Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Morten Reitmayer

"Elite" im 20. Jahrhundert

Entstehung und Entwicklung des Elitebegriffs sind untrennbar mit der Ausbreitung der Demokratie in den europäischen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts verbunden. Als die Sozialtheoretiker Gaetano Mosca und Vilfredo Pareto den Elitebegriff in die Politische Wissenschaft beziehungsweise in die Soziologie einführten, so taten sie dies, weil das Verhältnis zwischen der konzeptionell auf politischer Gleichheit basierenden Demokratie und der real vorhandenen ungleichen Verteilung politischer Macht für sie als interessierte Zeitgenossen den Schlüssel zum Verständnis der politischen Sozialstruktur einer jeden Gesellschaft darzustellen schien. Ihre Behauptungen von der Unmöglichkeit, eine echte Demokratie einzurichten, und der ewigen Existenz und Herrschaft von Eliten beeinflussten das politische Denken des 20. Jahrhunderts zutiefst.[1] Aufgrund dieser politisch-zeitdiagnostischen Qualität etablierte sich in fast jeder europäischen Gesellschaft eine spezifische Bedeutung und Verwendung des Elitebegriffs, die auf die je eigenen nationalstaatlichen Diskurse und Problemlagen abgestimmt waren. Deshalb unterschied sich die deutsche Elitesemantik im 20. Jahrhundert beispielsweise vom "jakobinischen" Elitebegriff Frankreichs mit seiner Fiktion der konsequenten Leistungsauslese der staatlichen Führungskräfte ohne jede Voreingenommenheit der sozialen Herkunft, oder der britischen Semantik, die ganz ohne die französische Tradition auskam und weitaus länger und stärker von "konkreten" Begriffen der Privilegierung wie upper class, nobility oder the rich gekennzeichnet war.

Elitesemantik bis 1945

Tatsächlich hielt der Elitebegriff erst relativ spät Einzug in die politische Sprache Deutschlands. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein taugte er offenbar den Zeitgenossen nicht zur Beschreibung ihrer Vorstellungen über die damaligen Herrschafts- und Funktionsträger, als Ausdruck ihrer Erwartungen an diese und zur Adressierung von Kritik. Dabei war der Begriff als solcher den allgemeinen Lexika durchaus bekannt. Nur bezeichnete er dort – abgesehen von gelegentlich kurz notierten Praktiken der Pflanzenzucht – bis zum Zweiten Weltkrieg lediglich besondere militärische Einheiten, sogenannte Elitetruppen.[2] Im Sprechen über politisch, ökonomisch oder kulturell privilegierte Gruppen der Gesellschaft dominierten beschreibende beziehungsweise "konkrete" Begriffe wie "Adel", "Bürgertum" oder "die Gebildeten".

Sichtbar wurden diese Begrifflichkeiten in den Auseinandersetzungen des späten Kaiserreichs und der Weimarer Republik über die Gestalt einer zukünftigen, also noch zu schaffenden "Führungsschicht": Hier war einerseits vom "Adel" die Rede, der durch eine "Adelsreform" wieder in den Stand versetzt werden sollte, seine frühere Herrschaftsfunktion auszuüben.[3] Dies sollte hauptsächlich durch die Exklusion seiner jüdischen beziehungsweise ehemals jüdischen Mitglieder erfolgen. Andererseits träumten nicht wenige Jungkonservative vom Schaffen einer "neuen Aristokratie", die allenfalls Teile des alten Geburtsadels umfassen konnte und durch weitere zur Führung befähigte Personen mindestens zu ergänzen, wenn nicht sogar um diese herum zu komponieren war. In diesen spezifischen Elitesemantiken mischten und überlagerten sich ganz unterschiedliche "Weltwollungen" und "Denkzwänge". So gingen nahezu alle Beteiligten der Diskussion von neo-ständisch-korporativen Ordnungsentwürfen aus und forderten deshalb politisch-rechtliche Privilegierungen für die zu schaffende neue Aristokratie, um deren Herrschaft vor demokratischen Partizipationsforderungen abzuschirmen. Gleichwohl enthielten diese Konzepte mehr oder weniger stark ausgeprägte Bestandteile, die mit den altadligen, auf familiären Kontinuitäten und Bindungen beruhenden Vorstellungen[4] kaum in Übereinstimmung zu bringen waren. Sollte nämlich die zu schaffende Führungsschicht auch aus "Persönlichkeiten" des "Geistesadels" mit "Sachverstand" bestehen,[5] die qua ihrer individuellen Qualitäten zur "Führung" "berufen" seien, so markierte dieser Gedanke durch seine Verwurzelung im (bildungs-)bürgerlichen Individualismus einen klaren Bruch mit dem adligen Denken in Generationenfolgen.

Es ist aufschlussreich, dass in diesem konservativ-revolutionären Ordnungsdenken für den Elitebegriff wenig Platz blieb. Die Ursache dafür lag in dem ganzheitlichen Herrschaftsverständnis begründet, auf dem das Ordnungsdenken vor allem des konventionell-autoritären Flügels der Neuen Rechten,[6] etwa der Jungkonservativen und mit ihnen der Anhänger des Konzepts vom "Neuen Staat" um Franz von Papen, und darüber hinaus aller Anhänger eines traditionellen Verständnisses von "Adeligkeit" beruhte: Dieses Herrschaftsverständnis wurde nämlich als persönliches Über- und Unterordnungsverhältnis begriffen, als "Herrschaft über Personen innerhalb eines persönlichen Herrschaftsbereiches, aus eigenem, persönlichen und erblichen Recht".[7] "Herrschaft" bedeutete für alle konservativen und neurechten Propagandisten einer politisch-sozialen Neuordnung Deutschlands die elementarste Form menschlicher Vergesellschaftung, und nur ein echter Adel konnte diese ausüben. Daraus folgte nahezu zwangsläufig die ausdrückliche Ablehnung des Elitebegriffs und der damit verbundenen meritokratischen und individuell-kompetitiven Sozialmodelle, weil sie als tragende Elemente einer bürgerlich-liberalen Gesellschaftsordnung angesehen wurden. Am Ende der Weimarer Republik präzisierte Edgar Julius Jung, einer der Vordenker der Neuen Rechten, in einem mit dem bezeichnenden Titel "Adel oder Elite" überschriebenen Aufsatz diese Ablehnung deutlich: Jung definierte "Elite" als einen "bürgerlichen" Begriff: "Die Elite muss leisten, um anerkannt zu sein." Dieses Leistungsprinzip (individualistisch, konkurrenzorientiert, dynamisch, tendenziell kapitalistisch) blieb für Jung gegenüber dem Wesen menschlichen Daseins jedoch rein äußerlich.

Demgegenüber präsentierte Jung den Adel nicht nur als ein "biologisches Prinzip" – eine Brücke zum Geburtsadel –, sondern auch als ein "Seinsprinzip". Deshalb war auch das Sozialmodell "Adel" gegenüber dem Konzept "Elite" für ihn grundsätzlich wertvoller: "Die Kraft, Menschen zu binden und zu beherrschen, liegt jenseits aller Leistung und Anstrengung im Wesen des Herrenmenschen beschlossen. Der Appell, sich zu unterwerfen, ist eine Ausstrahlung, die sogar stumm sein kann. (…) Der Adel (…) herrscht durch sein überlegenes Sein."[8] Auch Jung bestimmte also das Ausüben von Herrschaft als die zentrale Aufgabe des Adels, und zwar in einer offensichtlich antidemokratischen Form. Und er postulierte, dass eine Herrschaftsordnung, die von einer "organisch gewachsenen Oberschicht"[9] geführt werde, a priori stabiler sei als ein bloß auf einer (bürgerlichen) Elite gestütztes System.

Einzig der sogenannte Tatkreis, der in der Staatskrise der Weimarer Republik gewissermaßen die politisch-ideelle Avantgarde der Konservativen Revolution darstellte, bediente sich des Elitebegriffs zur Bezeichnung derjenigen, die "kraft ihres historischen Überblicks und ihres bewussten Einblicks in die Dinge ihren Standpunkt a priori auf einer sachlichen, neutralen Ebene gewählt haben, ohne damit auf die eigene Aktivität und den Anspruch auf die Führung zu verzichten".[10] Dass der Tatkreis auf diese "Eliteschicht" setzte, geschah zwar nur in Ermangelung eines echten "Führers" (Adolf Hitler war im Oktober 1931 für viele Rechtsintellektuelle eine Enttäuschung). Aber die Autoren um Hans Zehrer konzipierten ihren neuen politischen Hoffnungsträger in jedem Falle nicht als eine bloße Verlängerung der historischen Aristokratie. Mit diesem Konzept blieb der Tatkreis jedoch in einer Minderheitsposition. Einflussreicher blieben zunächst die jungkonservativen Ideen eines Adels als wesensbestimmte Herrschaftsgruppe. Längerfristig erfolgreich waren jedoch die Versuche großer Teile des depravierten ostelbischen Kleinadels, die seit November 1918 fehlende monarchische Spitze der Adelswelt durch ein erneuertes Selbstbild zu ersetzen, das sie durch rassische Reinheit, ideologische Festigkeit und Willensstärke zu einem völkischen "Führertum" prädestinierte.[11]

Von Anfang an waren die völkischen Neuadelskonzepte überlagert durch den "Führerglauben": den Glauben an die Macht des außeralltäglichen Führers, die Probleme der Zeit zu lösen. Der Führer übt seine Herrschaft durch das Prinzip Befehl und Gehorsam in einer extrem asymmetrischen Machtbeziehung aus; die Willensbildung erfolgt streng von oben nach unten, wobei sich der Führer der von ihm nach Loyalität und anderen, in der Regel charakterlichen und weltanschaulichen Kriterien auserwählten "Unterführer" bedient: "Der Führer richtet sich nicht nach der Masse, sondern nach einer Sendung; er schmeichelt der Masse nicht; hart und rücksichtslos geht er ihr voran, in guten und bösen Tagen. Der Führer ist radikal; er ist ganz was er tut, und tut ganz, was er muss. Der Führer ist verantwortlich, das heißt er tut den Willen Gottes, den er verkörpert. Gott schenke uns Führer und helfe uns zu wirklicher Gefolgschaft."[12] Dieser Führerglaube hatte sich in Deutschland noch vor Ende des 19. Jahrhunderts sowohl in weiten Teilen des Bildungsbürgertums – in Gestalt des nach-nietzscheanischen Genie- und Übermenschenkults[13] – als auch in der Form wirtschaftsbürgerlicher "Herr-im-Hause"-Positionen ausgebreitet, bevor er im politischen Feld als Bismarck-Kult[14] und durch die alldeutsche Propaganda zum semantischen Reflex der politischen Legitimationskrise des spätwilhelminischen Reiches wurde.[15]

Die Zwischenkriegsepoche wurde zur Blütezeit des Führerglaubens in ganz Europa, und zahllose europäische Intellektuelle verfielen den "Philosophendiktatoren".[16] Der Nationalsozialismus trieb den Führerglauben dann auf die Spitze, indem er ihn durch die umfassende Durchsetzung des Führerprinzips – "im Deutschen Reich seit 1933 der Organisationsgrundsatz aller Erscheinungs- und Organisationsformen des Volkes. Hauptmerkmale sind: Autorität nach unten, Verantwortlichkeit nach oben"[17] – Realität werden ließ. Damit soll nicht der Nationalsozialismus zum "Hitlerismus" stilisiert, sondern lediglich darauf hingewiesen werden, dass die Berufung auf den "Führerwillen" im NS-Regime zur obersten Legitimationsinstanz politischen Handelns aufstieg.[18]

Was sagt diese spezifische Elitesemantik, also die jeweilige Bedeutung und Verwendung von Begriffen wie "Adel", "Führer", "Elite" oder "Oberschicht", über die deutsche Gesellschaft im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts aus? Zunächst einmal signalisiert sie die Aporien des konservativen und neurechten Ordnungsdenkens, dem es im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts nicht gelang, ein Modell politisch-sozialer Entscheidungselite (im analytischen Sinne) zu entwickeln, das den massenhaften Partizipationsansprüchen irgendwie hätte gerecht werden können. Nicht allein in institutioneller Hinsicht gingen diese Ordnungsentwürfe (etwa Papens "Neuer Staat") an den Anforderungen der Zeit vorbei, sondern auch im Hinblick auf deren soziale Trägerschaft. Doch darüber hinaus lässt sich weitgehend argumentieren, dass nach dem (angesichts dieser Aporien geradezu zwangsläufigen) Scheitern der neurechten Ordnungsentwürfe nur noch der nationalsozialistische Führerstaat als letzte politisch-ideelle Alternative übrig blieb.

Gerade am Beispiel der SS, die doch die nationalsozialistische "Führungselite" darstellte,[19] wird übrigens deutlich, warum auch die nationalsozialistische Elitesemantik den Elitebegriff nicht benötigte: Trotz der ausdrücklichen Ablehnung ständischer Abgeschlossenheit präsentierte sich die SS keineswegs als die sozial offene Summe von unter Konkurrenzbedingungen und nach Leistungsgesichtspunkten ausgewählten Individuen, als Leistungselite der Volksgemeinschaft. Stattdessen sollte dieser "neue Adel", den sie zu verkörpern beanspruchte, gar nicht aus Individuen, sondern aus Familienverbänden ("Sippen") bestehen. "Leistung" war deshalb weder ein Kriterium der Rekrutierung noch eine soziale Funktion in der oder für die Gesamtgruppe. Denn die Auswahl der SS-Männer – und ihrer Ehefrauen – stand unter dem Primat ihrer rassischen, erbbiologischen und physischen Wertigkeit[20] und sodann ihrer weltanschaulichen und charakterlichen Festigung. Prüfungswettbewerbe oder schulischer Erfolg spielten keine Rolle, wohl aber wurde die Einsatzbewährung bei der Lösung administrativer oder militärischer Probleme beziehungsweise Entschlossenheit (und Rücksichtslosigkeit) beim weiteren Karriereaufstieg honoriert. Leistung stellte die erhoffte Folge rassebiologischer Auslese dar, nicht das Konstituens einer nationalsozialistischen Elite.[21]

Fußnoten

1.
Siehe Gaetano Mosca, Elementi di Scienza Politica, Turin 1923; Vilfredo Pareto, Trattato di sociologia generale, Florenz 1916.
2.
Vgl. den diesbezüglich ausführlichen Artikel in Meyers Konversations-Lexikon, Bd. 6, Leipzig 18753, S. 47; allgemein Brockhaus Konversations-Lexikon, Bd. 5, Leipzig 1908, S. 964 f; Der große Brockhaus, Bd. 5, Leipzig 193015, S. 459; Meyers Lexikon, Bd. 3, Leipzig 19257, Sp. 1557; Der große Herder, Bd. 4, Freiburg/Br. 19324, S. 127f.
3.
Vgl. Stephan Malinowski, Vom König zum Führer. Deutscher Adel und Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 2004, S. 144–219, und die dort angegebene Literatur.
4.
Vgl. Eckart Conze/Monika Wienfort (Hrsg.), Adel und Moderne. Deutschland im europäischen Vergleich im 19. und 20. Jahrhundert, Köln 2004.
5.
Claudia Kemper, Das "Gewissen" 1919–1925. Kommunikation und Vernetzung der Jungkonservativen, München 2011, S. 301–305.
6.
Vgl. Armin Mohler, Die Konservative Revolution in Deutschland 1918–1932, Graz 19995, S. 138f.
7.
Markus Funck/Stephan Malinowski, Geschichte von oben. Autobiographien als Quelle einer Sozial- und Kulturgeschichte des deutschen Adels in Kaiserreich und Weimarer Republik, in: Historische Anthropologie, 7 (1999), S. 236–270, hier: S. 255.
8.
Edgar Julius Jung, Adel oder Elite?, in: Europäische Revue, 9 (1933), S. 533ff., hier: S. 535, Hervorhebung M.R.
9.
Ders., Die Herrschaft der Minderwertigen, Berlin 1930, S. 332.
10.
Hans Zehrer, Rechts oder Links? Die Verwirrung die Begriffe, in: Die Tat. Monatsschrift zur Gestaltung neuer Wirklichkeit, 23 (1931) 7, S. 505–559, hier: S. 556; vgl. auch ders., Die eigentliche Aufgabe, in: ebd., 24 (1932) 10, S. 777–800; ders., Die dritte Front, in: ebd., 24 (1932) 5, S. 97–120.
11.
Vgl. S. Malinowski (Anm. 3).
12.
Zit. nach: Ian Kershaw, Der Hitler-Mythos. Volksmeinung und Propaganda im Dritten Reich, Stuttgart 1980, S. 27.
13.
Siehe Klaus Schreiner, "Wann kommt der Retter Deutschlands?" Formen und Funktionen von politischem Messianismus in der Weimarer Republik, in: Saeculum, 49 (1998), S. 107–160.
14.
Vgl. Robert Gerwarth, Der Bismarck-Mythos. Die Deutschen und der Eiserne Kanzler, München 2007; Lothar Machtan (Hrsg.), Bismarck und der deutsche Nationalmythos, Bremen 1994.
15.
Vgl. Axel Schildt, Radikale Antworten von rechts auf die Kulturkrise der Jahrhundertwende. Zur Herausbildung und Entwicklung der Ideologie einer "Neuen Rechten" in der Wilhelminischen Gesellschaft des Kaiserreichs, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung, 4 (1995), S. 63–87.
16.
Gunther Mai, Europa 1918–1939, Stuttgart 2001, S. 40.
17.
Art. Führergrundsatz, in: Volks-Brockhaus. Deutsches Sach- und Sprachwörterbuch für Schule und Haus, Leipzig 19409, S. 223.
18.
Zur Diskussion vgl. Ian Kershaw, Der NS-Staat, Reinbek 1994, S. 39–79, S. 112-147; ders., Hitler, Bd. 1, München 2002, S. 663–744.
19.
Vgl. Herbert F. Ziegler, Nazi Germany’s New Aristocracy 1925–1939, Princeton 1989.
20.
Vgl. allgemein Isabell Heinemann, Rasse, Siedlung, deutsches Blut, Göttingen 2003, S. 50–125, hier: S. 50f.
21.
Art. Auslese, in: Volks-Brockhaus (Anm. 17), S. 37f.
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