Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Jens Becker

Reichtum in Deutschland und den USA

Lange stand Reichtum als Determinante sozialer Ungleichheit und Bestandteil unterschiedlicher Reichtumskulturen im Schatten einer Bindestrich-Armutsforschung,[1] die sich, rund um die Variablen Bildung, Einkommen, Familie, Gender, Gesundheit, Kinder, Migration und Wohnen, zunehmend ausdifferenzieren konnte. Gleichwohl ist "Armut in einem reichen Land"[2] wie Deutschland, in dem annährend – je nach Lesart – jeder Sechste oder Siebte arm oder armutsgefährdet ist, ein wichtiges Thema. Außerhalb Deutschlands, in den süd- oder osteuropäischen Gesellschaften mit Armutsraten von 25 und mehr Prozent, erst recht. Auch in den USA bekommt der "amerikanische Traum" Risse: Versuche der Regierung unter US-Präsident Barack Obama bis 2013, die Konjunktur zu beleben, "haben die Armen Amerikas kaum erreicht: 46,2 Millionen (15 Prozent) werden dieser prekären Gruppe zugerechnet".[3] Insbesondere aus einer transnationalen Perspektive können sowohl Armut als auch Reichtum als politisch-normative und damit interessengeleitete Begriffe gewertet werden, die zeitgenössischen Wahrnehmungen und Kräfteverhältnissen unterliegen.[4]

Gleichviel, ob die Bemessung von wohlhabend (150 Prozent des durchschnittlichen, nach Haushaltsgröße gewichteten Nettoeinkommens), reich (mehr als 200 Prozent desselben) oder superreich (Überschreiten der 300 Prozent-Grenze) ausreicht, um Einkommens- und Vermögensreichtum zu beziffern,[5] bleibt vielfach unklar, was als Reichtum gelten soll und welche methodischen und begrifflichen Kriterien angewandt werden können.[6] Vor diesem Hintergrund werden im Folgenden Einstellungen über Reichtum und die Reichen in Deutschland herausgearbeitet und ein kultursoziologischer Blick auf die USA geworfen.

Legitimität von Reichtum

Wenige Jahre nach Ausbruch der Weltfinanz- und Wirtschaftskrise scheint die Welt für die Reichen oder Superreichen[7] wieder in Ordnung: Begünstigt durch die expansiven Gewinne auf den Kapitalmärkten hat sich insgesamt der Wohlstand der 500 reichsten Deutschen um 5,5 Prozent auf 528,45 Milliarden Euro (Vorjahr: 500,8 Milliarden Euro) gesteigert. Gleiches gilt auch für die USA.[8] Allerdings variiert die gesellschaftliche Akzeptanz von Reichtum, hängt sie doch stark von jenen varieties of capitalism ab, die auf unterschiedlichen kulturellen Einstellungen, spezifischen Wirtschaftsstilen und sozialstaatlichen Entwicklungspfaden basieren.[9] Die im individualistischen American way of life angelegten Darstellungs- und Legitimitätsformen von Reichtum unterscheiden sich deutlich von eher egalitären Traditionen, wie sie in den mittel- und nordeuropäischen Vergesellschaftungszusammenhängen verankert sind.[10] Polarisierte Einkommens- und Vermögensungleichheiten, eine markante Kluft zwischen Arm und Reich, wird in "liberalen" Wohlfahrtsstaaten mit niedrigen Steuern und gering ausgeprägten sozialen Sicherungssystemen deutlich eher gut geheißen als in "sozialdemokratischen" oder "konservativen" Wohlfahrtsstaaten wie Schweden oder Deutschland, wo die sozialstaatliche Einbettung der Bürgerinnen und Bürger stärker verankert und die Steuer- und Beitragssätze höher sind.

Es spricht einiges für die Annahme, dass unterschiedliche Einstellungen mit unterschiedlichen Reichtumskulturen korrelieren können.[11] Einstellungen spiegeln sich in Haltungen zu und Beurteilungen von Sachverhalten und Gegenständen wider, die einen inneren Begründungszusammenhang und über einen längeren Zeitraum hinaus subjektive Gültigkeit haben. Sie basieren auf interessengeleiteten, werteorientierten Wahrnehmungs- und Deutungsmustern und orientieren sich an materiellen oder immateriellen Interessen oder Wertvorstellungen (Fairness, Verteilungs- oder Leistungsgerechtigkeit).[12] So ist die gesellschaftliche Beurteilung von Einkommens- und Vermögensreichtum historisch geronnen. Die Determinanten zur Messung von materiellem Reichtum sind in verschiedene Repräsentations- und Legitimitätsformen eingebunden, die Reichtumskulturen gleichsam konstituieren. Als Grundlage eines hervorgehobenen Lebensstils mit gesellschaftlicher Distinktionslogik im Sinne Pierre Bourdieus kann repräsentativer Reichtum aufgefasst werden. Seinen Ausdruck findet er in besonderen Konsumprodukten oder exklusiven Freizeitmöglichkeiten, welche symbolische Eigenwerte gegenüber weniger distinguierten Konsum- oder Freizeitmustern der Mehrheitsgesellschaft markieren.

Demgegenüber gründet sich die Legitimität von Reichtum auf die Variablen Aufstieg durch Leistung sowie Erfolg im Sinne der Weberschen Interpretation der protestantischen Ethik (asketischer Lebensstil und "harte Arbeit"), die zu den Leitmotiven der Wirtschaftskultur des modernen Kapitalismus gehören.[13] Aufgrund des fundamentalen Strukturwandels in den entwickelten kapitalistischen Marktwirtschaften, beschleunigt durch die Exzesse des Finanzmarktkapitalismus,[14] ist dieser Konsens zunehmend brüchig geworden. Insbesondere der Finanzmarktkapitalismus hat den Aufstieg eines kontingenten Erfolgsmodells hervorgebracht, das der klassischen Leistungslogik der Meritokratie, der auf Verdiensten beruhenden sozialen Stati, widerspricht und im Wesentlichen auf Mechanismen der Selbstinszenierung, der Vermarktung und des Zufalls beruht.[15]

Die damit verbundene Entkoppelung der Managerbezüge von der durchschnittlichen Lohn- und Einkommensentwicklung ist ebenso zum politischen Thema geworden wie die Begründung des Reichtums aus "unverdientem Vermögen" in der Form von Erbschaften. Die inzwischen teils entzauberte Erfolgskultur der amerikanischen Marktgesellschaft oder der deutschen sozialen Marktwirtschaft führt zu unterschiedlichen Legitimationseinstufungen und Repräsentationsformen von Reichtum in den jeweiligen Gesellschaften.

Repräsentation und Wahrnehmung von Reichtum

Das in der amerikanischen Verfassung verankerte "Streben nach Glück" (pursuit of happiness), das vielfach mit der Möglichkeit, reich zu werden, assoziiert wird, gehört zum fortbestehenden Grundkonsens der amerikanischen Gesellschaft. Der Amerikanist Winfried Fluck und der Ökonom Welf Werner weisen in diesem Zusammenhang auf das Alleinstellungsmerkmal der USA auch im Zeitalter der Globalisierung hin: "Keine andere Gesellschaft hat eine derart lange und erfolgreiche demokratische Tradition, keine Demokratie hat so viel Wohlstand produziert und in keiner gibt es größere Unterschiede zwischen Arm und Reich. (…) Nicht nur ist das Wohlstandsgefälle vergleichsweise groß, sondern offensichtlich auch die Bereitschaft, mit diesen Erscheinungsformen der Ungleichheit zu leben."[16] Dieser Grundkonsens könne als Strukturdeterminante der amerikanischen Gesellschaft angesehen werden, wenn sich Ungleichheit nicht signifikant verfestige. Auch Fluck und Werner gehen daher von gravierenden Einstellungs- und Mentalitätsunterschieden aus. Während die USA den Aspekt der wertebezogenen (bürgerrechtlich verbrieften) Chancen-, Leistungs- und Zugangsgerechtigkeit, etwa von Frauen oder ethnischen Minderheiten, priorisiere,[17] überwiege in der deutschen Tradition die egalitäre Dimension der Verteilungs- und Bedarfsgerechtigkeit in Form der vielbeschworenen "sozialen Gerechtigkeit", obgleich dieses Bild durch die sozialstaatlichen Reformen des vergangenen Jahrzehnts Risse bekommen hat.[18]

Was heißt das für die gesellschaftliche Wahrnehmung von Reichtum? Die Beschäftigung mit den kulturellen Dimensionen materiellen Reichtums, etwa in den Arbeiten sozialwissenschaftlicher Klassiker wie Thorstein Veblen und Georg Simmel,[19] gehört zu den Grundproblemen der modernen Soziologie. Insbesondere Veblen verweist darauf, dass materieller Reichtum mit demonstrativem Konsum einhergeht, welcher dem Zweck diene, über die quasi rituelle Zurschaustellung des Reichtums eine Abgrenzung von der übrigen Gesellschaft zu bewirken und damit die eigene Eliteposition zu unterstreichen.[20] Die Repräsentation des Reichtums dient hier primär der symbolhaften gesellschaftlichen Distinktion von der Mehrheitsgesellschaft.[21] Neuere Arbeiten aus den USA scheinen diesen Eindruck zu bestätigen, wobei sie insbesondere auf die völlige Entkoppelung der Superreichen von der restlichen Gesellschaft hinweisen.[22] Während der Journalist Robert Frank, anknüpfend an Veblen und Bourdieu, den exklusiven Lebensstil der Superreichen ("Richistani"), ihre vermeintlichen "Sorgen" und auch deren "Philanthropie", das heißt das Stiftergebaren, thematisiert, koppelt die Publizistin Chrystia Freeland die Entfaltung der Verwirklichungschancen, die Superreiche genießen, an das "vergoldete Zeitalter" von Globalisierung und technologischer Revolution, die die neue "Superelite" virtuos zum eigenen und zum Nutzen der hegemonialen amerikanischen Finanz- und Technologieindustrie entfesseln konnte.[23]

Zur anhaltenden Akzeptanz der damit verbundenen und durch die Krise beschleunigten Kluft zwischen Unter- und Mittelschichten einerseits und den reicher gewordenen Superreichen andererseits tragen zwei Faktoren bei: der nach wie vor manifeste Aufstiegswille durch "harte Arbeit" und Bildung sowie das Prestige jener "Milliardäre in Bluejeans", etwa aus dem Silicon Valley, die den Aufstieg durch eigene Initiative geschafft haben. Dass deren egalitärer Stil mit der Realität der extremen Einkommensspreizung kollidieren kann, ändert nichts an dem vorgelebten kulturellen Signal: Jede/r kann sich Reichtum erarbeiten. Aus dieser Perspektive akzeptiert die Mehrheitsgesellschaft weiterhin soziale Ungleichheit und die Generierung exorbitanten materiellen Reichtums durch, je nach Zählweise, ein bis fünf Prozent der Bevölkerung.

Fußnoten

1.
Vgl. dazu das Standardwerk von Ernst-Ulrich Huster/Jürgen Boeckh/Hildegard Mogge-Grotjahn (Hrsg.), Handbuch Armut und Soziale Ausgrenzung, Wiesbaden 20122.
2.
Christoph Butterwegge, Armut in einem reichen Land. Wie das Problem verharmlost und verdrängt wird, Frankfurt/M. 2009.
3.
Uwe Schmitt, Neue Armut der Weißen alarmiert US-Politiker, in: Die Welt vom 31.7.2013.
4.
Vgl. C. Butterwegge (Anm. 2), S. 15.
5.
Vgl. Wolfgang Lauterbach/Miriam Ströing, Wohlhabend, Reich und Vermögend – Was heißt das eigentlich?, in: Thomas Druyen/Wolfgang Lauterbach/Matthias Grundmann (Hrsg.), Reichtum und Vermögen. Zur gesellschaftlichen Bedeutung der Reichtums- und Vermögensforschung, Wiesbaden 2009, S. 20.
6.
Vgl. Jürgen Espenhorst, Reichtum als gesellschaftliches Leitbild, in: Ernst-Ulrich Huster (Hrsg.), Reichtum in Deutschland. Die Gewinner der sozialen Polarisierung, Frankfurt/M. 1997, S. 161–188.
7.
Zur Definition und weiteren Kategorisierungen der "Reichen": Als "superreich gelten Millionäre mit mehr als 300 Millionen $ verfügbaren Kapitalvermögen". W. Lauterbach/M. Ströing (Anm. 5), S. 20f. Ein bis zwei Prozent der Amerikaner zählt Hans Jürgen Krysmanski, 0,1%. Das Imperium der Milliardäre, Frankfurt/M. 2012, S. 11f., zu den "Superreichen".
8.
Vgl. Klaus Boldt, Deutschlands Reiche sind so reich wie nie, in: Spiegel Online vom 7.10.2013, http://www.spiegel.de/wirtschaft/deutschlands-reiche-aldi-chef-und-quandt-clan-fuehren-ranking-an-a-926459.html« (17.3.3014); Immer mehr Millionäre in Deutschland, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.10.2013.
9.
Vgl. dazu die einflussreiche Arbeit von Peter A. Hall/David Soskice, Varieties of Capitalism. The Institutional Foundations of Comparative Advantage, Oxford 2001. Zusammenfassend: Alexander Ebner, Wirtschaftskulturforschung. Ein sozialökonomisches Forschungsprogramm, in: Volker Caspari (Hrsg.), Theorie und Geschichte der Wirtschaft, Marburg 2009, S. 121–146.
10.
Vgl. Gøsta Esping-Andersen, The Three Worlds of Welfare Capitalism, Cambridge 1990; Jens Borchert, Die konservative Transformation des Wohlfahrtsstaates: Großbritannien, Kanada, die USA und Deutschland im Vergleich, Frankfurt/M.–New York 1995.
11.
Zum Begriff Reichtumskulturen und den Ausführungen über Repräsentation und Legitimität siehe im Folgenden Alexander Ebner/Jens Becker, Reichtumskulturen: Eine wirtschaftssoziologische Perspektive, 2011, http://wirtsoz-dgs.mpifg.de/dokumente/Ebner_Reichtum.pdf« (17.3.2014).
12.
Vgl. dazu Edeltraud Roller, Einstellungen der Bürger zum Wohlfahrtsstaat der Bundesrepublik Deutschland, Opladen 1992, S. 48ff.
13.
Vgl. Philipp Hessinger/Gabriele Wagner, Max Webers Protestantismus-These und der "neue Geist des Kapitalismus" – eine deutsch-französische Gegenwartsperspektive, in: dies. (Hrsg.), Ein neuer Geist des Kapitalismus? Paradoxien und Ambivalenzen der Netzwerkökonomie, Wiesbaden 2008, S. 12.
14.
Vgl. dazu Wolfgang Streeck, Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus, Berlin 2013.
15.
Siehe dazu Sighard Neckel, Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft, Frankfurt/M.– New York 2008; ders./Claudia Honegger/Chantal Magnin, Strukturierte Verantwortungslosigkeit. Berichte aus der Bankenwelt, Berlin 2010.
16.
Winfried Fluck/Welf Werner, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Wie viel Ungleichheit verträgt die Demokratie? Armut und Reichtum in den USA, Frankfurt/M.–New York 2003, S. 8.
17.
Vgl. Sabine Lang, Frauenerwerbstätigkeit in den USA im Zeichen neoliberaler Politik, in: ebd., S. 187–204.
18.
Vgl. Jens Becker, Das Unbehagen in der Gesellschaft. Soziale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten in Deutschland, in: Stefan Selke (Hrsg.), Tafeln in Deutschland. Wie man in Deutschland satt wird. Theoretische und praktische Aspekte einer sozialen Bewegung, Wiesbaden 2009, S. 107–135.
19.
Vgl. Georg Simmel, Philosophie des Geldes, Gesamtausgabe Bd. 6, hrsg. von Otthein Rammstedt, Frankfurt/M. 1989 (1923).
20.
Vgl. Thorstein Veblen, Theorie der feinen Leute. Eine ökonomische Untersuchung der Institutionen, München 2007 (engl. Original: 1899).
21.
Vgl. Kevin Phillips, Die amerikanische Geldaristokratie, Frankfurt/M. 2003.
22.
Vgl. Robert Frank, Richistan. Eine Reise durch die Welt der Megareichen, Frankfurt/M. 2009; Chrystia Freeland, Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen Geldelite, Frankfurt/M. 2012.
23.
Ebd., S. 15.