Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.
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Julikrise und Kriegsschuld – Thesen und Stand der Forschung


10.4.2014
Am 28. Juni 1914 wurden der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie von einem jungen bosnischen Serben namens Gavrilo Princip erschossen. Dieses Attentat war der Auslöser für eine internationale Krise, die Anfang August 1914 in den von vielen Zeitgenossen schon lange befürchteten Krieg zwischen den Großmächten mündete. Der Tod eines Mannes in Sarajevo sollte zum Tod von Millionen Menschen im Ersten Weltkrieg führen. Und dieser war mit dem Friedensschluss von 1919 nicht wirklich beendet. Manche Historiker sehen in ihm sogar nur den ersten Teil eines neuen Dreißigjährigen Krieges, der erst mit der totalen Niederlage Deutschlands 1945 endete. In den Juliwochen 1914, der sogenannten Julikrise, wurde in den Hauptstädten der Großmächte über Krieg und Frieden entschieden. Diese Entscheidungen waren prägend für das gesamte 20. Jahrhundert. Daher ist es sicherlich auch gerechtfertigt, in diesem Krieg die "Urkatastrophe" jenes Jahrhunderts zu sehen, wie es der amerikanische Diplomat George Kennan formulierte.

Kriegsschulddebatte



Aber warum kam es überhaupt zu dieser Katastrophe? Seit hundert Jahren streiten sich Historiker, Politiker und die informierte Öffentlichkeit darüber, wer für den Krieg verantwortlich war. Dabei schien diese Frage nach dem Kriegsende 1918 – zumindest für die Sieger – zunächst leicht zu beantworten. Deutschland und seine Verbündeten waren es, die den Krieg absichtlich vom Zaun gebrochen hatten und jetzt für dieses Verbrechen bestraft werden mussten. Der berühmte Kriegsschuldartikel des Versailler Vertrages, Artikel 231, befand: "Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben."

Aber in Deutschland sah man das ganz anders. Die neue Weimarer Regierung distanzierte sich von der Entscheidung der Sieger, und es entbrannte ein Kampf um die sogenannte Kriegsschuldlüge. In Deutschland war man sich sicher, 1914 einen Verteidigungskrieg geführt zu haben. Schlimm genug, dass man daraus als Verlierer hervorgegangen war; dass man diesen jetzt angeblich verursacht haben sollte, war eine tiefe Demütigung, die es zu bekämpfen galt.

Tatsächlich hatte die Kriegsschulddebatte schon begonnen, bevor die ersten Schüsse gefallen waren. In den Hauptstädten Europas war man sich im Vorfeld durchaus darüber im Klaren, dass ein moderner Krieg mit Millionenheeren nur dann erfolgreich geführt werden konnte, wenn die Bevölkerung davon überzeugt war, dass es sich um einen "gerechten Krieg" handelte. Das bedeutete, dass man in jedem Fall als der Angegriffene erscheinen musste. Das war für Franzosen und Belgier nicht schwer, wurden sie doch ganz offensichtlich angegriffen, als deutsche Truppen in der Nacht zum 4. August 1914 auf dem Weg nach Frankreich in das neutrale Belgien einmarschierten. Das ebenfalls neutrale Luxemburg war bereits am 2. August besetzt worden. Für die Deutschen war es schwieriger, dies als Verteidigungsfall darzustellen, hatte ihre Armee damit doch offensichtlich gegen das Völkerrecht verstoßen. Dennoch verkündete der deutsche Kaiser Wilhelm II. am Tag des Einmarsches in Belgien: "Mitten im Frieden überfällt uns der Feind!" Diese Nachricht wurde auf unzähligen Postkarten, Propagandapostern und in der Presse im Reich verbreitet. In Deutschland war die Bevölkerung ebenso davon überzeugt, einen Verteidigungskrieg zu führen, wie in Frankreich oder Großbritannien (wo man Belgien und Frankreich verteidigen wollte). Dass man nach dem verlorenen Krieg als Angreifer dargestellt wurde, war für viele Deutsche unannehmbar, nicht zuletzt, weil die immensen alliierten Reparationsansprüche auf dieser Kriegsschuldzuweisung basierten.

Die Weimarer Regierungen und das Auswärtige Amt arbeiteten deshalb mit Historikern und Publizisten an der Widerlegung dieser "Schuldlüge". Die Revision des Versailler Schuldspruchs (und damit das Ende der Reparationszahlungen) wurde zum Ziel der offiziellen Geschichtsschreibung der 1920er Jahre. Das Ausmaß des von der Regierung und vor allem vom Auswärtigen Amt betriebenen "Betrugs an Klio"[1] ist heute kaum noch vorstellbar. Um die Welt von Deutschlands Unschuld zu überzeugen, wurden von speziell dafür gegründeten Forschungsämtern Dokumentensammlungen zusammengestellt, Bücher veröffentlicht und spezielle Zeitschriften gegründet. Man führte einen "Weltkrieg der Dokumente".[2] Darstellungen, die diese offizielle Interpretation infrage zu stellen drohten, wurden zensiert und fanden kein Publikum im Weimarer Deutschland. Veröffentlichungen aus dem Ausland, die für Deutschlands Unschuld plädierten, wurden vom Auswärtigen Amt unterstützt, das auch einen regen Austausch zwischen Revisionisten im In- und Ausland förderte.

Erfolg der Kriegsunschuldpropaganda



Die Propagandaoffensive war erfolgreich: In Deutschland glaubte (ohnehin) kaum jemand an die deutsche Kriegsschuld, und bis Anfang der 1930er Jahre setzte sich auch im Ausland eine neue Sicht durch. Damit wandte sich der internationale Konsens zugunsten Deutschlands. Der ehemalige britische Premierminister David Lloyd George fasste die neue Orthodoxie 1933 in seinen Memoiren prägnant zusammen: Europa sei 1914 in den Krieg "hineingeschlittert" ("Europe slithered over the brink into the boiling cauldron of war").[3] Demnach waren nicht die außenpolitischen Ambitionen einer Nation für den Kriegsausbruch verantwortlich, sondern das Versagen des damaligen Bündnissystems (mit Triple-Entente aus Frankreich, Russland, Großbritannien auf der einen und Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien auf der anderen Seite). Der Krieg war demzufolge quasi ein Versehen, ein Unfall, für den niemand direkt verantwortlich gemacht werden konnte. In Deutschland war diese neue Interpretation besonders willkommen und konnte als Zeichen dafür gewertet werden, dass sich der lange Propagandafeldzug gelohnt hatte.

1927 hatte Reichspräsident Paul von Hindenburg während der Gedenkfeier zur Eröffnung des Tannenberg-Denkmals noch verkündet, dass das deutsche Volk die Anschuldigung ablehne, für diesen größten aller Kriege verantwortlich zu sein, und die Revision des Versailler Vertrags gefordert.[4] Zehn Jahre später, am 30. Januar 1937, konnte Adolf Hitler im Reichstag den begeisterten Deutschen erklären, dass die Kriegsschuldfrage endgültig gelöst sei: Nachdem Deutschland "15 Jahre lang das Leben eines Aussätzigen unter den anderen Nationen zu führen gezwungen worden war", machte er es sich zur Aufgabe, "jene Fesseln abzustreifen, die wir als tiefstes Schandmal empfanden, das jemals einem Volk aufgebrannt worden war".[5]

Tatsächlich war die Frage der alleinigen deutschen Schuld durch die Bemühungen anderer beseitigt worden (nicht zuletzt durch die von der Weimarer Regierung ermutigte revisionistische Propaganda, aber auch durch eine im Ausland stattgefundene Kehrtwende, befördert etwa durch Lloyd George). Hitler aber stellte dies charakteristisch als seinen persönlichen Triumph dar und erklärte, "daß damit jener Teil des Versailler Vertrages seine natürliche Erledigung gefunden hat, der unserem Volke die Gleichberechtigung nahm und es zu einem minderwertigen Volke degradierte. (…) Ich ziehe damit vor allem aber die deutsche Unterschrift feierlichst zurück von jener damals einer schwachen Regierung wider deren besseres Wissen abgepreßten Erklärung, daß Deutschland die Schuld am Kriege besitze!"[6] So war denn die "Ehre Deutschlands" wiederhergestellt, und die Ämter, die sich fast zwanzig Jahre mit der Widerlegung der deutschen Kriegsschuld beschäftigt hatten, konnten ihre Arbeit einstellen.[7]

Die Kriegsschuldfrage schien also geklärt, und als ein neuer Weltkrieg drohte und schließlich Wirklichkeit wurde, hatte man weder in Deutschland noch im Ausland Interesse, über die Ursachen des vorherigen nachzudenken. Der Zweite Weltkrieg wurde noch verheerender, und so wollte man auch nach 1945 die Vorgeschichte des Krieges von 1914 nicht hinterfragen, galt es doch, zwölf Jahre Nationalsozialismus zu erklären und sich mit den Tatsachen der im Namen Deutschlands verübten Verbrechen abzufinden. Und so war man, was den Ersten Weltkrieg betrifft, weiterhin von der geteilten Verantwortung aller Großmächte überzeugt. Ein erfreulicher Kompromiss hatte sich etabliert, der Erste Weltkrieg und seine Ursachen waren nicht mehr kontrovers.


Fußnoten

1.
Klio ist in der antiken Mythologie die Muse der Geschichtsschreiber. Vgl. Holger Herwig, Clio Deceived: Patriotic Self-Censorship in Germany After the Great War, in: Keith M. Wilson (Hrsg.), Forging the Collective Memory: Government and International Historians Through Two World Wars, Providence–Oxford 1996, S. 87–127.
2.
Bernhard Schwertfeger, Der Weltkrieg der Dokumente. Zehn Jahre Kriegsschuldforschung und ihr Ergebnis, München 1929.
3.
David Lloyd George, War Memoirs, Bd. 1, London 1933, S. 32.
4.
Vgl. Hindenburgs Rede vom 18.9.1927, in: Fritz Berber (Hrsg.), Das Diktat von Versailles. Entstehung – Inhalt – Zerfall. Eine Darstellung in Dokumenten, 2 Bde., Essen 1939, S. 1229.
5.
Zit. nach: Wolfgang Jäger, Historische Forschung und politische Kultur in Deutschland, Göttingen 1984, S. 64.
6.
Ebd.
7.
Eine ausführliche Darstellung der Debatte in den 1920er und 1930er Jahren findet sich zum Beispiel in: Annika Mombauer, The Origins of the First World War. Controversies and Consensus, London 2002.
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Autor: Annika Mombauer für bpb.de
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