Eine Figur mit Hut und einem Fernglas steht am 13.07.2013 in Berlin zwischen Sträuchern und Bäumen in einem Garten einer Kleingartenanlage und schaut versteckt aus den Büschen heraus.

25.4.2014 | Von:
Eva Jobs

Ursprung und Gehalt von Mythen über Geheimdienste

"Semper occultus"

"Die Wahrheit wird euch frei machen"

Widersprüchlicher könnten diese (inoffiziellen) Leitsprüche nicht sein, die sich zwei der größten und legendärsten Nachrichtendienste der Welt gegeben haben. Der erste klingt nach geheimer Bruderschaft und ist das Motto des britischen MI6; der zweite ist ein Bibelzitat (Joh 8, 32), das ein hehres Ziel preist und das sich die US-amerikanische CIA auf die Fahnen geschrieben hat. Nicht erst seit den Enthüllungen des Whistleblowers Edward Snowden über die umfassenden Überwachungs- und Abhöraktivitäten US-amerikanischer Nachrichtendienste auch in Deutschland sind Interesse wie auch Verunsicherung über die Tätigkeit solcher Einrichtungen groß. Weit verbreitete Vorstellungen reichen von der Annahme einer lückenlosen Kontrolle jedes Bürgers über die Unterstellung krimineller Vorgehensweisen bis hin zur Leugnung jeglicher Relevanz geheimer Nachrichtendienste. Darüber hinaus setzt sich das Bild vieler Menschen aus Versatzstücken fiktiver Helden wie James Bond, George Smiley und Carrie Mathison auf der einen Seite und dem in zahllosen Filmen transportierten Gegensatz zwischen dem "guten Westen" und dem "bösen Osten" zusammen. Abgesehen davon kursieren Stereotype über das äußere Erscheinungsbild realer Agenten: Schlapphüte, Trenchcoats und ein Höchstmaß an Unauffälligkeit werden gern unterstellt.

Besonders in Deutschland ist das Image der Nachrichtendienste und ihrer Mitarbeiter seit jeher eher negativ konnotiert. Dafür ist nicht zuletzt das oppressive Vorgehen des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR verantwortlich. Es verkörperte zwar bis auf die Abteilung HVA (Hauptverwaltung Aufklärung; Auslandsaufklärung) viel mehr eine Geheimpolizei als einen Geheimdienst, war aber dennoch vor allem für seine Überwachungspraktiken und das Heer an Spitzeln berüchtigt.[1] Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts galt in Preußen die Devise: "Der Deutsche spioniert nicht." Geheimdienstliche Aktivitäten wie Spionage und Propaganda standen in dem Ruf, unehrenhaft zu sein und kein probates Mittel für Politik oder Militär darzustellen. In Großbritannien und den USA dagegen genossen die Dienste zumindest bis in die Anfangszeit des Vietnamkrieges (1955–1975) hinein Respekt als dem Gemeinwohl dienende Behörden und ihre Angestellten als findige und intelligente Patrioten. Die Welt der Nachrichtendienste wurde in erster Linie als eine von Spannung, Gefahr und dem Kampf für "die gerechte Sache" geprägte wahrgenommen.

Die Grenzen zwischen Fiktion und Realität erscheinen noch immer fließend – auch weil nicht wenige Autoren erfolgreicher Spionageromane selbst in besagtem Metier tätig waren und so eine größere Glaubwürdigkeit ausstrahlen. Man denke nur an Ian Fleming, John le Carré oder Graham Greene, die durch ihre persönlichen Erfahrungen exklusive Einblicke in einen bis dahin arkanen Bereich zu liefern schienen. Gerade le Carré stellte für seinen Roman "Der Spion, der aus der Kälte kam" aber unlängst klar: "(O)ffenbar waren (meine Dienstherren, Anm. E.J.), wenn auch zähneknirschend, zu dem völlig richtigen Schluss gelangt, dass das Buch von der ersten bis zur letzten Seite erfunden war, dass es keinerlei persönliche Erfahrung widerspiegelte (…). Das war jedoch nicht die Auffassung der Weltpresse, die meinen Roman einstimmig als authentisch, ja, mehr noch, als eine Art Insider-Enthüllungsstory feierte – sodass ich nur stillhalten und überwältigt zuschauen konnte, wie mein Buch an die Spitze der Bestsellerlisten kletterte (…), während ein Experte nach dem anderen es für echt befand (…) und je mehr ich es abstritt, desto mehr Nahrung gab ich dem Mythos."[2]

Die hybride Erscheinungsform von Nachrichtendiensten im öffentlichen Bewusstsein prädestiniert sie für die moderne Mythenbildung. Gerade weil das gesicherte Wissen rar ist und immer neue Einflüsse aus dem journalistischen wie dem fiktiven Bereich das ohnehin vage Bild verändern, schafft die Öffentlichkeit einen klassischen modernen Mythos nach Barthes’ Definition: "Der Mythos ist eine Rede. (…) Der Mythos ist ein System der Kommunikation, eine Botschaft. Man ersieht daraus, dass der Mythos kein Objekt, kein Begriff und keine Idee sein kann; er ist eine Weise des Bedeutens, eine Form."[3]

Doch was sind geheime Nachrichtendienste, was leisten sie, und warum üben sie auf so viele Menschen eine Mischung aus Faszination und Bedrohung aus? Abgesehen von unterschiedlichen nationalen Gesetzen herrscht bereits Unklarheit über das legitime Aufgabenfeld und die Struktur von Nachrichtendiensten in Demokratien, daher folgt an dieser Stelle eine knappe Definition.[4] Geheimdienste, in ihrer offiziellen Bezeichnung Nachrichtendienste, sind zivile oder militärische Behörden, die auf nationaler oder auch bundesstaatlicher Ebene relevante Informationen zur Sicherheits-, Außen- und Innenpolitik (gegebenenfalls auch Wirtschaftspolitik) sammeln, interpretieren und weiterleiten. Annähernd jeder Staat der Welt verfügt über mindestens einen Geheimdienst. Aufgabenzuschnitt und Kompetenzen der einzelnen Einrichtungen können sehr unterschiedlich sein; das in demokratischen Staaten geltende Ideal einer umfassenden parlamentarischen Kontrolle wird zwar angestrebt, aber selten erreicht. In Deutschland ist der Bundesnachrichtendienst (BND) mit den Aufgaben im Ausland betraut, das Bundesamt und die 16 Landesämter für Verfassungsschutz (BfV und LfV) agieren zentral beziehungsweise föderal innerhalb der Bundesrepublik, während das Amt für den Militärischen Abschirmdienst (MAD) diese Aufgaben für die Bundeswehr übernimmt.

Die groben Kategorien bilden also die Unterscheidungen zwischen militärischen und zivilen Diensten sowie die Einsatzgebiete im In- beziehungsweise Ausland. Besonders bekannte und auch deswegen mythenumrankte internationale Nachrichtendienste stellen die US-amerikanische Central Intelligence Agency (CIA; Auslandsnachrichtendienst, zivil), der israelische Mossad (Auslandsnachrichtendienst, zivil) und die Section 6 des britischen Secret Intelligence Service (MI6; Auslandsnachrichtendienst, militärisch) dar. Das FBI (Federal Bureau of Investigation) zählt ebenfalls zu den prominenteren Diensten; es erfüllt die Funktion einer Bundespolizei auf dem gesamten Staatsgebiet der USA, die sich auch nachrichtendienstlicher Methoden bedient.

Die Hauptaufgabengebiete, die in unterschiedlicher Zusammenstellung von den Diensten bearbeitet werden, umfassen: OSINT (open source intelligence, das heißt die Gewinnung von Informationen durch öffentliche und frei zugängliche Kanäle wie Medien; diese liefern bis zu 95 Prozent der Informationen), HUMINT (human intelligence, Informationsbeschaffung mittels menschlicher Quellen), SIGINT (signals intelligence, elektronische Datenerfassung) und IMINT (imagery intelligence, Satelliten- und Luftbilder). Darüber hinaus existieren Abteilungen zur Spionageabwehr von Diensten anderer Staaten (counter espionage, CE) und unterschiedliche Arbeitsgruppen nach thematischen Gesichtspunkten (wie Organisierte Kriminalität, Terror, Drogen).

Fußnoten

1.
Die Anzahl der IM (inoffiziellen Mitarbeiter) betrug zeitweise bis zu 200000. Vgl. Helmut Müller-Enbergs, Die inoffiziellen Mitarbeiter (MfS-Handbuch), Berlin 2008, S. 35–38, http://www.nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0292-97839421302647« (22.1.2014).
2.
Zit. nach: Die Zeit, Nr. 15 vom 12.4.2013, http://www.zeit.de/2013/15/autor-john-le-carre« (18.2.2014).
3.
Roland Barthes, Mythen des Alltags, Berlin 2012, S. 251.
4.
Vgl. Eva Neumann, Geheimdienste, in: Metzler Lexikon der Modernen Mythen (i.E.).
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Autor: Eva Jobs für bpb.de
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