Leutnant der Reserve der Fußartillerie Franz Dischinger als vorgeschobener Beobachter mit Scherenfernrohr bei der Zielaufklärung und Lenkung des Artilleriefeuers an der Front bei Pareid, rund 25 Kilometer vor Verdun.
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Der Erste Weltkrieg in der internationalen Erinnerung


10.4.2014
Noch vor wenigen Jahren fand der Erste Weltkrieg kaum mehr Beachtung und galt als Stiefkind der aktuellen historischen Wahrnehmung in Deutschland. Hundert Jahre nach Beginn dieses "Weltenbrandes" hat sich das Thema jedoch zu einem medialen Großereignis entwickelt: In zahllosen Artikeln und Sonderbeilagen in Zeitungen und Magazinen, in Büchern, TV-Features und anderen Medienberichten wird auf die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" verwiesen, sodass bereits von einem "Trommelfeuer der Erinnerung" gesprochen wurde. Hat der Erste Weltkrieg tatsächlich diese große Bedeutung? Reicht nicht schon die bloße Erwähnung eines 100. Jahrestages aus, um eine Erinnerungslawine loszutreten, deren Gehalt letztendlich flach oder gar fragwürdig bleibt? Und besteht nicht die Gefahr, den Nationalsozialismus zu relativieren, wenn man sich eines Krieges erinnert, in dem alle irgendwie Opfer waren, und der Zeitbogen von 1914 bis 1945 gespannt wird? Um die wahre Bedeutung des Ersten Weltkrieges für die Menschheitsgeschichte zu verstehen, gilt es, ihn in seiner Komplexität zu begreifen und viele, teils unbearbeitete Aspekte zu erschließen.

Der Begriff "Weltkrieg" wurde nicht in der Rückschau geprägt, sondern bereits kurz nach dem Kriegsausbruch 1914, da er sich von Beginn an nicht auf Europa beschränkte. In Europa wurde nicht nur an der Westfront in Belgien und Frankreich und an der Ostfront, die vom Baltikum bis ans Schwarze Meer reichte, gekämpft, sondern auch auf dem Balkan, in den Alpen und bei den Dardanellen. Ebenso fanden Kämpfe in den deutschen Kolonien Asiens und Afrikas, auf dem Kaukasus und im Nahen Osten statt. Hinzu kam der global geführte Seekrieg. Die Fronten wurden auch mit Zeppelinen und immer größeren Flugzeugen überwunden, um militärische und nicht zuletzt zivile Ziele zu bombardieren. Bedenkt man die großen zivilen Verluste, ist die Entgrenzung des Krieges nicht nur räumlich zu verstehen.

Die Entente aus Großbritannien, Frankreich und Russland wurde durch ihre Kolonien mit Material, Hilfskräften und Soldaten massiv unterstützt. Dem Kriegseintritt der USA im Jahr 1917 folgten auch diverse unabhängige Staaten wie Brasilien, China, Liberia und Thailand. Der Erste Weltkrieg sollte jedoch nicht nur auf eine Abfolge von Schlachten reduziert werden: Die ökonomischen Auswirkungen waren so global wie vielfältig. Durch die alliierte Seeblockade waren die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn vom Welthandel weitestgehend ausgeschlossen, mit Auswirkungen nicht nur auf das rohstoffarme Deutschland, sondern auch auf Exportländer wie Chile. Japan und andere Staaten erlebten hingegen aufgrund des Kriegsbedarfs einen wirtschaftlichen Aufschwung. Doch häufig profitierten nur wenige Menschen direkt von dem wirtschaftlichen Zuwachs, während die fallende internationale Nachfrage nach Kriegsende zu Wirtschaftskrisen, Hunger und Revolten führte.

Zudem wird oft übersehen, dass der Erste Weltkrieg als Katalysator für zahlreiche Entwicklungen betrachtet werden kann: die Ablösung diverser Monarchien und Etablierung anderer Gesellschaftsmodelle wie Demokratie und Kommunismus; die Entstehung neuer Staaten im Baltikum, auf dem Balkan, in Zentraleuropa und im Nahen Osten; der Übergang von einer Klassen- in eine Massengesellschaft; der Anfang vom Ende des Kolonialismus; die Begründung kollektiver Sicherheitsstrukturen; und nicht zuletzt neue Entwicklungen in Kunst, Film, Fotografie, Musik, Wissenschaft, Technik und Medizin.

Wahrnehmungen des Krieges



Trotz seiner globalen Reichweite ist die Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges national konnotiert, häufig mit Schwerpunkten auf Schlachten oder Frontabschnitte mit den höchsten eigenen Verlusten. Zudem wird der Erste Weltkrieg meist als immobiler Grabenkrieg wahrgenommen – was für die Westfront und den Alpenkrieg zutrifft, nicht aber für andere Kriegsgebiete: Die Ostfront kannte etwa Phasen hoher Mobilität. Auch der Einsatz von Kampfgasen prägt die öffentliche Erinnerung, nicht zuletzt aufgrund des durch die Gasmaske entmenschlichten Antlitzes der Soldaten; die tatsächlichen Verluste waren vergleichsweise gering. Neue Waffen wie Flugzeuge und Panzer sowie der massenhafte Einsatz von Maschinengewehren unterstreichen die Wahrnehmung eines industriellen Tötens.

Die Westfront bestimmt die Erinnerung in vielen Ländern, wobei auch hier nationale Schwerpunkte gesetzt werden, etwa die Schlachten von Verdun (Frankreich, Deutschland), an der Somme, bei Passchendaele (Großbritannien) oder Arras (Kanada). Für Australien und Neuseeland prägt der fehlgeschlagene Invasionsversuch auf der Dardanellen-Halbinsel Gallipoli das Bild des Krieges, trotz der späteren höheren Verluste an der Westfront.[1] Für Italien, Österreich und Slowenien ist der Alpenkrieg an der Isonzofront von herausragender Bedeutung. Das ist insofern bemerkenswert, als etwa die Kämpfe der österreichisch-ungarischen ("kaiserlich und königlichen", k.u.k.) Armee an der Ostfront weitaus länger dauerten und höhere Verluste forderten. Auf dem Balkan wird der Erste Weltkrieg generell als Fortsetzung der Balkankriege (1912–1913) betrachtet, mit Auswirkungen auch auf die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart, während er in Asien und Afrika der "Krieg der Europäer" blieb.

Hierzulande ist die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft, den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust überdeckt worden. Dies ist wenig überraschend: Der dadurch verursachte Zivilisationsbruch war unermesslich, die zivilen wie militärischen Opferzahlen noch höher, Deutschland selbst wurde stark zerstört und für Jahrzehnte zwischen den beiden Machtblöcken des Kalten Krieges aufgeteilt. Die DDR übernahm dabei weitgehend die sowjetische Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges als die eines imperialistischen Krieges, mit dem man innerhalb des eigenen Staatsverständnisses keine Berührungspunkte sah. Der Schwerpunkt der Erinnerung lag auch hier auf den Geschehnissen von 1933 bis 1945.

Ferner fällt eine Sinnstiftung (Verteidigung gegen einen Angreifer, Bewahrung der Nation, gemeinsame Bewährung) angesichts eines verlorenen Krieges schwer. Die aus heutiger Sicht positiven Folgen des Krieges (Abschaffung der Monarchie, Gründung einer demokratischen parlamentarischen Republik) waren höchst umstritten und eigneten sich somit seinerzeit nicht für einen gemeinhin verbindenden Leitgedanken; zu unterschiedlich waren die Deutungen der zentralen Ereignisse durch die politischen Gruppen: Wer trug die Schuld am Ausbruch des Krieges? Warum erfolgte der militärische Zusammenbruch? Wer war für das Ende der Monarchie verantwortlich? Und nicht zuletzt: Wie sollte mit der Situation weiter verfahren werden? Weitgehende Einigkeit herrschte nur bei der Einschätzung der als ungerecht empfundenen Friedensbedingungen durch den Versailler Vertrag 1919.

Internationale Erinnerungskulturen



Für diverse Länder bleibt der Erste Weltkrieg der "Große Krieg": Belgien, Frankreich und Großbritannien hatten höhere Verluste als in jedem Krieg davor oder danach. Die Gebiete der Westfront waren großflächig verwüstet. Für die damaligen britischen Dominions Australien und Neuseeland war die Beteiligung am Ersten Weltkrieg – und der hohe Blutzoll – nationenbildend.[2] In all diesen Ländern sind für die kommenden Jahre Gedenkveranstaltungen mit zum Teil beachtlichem finanziellen Aufwand geplant.

Für Finnland sowie die Länder des Baltikums und des östlichen Europas hatte der Erste Weltkrieg wiederum eine staatenbildende Funktion. Dies betrifft auch die Staaten des Kaukasus und Zentralasiens, auch wenn deren Unabhängigkeit bald unterbrochen wurde. Im jeweiligen Gedenknarrativ wird nicht an den Weltkrieg, sondern an die ihm folgenden Unabhängigkeitskriege und -erklärungen erinnert. In der Sowjetunion und den von ihr abhängigen Staaten galt der Erste Weltkrieg als "imperialistischer Krieg", mit dem man nichts zu tun habe; die Erinnerung fokussierte sich auf den Bürgerkrieg ab 1917/1918 und die Staatsgründung 1922. Auch wenn im heutigen Russland die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg durch den noch verheerenderen Zweiten Weltkrieg überlagert wird, so plant doch die Regierung zahlreiche Veranstaltungen und die Errichtung neuer Museen und Denkmäler.

In den meisten Staaten des Nahen Ostens, Afrikas, Lateinamerikas und Asiens kommt dem Ersten Weltkrieg nur eine geringe Bedeutung in den Gedenknarrativen zu, trotz signifikanter Beteiligung am Krieg oder deutlicher Auswirkungen auf die jeweilige Geschichte. So basiert der Staatsgründungsmythos der modernen Türkei auf dem Befreiungskrieg von 1919 bis 1923, dem Vertrag von Lausanne 1923 und der Ausrufung der Republik im selben Jahr. Nicht selten tun sich jene Staaten mit einer nationalen Erinnerungskultur schwer, deren Soldaten auf beiden Seiten kämpften, wie etwa im Falle Polens und der Tschechischen oder Slowakischen Republik. In den beiden letztgenannten Ländern wurde der Erinnerungsschwerpunkt auf die für die Entente kämpfende "Tschechoslowakische Legion" gesetzt, im Gegensatz zu den für Österreich-Ungarn streitenden Soldaten. Neutrale oder am Krieg nur begrenzt beteiligte Staaten (etwa in Lateinamerika und Asien) kennen weitere, spezifische Gedenknarrative.

Die Erinnerungen der ehemaligen Kolonien an den Ersten Weltkrieg werden durch historische Überlagerungen, gesellschaftliche Spaltungen und die oft fehlende Verschriftlichung von Erlebnissen bestimmt. Die Kosten für den "Krieg der Europäer" auf afrikanischem Boden wurden vor allem von der indigenen Bevölkerung getragen, einschließlich oft zwangsrekrutierter Träger, Hilfskräfte und Soldaten, deren Zahl im siebenstelligen Bereich lag – ein Aspekt, der nach wie vor kaum wahrgenommen wird.[3] Für die afrikanischen Kriegsteilnehmer war der Einfluss des Ersten Weltkrieges maßgeblich für die Bildung eines politischen Bewusstseins und den Wunsch nach Selbstbestimmung – und somit ein Schritt auf dem noch langen Weg in eine nationale Unabhängigkeit. Jene Entkolonialisierung sowie die Befreiungs- und Bürgerkriege der folgenden Jahrzehnte bestimmen das dortige Gedenken.

Gemeinsam verbindliche Erinnerungskulturen gibt es also nicht. Gruppierungen wie "Sieger" und "Besiegte", "Commonwealth" und "andere Länder", "Europäer" und "Kolonien" sind zwar möglich und weisen jeweils Gemeinsamkeiten auf – doch ebenso auch wieder Unterschiede, die eine größere Festlegung unmöglich machen. Der verbindende Faktor sind die Opfer: Auch hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges sind die Toten vieler Länder nicht oder nicht vollständig erfasst. Auch an der Ostfront beruhen die Verlustzahlen oft nur auf vagen Schätzungen, und auch über zivile Verluste lassen sich nur selten gesicherte Aussagen treffen.[4]

Symbole der Erinnerung



Zahlreiche Gedenkstätten erinnern an den Ersten Weltkrieg. Das Konzept des zentralen nationalen Denkmals findet sich beispielsweise im Australian War Memorial in Canberra oder im Cenotaph in London. Das "Grab des Unbekannten Soldaten" bildete das Motiv für viele dieser Gedenkstätten (unter anderem in Paris, Rom und London). Jene entpersonalisierte Erinnerung hatte ihren Ursprung auch darin, dass viele Tote aufgrund der verheerenden Wirkung moderner Artillerie nicht mehr identifiziert werden konnten.

In Deutschland scheiterte der Versuch einer zentralen nationalen Erinnerungsstätte an den unterschiedlichen Deutungen des Ersten Weltkrieges in der Nachkriegszeit. 1927 wurde das Tannenberg-Denkmal beim heutigen Olsztynek (Polen) eröffnet, das jedoch deutschnational und später nationalsozialistisch konnotiert war. Das Erinnern erfolgte eher dezentral. So finden sich hierzulande (wie auch in Großbritannien, Belgien, Frankreich und Italien) in fast jeder Gemeinde Denkmäler für die jeweiligen lokalen Gefallenen beziehungsweise Kriegsteilnehmer. In Deutschland und Italien wurde das Gedenken von den Nationalsozialisten und den Faschisten instrumentalisiert: Neue Denkmäler betonten das vermeintlich Heroische des Krieges. Nach 1945 erhielten viele hiesige Denkmäler eine Erweiterung zur Erinnerung an die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Diese Umwidmung ist nicht unproblematisch, zumal, wenn das Gedenken an die Kriegstoten unreflektiert begangen wird und eine Unterscheidung der Kriege und Opfer kaum stattfindet.

Auch andere Länder kennen Probleme mit dem eigenen Gedenknarrativ: So finden sich in Nordirland – im Gegensatz zur Republik Irland – zahlreiche Denkmäler für den Ersten Weltkrieg, obwohl nicht nur Unionisten, sondern auch Republikaner der damals noch vollständig zum Vereinigten Königreich gehörenden Insel am Krieg teilnahmen. Der ursprünglich 1930 eingeweihte IJzertoren (Yserturm) im belgischen Diksmuide galt auch als Symbol für die Konflikte zwischen den Flamen und Wallonen, weshalb er 1946 – vermutlich von wallonischen Aktivisten – gesprengt wurde. Der heutige Yserturm wurde 1965 an fast derselben Stelle errichtet; aus den Überresten des alten Turms wurde ein "Friedenstor" gebaut.

Diverse Länder kennen Feier- und Gedenktage zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Der 11. November (Waffenstillstand 1918) wird als "Remembrance Day" im Vereinigten Königreich und im Commonwealth, als Feiertag "Armistice 1918" in Frankreich und Belgien und (mit geringerer Aufmerksamkeit) als Gedenktag "Veterans Day" in den USA begangen. Seit 2012 ist er auch ein Feiertag in Serbien. Der 25. April (Beginn der Gallipoli-Invasion 1915) ist für Australien und Neuseeland der Quasi-Nationalfeiertag "ANZAC Day".[5] In der Türkei wird am 18. März mit dem "Gedenktag der Gefallenen" an dieselbe Schlacht erinnert: 1915 scheiterte ein vorbereitender britisch-französischer Marineangriff auf die Dardanellen. In Armenien ist der 24. April (erste Verhaftungen von Armeniern 1915) der "Gedenktag für die Opfer des Völkermordes". Im Senegal wurde 2004 der 23. August als "Tag der senegalesischen Schützen" eingeführt, die für die französische Kolonialmacht in beiden Weltkriegen kämpften. Diverse Unabhängigkeitstage nehmen unmittelbaren Bezug auf die Folgen des Ersten Weltkrieges, so in Armenien, Aserbaidschan, Estland, Finnland, Georgien, Lettland, Litauen, Polen, in der Tschechischen Republik und der Ukraine. Einen Sonderfall stellt der 2010 in Ungarn eingeführte "Tag der nationalen Einheit" am 4. Juni dar: Er verweist auf die 1920 erfolgte Unterzeichnung des Vertrags von Trianon, durch den Ungarn mehr als zwei Drittel seines ursprünglichen Staatsgebiets und ein Drittel seiner ungarischen Bevölkerung verlor.

In Großbritannien und dem Commonwealth ist die Klatschmohnblume seit 1920 das zentrale Symbol für die Erinnerung an die Kriegstoten. Die Verwendung bezieht sich auf das Gedicht "In Flanders Fields" des kanadischen Sanitätsoffiziers John McCrae. Oft war die Mohnblume das einzige Zeichen von Leben auf den zerstörten Schlachtfeldern: Mohnsamen beginnen zu keimen, wenn sie gestört werden, was durch den Artilleriebeschuss fortwährend geschah. Das französische Pendant ist seit 1916 die Kornblume, die bleuet de France; auch die Soldaten wurden aufgrund der 1915 neu eingeführten blaugrauen Uniformen bleuets genannt.

Populäre Erinnerungskultur



Die Wahrnehmung des Ersten Weltkrieges wurde und wird nicht zuletzt durch seine Darstellung in der populären Erinnerungskultur geprägt. Im damals noch jungen Medium Film dominierten während des Krieges Propagandawerke wie "The Battle of the Somme" (UK 1916), "Fighting the War" (USA 1916) oder "Der magische Gürtel" (Deutschland 1917). In den 1930er Jahren entstanden kriegskritische und gleichzeitig filmhistorisch maßgebliche Werke, wie die Verfilmung von Erich Maria Remarques Roman "Im Westen nichts Neues" (USA 1930), Georg Wilhelm Pabsts "Westfront 1918" (Deutschland 1930) oder Jean Renoirs "La Grande Illusion" (Frankreich 1937). Heute stehen oft sensible Aspekte wie Kriegstraumatisierte, Verwundung, Militärjustiz und der Umgang mit aus "Feindesländern" stammenden Bevölkerungsteilen im Fokus. Beispiele hierfür sind "Un long dimanche de fiançailles" (Frankreich 2004), "La chambre des officiers" (Frankreich 2001), "Beneath Hill 60" (Australien 2010) oder "Passchendaele" (Kanada 2008).

In Ländern, in denen Graphic Novels eine höhere Aufmerksamkeit und Anerkennung genießen als in Deutschland, haben sich in den vergangenen Jahren diverse Autoren mit dem Ersten Weltkrieg auseinandergesetzt. In den französischen Werken überwiegt das Bild des sinnlosen Krieges und das Erleben des Individuums, wie in Jacques Tardis "Putain de Guerre!" (2008/2009) oder "On les Aura! Carnet de Guerre d’un Poilu" (2011) von Stéphane-Yves Barroux. Die textlosen Tableaus aus "The Great War" (2013) des maltesisch-amerikanischen Autors Joe Sacco konfrontieren den Betrachter mit differierenden Lesarten. In Belgien setzen sich die Autoren vornehmlich mit dem nationalen Opfermythos und den deutschen Zerstörungen und Massakern auseinander. Beispiele hierfür sind "Gewonde Stad" (2014) von Gerolf van de Perre und Johanna Spaey und "Afspraak in Nieuwpoort" (2011) von Ivan Petrus Adriaenssens.

Auch Computerspiele sind längst zu einem ernstzunehmenden Medium und Kulturgut geworden. Nur vergleichsweise wenige Spiele setzen sich jedoch mit dem Ersten Weltkrieg auseinander, wobei Flugsimulationen wie "Rise of Flight" (2009) und Strategiespiele überwiegen. Einige neue Projekte nutzen das Medium einfallsreicher als zur bloßen Reduktion auf den Kampf, wie das experimentelle "The Snowfield" (2011), einer Auseinandersetzung mit Traumatisierung, Überleben und Tod. 2014 wird "Valiant Hearts: The Great War" veröffentlicht, dessen Inhalt auf Feldpostbriefen und Tagebucheinträgen beruht. Auch hier geht es um das Überleben verschiedener Charaktere und nicht zuletzt um die Liebe zwischen einem deutschen Soldaten und einer Französin. Solche Spiele sind durchaus geeignet, den Ersten Weltkrieg einer jungen Generation näher zu bringen, mit alten, gerade in der Populärkultur verbreiteten Mythen aufzuräumen und dabei sensible Aspekte indirekt zu vermitteln – vorausgesetzt, sie nehmen ihren Inhalt entsprechend ernst.

Sensibilitäten



Angesichts der beschriebenen Vielschichtigkeit überrascht es nicht, dass der Erste Weltkrieg weiterhin mit diversen sensiblen, in der Regel national konnotierten Aspekten behaftet ist. Die Frage nach der Kriegsschuld ist erneut zu einem Thema geworden. Während zunehmend anerkannt wird, dass die hoch komplexe Entstehungsgeschichte dieses Krieges keine einfachen Antworten zulässt, bleibt die individuelle Wahrnehmung der jeweiligen nationalen Beteiligung am Kriegsausbruch höchst unterschiedlich. Gavrilo Princip, der Mörder des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Frau Sophie, wird je nach Sichtweise als Volksheld verehrt oder als Terrorist verachtet.

Insbesondere in Großbritannien wird diskutiert, ob der Krieg eine sinnlose Katastrophe mit Millionen von Opfern oder ob er gerecht und notwendig war. Konservative Positionen verweisen auf die Eindämmung des deutschen Expansionsdrangs und die Sicherung imperialer Interessen des Vereinigten Königreichs. Der Publizist Max Hastings geht noch weiter, indem er den Feind des Ersten mit dem des Zweiten Weltkrieges gleichsetzt, der 1945 endlich und endgültig niedergerungen werden konnte.[6] Hieraus ließe sich jedoch eine gefährliche Relativierung der durch Ideologie und Rassenwahn getriebenen nationalsozialistischen Gewaltherrschaft ableiten.

Die baltischen, zentral- und südosteuropäischen Nationen wurden nach dem Krieg mit dem Verweis auf nationale Selbstbestimmung in die Unabhängigkeit entlassen. Davon ausgenommen waren aber die Kolonien (auch die Deutschland abgenommenen Gebiete in Afrika und im Pazifikraum) sowie die aus der Zerschlagung des Osmanischen Reiches entstandenen Gebiete des Nahen Ostens: Jene waren 1916 im geheimen Sykes-Picot-Abkommen zwischen Frankreich und Großbritannien aufgeteilt worden – entgegen den Autonomieversprechungen an die arabischen Volksgruppen. Doch auch die Staatsgründungen in Europa verliefen nicht problemlos; bisweilen bestehen weiterhin Ansprüche auf Gebiete, die durch die verschiedenen Friedensverträge anderen Staaten zugeordnet worden sind.

Der Antisemitismus im Europa des frühen 20. Jahrhunderts wurde auch durch den Einsatz jüdischer Soldaten nicht gemindert. Die "Judenzählung" in den deutschen Truppen (ab November 1916) sollte vorgeblich dazu dienen, antisemitische Propaganda zu entkräften, Juden würden sich dem Kriegseinsatz entziehen. Trotz des eindeutigen Ergebnisses (die Anzahl jüdischer Soldaten entsprach ihrem Bevölkerungsanteil) war die Aktion kontraproduktiv: Jüdische Soldaten empfanden sie als entwürdigend, es kam zu antisemitischen Übergriffen, und statt die antisemitische Hetze zu beenden, entstand später die "Dolchstoßlegende", der zufolge "jüdische Bolschewisten" an der "Heimatfront" den Sieg des deutschen Heeres verhindert hätten. Andersgläubige wie Muslime wurden ohnehin kaum akzeptiert oder integriert, auch wenn im "Halbmondlager" in Wünsdorf bei Berlin für muslimische Kriegsgefangene die erste Moschee auf deutschem Boden errichtet wurde und sich in der k.u.k. Armee auch Feldrabbiner und Feldimame befanden. International wurde der Umgang mit Soldaten aus den Kolonien bisher nur wenig aufgearbeitet: In den nationalen Erinnerungsnarrativen sind sie kaum vorhanden, und bei Pensionsleistungen und im Invaliditätsfall waren sie oft schlechter gestellt, ganz abgesehen von den häufigen Zwangsrekrutierungen.

Zu den sensiblen Themen gehören auch Kriegsverbrechen und Massaker an der Zivilbevölkerung. So exekutierten insbesondere die k.u.k. Streitkräfte in der Ukraine, in Galizien und auf dem Balkan zahllose Menschen für deren angebliche Unterstützung des Feindes und vernichteten ganze Dörfer als "präventive Disziplinierungsmaßnahme". Jene Verbrechen und die Verachtung, die der oft ärmlichen Bevölkerung, insbesondere den sogenannten "Ostjuden", entgegengebracht wurde, waren deutliche Schritte zur Akzeptanz der nationalsozialistischen Ideologie der "slawischen Untermenschen" und für den späteren Vernichtungskrieg. Ähnliches gilt für die Kriegsverbrechen der deutschen Invasionstruppen im Westen: In den ersten Kriegswochen wurden allein in Belgien bis zu 6500 Zivilisten ermordet.

Der Einsatz chemischer Waffen, der uneingeschränkte U-Boot-Krieg und der Krieg aus der Luft gegen Zivilisten stellen weitere Kriegsverbrechen dar. Hier ist auch der türkisch-kurdische Umgang mit den Armeniern und Assyrern zu nennen, der durchaus genozidalen Charakter trägt: Während die Türkei der Deutung als Völkermord in aller Entschiedenheit widerspricht, steht dessen Leugnung in diversen Staaten unter Strafe. Weitere sensible Aspekte betreffen militärische Exekutionen und Meutereien, den Umgang mit Traumatisierten und Kriegsgefangenen, den Einsatz von Gräuelpropaganda sowie die Konstruktion von Heldenmythen.

Gemeinsame Botschaft?



Geschichte wird immer aus der Wahrnehmung der jeweiligen Gegenwart betrachtet; ungeachtet der "Fakten", bleibt sie doch ein fluides, sich im Verlauf der Zeit ständig wandelndes Konstrukt. Zudem sind Wahrnehmung, Einordnung und Bewertung von historischen Ereignissen stets national geprägt. Jeder Versuch, eine global-verbindliche kollektive Deutung zu erzeugen, wird scheitern, zumal bei einem solch komplexen Ereignis wie dem Ersten Weltkrieg. Dennoch können über die Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg gemeinsame Lehren gezogen werden, die über die triviale Erkenntnis hinausgehen, dass Krieg immer grausam ist und Leid und Trauer verursacht.

Etwa: Frieden und Versöhnung sind möglich. Die einstigen "Erbfeinde" sind heute trotz aller leidvollen Erfahrungen freundschaftlich und partnerschaftlich miteinander verbunden. Hierbei sind internationale Rechtssysteme und kollektive Sicherheitsstrukturen wichtige Instrumente, um Frieden und Entwicklung gemeinsam zu realisieren. Der 1920 gegründete Völkerbund war trotz seiner Unzulänglichkeiten ein wichtiger Schritt hin zu den Vereinten Nationen und zur Europäischen Union, deren integrative Wirkung trotz aller Schwierigkeiten und Krisen nicht unterschätzt werden sollte.

Wahrer und nachhaltiger Frieden, der nicht den Keim des nächsten Krieges in sich tragen soll, baut auf die Chance für einen Neubeginn, der auf gegenseitigem Respekt und Vertrauen basiert. Dies fällt durch das erzeugte Leid und die immensen Kosten nach jedem Krieg schwer, ist jedoch für einen tatsächlichen Frieden zentral. Der "Frieden in den Köpfen" kann allerdings nicht staatlich verordnet werden; vielmehr handelt es sich um eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung und Herausforderung. Die Gedenkjahre zum Ersten Weltkrieg sind somit als Chance zu verstehen, sich der Zäsur dieses globalen Ereignisses gemeinsam anzunähern, nicht zuletzt über den Austausch und die Anerkennung individueller Erfahrungen und Wahrnehmungen.

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Fußnoten

1.
Dieselbe Schlacht wurde in der Türkei nach dem Ort Çanakkale benannt, mit weitaus geringerer Bedeutung für das nationale Gedenknarrativ, trotz des seltenen osmanischen Sieges.
2.
Mit Abstrichen gilt dies auch für Kanada und das damals noch unabhängige Neufundland; allerdings wurde und wird der Krieg von anglophonen und frankophonen Kanadiern unterschiedlich gedeutet.
3.
Allein Frankreich setzte über 600.000 koloniale Arbeiter und Soldaten an der Westfront ein.
4.
Vgl. Gerhard Hirschfeld/Gerd Krumeich/Irina Renz (Hrsg.), Enzyklopädie Erster Weltkrieg, Paderborn 2009², S. 665f.
5.
ANZAC: 1915 eingeführtes Akronym für Australian and New Zealand Army Corps.
6.
Vgl. Max Hastings, Catastrophe 1914: Europe Goes to War, London 2013, S. XIX.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Martin Bayer für bpb.de