Eine Figur mit Hut und einem Fernglas steht am 13.07.2013 in Berlin zwischen Sträuchern und Bäumen in einem Garten einer Kleingartenanlage und schaut versteckt aus den Büschen heraus.

25.4.2014 | Von:
Armin Wagner

Der Fall "Antenne". Motiv und Praxis von Spionage im Kalten Krieg

Populäre Einführungen in die Geschichte von Geheimdiensten versäumen selten, darauf hinzuweisen, dass am Anfang aller Spionage die militärische Aufklärung des Feindes stand. Auch im Deutschland des Kalten Krieges besaß diese erheblichen Stellenwert. Im Mittelpunkt der militärischen Aufklärung des Westens in der DDR lag die Gewinnung von Informationen über Gliederung, Organisation, Dislozierung und Personal der dort stationierten sowjetischen Truppen. Das geschah besonders mit technischen Mitteln, aber auch mithilfe menschlicher Quellen. Im Folgenden werden Motiv und Praxis einer nachrichtendienstlichen West-Ost-Verbindung zur Ausspähung der sowjetischen Streitkräfte in den 1980er Jahren skizziert. Im Mittelpunkt steht die Tätigkeit einer DDR-Bürgerin im Auftrag eines US-Geheimdienstes. Zumindest in Konturen können dabei die Arbeitsweise der US-Nachrichtendienste in der Militärspionage und Maßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (MfS) zur Abwehr eben dieser Spionage skizziert werden.[1]

Eine Spionin wird entdeckt. Am 25. Juli 1986 legte die Abteilung II der Bezirksverwaltung Dresden des MfS – zuständig für Spionageabwehr – einen neuen "Operativen Vorgang" an. Während routinemäßiger Ermittlungen zu nachrichtendienstlichen Kontakten westlicher Geheimdienste war am 18. Juli 1986 durch die MfS-Postkontrolle eine auffällige Briefsendung entdeckt worden. "Sofort eingeleitete operative Fahndungsmaßnahmen führten zur Feststellung einer zweiten nachrichtendienstlichen postalischen Verbindungslinie dieser Person. Die operativen Fahndungsmaßnahmen sind auf die Identifizierung des Spions und der Beweisführung [sic!] ausgerichtet."[2] Bei der Entdeckung des Briefes hatte die Postkontrolle von ihren Erfahrungswerten, ihrer akribischen Arbeitsweise und dem relativ laxen Umgang westlicher Dienste mit Sicherheitsmaßnahmen bei der schriftlichen Übermittlung von Spionageergebnissen profitiert. Die Aufgabe der Abwehrexperten der Abteilung II war es, schnellstmöglich den bis dato unbekannten Spion zu enttarnen. Zwei Sachverhalte wurden festgestellt: Die Post war in einen Briefkasten am Dresdner Hauptbahnhof eingeworfen worden, und laut Schriftgutachten stammte die Sendung von einer Frau im Alter zwischen 50 und 70 Jahren. In dem Brief wurde über einen öffentlich nicht bekannten Flug der sowjetischen Oberkommandierenden in der DDR und des Warschauer Paktes berichtet. Weil außerdem drei angebliche Sendemasten an der Bahnstrecke Dresden-Potsdam Erwähnung fanden, erhielt der Operative Vorgang vom MfS den Vorgangsnamen "Antenne".

Als Sitz eines von fünf sowjetischen Armeestäben in der DDR und außerdem eines Divisionsstabes war Dresden ein Ziel erster Güte für die militärische Aufklärung des Westens. Die Stäbe und ihre Truppen gehörten zur Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD; seit 1989: Westgruppe der Truppen). Bis zu ihrem endgültigen Abzug aus dem wiedervereinigten Deutschland 1994 spielte die GSSD an der Frontlinie des Kalten Krieges im strategisch-operativen Denken Moskaus eine herausragende Rolle. Seit Ende der 1960er Jahre war sie nach Einschätzung des Bundesnachrichtendienstes (BND) zusammen mit anderen Truppen des Warschauer Paktes fähig, ohne größere Mobilmachungsvorbereitungen zu einem Angriff anzutreten und die Kriegshandlungen über die Bundesrepublik hinweg innerhalb von 20 Tagen an die französische, spanische und portugiesische Atlantikküste sowie die spanische und französische Mittelmeerküste zu tragen.[3]

Die westlichen Nachrichtendienste zielten auf die flächendeckende Überwachung von militärischen Strukturen in der DDR und auf schnelle Meldungen bei einer eventuellen Mobilmachung des Gegners. Dazu benötigten sie ein weitgespanntes Netz an Zuträgern. Für die Zeit bis zum Mauerbau kann diese Form westlicher Militäraufklärung in der gesamten DDR als sehr erfolgreich angesehen werden.[4] Danach mussten alle westlichen Dienste ihre Methoden dem erschwerten Zugang hinter den Eisernen Vorgang anpassen. Ihre operative Arbeit geriet unter enormen Überwachungsdruck durch das MfS. Anstelle von "normalen" DDR-Bürgern, die oftmals zur Berichterstattung in den Westteil von Berlin reisten, setzten die Dienste nun auf Reise- und Transitspione aus dem Westen – etwa Urlauber oder Berufskraftfahrer, die sich in der DDR bewegen konnten –, auf ostdeutsche Rentner, die Reisemöglichkeiten in den Westen besaßen, und auf Rückkontakte von übergesiedelten DDR-Bürgern.

Wie der BND konnten auch die Amerikaner nach 1961 allerdings auf ihre sehr guten Vorkenntnisse über die GSSD aufbauen. Sie waren seitdem vor allem darum bemüht, Änderungen in der erkannten Struktur der sowjetischen Streitkräfte nachzuvollziehen, um eventuelle Angriffsvorbereitungen zeitnah zu erkennen. Zwischen 1980 und Mai 1985 hatte die ostdeutsche Abwehr US- und BND-Spähangriffe auf 25 Prozent aller Einrichtungen von GSSD und Nationaler Volksarmee in der gesamten DDR erkannt. Die westlichen Dienste nutzten auch das gesamte technische Spektrum der zur Verfügung stehenden Aufklärungsmethoden. Dennoch fiel der MfS-Spionageabwehr seit Ende der 1970er Jahre ein erneut spürbar gewachsener Stellenwert der "Quelle Mensch" innerhalb der westlichen Militärspionage auf.[5]

Eine Spionin wird gesucht. Nachdem die MfS-Bezirksverwaltung Dresden jener unbekannten Spionin auf die Spur gekommen war, folgte ab dem Sommer 1986 die Suche.[6] Sukzessive wurde ein riesiger Fahndungsapparat in Gang gesetzt, der schließlich sogar die Dienststellen der Deutschen Volkspolizei und die MfS-Hauptabteilung I in Dresden erfasste – also die eigenen Kameraden von der Militärabwehr, deren Auftrag in der inneren Überwachung und der äußeren Spionageabwehr der NVA bestand. Bei der Abgleichung überprüfter Handschriften mit dem Schriftspeicher der Staatssicherheit in Dresden kam man auf etwa 1000 Fälle, in denen es vereinzelte Übereinstimmungsmerkmale gab. Als dies zu keinem greifbaren Ergebnis führte, wurden 450000 PKW-Bestellkarten für die Stadt Dresden und deren Nachbarkreise überprüft. Im Laufe der Ermittlungen wurden über 1,8 Millionen Schriftträger abgeglichen – bei einer Einwohnerzahl der DDR von etwa 16,6 Millionen Menschen (1985).

Neben der ohnehin angeordneten Überwachung des gesamten Postverkehrs ins Ausland sowie einer Videoüberwachung der Postkästen am Hauptbahnhof wurde für einen Stichtag im August 1986 eine Sonderpostkastenleerung im ganzen Stadtgebiet von Dresden und die Befahndung der gesamten Tagespost nach Schriftmerkmalen des Vorgangs "Antenne" angeordnet. Die vier Briefkästen am Hauptbahnhof wurden wochenlang rund um die Uhr alle zwei Stunden vom MfS geleert und kontrolliert.

Eine Spionin wird identifiziert. Weil die MfS-Postkontrolle westliche Adressaten von Briefen aus der DDR speicherte, um auf diese Weise wiederholt genutzte postalische Deckadressen zu ermitteln, konnten die Ermittler der unbekannten Schreiberin zwei weitere Briefe vom Juli 1985 und April 1986 zuordnen. Bei der konkretesten Spur handelte es sich um die Nutzung des Absendernamens "Hildegard Krause" in dem zeitlich ersten Brief. Denn während die anderen beiden Absenderadressen im städtischen Telefonbuch verzeichnet waren, gab es einen solchen Eintrag für Hildegard Krause nicht, obwohl die Angaben der Realität entsprachen – was einen direkten Kontakt der Spionin mit Frau Krause nahelegte. Dem MfS gelang es jedoch nicht, diesen Hinweis erfolgreich zu deuten.

Im März 1987 allerdings verriet sich die Gesuchte selbst, als sie mit richtigem Absender einen privaten Brief an ihren Sohn nach Hamburg schickte. Auf der Grundlage einer mutmaßlichen Übereinstimmung der Handschriften wurden operative Maßnahmen gegen die Briefabsenderin beschlossen, um eindeutige Beweise zu erlangen. Im Zuge der verdeckten Ermittlungen ergab sich für das MfS nach und nach folgendes Bild der Verdächtigen:[7] Hildegard Ruth Z. wurde am 24. Januar 1925 in Gronden in Ostpreußen als 12. Kind einer Bauernfamilie geboren. Von 1940 an arbeitete sie nach zehnjähriger Schulbildung auf dem elterlichen Bauernhof und heiratete im Januar 1945. Nach Kriegsende ließ sie sich im späteren DDR-Bezirk Karl-Marx-Stadt nieder. Schon als Siebzehnjährige war sie Mutter einer Tochter geworden. 1949 folgte Sohn Hannes. Im Februar 1954 zog die Familie nach Dresden. Zunächst war Hildegard Z. Hausfrau, seit 1961 arbeitete sie als Verkäuferin, seit Mitte 1964 dann beim VEB Obst Gemüse Speisekartoffeln als Lageristin und Sachbearbeiterin. Zehn Jahre später wurde ihr aufgrund guter Leistungen die Qualifikation als Handelskauffrau zuerkannt. Im VEB war sie zwischen 1977 und 1985 neben Zuteilungen an die Schwerhörigenschule Dresden vor allem für die Belieferung der "Sonderbedarfsträger" – also von Truppenteilen und Einrichtungen der sowjetischen Streitkräfte – mit Lebensmitteln gehobener Qualität zuständig.

Hildegard Z. entsprach den Vorstellungen der SED von einer guten sozialistischen Staatsbürgerin. Seit September 1958 war sie Mitglied der SED, außerdem schon seit 1952 in Massenorganisationen wie der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, dem Demokratischen Frauenbund Deutschlands und seit 1959 im Freien Deutschen Gewerkschaftsbund organisiert. Von 1955 bis 1965 wirkte sie sogar als Stadtverordnete und ab 1965 als Mitglied der Parteileitung ihres Betriebes. Es gab aus Sicht von Partei, Gewerkschaft und Betrieb keinerlei negative Anhaltspunkte in ihrer Vita. Nach ihrer Zurruhesetzung wurde sie gebeten, noch stundenweise für den VEB weiterzuarbeiten. Der vier Jahre ältere Ehemann Johannes Z., von Beruf Bergmann, hatte sich bis zum Arbeitsschutzinspektor bei der SDAG Wismut hochgearbeitet, bevor er 1971 aus Krankheitsgründen in den vorzeitigen Ruhestand trat. SED- und FDGB-Mitglied war er seit 1947. In die späteren Aktivitäten seiner Frau war Johannes Z. niemals eingeweiht.

Mit dem Sohn Hannes Z. gab es allerdings Erziehungsschwierigkeiten. Nach dem Abbruch seiner Schulausbildung nach der 9. Klasse nahm er 1964 eine Lehre auf, die er im Jahr darauf aus Unlust und wegen mangelnder Lernergebnisse abbrach. Anschließend arbeitete er als Hilfsarbeiter in Dresdener Betrieben. Er fiel mehrfach unter anderem wegen Trunkenheit, vorsätzlicher Körperverletzung, "Rowdytum" und Hausfriedensbruch auf und befand sich zeitweise in Haft. Während des Strafvollzuges stellte er am 2. Mai 1974 einen Antrag auf Übersiedlung in die Bundesrepublik und konnte fast drei Jahre später, im Februar 1977, tatsächlich ausreisen, nachdem er in der DDR insgesamt fünf Gefängnisstrafen verbüßt hatte.

Kaum nach Hamburg übergesiedelt, erlitt Hannes Z. Mitte September 1977 einen schweren Unfall, der ihn zum Invaliden machte. In diesem Zusammenhang erschließt sich aus den MfS-Akten das besonders enge Verhältnis zur Mutter. In jener Zeit kam es zum einzigen kritischen Vermerk in der VEB-Kaderakte der Hildegard Z. Diese drängte darauf, ihren lebensgefährlich verunglückten Sohn besuchen zu dürfen. Die Betriebsführung war jedoch nicht bereit, einem Besuch zuzustimmen, weil der Sohn als ehemals dort Beschäftigter seinen Arbeitsverpflichtungen nicht nachgekommen war und die DDR verlassen hatte. Besuche im Westen wurden Hildegard Z. erst möglich, als sie selbst in Rente ging. Allerdings konnte sie ihren Sohn Hannes zwischen 1981 und 1984 mehrfach in Prag sehen. 1985 reiste sie schließlich zweimal sowie einmal in der ersten Jahreshälfte 1986 nach Hamburg. Während dieser Ermittlungen erreichte das Dresdener MfS Ende Juni 1987 die Nachricht, dass Hannes Z. vermutlich infolge einer Alkoholvergiftung überraschend gestorben war. Man beschloss, Hildegard Z. die Reise zur Beerdigung nach Hamburg zu gestatten und sie nach ihrer Rückkehr festzunehmen.

Eine Spionin wird instruiert. Schon während ihres ersten Wiedersehens vier Jahre nach seiner Ausreise aus der DDR im Dezember 1981 in Prag hatte Hannes Z. seiner Mutter vorgeschlagen, Informationen über die GSSD zu sammeln und über ihn an die Amerikaner weiterzuleiten.[8] Dafür würde er 400 DM monatlich erhalten. Anfangs sehr zögerlich, stimmte die Mutter um ihres Sohnes willen schließlich dem indirekten Kontakt mit einem US-amerikanischen Dienst zu. In der Folge erhielt sie von Hannes Z. eine Schulung im Gebrauch von Geheimschrift-Kontaktpapier. Außerdem wurde sie von ihm in den einseitigen Rundsprechdienst (RSD) eingewiesen, konnte also später Anweisungen über Radio erhalten.

Fußnoten

1.
Vgl. Paul Maddrell, Spying on Science, Oxford 2006; ders., Im Fadenkreuz der Stasi, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 61 (2013), S. 141–171; Armin Wagner/Matthias Uhl, BND contra Sowjetarmee, Berlin 20103.
2.
Die Darstellung zum Fall Hildegard Z. folgt BStU, MfS BV Dresden, AOP 2884/88, Bände I–VIII. Das Zitat: ebd., Bd. I, Bl. 10. Eine erste, weithin unzutreffende Darstellung des Falles findet sich bei: John O. Koehler, Stasi, Boulder 1999, S. 267ff.
3.
Vgl. BA Koblenz, B 206/130 u. B 206/128, Militärische Lageberichte Ost des BND, Jahresabschlussberichte 1968 (undatiert), Bl. C 30, u. 1967 v. 30.12.1967, Bl. B 21–27.
4.
Vgl. P. Maddrell (Anm. 1), S. 121f., S. 298.
5.
Vgl. BStU, MfS HA II 23430, Aktuelle Erkenntnisse/Tendenzen auf dem Gebiet der Militärspionage, undatiert [Frühsommer 1985], Bl. 15–22.
6.
Vgl. im Detail: BStU, MfS BV Dresden, AOP 2884/88, Bd. I.
7.
Vgl. zu den Lebensläufen von Hildegard Z. und ihrer Familie: ebd., Bd. II.
8.
Vgl. ebd., MfS-Schlussbericht zum TOV "Antenne" v. 20.5.1988, ohne Bandnr., Bl. 1–27.
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Autor: Armin Wagner für bpb.de
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