Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Constanze Elter

Steuern: Von oben für unten?

Die da oben" – so lautet eine weit verbreitete Formulierung, wenn es um Steuergerechtigkeit und Steuerverteilung geht. "Die da oben" zahlen zu wenig, "die da oben" können Steuern vermeiden, "die da oben" sollte der Staat stärker zur Kasse bitten. Gerade erst sorgte der Fall des früheren FC Bayern-Managers Uli Hoeneß dafür, dass die Debatte um mehr Steuergerechtigkeit erneut angefacht wurde. Sein Gerichtsverfahren sowie Selbstanzeigen und neue sogenannte Steuer-CDs mit Daten anderer Steuerhinterziehungen heizen die Diskussion um eine immer stärker ausgeprägte Ungleichverteilung von Vermögen und Einkommen an; zugleich werden die Forderungen nach weiteren vermögensbezogenen Steuern lauter.

So erfragten Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler der Universität Erlangen-Nürnberg in einer aktuellen Studie die Meinung von deutschen Arbeitnehmern über das Steuersystem. Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie die derzeitige Gestaltung des Systems für eher nicht gerecht halten – vor allem, was die Höhe der Steuersätze und die Steuervergünstigungen anbetrifft.[1] Nur 34 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, dass das Finanzamt alle Bürger gleich behandelt.

Vereinfachung war gestern

Dass Politik sich auf die Suche nach einem gerechten System machen sollte, wurde bereits im Bundestagswahlkampf 2013 deutlich: Anders als 2005 und 2009 drehte sich die Diskussion weniger um Steuerreformen und Vereinfachung, sondern um grundlegende Fragen der Gerechtigkeit. Bei den vorangegangenen Bundestagswahlen hatte noch bei fast allen Parteien die Forderung nach einer Entlastung bei Steuern und Abgaben im Zentrum gestanden. Nun sollten Gerechtigkeitslücken geschlossen und Steuern erhöht werden.

Hintergrund dieser Entwicklung ist, dass die Vermögensschere in Deutschland in den vergangenen Jahren immer weiter aufgegangen ist. Eine Studie der Deutschen Bundesbank beispielsweise kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung einen Anteil von 59,2 Prozent am Nettovermögen aller Haushalte besitzen.[2] Im Durchschnitt verfügen private Haushalte in Deutschland über ein Nettovermögen von 195.200 Euro – das Bruttovermögen in Form beispielsweise von Immobilien, Lebensversicherungen, Fonds oder Schmuck abzüglich der Schulden. Aussagekräftiger ist jedoch der Median, also der Punkt, an dem eine Hälfte der Haushalte ärmer und die andere reicher ist als der Medianhaushalt. Dieser liegt bei einem Nettovermögen von 51.400 Euro und damit deutlich unter dem Durchschnittswert.

Gut ein Fünftel hat kein Vermögen

Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung kam in seinem Jahresgutachten 2013/2014 zu dem Ergebnis, dass die Ungleichheit in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen habe. Von ähnlichen Resultaten auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) berichtet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW): Demnach machte das Nettovermögen der privaten Haushalte in Deutschland 2012 insgesamt 6,3 Billionen Euro aus, im Schnitt belief sich das individuelle Nettovermögen auf 83.000 Euro und war damit nur wenig höher als zehn Jahre zuvor.[3] Ältere Menschen und Selbstständige verfügen über höhere Vermögensbestände, Männer haben mehr Nettovermögen als Frauen. Gut ein Fünftel aller Erwachsenen kann kein eigenes Vermögen aufweisen und sieben Prozent aller Erwachsenen haben mehr Schulden als Vermögen.

Eine gängige Methode, um die Verteilung von Vermögen zu messen, ist der sogenannte Gini-Koeffizient. Diese Kennzahl, entwickelt vom italienischen Statistiker Corrado Gini, liegt zwischen 0 und 1. Ein Wert von 0 besagt, dass alle verglichenen Haushalte das gleiche Vermögen besitzen, ein Wert von 1 bedeutet, dass ein Haushalt oder eine Person über das ganze Vermögen verfügt. In Deutschland liegt der Wert laut DIW bei 0,78; die Deutsche Bundesbank kommt auf einen Koeffizienten von 0,76.[4] Damit ist in Deutschland das Vermögen anders verteilt als in Frankreich (0,68) oder Italien (0,61). Nur in den USA fällt der Gini-Koeffizient noch höher aus (0,87).

Individueller Schuldenberg wächst

Immobilien spielen eine große Rolle für den Vermögensaufbau, sorgen aber auch für einen hohen Schuldenstand. Allerdings haben in anderen Bereichen die Kredite ebenfalls zugenommen: Die DIW-Untersuchung notiert, dass der Anteil der Personen, die Schulden haben, im vergangenen Jahrzehnt auf 32 Prozent gestiegen ist. Dies resultiere daraus, dass Konsumentenkredite in der Zahl stark zugenommen hätten.

Je höher das Einkommen, umso höher ist in der Regel auch das Vermögen. Das verfügbare Einkommen ist deutlich gleichmäßiger verteilt als das Vermögen. Im Jahr 2012 lag der durchschnittliche Bruttomonatsverdienst eines vollzeitbeschäftigten Arbeitnehmers nach Angaben des Statistischen Bundesamts bei 3391 Euro pro Monat; Sonderzahlungen wie Urlaubs- oder Weihnachtsgeld sind hier nicht berücksichtigt. Abweichungen und Unterschiede gibt es vor allem zwischen den einzelnen Branchen, aber auch zwischen den Regionen. Die Bruttomonatsverdienste sind zwar in den vergangenen Jahren angestiegen, der Reallohnindex jedoch hat sich insgesamt nur wenig verändert und tendierte zuletzt sogar nach unten. Für 2013 zeichnet sich laut Daten des Statistischen Bundesamts ein geringer Reallohnverlust ab: Die Nominallöhne sind in den ersten drei Quartalen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zwar um 1,4 Prozent gestiegen, aber auch die Verbraucherpreise erhöhten sich um 1,6 Prozent.[5] Das bedeutet, dass selbst bei steigenden Bruttomonatsverdiensten die gestiegenen Verbraucherpreise die positive Gehaltsentwicklung aufheben. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland bei den Einkommen damit hinter Frankreich, den Niederlanden oder Dänemark.[6] Rund ein Drittel der deutschen Haushalte kann sich nach eigener Aussage unvorhergesehene Ausgaben nicht leisten (vgl. Tabelle in der PDF-Version). Das obere Ende der Gehaltsskala zeigt ein anderes Bild: Rückt man beispielsweise die Bezüge der Top-Manager in den Fokus, verdient ein Vorstandsmitglied heute etwa 53-mal so viel wie ein durchschnittlicher Angestellter in einem DAX-Unternehmen. 1987 bezog der Vorstand gerade 14-mal so viel Gehalt.[7] Dass innerhalb der Gesellschaft die Frage nach gerechterer Verteilung aufgeworfen wird, ist aus diesem Blickwinkel nachvollziehbar.

Fußnoten

1.
Vgl. Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Steuern ja, aber einfacher!, 17.3.2014, http://www.idw-online.de/de/news577876« (18.3.2014).
2.
Vgl. Deutsche Bundesbank, Vermögen ungleicher verteilt als Einkommen, 21.3.2013, http://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Themen/2013/2013_03_21_vermoegen_
ungleicher_verteilt_als_einkommen.html
(11.3.2014).
3.
Vgl. Markus M. Grabka/Christian Westermeier, Anhaltend hohe Vermögensungleichheit in Deutschland, in: DIW Wochenbericht, 9 (2014), S. 151–164.
4.
Vgl. ebd., S. 156; Deutsche Bundesbank (Anm. 2).
5.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Verdienste und Arbeitskosten. Reallohnindex und Nominallohnindex, Wiesbaden 2013.
6.
Vgl. Dirk Eisenreich/Elke Spegg, Die Einkommenssituation privater Haushalte in Baden-Württemberg im europäischen Vergleich, in: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg, (2013) 9, S. 32–36.
7.
Vgl. Hagen Krämer, Spitzeneinkommen zwischen ökonomischem und normativem Marktversagen, in: Karlsruher Diskussionsbeiträge, 1 (2013), S. 1–25.
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Autor: Constanze Elter für bpb.de
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