Eine Figur mit Hut und einem Fernglas steht am 13.07.2013 in Berlin zwischen Sträuchern und Bäumen in einem Garten einer Kleingartenanlage und schaut versteckt aus den Büschen heraus.

25.4.2014 | Von:
Ralf Bendrath

Überwachungstechnologien

Als die ersten Menschen einen Hügel erklommen, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen, nutzten sie bereits eine Überwachungsmethode. Im Militär kennt man entsprechend den Feldherrenhügel, der die gleiche Funktion hatte: eine weitere Sicht auf das gesamte Schlachtfeld. Zur Überwachungstechnologie wurde dies in dem Moment, als künstliche Erhebungen angelegt wurden. Bekannt sind die römischen Wachtürme am Limes. Hier hat sich in 2000 Jahren nicht viel verändert: Auch ein DDR-Wachturm an der innerdeutschen Grenze wandte dasselbe Prinzip an. Die zugrunde liegende Technologie ist ebenfalls ähnlich: Ob ein Wachturm aus Holz, Stein oder Beton gebaut wird, bedeutet keinen funktionalen Unterschied.

Im späten 18. Jahrhundert entstand allerdings eine Innovation, die auf einer grundlegend neuen Idee basierte. Jeremy Bentham, der Mitbegründer des britischen Utilitarismus, schlug vor, das Prinzip des Wachturms für geschlossene Disziplinaranstalten zu nutzen.[1] Das "Panoptikon" wurde als innovatives Prinzip des Gefängnisses bekannt und im 20. Jahrhundert nochmals durch Michel Foucaults Studien zur Disziplinargesellschaft[2] popularisiert. Es besteht aus einem kreisförmigen Gebäude, in welchem die Zellen ringförmig angeordnet sind. In der Mitte dieses Kreises steht ein Überwachungsturm, dessen Fenster durch Blenden und Spiegel so verborgen sind, dass die Insassen der Zellen die Wächter im Turm nicht sehen können, während sie selbst aber vom Turm aus gesehen werden können. Bentham hatte das Panoptikon explizit auch für Fabriken, Armenhäuser, Krankenhäuser und ähnliche Anstalten entworfen.

Die Technologie hinter dem Panoptikon war keineswegs neu. Neu war die spezifische Konfiguration, die für Vereinzelung und Asymmetrie sorgte. Die Insassen waren alleine in ihren Zellen und konnten untereinander nicht kommunizieren. Sie konnten dagegen jederzeit von der Aufsichtsperson in der Mitte gesehen werden. Da ein Insasse nicht wissen konnte, ob zu einem gegebenen Zeitpunkt die Aufsichtsperson auch wirklich auf ihn blickt, musste er davon ausgehen, dass es immer der Fall sein konnte, und sein Verhalten entsprechend anpassen. Das Panoptikon führte mittels asymmetrischer Überwachung zu verinnerlichter Kontrolle und stellte aus Benthams Sicht eine humanere Art der Disziplinierung dar als die bis dahin üblichen Züchtigungen. Der Kern moderner Überwachung war darin schon angelegt: Machtausübung durch asymmetrische Beobachtung statt durch unmittelbare körperliche Einwirkung.

Stadtsoziologen bezeichnen unsere Großstädte bereits als urbane Panoptikons, weil sie mit immer mehr Überwachungskameras ausgestattet sind. Auch hier sieht man den Überwacher nicht, sondern nur seinen Beobachtungsapparat, und man weiß nie, ob gerade jemand zuschaut. In Städten ist die Überwachung zwar dezentraler als im ursprünglichen Panoptikon, und auch sonst sind Vergleiche mit dem Modell des 18. Jahrhunderts schwierig.[3] Aber die Gestaltung der Architektur nach den Prinzipien der Überwachung verweist auf die Bedeutung der Technikgestaltung, nicht des Technikdeterminismus, in den Architekturen der Überwachung.

Ausweitung über Raum und Zeit

Andererseits haben technische Entwicklungen immer wieder einen Einfluss auf die Möglichkeiten und Praktiken der Überwachung gehabt. Man kann sie als "disruptive Technologien" bezeichnen, die entsprechend sozial umkämpft sind.[4] Als Reaktion auf neue Technologien des Aufzeichnens und Verbreitens von Informationen kann so auch die Erfindung der Privatsphäre als Grundrecht illustriert werden. Der im Jahr 1890 erschienene Artikel "The Right to Privacy" des Anwalts Samuel Warren und des späteren Verfassungsrichters Louis Brandeis[5] gilt bis heute als juristischer Gründungsakt für den Schutz der Privatsphäre.

Den Anstoß gaben zwei technologische Entwicklungen: Kurz zuvor hatte die Eastman Dry Plate Company unter dem Produktnamen Kodak die ersten Handkameras auf den Markt gebracht. Diese neuen Geräte erlaubten erstmals so etwas wie Schnappschüsse. Das wiederum führte zu einem Problem für die damalige gesellschaftliche Elite: Findige Reporter schossen mit diesen Kameras heimlich Fotos von den Partys der Bostoner Oberklasse.[6] Bereits 1884 war die Linotype-Setzmaschine auf den Markt gekommen, was zu einem rasanten Wachstum der Anzahl und Auflagenstärke der Tageszeitungen führte. Also erschienen die Fotos der privaten Feiern gesellschaftlicher Eliten in den Bostoner Zeitungen. Diese waren gar nicht erfreut über diesen Zustand, und als Reaktion entwickelten Warren und Brandeis in ihrem Aufsatz die juristische Fundierung von Privatheit und Privatsphäre, die auch die berühmte Formel enthält vom "right to be let alone".[7]

Technologien der Überwachung können also drei Elemente enthalten: Das Beobachten fand zunächst vor Ort, also lokal und gegenwärtig statt. Mit der Kamera als Technologie der Aufzeichnung wurde die Beobachtung speicherbar, also mobil in der Zeit. Mit der Zeitungspresse und der Post als Technologien des Verbreitens von Informationen wurde die Aufzeichnung darüber hinaus mobil im Raum. Daran hat sich bis heute grundsätzlich wenig geändert. Die der Digitalkamera und dem Internet gemeinsame technologische Grundlage des Computers macht den Schritt von der Aufzeichnung zur Verbreitung lediglich müheloser. Durch die Verbreitung von Digitalkameras und Internet wird somit auch Überwachung grundsätzlich durch alle möglich. Dazu gibt es bereits den Begriff der "Sousveillance" – die Beobachtung von unten, also aus einer Position der geringeren Macht.[8]

In der Tat scheint dies ein gängiges Muster zu sein: Neue Kommunikationstechnologien sind janusköpfig. Sie erweitern den Horizont, bringen Menschen zusammen und ermöglichen die Mobilität von Kommunikation und Information durch Zeit und Raum. Gleichzeitig ermöglichen sie, private oder geheime Informationen über Menschen aufzuzeichnen und zu verbreiten.

Der Telegraf, erfunden vor mehr als 170 Jahren, bildete das erste weltumspannende Netzwerk zum Austausch von Textnachrichten. Zu Recht ist er als das "Viktorianische Internet" bezeichnet worden.[9] Er beschleunigte und intensivierte Diplomatie und Handel zwischen den USA und Europa, sorgte aber auch dafür, dass die britischen Kolonien noch besser überwacht und kontrolliert werden konnten. Wurde er noch von Telegrafenstationen aus betrieben, ist sein Nachfolger, das Telefon, stärker in den privaten Bereich eingedrungen. Wer es sich leisten konnte, telefonierte von zuhause aus.

Damit wurde aber auch die Überwachung des privaten Bereichs erstmals technisch möglich. Schnell wurden Apparate entwickelt, um Telefongespräche aufzuzeichnen. Das Poulsen Telegraphone aus dem Jahr 1898 erlaubte erstmals magnetische Tonaufzeichnungen. Es wurde unter anderem als erster Anrufbeantworter genutzt, aber auch für die Überwachung durch Polizeibehörden. Besonders populär war für eine Weile das Minifon aus den 1950er Jahren. Aufgrund seiner kleinen Baugröße wurde es unter anderem zu Spionagezwecken eingesetzt, wofür reichhaltiges Zubehör angeboten wurde, etwa als Armbanduhr oder als Krawattennadel getarnte Mikrofone, aber eben auch als kleine Induktionsspulen, die Gesprächsmitschnitte über die Abstrahlung des Telefon-Transformators erlaubten.[10]

Beobachten (oder die akustische Variante: das Abhören), Aufzeichnen und Verbreiten wurden durch elektronische und elektromagnetische Technologien einfacher, und dieselben Technologien erlaubten überhaupt erst die Arten der Kommunikation, die dann wiederum überwacht werden konnten.

Fußnoten

1.
Vgl. Jeremy Bentham, The Panopticon Writings, hrsg. von Miran Bozovic, London 1995, S. 29–95.
2.
Vgl. Michel Foucault, Überwachen und Strafen, Frankfurt/M. 1977.
3.
Vgl. Hille Koskela, "Cam Era" – the contemporary urban Panopticon, in: Surveillance & Society, 1 (2003) 3, S. 292–313.
4.
Vgl. Matthias Klang, Disruptive Technology, Göteborg 2006.
5.
Vgl. Samuel D. Warren/Louis D. Brandeis, The Right to Privacy, in: Harvard Law Review, 4 (1890) 5, S. 193–220.
6.
Vgl. William L. Prosser, Privacy, in: California Law Review, 48 (1960) 3, S. 383–423.
7.
S.D. Warren/L. D. Brandeis (Anm. 5), S. 193.
8.
Vgl. Steve Mann/Jason Nolan/Barry Wellman, Sousveillance, in: Surveillance & Society, 1 (2003) 3, S. 331–355.
9.
Tom Standage, The Victorian Internet, New York 1998.
10.
Vgl. Roland Schellin, Minifon, Idstein 2001.
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