhängigkeit erobern können.

Empowerment, Entstigmatisierung und Antidiskriminierungsbewegung. Ein dritter kritischer Diskurs vollzieht sich im Feld der aktuellen Antidiskriminierungspolitik und -bewegung. Ausgangspunkt sind hier die Befunde der Diskriminierungs- und Stigmaforschung. Stigmatisierung bezeichnet die Zuschreibung negativ bewerteter Eigenschaften und entehrender Etikette, welche die sozialen Teilnahmechancen der Betroffenen reduzieren und ihre Identität beschädigen. Mit anderen Worten: Stigmatisierung bezeichnet einen Prozess der Diskreditierung, in dem einer Person und/oder einer Gruppe die soziale Akzeptanz im Sinne eines positiven Normalseins verweigert wird.[4]

Menschen werden zur Projektionsfläche von Stigmatisierungen überall dort, wo sie aus den Toleranzzonen lebensweltlich eingeübter "Normalität" herausfallen – dort also, wo sie ihr "Anders-Sein" entlang der Dimensionen von Ethnie, sozialer Herkunft, Gender, Alter, Religionszugehörigkeit und sexueller Orientierung öffentlich präsentieren. Die Folgen der Stigmatisierung für Betroffene sind vielfach empirisch nachgewiesen.

Generalisierung des negativen Merkmals: Die Diskreditierung wird typisierend auf die Gesamtheit der Person übertragen ("Abstempeln"; generalisierende Negativbeurteilung). Dies bedeutet, dass die gesamte Person, alle ihre Merkmale, Eigenschaften und Qualitäten im Lichte des negativen Merkmals stehen; das Stigma wird zum master status der Person.

Soziale Ausgrenzung: Die Stigmatisierung führt – auf der Ebene der sozialen Interaktion – zur sozialen Ausgrenzung des Stigmatisierten wie mangelnde soziale Beachtung, soziale Meidung, Ausschluss von Statuschancen in Bildung und Beruf bis hin zu Angriffen auf die Unversehrtheit der Person. Sie bedeutet für den Betroffenen vielfach einen "stillen sozialen Tod".

Entwicklung einer negativen Identität: Die Stigmatisierung führt – auf der Ebene der Selbstwahrnehmung – schließlich zu einer Negativprägung der eigenen Identität. Den Betroffenen wird es auf Dauer unmöglich sein, das Selbstbild gegen die machtvollen Diktate der Fremdzuschreibung aufrechtzuerhalten. Am Ende steht so oftmals die Übernahme der negativ geprägten sozialen Bewertungen in das Selbstbild und eine signifikante "Beschädigung der Identität" (spoiled identity).

Die Antidiskriminierungsbewegungen und die sie begleitenden Politiken auf Bundes- und Länderebene haben das Ziel, die hier beschriebenen Spiralen von Entmachtung (disempowerment) und verinnerlichter Unterdrückung zu durchbrechen. Die Politikwissenschaftlerin Natascha Nassir-Shahnian formuliert dieses Ziel programmatisch in folgender Weise: "Empowerment bedeutet die Freiheit, als Selbst existieren zu können, ohne sich Handlungszwängen zu beugen, die von außen aufgrund sozialer Kategorien (wie "Rasse", Klasse, Gender, Disability u.a.) an uns herangetragen werden und die uns in unserer Sozialisation prägen. Empowerment (richtet sich) an Menschen, die durch diese Herrschaftsverhältnisse (Rassismus, Klassismus, Sexismus, Heteronormativität u.a.) unterdrückt werden."[5]

Die Empowerment-Arbeit folgt hierbei einem Routenplan, der bereits von dem Pädagogen Paulo Freire mit dem Konzept des critical consciousness vorgezeichnet worden ist. Nach Freire sind es drei Schritte, die Auswege aus struktureller Benachteiligung und entmächtigender Diskriminierung möglich machen: die Überwindung der Sprachlosigkeit, die kritische Reflexion unterdrückender Fremdkonstruktionen und die kollektive widerständige Aktion. Konkret wird diese Schrittfolge in der Praxis der Beratung von Menschen mit Diskriminierungserfahrungen. Die (in der Regel selbstorganisierte) Antidiskriminierungsberatung versteht sich als eine parteiliche Beratung von Betroffenen für Betroffene. Sie folgt fünf Prinzipien:

Austritt aus der Sprachlosigkeit: Das Beratungssetting bildet einen geschützten Vertrauensraum, in dem Menschen mit Diskriminierungserfahrungen in der Gemeinschaft mit Gleichbetroffenen ermutigt werden, aus der lebenslang geübten "Kultur des Schweigens" (Freire) auszutreten und für die verinnerlichte Ohnmacht eine Sprache zu finden.

Kontextualisierung: Sie erfahren – gespiegelt in den Lebenserzählungen der anderen – die eigenen Diskriminierungserfahrungen als strukturelle Repräsentationen von Ungleichheit, begegnen entmutigenden Selbstzuschreibungen von Schuld und Scham und gewinnen ein kritisches Wissen um rechtliche und politische Formen des Widerstands.

Subjektive Gegenwehr: Die Beratung ermutigt und begleitet Betroffene auf dem Weg der Beschwerde, der Klage und der gerichtlichen Wiedergutmachung. Dieser Akt der Klage und damit die Konfrontation der Täterinnen und Täter mit der Diskriminierung stärken die Erfahrung von Selbstwirksamkeit und aktiver Gegenwehr.

Kollektives Stigmamanagement: Die Selbstorganisation von Widerstand ist Gegengift gegen die Vereinzelung der von Stigmatisierung Betroffenen. Sie schafft einen stärkenden Solidaritätsraum und (auf der Bühne der Medien) eine kritische Gegenöffentlichkeit. Sie ist zugleich Fundament für politische Kampagnen und den kollektiven Kampf um die soziale Anerkennung des "Anders-Seins" (etwa in Form einer positiven Diskriminierung oder einer Affirmative-action-Gesetzgebung).

Agents of change: Die beschriebenen personalen und politischen Prozesse schließlich reichen über den einzelnen "Fall" hinaus. Menschen, die sich in der Auseinandersetzung mit diskreditierenden Benachteiligungen erfolgreich erleben, werden auch in anderen Lebenssektoren Handlungsfähigkeit gewinnen. Und sie können zu Mut machende Aktivposten in ihrem Umfeld werden, die andere auf deren "Reise in die Stärke" begleiten und unterstützen.[6]

Normative Rahmung: Menschenbild und Wertebasis

Empowerment ist ein "werthaltiges Konzept", eingespannt in einen Rahmen von handlungsleitenden normativen Überzeugungen und Werthaltungen. Die Grundrisse dieser Praxisethik für die psychosoziale Arbeit können als "die Philosophie der Menschenstärken" beschrieben werden.[7] Folgende ethische Grundüberzeugungen können unterschieden werden:

Autonome Lebensgestaltung und Agency. Empowerment formuliert ein optimistisches Menschenbild. Allen Empowerment-Gedanken ist die Konstruktion einer Subjektivität gemeinsam, welche die Kraft findet, für sich und für andere "ein besseres Leben" zu erstreiten. Hier werden Vorstellungsbilder und Argumentationsmuster aufgegriffen, die auch in anderen (historisch vorangehenden) normativen Entwürfen gesellschaftlicher Praxis enthalten sind: Autonomie, Mündigkeit, Emanzipation, gelingende Lebensbewältigung, die Suche nach einer authentischen und kohärenten Identität. All diese Begriffe und die hinter ihnen stehenden paradigmatischen Denkmodelle sind Wahlverwandtschaften des Empowerment-Konzepts.

In der aktuellen Debatte verknüpft sich die normative Figur Empowerment zunehmend mit dem Begriff Agency. Agency kann hier verstanden werden als die subjektive Erfahrung von "Handlungsmächtigkeit", welche die Akteure befähigt, mit sozialen Herausforderungen, Konflikten, belastenden Lebenslagen gelingend umzugehen und ihre persönliche "Agenda" zu verwirklichen. Agency zeichnet die Menschen also als handlungsfähige, eigenwillige und gestaltende Akteure, die in der Lage sind, "eigene Vorstellungen über ihre Lebensbedingungen, Bedürfnisse und Interessen (zu) entwickeln, ihr Leben aktiv (zu) führen, eigensinnig sich mit den Zwängen und Bedingungen auseinanderzusetzen, mit denen sie konfrontiert sind".[8]

Das Agency-Konzept reflektiert zugleich die Eingebundenheit dieser Handlungsmächtigkeit in Strukturen gesellschaftlicher Ungleichheit. Die autonome Lebensgestaltung des Einzelnen ist stets gebunden an den Zugang zu Ressourcen (Bildung, ökonomisches Kapital, Beziehungs- und Netzwerkressourcen), die jedoch gesellschaftlich ungleich verteilt sind. Kurzum: Agency begreift Menschen als immer schon vergesellschaftete Subjekte, deren Chancenräume zu Selbstbestimmung sozial hervorgebracht und strukturiert werden.

Diese strukturelle Kontextgebundenheit aber – so das Verständnis – ist nicht gleichzusetzen mit sozialer Determination, der Vorstellung also, Menschen seien in ihren biografischen Entwicklungshorizonten allein "Marionetten an den Fäden gesellschaftlicher Verhältnisse". Agency vertraut auf die kreative und eigensinnige Fähigkeit der Subjekte, in ihren Alltagsroutinen und Identitätsprojekten alternative ("bessere") Lebensmöglichkeiten zu imaginieren und zu realisieren sowie auf ihr Vermögen, die begrenzenden Qualitäten sozialer Strukturen zu überwinden und deren ermöglichende Qualitäten produktiv zu nutzen.

Grundlegende Ressourcenorientierung. Das Empowerment-Konzept vertraut auf Talente, Fähigkeiten und Stärken der Akteure. Leitfaden ist ihm die Bekräftigung jener Ressourcen, die es Menschen möglich machen, ihr Leben auch in kritischen Lebenslagen erfolgreich zu meistern. Ausgangspunkt ist eine präzise Diagnose der verfügbaren, aber brachliegenden und noch zu entwickelnden (personalen und sozialen) Ressourcen der Klienten ("Ressourcendiagnostik"). Auf dieser Grundlage zielt der pädagogische Arbeitskontrakt sodann auf eine Erweiterung dieser Ressourcenhaushalte ("Ressourcenförderung") sowie auf eine Vernetzung der vielfältigen Unterstützungsressourcen in privater und institutioneller Lebenswelt.

Dort aber, wo Menschen aus dem Schneckenhaus erlernter Hilflosigkeit ausziehen und die Erfahrung von produktiver Gestaltungskraft machen, vollziehen sich ermutigende Prozesse einer Stärkung von Eigenmacht – sie fühlen sich ihrer Umwelt weniger ausgesetzt und gewinnen Mut für eine selbstbestimmte Lebensgestaltung.[9]

Wahrung von Selbstbestimmungsrechten. Menschen haben ein Recht auf Eigensinn, Unterschied und Diversität. Sie haben das Recht, diese Eigensinnigkeit (dort, wo sie die Freiheit der anderen nicht gefährdet und verletzt) auch gegen gesellschaftliche Normalitätsstandards zu behaupten und zu leben. Aus diesem Glauben an das unveräußerliche Recht auf Autonomie erwachsen für die Empowerment-Arbeit zwei ethische Verpflichtungen: ein stetig wachsames parteiliches Eintreten für Mündigkeitsrechte und gegen Eingriffe in das Recht der Adressaten auf Eigenverfügung ("ein streitbares advokatorisches Engagement") sowie die sensible selbstreflexive Eingrenzung der eigenen Expertenmacht, sodass der helfende Dialog nicht in ein bevormundendes Diktat von Normalität und in eine fürsorgliche Kontrolle von Lebenssouveränität umschlägt ("der Abschied von expertokratischen Mustern der sozialen Hilfe").

Eintreten für soziale Gerechtigkeit. Ein weiterer Grundwert thematisiert die politischen Horizonte: die gesellschaftlichen Strukturen sozialer Ungleichheit (Niveau und Sicherheit des verfügbaren Einkommens und Vermögens) und die ungleiche Verteilung immaterieller Lebensgüter (Bildung, Gesundheit, soziale Sicherung, Inklusion in Anerkennungsgemeinschaften). Die Philosophie des Empowerments bleibt hier einem sozialaufklärerischen Programm verpflichtet.

Ziel der Arbeit ist es, Menschen ein kritisches Bewusstsein für die Webmuster sozialer Ungleichheit zu vermitteln, ihnen ein analytisches Wissen um die Veränderbarkeit dieser übermächtig erscheinenden Strukturmuster an die Hand zu geben und sie zu sozialer Aktion anzustiften.

Einlösen von Rechten auf demokratische Partizipation. Der letzte normative Grundpfeiler ist das Prinzip Bürgerbeteiligung. Empowerment-Prozesse zielen auf die Stärkung der Teilhabe an Entscheidungsprozessen, welche die eigene Lebensgestaltung und soziale Lebenswelt betreffen. Ziel sind hier Verfahren einer partizipatorischen Demokratie, die Wünschen und Bedürfnissen nach Teilhabe, Mitgestaltung, Einmischung in Dienstleistungsproduktion und lokale Politik Rechnung tragen und eine eigenverantwortliche Gestaltung von lokalen Umwelten zulassen.

Die Strategie sozialpolitischer Einmischung der Empowerment-Philosophie verknüpft sich mit aktuellen Diskussionen über zivilgesellschaftliches Engagement und eine neue Kultur bürgerschaftlicher Solidarität: Gemein sind beiden die Forderungen, die Eigenverantwortung und die Eigenbeteiligung der Bürger in der politischen Besorgung lokaler Angelegenheiten zu stärken, neue zivile Verbindlichkeiten ("Gemeinsinn") zu etablieren und Verantwortungspartnerschaften zwischen bürgerschaftlichem und staatlichem Handeln in der Selbstgestaltung der kleinen politischen Kreise zu implementieren.

Kritik

Das Empowerment-Konzept ist im Verlauf seiner Rezeptionsgeschichte nicht ohne Einsprüche und kritische Zurückweisungen geblieben. Die wohl bedeutsamste Kritik thematisiert seine neoliberale Umarmung und verweist damit auf die sozialpolitische Rahmung dieser konzeptionellen Denkfigur. Wir sind gegenwärtig – so die Argumentation – Zeugen eines radikalen Umbaus sozialstaatlicher Strukturen. Der programmatische Leitbegriff für das neue Paradigma sozialstaatlichen Handelns lautet: der aktivierende Sozialstaat (Stichwort "Agenda 2010"). Die Politik des aktivierenden Sozialstaates setzt all ihre Bemühungen auf die Karte der Arbeitsmarktintegration der Bürger und zielt vor allem auf die Förderung von arbeitsmarktbezogenen Qualifikationen, auf Konkurrenzvermögen und Eigenverantwortung (employability).

Diese "Politik der Aktivierung" kennt vor allem eine Strategie: mehr Markt. Der Staat schafft die Rahmenbedingungen, deren faire Chancen die Bürger in individueller Verantwortung wahrnehmen sollen. Die Konzepte Chancengerechtigkeit, Qualifikation und Eigenverantwortung werden so zu Schlüsselthemen dieses neuen sozialpolitischen Referenzrahmens. Auch und gerade Menschen in Exklusionslagen sollen zu "Unternehmern im Hinblick auf die eigene Arbeitskraft und Daseinsvorsorge" werden, sie sollen sich in ihrer Motivation, Kompetenz und Eigenverantwortung stärken, um in der Lage zu sein, den sich rasch verändernden Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt zu genügen.[10]

Im Kontext des hier beschriebenen Paradigmenwechsels der Sozialpolitik sieht sich das Empowerment-Konzept mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Schon heute ist der Empowerment-Begriff ein fester Bestandteil der Reformrhetorik der sozialpolitischen Akteure; Empowerment-Gedanken und die Rede von der "Hilfe zur Selbsthilfe" werden bruchlos in neoliberale Denkgebäude eingemeindet.

Mit diesem Einzug vollzieht sich eine in ihren Folgen kaum abzuschätzende Instrumentalisierung: Das Konzept wird ordnungspolitisch vereinnahmt, es wird zum Kürzel für eine soziale Praxis, die unter der Leitformel "Fördern und Fordern" ihre Bemühungen ausschließlich in die (Wieder-)Herstellung von marktfähigem Arbeitsvermögen investiert und auf diese Weise arbeitsstrukturelle Zwänge ungefiltert in die lebensweltliche Rationalität "durchschaltet".

Mit dieser Indienstnahme für eine Politik autoritärer Fürsorglichkeit – so die Kritik – verliere das Empowerment-Konzept seine emanzipatorische Kraft. Es werde zu einer neuen Sozialtechnologie der Anpassung, zum bloßen Kontrollwächter an den Grenzlinien zwischen Inklusion und Exklusion.[11]

Daher bleibt hier festzuhalten: Will Empowerment-orientierte Arbeit nicht zum Erfüllungsgehilfen einer sozialstaatlichen Zwangsprogrammatik werden, muss sie auf dem Eigensinn der Lebensentwürfe ihrer Adressaten beharren. Sie muss offen bleiben für unkonventionelle Lebensgestaltungen, muss Raum lassen für Widerspenstiges und sich einlassen auf ergebnisoffene Entwicklungsprozesse und Identitätsverläufe, die sich nur allzu oft an den exkludierenden Strukturen sozialer Ungleichheit brechen und jenseits der Arbeitsmarktrationalität verbleiben.

Resümee

Empowerment bezeichnet einen Arbeitsansatz, der Menschen ermutigt, Regie über das eigene Leben zu führen und Lebenssouveränität zu erstreiten. Die Förderung von Selbstgestaltung und Handlungsmächtigkeit hinterlässt dort, wo sie erfolgreich ist, psychische und soziale Spuren. Die stärkende Erfahrung von Selbstwirksamkeit, Autonomie und Bewältigungskompetenz kräftigt und erweitert das Kapital der psychischen Ressourcen des Einzelnen – sie führt zu Gesundheit und einem umfassenden psychosozialen Wohlbefinden. Vor allem dort, wo Menschen in kritische Lebensetappen eintreten, erweisen sich diese psychischen Ressourcen als bedeutsame präventive Kraftquellen der Gesunderhaltung und Identitätssicherung.

Empowerment weist vielfach über die Ebene der Selbstveränderung hinaus. Sichtbar wird dies im sozialen Engagement der Bürgerinnen und Bürger: in Aktionen bürgerschaftlicher Einmischung, in öffentlicher Teilhabe an der politischen Willensbildung, im strittigen Engagement in Solidargemeinschaften und Bürgerprojekten.

In dieser politischen Dimension spiegelt sich ein engagiertes, kontextorientiertes Konzept von politischem Empowerment wider, das auf kollektive Prozesse der Stärkung verweist. Menschen verlassen die ausgetretenen Pfade erlernter Hilflosigkeit. Sie gewinnen – gemeinsam mit anderen – Zuversicht und werden zu kollektiven Aktivposten in der Gestaltung der lokalen sozialpolitischen Landschaft.
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Fußnoten

1.
Vgl. Norbert Herriger, Empowerment in der Sozialen Arbeit, Stuttgart 20145.
2.
Vgl. Matthias Junge, Individualisierung, Frankfurt/M.–New York 2002; Werner Schneider/Wolfgang Kraus (Hrsg.), Individualisierung und die Legitimation sozialer Ungleichheit in der reflexiven Moderne, Opladen 2013.
3.
Vgl. James E. Cote/Charles G. Levine, Identity formation, agency, and culture, Mahwah, NJ 2002.
4.
Vgl. Erving Goffman, Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität, Frankfurt/M. 201221.
5.
Natascha Nassir-Shahnian, Dekolonisierung und Empowerment, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.), Empowerment, Berlin 2013, S. 16–25.
6.
Vgl. Nuran Yigit, Empowerment in der Antidiskriminierungsberatung, in: Heinrich-Böll-Stiftung (Anm. 5), S. 42–52.
7.
Die folgende Argumentation bezieht sich vor allem auf die professionalisierte Empowerment-Arbeit im institutionellen Kontext sozialer Dienste und Einrichtungen. Vgl. N. Herriger (Anm. 1), S. 72ff.
8.
Albert Scherr, Agency – ein Theorie- und Forschungsprogramm für die Soziale Arbeit?, in: Gunther Graßhoff (Hrsg.), Adressaten, Nutzer, Agency, Wiesbaden 2013, S. 229–242.
9.
Vgl. zu den Methoden der ressourcenorientierten Beratung: Jillian Werner/Frank Nestmann, Ressourcenorientierte Beratung, in: Alban Knecht/Franz-Christian Schubert (Hrsg.), Ressourcen im Sozialstaat und in der Sozialen Arbeit, Stuttgart 2012, S. 292–305.
10.
Vgl. Stephan Lessenich, Die Neuerfindung des Sozialen, Bielefeld 20092; Michael Buestrich et al., Die Ökonomisierung Sozialer Dienste und Sozialer Arbeit, Baltmannsweiler 20122.
11.
Vgl. Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst, Frankfurt/M. 2007, S. 180–214.
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Autor: Norbert Herriger für bpb.de
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