Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.
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Der historische Ort des Ersten Weltkrieges in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts


10.4.2014
Der Erste Weltkrieg gilt als Auftakt des "Zeitalters der Extreme", und George Kennans Verdikt von der "Urkatastrophe" gehört schon lange zum Kanon geschichtspolitischen Denkens. Der Historiker Bernd Wegner hat unlängst freilich angemahnt, die Jahre 1914–1918 nicht nur als Vorläufer von 1939–1945 zu sehen, ja er hat darauf hingewiesen, dass es sich um sehr verschiedene Konflikte handelte, anders als es die Benennung nach Erstem und Zweitem Weltkrieg eigentlich nahelegt. Der Zweite Weltkrieg, so Wegner, sei vielmehr der erste wirklich globale Konflikt der Menschheitsgeschichte gewesen, weil sich hier europäische und außereuropäische Konflikte miteinander verbanden, während der Erste Weltkrieg der letzte einer Reihe eher konventioneller Kriege europäischer Großmächte des 18. und 19. Jahrhunderts gewesen sei.[1]

Ganz gleich, ob man diese Argumentation für schlüssig hält oder nicht – und es gibt gute Gründe, bei den konventionellen Bezeichnungen zu bleiben – ist sie ein bedenkenswertes Plädoyer, den Konflikt von 1914–1918 nicht nur als eine Art Probelauf für Völkermord und Radikalisierung militärischer Gewalt im 20. Jahrhundert zu verstehen. Mittlerweile ergibt sich durch die sehr umfangreiche Forschung zu den Weltkriegen, darunter etliche vergleichende Studien, ein weit differenzierteres Bild, das es uns erlaubt, neben den Parallelen und den Verbindungslinien auch die großen Unterschiede in den Blick zu nehmen. Die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts lässt sich damit tiefenschärfer denn je fassen.

Irreguläre Gewalt



Im 19. Jahrhundert hatte man erstmals versucht, dem Krieg Regeln zu geben. Die Genfer Konventionen von 1864 und 1906, die Haager Landkriegsordnung von 1907 und die Londoner Seerechtsdeklaration von 1909 waren sichtbare Zeichen jahrzehntelang international geführter völkerrechtlicher Debatten. Ob es wirklich gelang, den Krieg einzuhegen, kann man schon mit Blick auf den Amerikanischen Bürgerkrieg 1861–1865, den Taiping-Aufstand in China 1851–1864, die europäischen Kolonialkriege oder die beiden Balkankriege 1912/1913 in Zweifel ziehen. Es gab kaum keine Gräueltat, die hier nicht verübt wurde. Allerdings verliefen die Konflikte zwischen den Großmächten vom Krimkrieg von 1853–1856 bis zum russisch-japanischen Krieg 1904/1905 eher gemäßigt. Gewiss starben Hunderttausende Soldaten, Verbrechen blieben aber die Ausnahme. Dies lag vor allem wohl daran, dass die Kämpfe nur von kurzer Dauer und regional begrenzt waren. Das volle Gewaltpotenzial, welches auch diese Konflikte schon in sich trugen, kam deshalb nicht zur vollen Entfaltung.

Der Erste Weltkrieg begann als ein Krieg des 19. Jahrhunderts, und nach menschlichem Ermessen hätte er nach wenigen Monaten eigentlich vorbei sein müssen. Ende 1914 waren die Munitionsvorräte verschossen, die Soldaten desillusioniert und Politiker wie Militärs am Ende ihres Lateins. Niemand hatte ein Konzept, wie der Sieg errungen werden konnte. Hätten sich die Monarchen wie in früheren Jahrhunderten auf ein Unentschieden geeinigt und den Status quo ante bekräftigt, die Büchse der Pandora wäre nicht geöffnet worden. Erst der jahrelange Kampf der Groß- und Mittelmächte schuf die Rahmenbedingungen für den totalen Krieg, von dem die Zeitgenossen unter dem Eindruck der Ereignisse 1916 zum ersten Mal sprachen.

Für die Gewaltgeschichte der Moderne ist bedeutend, dass während des Ersten Weltkrieges die Unterscheidung zwischen Kombattant und Nichtkombattant merklich verwischte.[2] 40 Prozent aller Kriegstoten waren Zivilisten. Gewalt, Flucht, Vertreibung und Hunger erreichten neue Dimensionen – allen voran ist der Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich zu nennen. Aber auch im Westen gerieten Zivilisten ins Visier der Militärmaschinerie. Die britische Blockade, der uneingeschränkte U-Boot-Krieg der Mittelmächte und die Bombardierung britischer und französischer Städte durch deutsche Zeppeline verstießen allesamt gegen das Völkerrecht und richteten sich primär gegen die Zivilbevölkerung. Die Beispiele verdeutlichen: Wer über ein Kriegsmittel verfügte, setzte es ein. Die Briten kontrollierten die Nordsee, also schnitten sie das Deutsche Reich vom Überseehandel ab, auch wenn sie Schiffe mit rein ziviler Ladung eigentlich hätten passieren lassen müssen. Die Folgen waren verheerend: Die Mortalität der deutschen Bevölkerung nahm rapide zu. Hunderttausende starben an den Folgen der Mangelernährung – vor allem ältere Menschen. Freilich war dies nicht nur eine Folge der Blockade, sondern auch der chaotischen Verteilungsorganisation deutscher Behörden. Das Deutsche Reich erklärte im Gegenzug die britischen Inseln zum Blockadegebiet und griff mit seinen U-Booten britische Handelsschiffe immer wieder ohne Warnung an, was nach geltendem Seerecht strikt untersagt war. Ab dem 1. Februar 1917 wurden sogar neutrale Frachter attackiert, um diese vom Handel mit Großbritannien abzuhalten. 28.000 zivile Seeleute starben im Ersten Weltkrieg durch deutsche U-Boot-Angriffe. Die Empörung über den U-Boot-Krieg gegen die zivile Schifffahrt war in den USA so groß, dass der Kriegseintritt der Vereinigten Staaten 1917 unvermeidbar war, selbst wenn Präsident Woodrow Wilson diesen Schritt ursprünglich wohl lieber vermieden hätte.

Jede Kriegslist und jede neue Waffe wurde bald vom Gegner kopiert, und so etablierte sich jenseits der öffentlichen Empörung bald ein von allen Kriegsparteien getragener neuer Kriegsbrauch. Die Gewalteskalation lässt sich etwa am Beispiel chemischer Waffen zeigen. Bereits im August 1914 verwendete die französische Armee versuchsweise Tränengas. Die Deutschen verschossen im Oktober 1914 an der West- und im Januar 1915 an der Ostfront in größerem Umfang Gasgranaten, die aber wirkungslos waren. Schließlich brachten sie am 22. April 1915 bei Ypern (Belgien) zum ersten Mal das tödliche Chlorgas zum Einsatz. Die Westmächte reagierten rasch, und fortan gab es einen Wettlauf um das giftigste Kampfgas. Allein an der Westfront forderte der Gaskrieg etwa 20.000 Tote und 500.000 Verwundete.[3]

Auch in der Luft wurde der Krieg in eine neue Dimension getragen. Aus bescheidenen technischen Anfängen entwickelten sich bald mehrere Tausend Flugzeuge umfassende Streitkräfte, die vor allem über den Schlachtfeldern eingesetzt wurden. Schon im September 1914 griffen deutsche Zeppeline aber auch Paris und ab Januar 1915 englische Städte an. Die Schäden waren zwar überschaubar, dennoch trugen die Angriffe zur Totalisierung des Krieges bei. Die Absicht war nämlich meist, die Zivilbevölkerung zu terrorisieren und so deren Durchhaltewillen zu schwächen. 1600 britische Zivilisten kamen im Ersten Weltkrieg durch deutsche Bomben ums Leben – alliierte Luftangriffe auf deutsche Städte forderten etwa 800 zivile Todesopfer.[4] In Anbetracht des verheerenden Luftkrieges im Zweiten Weltkrieg mögen diese Zahlen nicht sehr beeindruckend sein. Es war gleichwohl nur die wenig ausgereifte Technik, die der Eskalation Grenzen setzte. Der Wille dazu war vorhanden. Die erste große alliierte Luftoffensive gegen deutsche Städte, die auch die Moral der Bevölkerung hätte brechen sollen, wurde nur durch den Waffenstillstand im November 1918 verhindert.[5] Auch hier zeigte sich wieder: Sobald eine neue Waffe einen Vorteil versprach, wurde sie auch eingesetzt, und niemand scherte sich mehr um rechtliche Bedenken.

Eines der aufsehenerregenden Kriegsverbrechen des Ersten Weltkrieges war die Ermordung von Zivilisten unmittelbar im Frontgebiet. Beim Einmarsch nach Belgien und Nordfrankreich im August und September 1914 töteten deutsche Soldaten rund 6.400 Belgier und Franzosen. Ausgelöst durch eine Spionage- und Partisanenpsychose der unerfahrenen Truppen, die überall Hinterhalte witterten, kam es stellenweise zu wahren Gewaltorgien. Zwar waren Zivilisten oder nicht als Soldaten erkennbare Angehörige der belgischen Garde Civique tatsächlich am Widerstand gegen die vorrückenden deutschen Truppen beteiligt und trugen so zur Gewalteskalation bei. Die Hauptschuld traf aber unzweifelhaft die hypernervösen und unter Zeit- und Erfolgsdruck stehenden deutschen Einheiten, die selbst die nichtigsten Vorfälle zum Anlass nahmen, die belgische Zivilbevölkerung zur Rechenschaft zu ziehen.[6] Zu ähnlichen Vorfällen kam es im August 1914 beim Einmarsch russischer Truppen nach Ostpreußen – wo zwischen 1.500 bis 6.000 deutsche Zivilisten getötet wurden – und österreichisch-ungarischer Einheiten nach Serbien, später dann auch in Galizien.

Offenbar war die Partisanenpsychose ein Phänomen des Bewegungskrieges, das verschwand, sobald die Fronten erstarrten.[7] Die Ermordung von Zivilisten kam daher vor allem an der Ostfront und auf dem Balkan vor, wo der Krieg bis Ende 1916 über große Distanzen hinweg geführt wurde. Die ausgeprägte ethnische und religiöse Vielfalt in dieser Region und die damit verbundenen rassistischen und nationalistischen Feindbilder heizten die Gewalt weiter an. In Serbien, Montenegro und Albanien gab es zudem – anders als in Belgien oder Frankreich – eine Kultur des bewaffneten Widerstands.[8] So kam es auf dem Balkan zu einem veritablen Guerillakrieg gegen die Besatzungsherrschaft der Mittelmächte, der im Februar und März 1917 im serbischen Toplica-Aufstand seinen Höhepunkt erreichte. Bulgarische Einheiten, unterstützt von österreichisch-ungarischen und deutschen Truppen schlugen ihn blutig nieder. 20.000 Menschen wurden getötet, die meisten von ihnen unbeteiligte Zivilisten.[9] In Belgien und Nordfrankreich gab es hingegen keine Aufstände und somit auch keine Partisanenbekämpfung der deutschen Besatzer. Diese trachteten vor allem danach, das Gebiet wirtschaftlich auszubeuten, was die Lebensbedingungen der einheimischen Bevölkerung drastisch verschlechterte.

Die zahlenmäßig größte Opfergruppe irregulärer Gewalt im Ersten Weltkrieg waren die Kriegsgefangenen. Laut Haager Landkriegsordnung von 1907 hatten die Kriegsparteien ihre Gefangenen "menschlich" zu behandeln. Zwischen 6,6 und 8 Millionen Soldaten gerieten zwischen 1914 und 1918 in Gefangenschaft. Niemand war auf ein solches Massenphänomen vorbereitet, und insbesondere die Mittelmächte und Russland hatten aufgrund der schwierigen Ernährungslage erhebliche Probleme, ihre riesigen Gefangenenheere zu versorgen. Knapp 136.000 Gefangene starben in deutschem Gewahrsam, 650.000 in russischen und 400.000 in österreichisch-ungarischen Lagern. Die Todesraten bei den anderen Gewahrsamsmächten lagen deutlich niedriger.[10] Ob dies primär an den viel kleineren Kontingenten sowie der allgemein deutlich besseren Versorgungslage in Großbritannien und Frankreich lag oder aber an einer anderen Gewaltbereitschaft, ist in der Forschung nach wie vor umstritten.[11]


Fußnoten

1.
Vgl. Bernd Wegner, Der Globale Krieg, Vortrag am 20.2.2014 in Frankfurt/M.; Hans Riebsamen, Keine Schlafwandler, sondern Zocker, in Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 22.2.2014, S. 45; Bernd Wegner, Wann begann und wann endete der Zweite Weltkrieg?, in: FAZ vom 12.8.2009, S. 3.
2.
Oswald Überegger bereitet eine grundlegende Studie zu den Kriegsverbrechen im Ersten Weltkrieg vor. Vgl. seinen luziden Forschungsüberblick: Oswald Überegger, "Verbrannte Erde" und "baumelnde Gehenkte". Zur europäischen Dimension militärischer Normübertretungen im Ersten Weltkrieg, in: Sönke Neitzel/Daniel Hohrath (Hrsg.), Kriegsgreuel. Die Entgrenzung der Gewalt in kriegerischen Konflikten vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, Paderborn 2008, S. 241–278.
3.
Vgl. Dieter Martinez, Der Gaskrieg 1914–1918. Entwicklung, Herstellung und Einsatz chemischer Kampfstoffe, Bonn 1996, S. 9–28, S. 127–132.
4.
Grundlegend ist nach wie vor John H. Morrow, The Great War in the Air. Military Aviation from 1909 to 1921, Washington–London 1993.
5.
Vgl. Ralf Blank, Der strategische Luftkrieg gegen Deutschland, 1914–1918, S. 8, http://www.erster-weltkrieg.clio-online.de/_Rainbow/documents/einzelne/Luftkrieg14_181.pdf« (24.3.2014).
6.
Die wichtigste Studie zum Thema ist John Horne/Alan Kramer, Deutsche Kriegsgreuel 1914. Die umstrittene Wahrheit, Hamburg 2004.
7.
Vgl. O. Überegger (Anm. 2), S. 267.
8.
Vgl. Heiko Brendel/Emmanuel Debruyne, Resistance and Repression in Occupied Territories Behind the Western and Balkan Fronts, 1914–1918. A Comparative Perspective, in: Wolfram Dornik/Julia Walleczek-Fritz/Stefan Wedrac (Hrsg.), Frontwechsel. Österreich-Ungarns "Großer Krieg" im Vergleich, Wien u.a. 2014, S. 235–258.
9.
Vgl. Jonathan E. Gumz, The Resurrection and Collapse of Empire in Habsburg Serbia 1914–1918, Cambridge 2009, S. 192–213.
10.
Als Überblick vgl. Jochen Oltmer (Hrsg.), Kriegsgefangene im Europa des Ersten Weltkrieges, Paderborn 2006.
11.
Vgl. Heather Jones, Violence against Prisoners of War in the First World War. Britain, France and Germany, 1914–1920, Cambridge 2011; dazu auch Reinhard Nachtigals Rezension, in: Historische Zeitschrift, 296 (2013) 1, S. 244–247.
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