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Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.

10.4.2014 | Von:
Sönke Neitzel

Der historische Ort des Ersten Weltkrieges in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts

Unterschiedliche Kulturen der Gewalt?

In den Armeen des Ersten Weltkrieges gab es denkbar unterschiedliche Traditionen, Wertesysteme, Strukturen und Wahrnehmungsmuster. Doch erklären diese unterschiedlichen Kulturen auch die Gewaltentwicklung? Brachten die deutschen Soldaten belgische Zivilisten um, weil sie in der preußischen Armee zu besonderer Härte erzogen worden waren? Starben so viele Gefangene in Russland, weil es dort eine außergewöhnliche Gewaltkultur gab? Und töteten Briten und Franzosen deswegen weniger Gefangene, weil ihre Armeen zivilisierter oder zumindest weit mehr als anderswo der zivilen Kontrolle unterworfen waren? Kämpften also letztlich "die Guten" gegen "die Bösen"?

Der Vergleich der Mittelmächte mit den Westmächten wird freilich schon deshalb erschwert, weil sich deren Streitkräfte in sehr unterschiedlichen Situationen befanden: Frankreich und Großbritannien waren nie Besatzungsmächte und hatten auch keine Versorgungsengpässe zu überwinden. Dort, wo zumindest ansatzweise vergleichbare Rahmenbedingungen bestanden, erscheinen die Auslöser für die Gewaltausbrüche im Ersten Weltkrieg ähnlich. Guerillapsychosen gab es überall dort, wo ein schneller Bewegungskrieg geführt wurde; Massensterben von Kriegsgefangenen dort, wo die Verwaltung unterentwickelt oder die Versorgungslage schlecht war. Zivilisten wurden vor allem dort ermordet, wo es reale oder vermeintliche Aufstände gegen Besatzungsmächte gab und diese gar noch von ethnischen Konflikten angeheizt wurden. Der große Sonderfall ist der Genozid an den Armeniern, dessen Ausmaß im Ersten Weltkrieg singulär blieb.

Trotz aller Radikalität gab es 1914–1918 noch etwas, was später im Zweiten Weltkrieg gerade auf deutscher Seite vielfach fehlte: das Moment der Mäßigung. 1916 schickte die Reichsregierung die ersten polnischen Zwangsarbeiter nach Deutschland – beendete diese Praxis zumindest im Generalgouvernement Warschau aber sehr bald, als die Polen zu einem Verbündeten avancierten.[12] Die Proteste im In- und Ausland führten dazu, dass auch die 60.000 ins Reich verschleppten belgischen Zwangsarbeiter 1917 zurückgeschickt wurden. Und auch Gewaltexzesse bei der Aufstandsbekämpfung in der Ukraine mäßigten sich im Kampf gegen die Bolschewiki 1918 spürbar, nachdem die deutschen Truppen noch im Juni in Taganrog über 1.500 Gefangene exekutiert hatten.[13]

Die in der britischen und amerikanischen Forschung diskutierte These der besonders brutalen deutschen Gewaltkultur, die im deutsch-französischen Krieg 1870/1871 ihren Ausgang genommen und sich dann im Ersten Weltkrieg voll entfaltet habe,[14] erscheint allzu verkürzt, da sie in erster Linie auf extremen Beispielen beruht und keine hinreichenden internationalen Vergleiche vornimmt, die vor allem auch Ost- und Südosteuropa berücksichtigen sollten. Vergleicht man etwa die vielschichtige Besatzungsherrschaft der beiden Mittelmächte in Polen, stellt man keine grundlegenden Unterschiede in den Gewaltkulturen fest. Die Differenzen ergeben sich vielmehr aus den regional unterschiedlichen Bedingungen – etwa für die Versorgung der Zivilbevölkerung – und durch den Einfluss einzelner leitender Beamter und Offiziere auf die Praxis der Besatzung.[15] Der Blick auf das Zarenreich, wo die nicht-russische Zivilbevölkerung der westlichen Grenzregionen unter Spionageverdacht zu Hunderttausenden deportiert und insbesondere die Juden malträtiert wurden, offenbart noch viel radikalere Praktiken.[16] Aber auch hier ist zweifelhaft, ob dies auf eine originär russische Gewaltkultur zurückgeführt werden kann.

Spürt man nationalen Signaturen der Gewalt nach, so lohnt sich auch ein Blick über den Ersten Weltkrieg hinaus. Der von den Briten überaus scharf geführte Burenkrieg (1899–1902) oder die wenig bekannte Aufstandsbekämpfung im Irak 1920[17] lassen etwa die Vorstellung einer prinzipiell gemäßigten britischen Militärmacht fragwürdig erscheinen. Letztlich verhielten sich die Briten im Irak 1920 ähnlich wie die Deutschen in der Ukraine 1918. Eine Vielzahl von soziologischen, sozialpsychologischen und historischen Studien belegt, dass es keine einfachen Erklärungen für Kriegsverbrechen gibt, dass "Gut" und "Böse" keine geeigneten Untersuchungskategorien sind. Es gilt vielmehr, die komplexe Wechselwirkung kollektiver und persönlicher Dispositionen von Soldaten, der Befehlslage und den spezifischen örtlichen Situationen zu analysieren, die zu Gewaltausbrüchen führten. Zweifellos gab es in den Armeen des Ersten Weltkrieges unterschiedliche Sitten und Gebräuche und auch wechselnde Befehlslagen, etwa darüber, wie mit realen oder vermeintlichen Guerillakämpfern zu verfahren sei. Und dennoch scheint der wirkungsmächtigste Faktor die spezifische Situation gewesen zu sein, in der Armeen und Soldaten unterschiedlicher Kulturen dann sehr ähnlich – nämlich meist gewaltsam – reagierten.

Für alle Großmächte gilt gleichermaßen, dass der nicht enden wollende Kampf die Vorstellungen davon veränderte, wie ein Krieg zu führen sei. Die Mobilisierung und Kontrolle der Bevölkerung nahm erheblich zu, die Kriegsziele, aber eben auch die Kriegsmethoden wurden immer radikaler. Das beste Beispiel ist der uneingeschränkte U-Boot-Krieg, der nach zwei Jahren heftiger innerdeutscher Debatten im Februar 1917 begonnen wurde – wissend, dass es sich dabei um einen eklatanten Völkerrechtsbruch handelte. Doch 1917 schienen alle Mittel Recht, um das Ringen doch noch siegreich zu beenden. Der Weltkrieg, der zum Überlebenskampf hochstilisiert wurde, führte mit zunehmender Dauer zur Verschiebung der Maßstäbe von Recht und Unrecht. Und dennoch: Gräueltaten waren nicht das primäre Merkmal des Ersten Weltkrieges. Es war vielmehr der industrialisierte Massenkrieg in den Schützengräben, der eine neue Qualität und eine neue Quantität des Kampfes etablierte: die tagelange Kanonade Tausender Geschütze, die jeden Flecken Erde in eine leblose Mondlandschaft verwandelte, die Sturmangriffe Zehntausender Soldaten, die von Maschinengewehren niedergemäht wurden. Es waren diese Szenarien, die das Schreckensbild des Ersten Weltkriegs prägten.

Nachwirkungen

Massentod, Verwundungen und Entbehrungen gruben tiefe Spuren in die Seelen deutscher Soldaten. Und dennoch zeigen neue Studien, dass im November 1918 keinesfalls ein Millionenheer verrohter und gewaltbereiter Kämpfer nach Hause zurückkehrte.[18] Auch Hitler war am 11. November noch kein hasserfüllter Ideologe.[19] Noch wirkungsmächtiger als der Weltkrieg selbst war, dass es nach dem 11. November keinen Frieden gab. Dem Waffenstillstand an den Fronten folgte eine Vielzahl von blutigen Bürgerkriegen, Aufständen und zwischenstaatlichen Konflikten. Die Gewalterfahrungen der Nachkriegszeit radikalisierten das Denken der Zeitgenossen erheblich, und sie waren gekoppelt an eine sich immer stärker polarisierende Deutung des Weltkrieges: In Deutschland und Italien standen sich pazifistische und militaristische Interpretationen unversöhnlich gegenüber: "Nie wieder Krieg" auf der einen und "totaler Krieg" auf der anderen Seite.[20]

Wie wichtig die Deutung der Jahre 1914–1918 für den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts war, zeigte sich auch in Japan. Das Land hatte kaum Kämpfe zu bestreiten gehabt, und doch entfaltete der Erste Weltkrieg hier eine enorme Wirkung. Japan schien als nur schwach industrialisiertes Land einem modernen Konflikt nicht mehr gewachsen zu sein, so glaubten gerade etliche junge Offiziere. Wenn man schon nicht mit der Produktionskraft westlicher Wirtschaftsnationen mithalten konnte, so schlussfolgerten sie, müsste fortan eine überlegene Moral in die Waagschale geworfen werden. Mit Härte, Opferbereitschaft und unbedingtem Gehorsam würde es in einem künftigen totalen Krieg gelingen, einen materiell überlegenen Gegner zu besiegen. Für Japan war es fatal, dass sich diese Deutung innerhalb des Militärs schließlich durchsetzte und es den Streitkräften dann auch noch gelang, die eher auf Ausgleich orientierte politische Führung beiseite zu drängen. Die Zeit, in der sich Japan dem Westen als Kulturnation präsentieren wollte – so wie im russisch-japanischen Krieg und im Ersten Weltkrieg – war bald vorbei. Die japanische Armee zog fortan mit einem viel radikaleren Referenzrahmen in den Kampf. Zuerst bekamen dies 1937 die Chinesen zu spüren. Das bedeutete nicht, dass immer und überall Massaker begangen wurden – auch hier waren die situativen Einflussfaktoren sehr wichtig. Die Gewaltdispositionen waren indes ungleich größer als in der Zeit vor 1918.[21]

In Deutschland konnten sich im Laufe der 1920er Jahre die extrem nationalistischen Deutungen durchsetzen und damit auch die Vorstellung, dass der Weltkrieg deshalb verloren gegangen sei, weil man ihn nicht radikal genug geführt habe. Träger solcher Interpretationen waren vor allem die jungen Frontkämpfer und jene, die für den Fronteinsatz noch nicht alt genug gewesen waren. Aus beiden Kohorten rekrutierte sich der harte Kern der NS-Bewegung. Als Politiker, Militärs und Verwaltungsbeamte führten diese Männer wenige Jahre später ihren Krieg mit einer ganz anderen Radikalität und um ungleich radikalere Ziele. Dies zeigt schon der Blick auf den Holocaust und den Vernichtungskrieg in der Sowjetunion. In nahezu jedem Bereich war der Zweite Weltkrieg erheblich radikaler als der Erste, weil Grenzen der Gewaltanwendung von immer weniger Staaten akzeptiert wurden. Der Zweite Weltkrieg war somit nicht einfach die brutalere Fortsetzung des Ersten – er folgte in seiner ganzen Monstrosität einer eigenen Logik, in der Mäßigung kaum mehr vorgesehen war. Gewiss gab es auch im Ersten Weltkrieg Verbrechen, Mord und Verwüstung – mit dem Massenmord an den Armeniern sogar einen Genozid. Und doch kämpften die Monarchen der Jahre 1914 bis 1918 einen anderen Krieg als die Diktatoren der Jahre 1939 bis 1945.

Die Totalisierung des Krieges war aber nicht ausschließlich eine Folge der Ideologisierung der 1920er und 1930er Jahre. Sie ist nur in Verbindung mit den Erlebnissen von 1914–1918 zu verstehen. Der Erste Weltkrieg etablierte in vielen Bereichen einen neuen Kriegsbrauch, der fortan nicht mehr infrage gestellt wurde. Er modellierte das Vorstellbare neu – und dahinter ging man nicht mehr zurück. Die Versenkung von Handelsschiffen hatte seit 1915 zu einem internationalen Proteststurm geführt. Im Zweiten Weltkrieg scherten sich die Kriegsparteien darum nicht mehr und erachteten Handelsschiffe als legitime Ziele, die warnungslos versenkt wurden. Und auch im Luftkrieg war gleichsam der Geist aus der Flasche. Die Überzeugung, mit einem totalen Bombenkrieg gegen das feindliche Hinterland den langwierigen Stellungskrieg vermeiden und einen schnellen Sieg erzwingen zu können, überzeugte vor allem die Briten, die zudem 1920 im Irak gesehen hatten, wie wirkungsvoll sich Zivilisten aus der Luft bekämpfen ließen.

Viele Entwicklungsstränge der kriegerischen Gewaltentwicklung endeten 1945 – so etwa im Seekrieg – während andere fortwirkten. Die Überzeugung, dass sich die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten überlebt hatte, dass die Völker das eigentliche Ziel seien, war vielleicht die wirkungsmächtigste Folge des Ersten Weltkrieges, die über 1945 hinausreichte. Insofern war er in der Tat die vielzitierte Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts.

Fußnoten

12.
Vgl. Christian Westerhoff, Zwangsarbeit im Ersten Weltkrieg. Deutsche Arbeitskräftepolitik im besetzten Polen und Litauen 1914–1918, Paderborn 2012, S. 241ff.
13.
Vgl. Peter Lieb, Suppressing Insurgencies in Comparison: The Germans in the Ukraine, 1918, and the British in Mesopotamia, 1920, in: Small Wars & Insurgencies, 23 (2012), S. 627–647.
14.
Vgl. Isabelle V. Hull, Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany, Ithaca 2005; Robert M. Citino, The German Way of War: From the Thirty Years’ War to the Third Reich, Lawrence 2005. Dieser Befund gilt mit Abstrichen auch für Alan Kramer, Dynamic of Destruction: Culture and Mass Killing in the First World War, Oxford 2007.
15.
Vgl. Stephan Lehnstaedt, Fluctuating between "Utilisation" and Exploitation. Occupied East Central Europe during the First World War, in: Jochen Böhler/Włodzimierz Borodziej/Joachim von Puttkamer (Hrsg.), Legacies of Violence. Eastern Europe’s First World War, München 2014, S. 89–112; hierzu demnächst auch Lehnstaedts Habilitationsschrift "Habsburger, Hohenzollern, Hitler. Imperiale Politik in Polen in zwei Weltkriegen".
16.
Vgl. Alfred Eisfeld/Guido Hausmann/Dietmar Neutatz (Hrsg.), Besetzt, interniert, deportiert. Der Erste Weltkrieg und die deutsche, jüdische, polnische und ukrainische Zivilbevölkerung im östlichen Europa, München 2013; darin insbesondere den Beitrag von Pascal Trees, Russland und die deutsche Zivilbevölkerung im Königreich Polen während des ersten Weltkriegsjahres 1914/15, S. 199–230.
17.
Vgl. P. Lieb (Anm. 13).
18.
Vgl. Dirk Schumann, Gewalterfahrungen und ihre nicht zwangsläufigen Folgen. Der Erste Weltkrieg in der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Mai 2004, http://www.zeitgeschichte-online.de/thema/gewalterfahrungen-und-ihre-nicht-zwangslaeufigen-folgen« (24.3.2014).
19.
Vgl. Thomas Weber, Hitlers erster Krieg. Der Gefreite Hitler im Weltkrieg – Mythos und Wirklichkeit, Berlin 2011, S. 311–337.
20.
Vgl. Dirk Schumann, Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918–1933. Kampf um die Straße und Furcht vor dem Bürgerkrieg, Essen 2011.
21.
Vgl. Leonard A. Humphreys, The Way of the Heavenly Sword. The Japanese Army in the 1920’s, Stanford 1995, S. 180f.
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