Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Georgina Murray

We are the 1%: Über globale Finanzeliten

Das Schwierige am Thema dieses Beitrags besteht darin, dass es sich bei dem einen Prozent der Reichsten der Welt um eine heterogene Gruppe handelt, deren Mitglieder ihr Vermögen und ihr Einkommen aus vielfältigen Quellen beziehen. Wer eigentlich das eine Prozent ausmacht, fragte sich auch das "Forbes Magazine" und ermittelte, dass man die Top-Verdiener mindestens 29 Berufsgruppen zuordnen kann, unter denen sich entgegen der landläufigen Meinung nur "wenige Unternehmer" befinden.[1] Diejenigen, "auf die alle so wütend sind",[2] die Kapitalgeber, Manager und Geschäftsführer, stellen weit weniger als die Hälfte auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt; sie machen etwa 0,1 Prozent aus. Auf diesen Kreis richtet dieser Artikel sein Augenmerk.

Die Macht von diesen 0,1 Prozent ist, so meine These, nicht etwa auf ihr persönliches Charisma, ihre Autorität oder ihren Einfluss, sondern darauf zurückzuführen, dass sie Kapital besitzen und kontrollieren.[3] Das Verbindende unter ihnen definiert sich durch ihren Besitz und dadurch, dass sie die Produktionsmittel, das heißt Arbeits- und Betriebsmittel, steuern. Sie sind ein Bruchteil der Gesellschaftsklasse, die im Kapitalkreislauf die Fäden in der Hand hält.[4]

Bei dieser Spitzengruppe sind Finanzkapital, Realvermögen und Einkommen schwer auseinanderzuhalten. Nur wenige (19 Prozent 2008) mit einem Einkommen von über zehn Millionen US-Dollar erwerben dieses durch die Ausübung eines Berufs, die meisten dagegen durch Zinsen, Dividenden oder Lizenzgebühren.[5] Im Vergleich zu vergangenen Jahrzehnten hat es allerdings in den Führungsetagen enorme Gehaltszuwächse gegeben. Zwischen 1980 und 2003 haben Managergehälter um 560 Prozent zugenommen, sodass Vermögen heute mehr als früher aus "Gehältern für leitende Angestellte" stammt.[6]

Es ist schwierig, die "Geldaristokratie" bestimmten Standorten zuzuordnen. Sind die Leute "da oben" eine transnational operierende kleine Gesellschaftsschicht? Auch wenn ihre Investitionen eher national (in erster Linie innerhalb eines Landes verortet) und international (durch Marktintegration) denn transnational (Produktintegration durch Produktketten) erfolgen, sind doch einige, wenn nicht sämtliche Beteiligungen in liquiden Mitteln oder im globalen Rahmen angelegt. Die transnationale Finanzelite besitzt die finanziellen Mittel, überall Vermögenswerte zu produzieren und zu beschaffen. Sie agiert im zunehmend länderübergreifenden Kontext, in der das Kapital in alle Regionen und Nationalstaaten vordringt, gestützt auf lockere transnationale Netzwerke zwischen Staatsapparaten, die Kapitalakkumulation begünstigen und so dazu beitragen, dass die Macht des einen Prozents erhalten bleibt.[7]

Die zu dem einen Prozent Zugehörigen haben die finanziellen Mittel, eine im wahrsten Sinne transnationale Finanzelite zu sein, weil sie die vorrangigen Besitzer von Vermögen und Einkommen sind und zum Teil auch über Produktionsprozesse und -ketten bestimmen. Dennoch macht das aus ihnen noch keine homogene Gruppierung. Sie unterscheiden sich voneinander und verhalten sich unterschiedlich je nach Ort und Zeit. Sie verwenden diverse Mittel – Geld-, Produktions- oder Warenkapital –, die im Akkumulationskreislauf eine jeweils andere Rolle spielen.[8] Als kleine Gesellschaftsschicht beeinflusst die transnationale Finanzelite Prozesse der Kapitalakkumulation, die es schon so lange gibt wie den Kapitalismus selbst. Doch ihr gegenwärtiges Umfeld ist eine sich wandelnde Finanzarchitektur.[9] Die Akteure wehren sich gegen staatliche Eingriffe in den Markt, wie sie angelehnt an Ideen von John Maynard Keynes zwischen 1945 und 1980 üblich waren, um die Unternehmer an den Produktionskosten zu beteiligen (mittels progressiver Besteuerung, Regulierung von Gesundheits- und Sicherheitsstandards, Verstaatlichung von Schlüsselindustrien). Seit dieser Zeit gewinnen Finanzinstitute und unregulierte Märkte immer mehr an Boden, und das Finanzestablishment zielt darauf ab, eine noch gewichtigere Rolle bei der Kapitalakkumulation zu übernehmen.[10]

Im Folgenden wird ein Überblick über die transnationale Finanzwelt gegeben. Im Mittelpunkt steht die Frage, inwiefern sich aufgrund von Entwicklungen des Finanzmarktkapitalismus seit den 1980er Jahren die Rolle des Finanzkapitals verändert hat. Anschließend wird jene Gesellschaftsschicht, die einen Bruchteil des einen Prozents der Allerreichsten ausmacht, aufgegliedert und den Bereichen Realvermögen, Finanzkapital und Einkommen zugeordnet, um aus den Belegen für ihre Erfolge und für die Diversifikation ihres Kapitals abzuleiten, ob sich die ökonomische Rolle und der Einfluss dieser Gesellschaftsschicht verändert hat.

Überblick über die transnationale Finanzwelt

Die Entwicklung des Finanzmarktkapitalismus seit den 1980er Jahren hat spekulative Gewinne freigesetzt – ein Phänomen, das Susan Strange verschiedentlich als "Casinokapitalismus"[11] oder als "mad money"[12] – entfesseltes Geld – bezeichnet hat. Daneben haben sich transnationale Produktion und Dienstleistungen entwickelt, insbesondere das Internet.[13] Darunter sind aber auch verbilligte Transportsysteme und neue Technologien zu fassen, die Kosten einsparen und grenzüberschreitenden Kapitalverkehr beschleunigen.[14] Die Volkswirtschaften wurden infolgedessen reorganisiert und in einen globalen Rahmen integriert, den es so nie zuvor gegeben hat.[15] Durch die Deregulierung des Finanzsektors wurde die Entwicklung neuer Instrumente zur Akkumulation des Kapitals erleichtert. Das betrifft beispielsweise variable Zinssätze, Währungs-Swapgeschäfte oder Darlehensverkäufe, Euro-Geldmarktpapiere und Zins-Swap, wodurch sich immer mehr spekulative Profite erzielen lassen.[16] Das Kreditsystem ist der Mittelpunkt der vorgeblich nationalen Banken, großen Geldgeber und Nutznießer in ihrem Dunstkreis geworden. Es verleiht ihnen die Macht, nicht nur periodisch die Industrie zu schwächen, sondern auch auf höchst riskante Weise in die Produktionsabläufe einzugreifen, obwohl sie keine Ahnung von der Produktion und auch keine Berührung mit ihr haben.[17]

Die veränderten finanziellen Strukturen wurden an neue politische Strukturen gekoppelt, befördert durch neoliberale Think-Tanks.[18] Mithilfe dieser Ideologie konnte man die Finanzwirtschaft deregulieren und Angebotspolitik wie beispielsweise regressive Besteuerung befördern. Im Kern war diese Strategie gegen den Einfluss der Gewerkschaften und gegen Etatismus (nationalstaatliche Regulierungen) gerichtet und zeigte den Firmen Wege auf, wie sie auf den globalen Märkten wirtschaften können. Neoliberale Politik wurde die bevorzugte Strategie von Berufspolitikern fast jeder Couleur.

Die dadurch ausgelöste Deregulierung ließ Lavaströme flüssigen Kapitals über Ländergrenzen hinweg überall dorthin fließen, wo die transnationalen Finanzeliten Möglichkeiten witterten, ihre Profite zu maximieren. Diese Profite waren geografisch ungleich verteilt,[19] aber nicht mehr eingeengt von staatlichen Eingriffen im keynesianischen Sinne. Das Kapital konnte nun in eine zu weiten Teilen (erneut) von Regeln und Vorschriften befreite Welt vordringen. Die Nutzung von Steueroasen[20] und damit in Verbindung stehende Kartellgründungen[21] taten in diesem Prozess ein Übriges.

Damit soll nicht die Bedeutung der komplexen Rolle des Nationalstaats im Kreislauf des Geldes bestritten werden – von der Bildung, der Kontrolle und der Organisation der Arbeit über die Regulierung der Banken bis hin zu Subventionen für Banken, wenn sie ernsthaft in einer Krise stecken.[22] Die Rolle des Staates ist gewichtiger geworden, indem er eine wachsende Kontrolle über große Massen von (legalen und illegalen) Arbeitskräften, über ihre Lenkung, Disziplinierung und Organisation ausübt. Der Arbeitsmarkt selbst ist immer internationaler ausgerichtet.[23] Jedoch sind mit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems 1973, in dessen Folge die Unternehmer immer mächtiger wurden, die Barrieren transnationalen Wachstums größtenteils gefallen.[24] Mit der systematischen Aufhebung der Vorschriften, die das Kapital einengen, ist die herrschende Oberschicht immer wohlhabender geworden.

Realvermögen

Der Besitz von Vermögen polarisiert sich auf der ganzen Welt, doch insbesondere in den USA. 2010 befanden sich 65 Prozent des Vermögens in den Händen von 99 Prozent der Bevölkerung, während eine Oberschicht, die nur ein Prozent der Bevölkerung verkörpert, 35 Prozent besaß.[25] Dieses Muster der Vermögensverteilung und die Schwelle zum oberen Ein-Prozent-Bereich sind in Tabelle 1 (vgl. PDF-Version) ablesbar. Ersichtlich ist hier auch die Kluft zwischen mittlerem Haushaltsvermögen der oberen Schicht im Vergleich zu den mehr als 14.000 US-Dollar Schulden der unteren Schicht, zu der 40 Prozent der Bevölkerung gehören. Im zeitlichen Verlauf sehen wir, dass sich das Vermögen der 400 reichsten Milliardäre in den USA bis auf einen der Finanzkrise folgenden Einbruch im Jahr 2009 stetig vergrößert (vgl. Abbildung 1 in der PDF-Version).

Untersuchungen zeigen, dass in Australien der Vermögensanteil der Ein-Prozent-Spitzengruppe im 20. Jahrhundert stetig fiel – von 35 Prozent 1915 auf 10 Prozent in den 1970er Jahren.[26] Dann aber stieg er zwischen 1984 und 2010 dramatisch an: Bei den oberen 0,001 Prozent der Vermögenden verdreifachte sich der Vermögensanteil. In den USA und in Großbritannien verteilte sich das Vermögen durchweg ungleicher als in Australien. In beiden Ländern gab es Abschwächungen des Trends bis in die 1980er Jahre und Verstärkungen danach.[27] Die "Ultra-High Net Worth Individuals" mit Vermögenswerten von 30 Millionen US-Dollar oder mehr finden sich überwiegend in den USA (35.000), China (5.000), Deutschland, der Schweiz und Japan, dicht gefolgt von Großbritannien und Frankreich.[28] Wenn wir die USA auf dem Stand von 2000 mit anderen wohlhabenden Ländern vergleichen, dann sehen wir, dass sie an zweiter Stelle stehen, was das in den Händen einer Spitzengruppe von zehn Prozent konzentrierte Vermögen betrifft (vgl. Tabelle 2 in der PDF-Version).

Der Soziologe George William Domhoff stellt fest, dass "die oberen zehn Prozent der Erwachsenen der Welt etwa 85 Prozent des Reichtums der Welt kontrollieren, hier grob definiert als alle Vermögenswerte minus Schulden".[29] Grundsätzlich gibt es auch eine Konzentration bei Aktienbesitz. Das kann entscheidenden Einfluss des oberen einen Prozents auf Firmen mit sich bringen. Tabelle 3 (vgl. PDF-Version) zeigt, dass im Jahr 2010 die oberen 20 Prozent der Aktionäre in den USA 89,6 Prozent der Aktien in den USA besaßen. 2012, also vier Jahre nach der schweren Finanzkrise, betrug das Vermögen der an der Spitze stehenden 400 Milliardäre insgesamt zwei Billionen US-Dollar, was etwa dem gesamten Bruttoinlandsprodukt von Russland 2012 entspricht.[30]

Fußnoten

1.
Tim Worstall, Who Actually Are the One Percent?, in: Forbes Magazine vom 28.12.2011, http://www.forbes.com/sites/timworstall/2011/12/28/who-actually-are-the-one-percent« (18.3.2014).
2.
Ebd.
3.
Vgl. Charles Camic/Philip S. Gorski/David M. Trubek (Hrsg.), Max Weber’s "Economy and Society". A Critical Companion, Stanford 2005.
4.
Vgl. grundlegend Karl Marx, Capital, Bd. 2, London 1974 (dt. Original: 1885); Christian Palloix, The Self-Expansion of Capital on a World Scale, in: Review of Radical Political Economics, 9 (1977) 2, S. 3–28.
5.
Vgl. Floyd Norris, Off the Charts: In ’08 Downturn Some Managed to Eke Out Millions, in: New York Times vom 23.7.2010, S. B-5.
6.
Vgl. David Peetz/Georgina Murray, Plutonomy and the One Percent, in: Susan K. Schroeder/Lynne Chester (Hrsg.), Challenging the Orthodoxy: Reflections on Frank Stilwell’s Contribution to Political Economy, Heidelberg 2013, S. 137.
7.
Vgl. William K. Carroll/Meindert Fennema, Is There a Transnational Business Community?, in: International Sociology, 17 (2002) 3, S. 393–419, hier: S. 409ff.; William I. Robinson, Global Capitalism, Global Crisis, London 2014 (i.E.), S. 4.
8.
Vgl. Peter Dicken, Global Shift: Reshaping the Global Economic Map in the 21st Century, New York 2003, S. 201.
9.
Vgl. David Harvey, The Enigma of Capital: And the Crisis of Capitalism, London 2010.
10.
Vgl. Greta R. Krippner, The Financialisation of the American Economy, in: Socio Economic Review, 3 (2005) 2, S. 173–208.
11.
Susan Strange, Casino Capitalism, Oxford 1986.
12.
Dies., Mad Money, Manchester 1996.
13.
Vgl. P. Dicken (Anm. 8); Philip McMichael, Development and Social Change: A Global Perspective, Thousand Oaks 1996.
14.
Vgl. Jerry Harris, Outward Bound: Transnational Capitalism in China, in: Georgina Murray/John Scott (Hrsg.), Financial Elites and Transnational Business. Who Rules the World?, Cheltenham 2012, S. 220–241.
15.
Vgl. William I. Robinson/Jerry Harris, Toward a Global Ruling Class? Globalization and the Transnational Capitalist Class, in: Science and Society, 64 (2000) 1, S. 11–54; William I. Robinson, Global Capitalism and Its "Anti-Human" Face: Organic Intellectuals and Interpretations of the Crisis, in: Globalisations, 10 (2012) 5, S. 659–671.
16.
Vgl. Doug Henwood, Wall Street, 2005, http://www.wallstreetthebook.com/WallStreet.pdf« (18.3.2014).
17.
Vgl. grundlegend Karl Marx, Capital, Bd. 3, New York 1894; ders., Capital, New York 1981 (dt. Original: 1867–1894), Kapitel 33.
18.
Vgl. Richard Cockett, Thinking the Unthinkable: Think Tanks and the Economic Counter Revolution 1931–1983, London 1995; Bernd Hamm, The Study of Futures and the Analysis of Power, in: Futures, (2010), S. 1007–1018, hier: S. 1011.
19.
Vgl. Peter Dicken, Global Shift Mapping the Changing Contours of the World Economy, London 2007; William I. Robinson, Global Capitalism Theory and the Emergence of Transnational Elites, in: Critical Sociology, 38 (2012) 3, S. 349–363.
20.
Vgl. Anthony van Fossen, The Transnational Class and Tax Havens, in: G. Murray/J. Scott (Anm. 14), S. 76–99.
21.
Vgl. Ray D. Madoff, Immortality and the Law: The Rising Power of the American Dead, Cambridge, MA 2010.
22.
Vgl. Emiliano Grossman/Cornelia Woll, Saving the Banks: The Political Economy of Bailouts, in: Comparative Political Studies, 47 (2014) 4, S. 574–600.
23.
Vgl. Leslie Sklair/Jason Struna, The Icon Project: The Transnational Capitalist Class in Action, in: Globalizations, 10 (2013) 5, S. 747–763.
24.
Vgl. W.I. Robinson (Anm. 15), S. 353.
25.
Nach Edward N. Wolff, in: George William Domhoff, Power in America. Wealth, Income, and Power, 2005/2013, http://www2.ucsc.edu/whorulesamerica/power/wealth.html« (18.3.2014).
26.
Vgl. Pamela Katic/Andrew Leigh, Top Wealth Shares in Australia 1915–2012, März 2013, http://www.melbourneinstitute.com/downloads/hilda/Bibliography/Other_Publications/2013/
Katic_etal_Top_wealth_shares_in_Australia.pdf
(18.3.2014).
27.
Vgl. ebd.
28.
Vgl. Giles Keating et al., Global Wealth Report 2011, Zürich 2012.
29.
G. W. Domhoff (Anm. 25).
30.
Vgl. Luisa Kroll, Inside the 2013 Forbes 400: Facts and Figures on Americas Richest, 16.9.2013, http://www.forbes.com/sites/luisakroll/2013/09/16/inside-the-2013-forbes-400-facts-and-figures-on-americas-richest« (11.3.2014).
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Autor: Georgina Murray für bpb.de
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