Schwalben auf einer Stromleitung

1.4.2014 | Von:
Julia Wippersberg

Prominenz: Entstehung, Erscheinung, Darstellung

Jeder kennt sie, viele reden über sie: Prominente. Prominenz wird in unseren Gesellschaften zu einem immer bedeutenderen Faktor: Prominente sind Gäste in Talkshows und zieren die Titelblätter von Magazinen, sie werden in der Werbung als Testimonials eingesetzt, es erscheinen Bücher über ihre Haustiere, Lieblingsrezepte und Grabstätten. Und niemand weiß genau, was "Prominenz" eigentlich ist. Ist Prominenz ein ausschließlich mediales Phänomen? Haben diese Prominenten eigentlich eine Leistung abseits ihrer medialen Inszenierung erbracht und wenn ja, welche? Wie entsteht Prominenz? Und wer braucht Prominenz?

Die theoretische Auseinandersetzung mit diesen Fragen ist spärlich. So hält die Soziologin Gertraud Linz 1965 zum Begriff "Prominenz" fest, dass er "bisher zwar häufig verwendet, aber selten diskutiert worden ist".[1] Dies gilt heute – beinahe 50 Jahre später – immer noch. Und wie sich Prominenz definiert, darüber sind sich die (wenigen) Autoren auch nicht einig. Dennoch lassen sich einige gemeinsame Merkmale herauskristallisieren: Prominente stehen in der Öffentlichkeit, haben einen hohen Bekanntheitsgrad und werden von mehr Personen gekannt, als sie selbst kennen. Unterschiede lassen sich feststellen bei der Begründung von Prominenz, bei den Wegen dorthin und bei der Bewertung von Prominenten.[2] Die meisten Definitionen haben eine eher negative Bewertung der Prominenz; Ängste vor dem Niedergang der Elite, der Kultur, des Spezialistentums schwingen mit. Eine Ausnahme bildet hier der Philosoph Georg Franck, der Prominenz als eine "durchaus distinguierte Eigenschaft"[3] sieht. Teilweise wird der Status des Prominenten in der Abgrenzung zum Star diskutiert: Die meisten sehen dabei einen Verfall vom Star zum Prominenten, wobei Ersterer als eine genuine Erscheinung betrachtet wird, Letzterer jedoch nur als ein von den Medien künstlich gezüchtetes Wesen gilt.[4]

Definition von Prominenz: P – P – P

Für eine weitere Beschäftigung mit Prominenz braucht es zunächst eine Definition, die darauf Rücksicht nimmt, dass der Begriff auf viele Erscheinungsformen, unterschiedliche Gesellschaftsgruppen, Werdegänge, Herkunftsmöglichkeiten und Ausprägungen anwendbar sein muss: Politiker können genauso prominent sein wie Schauspieler oder Society-Größen, Sportler ebenso wie geistliche Würdenträger oder ungewöhnliche Gesetzesbrecher. Gründe für Prominenz reichen vom Innehaben eines Amts über berufliche Qualifikation und herausragende berufliche Leistung bis hin zu Geburt, Heirat, Tod – und einer guten Inszenierung.

"Wollte ich bis zur Pedanterie genau sein, müßte ich sagen, dass es die Prominenz eigentlich gar nicht gibt, daß sie also keine soziologisch umschreibbare Gruppe, sondern eine Vorstellung ist", formulierte der Journalist Friedrich Sieburg 1954.[5] Und so ist Prominenz tatsächlich weniger eine klar umschreibbare Gruppe als ein Attribut, das zu anderen Eigenschaften einer Person hinzukommen kann – und in manchen Fällen sogar allein bestehen kann. Deshalb sollte der Begriff Prominenz wieder auf seine Ursprungsbedeutung zurückgehen: das Herausragen.[6] Prominenz bedeutet dann schlicht die Bekanntheit einer Person. Dieser Faktor kann zu anderen – beispielsweise Leistung, Inszenierung, Eliteposition – hinzutreten. Prominenz sollte neutral, ohne jede Wertung und unabhängig von Leistung, Anerkennung, Herkunft, Werdegang, Einflusspotenzial, Zustimmung, Sympathie, Erscheinungsform oder Ausprägung verwendet werden. Abhängig ist er von medialer Vermittlung, der Annahme durch ein Publikum (nicht gleichzusetzen mit Zustimmung) und einer gewissen Dauerhaftigkeit. Damit kann man bei Prominenz von einer symbiotischen Beziehung zwischen Prominentem, Presse und Publikum sprechen, die dem Begriff Prominenz immanent ist und ihn konstituiert.[7] Daraus ergibt sich auch die Formel P – P – P.

Prominenz ist ein Faktor, der nur durch die Annahme durch ein Publikum entstehen kann. Ohne Öffentlichkeit gibt es auch keine Prominenz. Prominenz muss aber nicht immer auf Wertschätzung und Ansehen fußen. Auch nicht wertgeschätzte Menschen können prominent werden, vielleicht oft gerade deswegen oder aufgrund einer von ihnen ausgehenden Polarisierung. Weiterhin sind Prominente nicht zwingend "wichtig" für die Gesellschaft oder eine Gruppe als Entscheidungsträger, Arbeitgeber oder Ähnliches.

Prominenz und Elite

Prominenz wird oft in Zusammenhang mit Elite gebracht. Ist die Elite immer prominent? Oder die Prominenz immer elitär? Können die beiden Phänomene gleichgesetzt werden? Das Verhältnis von Prominenz und Elite hat die Forschung ausführlich beschäftigt,[8] es kommt dort allerdings zu keiner endgültigen Lösung dieses Spannungsverhältnisses.

Gemäß der eingeführten Definition dürfen Prominenz und Elite nicht gleichgesetzt werden, auch wenn sie einige Gemeinsamkeiten aufweisen: Beide Phänomene können in allen gesellschaftlichen Bereichen entstehen, sind auf individuelle Leistung gegründet, entstehen durch eine Selektion vom Rest der Gesellschaft, haben einen offenen Zugang sowie häufig Vorbildfunktion und Einfluss auf die Gesellschaft. Die größten Unterschiede liegen in den konstituierenden Faktoren, vor allem darin, dass Elitezugehörigkeit zumeist mit Spitzenpositionen, unmittelbarer Macht und Entscheidungsbefugnis sowie einem Führungsanspruch einhergeht und oft mit Herrschaftsstrukturen zusammenhängt.[9] Für die Entstehung von Prominenz kommt noch eine andere Form von Leistung in Frage: die Fähigkeit, sich selbst zu inszenieren. Für die Elitebildung ist dies nicht hinreichend – obwohl die Fähigkeit zur (Selbst-)Inszenierung auch hier nicht schadet.

Auch wenn sich Personenkreise durchaus überschneiden können, gehört nicht jeder Prominente gleich zur Elite. Eliten können, müssen aber nicht prominent werden, wobei der Elitestatus förderlich sein kann, um Prominenz zu erlangen. Umgekehrt kann auch Prominenz manchmal zu einer Eliteposition führen (beispielsweise als Quereinsteiger in der Politik). Das Verhältnis von Elite und Prominenz ist als das Nebeneinander von zwei gesellschaftlichen Phänomenen zu verstehen, die von Personen auch gleichzeitig erlangt werden können, die sich wechselseitig also nicht ausschließen. Prominenz ist ein allgemeineres Phänomen der Bekanntheit, das zur Elite hinzutreten kann. Prominenz kann Elite aber nicht ersetzen oder aufheben.

Fußnoten

1.
Gertraud Linz, Literarische Prominenz in der Bundesrepublik, Olten–Freiburg/Br. 1965, S. 16.
2.
Vgl. Jürgen Gerhards/Friedhelm Neidhardt, Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit: Fragestellungen und Ansätze, in: Stefan Müller-Dohm/Klaus Neumann-Braun (Hrsg.), Öffentlichkeit, Kultur, Massenkommunikation, Oldenburg 1991, S. 31–89; Karl Kraus, Unsterblicher Witz. Werke, Bd. 9, hrsg. von Heinrich Fischer, München 1961; G. Linz (Anm. 1), S. 27; Charles Wright Mills, Die amerikanische Elite. Gesellschaft und Macht in den Vereinigten Staaten, Hamburg 1962, S. 90; Birgit Peters, Prominenz. Eine soziologische Analyse ihrer Entstehung und Wirkung, Opladen–Wiesbaden 1996, S. 19; Ulrich F. Schneider, Der Januskopf der Prominenz. Zum ambivalenten Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit, Wiesbaden 2004, S. 65.
3.
Georg Franck, Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf, München 1998, S. 151.
4.
Vgl. Diedrich Diederichsen, Der Promi ist eine Mikrobe, in: Die Tageszeitung vom 16.1.2004, S. 17; Werner Faulstich/Helmut Korte (Hrsg.), Der Star. Geschichte. Rezeption. Bedeutung, München 1997; Clive James, Fame in the 20th Century, London 1993; Harald Martenstein, Populismus lohnt sich. Wie das Privatfernsehen Deutschland verändert hat, in: Adolf Grimme Institut (Hrsg.), Jahrbuch Fernsehen 2004, Bonn 2004, S. 9–18.
5.
Friedrich Sieburg, Von der Elite zur Prominenz, in: Die Zeit, Nr. 25 vom 24.6.1954, http://www.zeit.de/1954/25/von-der-elite-zur-prominenz« (20.2.2014).
6.
Von lat. prominere – herausragen.
7.
Vgl. dazu folgende, die als einzige die Symbiose dieser Faktoren erwähnen, aber nicht näher darauf eingehen: Joan Kristin Bleicher, Medien, Markt und Rezipienten. Aufmerksamkeit als Grundbedingung medialer Kommunikation, in: dies./Knut Hickethier (Hrsg.), Aufmerksamkeit, Medien und Ökonomie, Hamburg 2002, S. 125–148; Ulrike Kaiser, Rückblick auf ein Mediendrama: Der Diana-Effekt, in: journalist, (1997) 10, S. 13–19; Miriam Meckel, Tod auf dem Boulevard. Ethik und Kommerz in der Mediengesellschaft, in: dies. (Hrsg.), Medien-Mythos? Die Inszenierung von Prominenz und Schicksal am Beispiel von Diana Spencer, Opladen–Wiesbaden 1999, S. 11–52.
8.
Vgl. beispielsweise Hans-Peter Dreitzel, Elitebegriff und Sozialstruktur. Eine soziologische Begriffsanalyse, Stuttgart 1962; Suzanne Keller, Beyond the Ruling Class: Strategic Elites in Modern Society, New York 1993; C.W. Mills (Anm. 2); Harald Wenzel, Obertanen. Zur soziologischen Bedeutung von Prominenz, in: Leviathan, 28 (2000) 4, S. 452–476.
9.
Vgl. etwa Wilhelm Bürklin/Hilke Rebenstorf (Hrsg.), Eliten in Deutschland. Rekrutierung und Integration, Opladen 1997; H.-P. Dreitzel (Anm. 8); Gerhard Feltl (Hrsg.), Die Fortschrittmacher. Eliten und ihre gesellschaftliche Relevanz im 21. Jahrhundert, Wien 2002; Stefan Hradil/Peter Imbusch (Hrsg.), Oberschichten – Eliten – Herrschende Klassen, Opladen 2003; Klaus-Michael Kodalle (Hrsg.), Der Ruf nach Eliten, Würzburg 1999; Beate Krais (Hrsg.), An der Spitze: von Eliten und herrschenden Klassen, Konstanz 2001; Thomas Leif (Hrsg.), Die politische Klasse in Deutschland. Eliten auf dem Prüfstand, Bonn–Berlin 1992; Wilfried Röhrich (Hrsg.), Demokratische Elitenherrschaft. Traditionsbestände eines sozialwissenschaftlichen Problems, Darmstadt 1975.
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Autor: Julia Wippersberg für bpb.de
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