Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.

10.4.2014 | Von:
Annika Mombauer

Julikrise und Kriegsschuld – Thesen und Stand der Forschung

Blick auf Großbritannien

Ein Aspekt der jüngsten Debatte ist die Betonung der Rolle des Vereinigten Königreichs, das bisher relativ wenig Aufmerksamkeit als vermeintlicher Kriegsschuldiger bekommen hatte. Dies ist besonders delikat, weil parallel zur deutschen Diskussion über die Kriegsschuldfrage in Großbritannien darüber gestritten wurde, wie man den 100. Jahrestag des Kriegsausbruches am besten zelebrieren sollte. Dabei muss man in London die schwierige Gratwanderung meistern, die Rolle der britischen und kolonialen Soldaten zu würdigen und den Krieg als unvermeidlich, gerecht und natürlich auch letztendlich gewonnen darzustellen, gleichzeitig aber die Bundesrepublik nicht vor den Kopf zu stoßen, indem man die Frage der Kriegsschuld zu sehr betont. Bezeichnend ist hierbei zum Beispiel, dass Premierminister David Cameron ausdrücklich von einem Kampf gegen die Idee eines von Preußen dominierten Europas sprach, und nicht von einem Krieg gegen Deutschland: "We should be clear that World War I was fought in a just cause, that our ancestors thought it would be bad to have a Prussian-dominated Europe, and that is why they fought."[24]

In Deutschland sind zumindest einige Historiker weniger darauf bedacht, auf britische Sensibilitäten Rücksicht zu nehmen. So war im Januar 2014 in einem Beitrag mehrerer deutscher Historiker in der "Welt" zu lesen: "Das Deutsche Reich war nicht ‚schuld‘ am Ersten Weltkrieg. Eine derartige Kategorie gab es bis dahin gar nicht, hatten doch dem Codex der europäischen Staatenkriege gemäß souveräne Staaten das ‚ius ad bellum‘, sofern sie eine Verletzung ihrer Interessen begründen konnten. Dieses Recht zum Krieg galt 1914 am wenigsten für Großbritannien, denn das Vereinigte Königreich konnte mit keinem unmittelbaren Interesse oder Bündniszwang ein Eingreifen in einen lokalen Konflikt (zwischen Österreich-Ungarn und Serbien) begründen. Erst der britische Kriegseintritt aber machte aus dem Ursprungskonflikt ein globales Desaster."[25]

Warum aber Deutschlands Interessen am lokalen Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien schwerer wiegen sollten als Großbritanniens Interesse am Schicksal Frankreichs und Belgiens, sei dahingestellt – denn London intervenierte ja nicht in einem lokalen Krieg zwischen Österreich und Serbien, wie unterstellt wird, sondern in einem Konflikt zwischen Belgien, Frankreich und Deutschland. So spricht man London ab, es habe "einen gerechten, das heißt gerechtfertigten Krieg" geführt,[26] sieht aber in Deutschlands Handlungen eine durchaus gerechtfertigte Verteidigungstat. Hier ist man dann wieder bei den revisionistischen Argumenten der Zwischenkriegszeit, als deutsche Historiker und Publizisten versuchten, ihre Geschichtsinterpretation zur dominanten Sicht des Kriegsausbruchs zu machen – wie wir gesehen haben, durchaus mit Erfolg.

Fazit

Seit hundert Jahren ist die Frage nach der Ursache des Ersten Weltkrieges nicht nur Geschichtsschreibung, sondern auch von zeitgeschichtlicher Relevanz. In den 1920er Jahren waren es die Bemühungen, Deutschland von der Schuld und damit von den Reparationszahlungen freizusprechen. In den 1960er Jahren, während der Fischer-Kontroverse, war es die Sorge, wie man als geteilter Staat an der vordersten Front des Kalten Krieges bestehen konnte. Die Kubakrise gab damals Anlass, nach eventuellen Parallelen zur Julikrise zu suchen, und Fragen nach der jüngsten deutschen Vergangenheit führten zum Hinterfragen der Geschichte von Bismarck zu Hitler. Auch heute werden vermeintliche Parallelen zu zeitgenössischen Krisen gezeichnet. Man beruft sich auf den 11. September 2001 oder auf die europäische Finanzkrise der vergangenen Jahre, und es wird auch oft darauf verwiesen, dass der Balkan auch noch am Ende des 20. Jahrhunderts ein gefährliches Pulverfass war. Auch die Tatsache, dass Deutschland nach wie vor mit den "Herausforderungen der Position der Mitte" konfrontiert ist, wird heute verstärkt hervorgehoben.[27]

Es ist verständlich, dass die Debatte in den 1960er Jahren noch so emotional geführt wurde – hier stritten hauptsächlich noch Zeitzeugen und sahen sich gezwungen, ihre eigenen Handlungen oder die ihrer Väter zu rechtfertigen. Aber auch nach hundert Jahren, nachdem mit dem Tod des letzten Veteranen aus dem Ersten Weltkrieg dieser wirklich Geschichte geworden ist, tut es dem deutschen Nationalgefühl sichtbar gut, von der Kriegsschuld befreit zu sein, und das erklärt sicherlich, warum vielerorts die These des in den Krieg schlafwandelnden Europas willkommen ist. Nicht jeder hält sie für überzeugend,[28] und es ist unwahrscheinlich, dass zum Thema Kriegsursache das letzte Wort geschrieben oder gesprochen ist; fraglich ist allerdings, ob in Zukunft wirklich neue Erkenntnisse die Debatte bereichern werden.

Fußnoten

24.
Zit. nach: Simon Walters, "I wanted to thump anyone who said my son’s death might have a silver lining", 18.1.2014, http://www.dailymail.co.uk/news/article-2541909« (20.3.2014).
25.
Dominik Geppert/Sönke Neitzel/Cora Stephan/Thomas Weber, Warum Deutschland nicht allein schuld ist, 4.1.2014, http://www.welt.de/article123516387« (20.3.2014).
26.
C. Stephan (Anm. 17).
27.
H. Münkler (Anm. 18), S. 24.
28.
Für eine andere Interpretation vgl. zum Beispiel Annika Mombauer, Die Julikrise. Europas Weg in den Ersten Weltkrieg, München 2014.
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Autor: Annika Mombauer für bpb.de
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