Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.

10.4.2014 | Von:
Björn Opfer-Klinger

Der Krieg an der Peripherie – Mittelasien und Nordafrika

Was heißt Peripherie in einem Krieg, der ebenso im südlichen Finnland wie im Jemen ausgetragen wurde? Zählt zur Peripherie, wenn Japan nicht nur die deutschen "Schutzgebiete" in Ostasien eroberte, sondern mit Kriegsschiffen sogar im Mittelmeer eingriff?[1] Oder zählt zum Krieg an der Peripherie, wenn am 4. August 1917 ein deutsches U-Boot die liberianische Hauptstadt Monrovia beschoss, um die westafrikanische Republik von der Aufgabe ihrer Neutralität abzuhalten?

Unter Peripherie soll hier die Politik beider Kriegsfraktionen verstanden werden, entweder neutrale Staaten zur offenen Parteinahme zu bewegen oder Aufstände in den Kolonien des Gegners zu provozieren. Im Wettbewerb um die Parteinahme neutraler Staaten waren die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn zunächst in vielen Weltgegenden im Vorteil, da sie dort als Gegengewicht zu den britischen oder französischen Imperialbestrebungen geschätzt wurden. Im Laufe des Krieges erhöhte sich jedoch der wirtschaftliche Druck auf jene, die nicht mit der Welthandelsmacht Großbritannien und den USA (Kriegseintritt 1917) sympathisierten. Zudem beschädigte der unbeschränkte deutsche U-Boot-Krieg das Image der Mittelmächte in der neutralen Welt erheblich. Ein gutes Beispiel dafür ist das südostasiatische Siam, das heutige Thailand, dessen ursprünglich durchaus deutschfreundliche Regierung im Juli 1917 an der Seite der Alliierten in den Krieg eintrat. Sie entsandte sogar ein kleines Expeditionskorps auf den französischen Kriegsschauplatz. Es nahm zwar nicht mehr an den Kämpfen teil, war aber später an der alliierten Besetzung des Rheinlandes beteiligt.[2] Der chinesische Präsident Yuan Shikai erlaubte bereits seit 1916 den Westmächten die Anwerbung dringend benötigter chinesischer Arbeitskräfte, woraufhin über 140.000 Chinesen allein in Frankreich in der Industrie oder im Stellungsbau arbeiteten.[3] Andere Staaten wie Brasilien, Haiti oder Liberia beschränkten sich darauf, Eigentum der Mittelmächte zu beschlagnahmen und deren Staatsangehörige zu internieren. Exemplarisch werden in diesem Beitrag zwei Regionen beleuchtet, die lange Zeit Zankapfel der europäischen Imperialmächte gewesen sind: Mittelasien und Nordostafrika.

Deutsche und jungtürkische Revolutionierungsideen

In den Kriegsszenarien der Großmächte spielte die außereuropäische Welt nur eine marginale Rolle. Selbst für einen Krieg zwischen den jeweiligen Kolonien gab es keine Pläne. Das änderte sich allerdings bereits mit Fortschreiten der Julikrise. Angesichts des drohenden Zweifrontenkrieges konkretisierten sich in Deutschland nun die bislang eher verschwommenen Ideen von einer forcierten "inneren Zersetzung" des Gegners. Dazu zählte die mögliche Instrumentalisierung sozialrevolutionärer russischer Gruppen oder die Unterstützung georgischer und finnischer nationalistischer Bewegungen in Russland sowie irischer Nationalisten in Großbritannien.[4] Eine dritte Variante, die in den ersten beiden Kriegsjahren am aussichtsreichsten erschien, war die Destabilisierung des französischen und britischen Kolonialreichs. Besonders die überwiegend islamische Bevölkerung in Nordafrika und Indien schien dafür einen geeigneten Nährboden zu bieten. Visionen dieser Art waren reichlich verbreitet, es fehlten indes konkrete Pläne. Nichts war dafür im Sommer 1914 vorbereitet. Stattdessen seien, so der Historiker Gerd Koenen, die ersten Aktionen eher "aus der Not der Isolation geboren" und hätten reichlich "Züge einer hastigen Improvisation" getragen.[5]

Die Revolutionierungsidee gewann nicht zuletzt durch die Annäherung des Deutschen an das Osmanische Reich an Dynamik. Am 2. August 1914 schlossen beide ein Bündnis, drei Monate später trat das Reich am Bosporus offen in den Krieg ein. Tonangebend beim neuen Verbündeten war seit 1913 der extremistische, turknationalistische Flügel der heterogenen Reformbewegung der Jungtürken.[6] Formell herrschte allerdings seit einem halben Jahrtausend das Herrschergeschlecht der Osmanen, das zudem Anspruch auf das Kalifat über alle Muslime erhob, was die Fantasie von Orientbewunderern wie Wilhelm II. enorm befeuerte. Der deutsche Kaiser äußerte bereits am 30. Juli 1914, über die deutschen Konsulate in der Türkei und Indien solle nun "die ganze mohammedanische Welt" gegen England ("dieses verhaßte, verlogene, gewissenlose Krämervolk") zum Aufstand entflammt werden, "denn wenn wir uns verbluten sollen, dann soll England wenigstens Indien verlieren".[7] Entsprechend drängte die deutsche Politik den osmanischen Verbündeten, die Muslime zum "Heiligen Krieg" aufzurufen, was Sultan Mehmet V. dann auch über den Scheich al-Islām am 14. November 1914 tat.

Die Jungtürken verfolgten eine ehrgeizige Modernisierungspolitik im Inneren und propagierten eine panislamische Politik nach außen. Dabei unternahmen sie große Anstrengungen, ihren Einfluss besonders in Ägypten und Libyen auszubauen. Zentrales Instrument dabei war die Geheimorganisation Teşkliât-ı Mahsusa, die panislamische Propaganda, aber auch kleinere militärische Operationen und Spionage organisierte. Ihr Ziel war es, "die islamische Union und die Vereinigung der außerhalb der Türkei lebenden Türken unter dem Türkismus" zu verwirklichen.[8] Der Historiker Philip H. Stoddard beziffert die Mitgliederstärke der Organisation auf ihrem Höhepunkt 1916 auf etwa 30.000.[9] Nach dem Kriegseintritt 1914 weiteten sich diese Aktivitäten auch auf den Kaukasus und die Unterstützung pro-osmanischer Kräfte in Persien aus.

Aus deutscher Perspektive lag es nur nahe, die panislamischen Visionen der Jungtürken zu nutzen. Politisch bot sich zudem die Chance, bei einem Sieg den deutschen Einfluss in der persisch-arabischen Welt auf Kosten Großbritanniens beträchtlich auszubauen. Treibende Kraft wurde die eigens dafür gegründete Nachrichtenstelle für den Orient (NfO) unter Leitung des Islamwissenschaftlers Max von Oppenheim, in die sich bald viele namhafte Orientalisten und Forschungsreisende einbinden ließen. In Berlin wurde zudem versucht, unter den dortigen Ausländern für die Propaganda nutzbar zu machende Komitees ins Leben zu rufen (etwa das "Komitee für die Unabhängigkeit Georgiens", das "Persische Komitee" oder das "Indische Unabhängigkeitskomitee").[10]

Deutsche Interessen am Hindukusch

Zu den bekanntesten Operationen der NfO zählte der vom jungtürkischen Kriegsminister Enver Pascha initiierte Plan, über Afghanistan die britische Herrschaft in Indien ins Wanken zu bringen. Allerdings waren die Kenntnisse über das Land am Hindukusch in Deutschland mehr als dürftig. Entsprechend zeigte sich bald, wie schwierig es war, für ein solches Unternehmen geeignete Teilnehmer zu finden. Darüber hinaus kam es sowohl zu Kompetenzgerangel zwischen Generalstab und Auswärtigem Amt als auch zwischen Berlin und Istanbul. Die im September 1914 überhastet gestartete Expedition kam dadurch zunächst nicht über Bagdad hinaus. Anfang Januar 1915 zog sich die jungtürkische Führung, nicht zuletzt wegen des selbstherrlichen Auftretens der entsendeten Deutschen, ganz aus dem Unternehmen zurück. Stattdessen konzentrierte sie sich auf das neutrale Persien.[11]

Im Februar 1915 kam neuer Schwung in das festgefahrene Unternehmen, als sich indische Exilpolitiker anboten, zusammen mit einer deutschen Expedition nach Afghanistan zu reisen, um von dort eine Revolution in Indien zu organisieren.[12] Daraufhin entsandte das Auswärtige Amt eine zweite Mission, die sich mit den Resten der in Bagdad gestrandeten ersten Expedition vereinigte und tatsächlich am 26. September 1915 Kabul erreichte.

Afghanistan hatte in den vorangegangenen Jahrzehnten einen beträchtlichen Teil seines Gebietes an Britisch-Indien abtreten müssen. Entsprechend gab es eine starke Fraktion in der afghanischen Hauptstadt, die einem Zusammengehen mit dem Deutschen Reich nicht abgeneigt war.[13] Allerdings zeigte sich der herrschende Emir Habibollah nicht bereit, klar Position zu beziehen. Zwar kam es am 24. Januar 1916 zum Abschluss eines afghanisch-deutschen Vertrages, in dem das Deutsche Reich als erste europäische Großmacht das Land als souveränen Staat anerkannte. Eine eindeutige Festlegung auf einen Kriegseintritt Afghanistans fehlte jedoch in diesem Vertrag. Immer wieder hielt der Emir die Deutschen in der Frage sofortiger Kriegsvorbereitung hin. Stattdessen erhob er weitere, in absehbarer Zeit kaum erfüllbare Forderungen, unter anderem unmittelbare Unterstützung deutscher oder türkischer Truppen bei einem Angriff auf Britisch-Indien.[14] Enttäuscht verließ die deutsche Delegation schließlich wieder das Land. Auch die Hoffnung, mit der Installierung einer indischen Exilregierung in Kabul einen indischen Aufstand organisieren zu können, erfüllte sich nicht.[15] Erst nach dem Sturz und der Ermordung Habibollahs und der Inthronisierung seines Sohnes Amanollah kam es im Mai 1919 tatsächlich zu einem afghanisch-britischen Krieg, in dessen Folge Großbritannien gezwungen war, nun ebenfalls die afghanische Souveränität anzuerkennen.

Fußnoten

1.
Vgl. Harald Pöcher, Kriege und Schlachten in Japan, die Geschichte schrieben. Von 1853 bis 1922, Münster 2011, S. 90f.; Hugh Cortazzi/Gordon Daniels, Britain and Japan, 1859–1991: Themes and Personalities, London 1991, S. 205.
2.
Vgl. Orasa Thaiyanan, Die Beziehungen zwischen Thailand (Siam) und Österreich-Ungarn (1869–1917/19), Wien 1987, S. 59–62; Catthiyakorn Sasitharamas, Die deutsch-thailändischen Beziehungen in der Zeit der Weimarer Republik bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges, Hamburg 2012, S. 17ff.
3.
Vgl. Sebastian Conrad, Globalisierung und Nation im Deutschen Kaiserreich, München 2006, S. 226ff.
4.
Vgl. Felix Kloke, Von Innen schwächen – Von Außen besiegen. Aufstände im Feindesland deutscher Kriegsführung im Ersten Weltkrieg, München 2011.
5.
Gerd Koenen, Der Russland-Komplex. Die Deutschen und der Osten 1900–1945, München 2005, S. 76.
6.
Zu den Jungtürken vgl. Mehmet Hacısalihoğlu, Die Jungtürken und die Mazedonische Frage (1890–1918), München 2003; Hakan Gökpinar, Deutsch-türkische Beziehungen 1890–1914 und die Rolle Enver Paschas, Marburg 2011.
7.
Zit. nach: Marc Hanisch, Max Freiherr von Oppenheim und die Revolutionierung der islamischen Welt als anti-imperiale Befreiung von oben, in: Wilfried Loth/Marc Hanisch (Hrsg.), Erster Weltkrieg und Dschihad. Die Deutschen und die Revolutionierung des Orients, München 2014, S. 13–38, hier: S. 13.
8.
Taner Akçam, Armenien und der Völkermord. Die Istanbuler und die türkische Nationalbewegung, Hamburg 2004, S. 54. Vgl. auch Philip H. Stoddard, The Committee of Union and Progress, 1911–1918: A preliminary Study of the Teşkilat-ı Mahsusa, in: Carl Leiden (Hrsg.), The Conflict of Traditionalism and Modernism in the Muslim Middle East, Austin, TX 1966, S. 134–140.
9.
Vgl. Philip H. Stoddard, The Ottoman Government and the Arabs, 1911 to 1918. A Study of the Teşkilat-ı Mahsusa, Princeton, NJ 1963, S. 52.
10.
Vgl. Maren Bragulla, Die Nachrichtenstelle für den Orient. Fallstudie einer Propagandainstitution im Ersten Weltkrieg, Saarbrücken 2007, S. 24.
11.
Vgl. Michael Jonas/Jan Zinke, "Wir standen mit der Zukunft im Bunde". Rudolf Nadolny, das Auswärtige Amt und die deutsche Persienpolitik im Ersten Weltkrieg, in: W. Loth/M. Hanisch (Anm. 7), S. 61–90; Frederick Moberly, Operations in Persia 1914–1919, London 1987.
12.
Vgl. Raja Mahendra Pratap, My Life Story of Fiftyfive Years, December 1886 to December 1941, Dehradun 1947; Prithwindra Mukherjee, Les origines intellectuelles du mouvement d’indépendance de l’Inde, 1893–1918, Talmont-Saint-Hilaire 2010.
13.
Vgl. Oskar von Niedermayer, Unter der Glutsonne Irans, Hamburg 1925, S. 15f.
14.
Vgl. Alexander Will, Kein Griff nach der Weltmacht. Geheime Dienste und Propaganda im deutsch-österreichisch-türkischen Bündnis 1914–1918, Köln 2012, S. 257; Renate Vogel, Die Persien- und Afghanistanexpedition Oskar Ritter v. Niedermayers 1915/16, Osnabrück 1976, S. 89f., S. 94.
15.
Vgl. R. Vogel (Anm. 14), S. 172–180.
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