Ein Luxus-Neubau steht in der Pappelallee Ecke Buchholzer Strasse im Stadtteil Berlin-Prenzlauer Berg neben einem Altbau.

Zum Wandel des Wohnens


5.5.2014
Jede/r wohnt in einer Wohnung oder einem Haus. Jede/r? Was ist mit den Menschen, die in einem Obdachlosenasyl leben? Kann das "Wohnen" genannt werden? Das kommt darauf an: Was Wohnen ist und was eine Wohnung, wird vom Zeitgeist und in unserem Kulturkreis vor allem vom Gesetzgeber definiert. Typisch für das Wohnen ist, dass wir in Häusern und eher nicht im Zelt wohnen. Schon wenn jemand in einer Wagenburg lebt, also in einem Dorf beziehungsweise einer Siedlung aus Bau-, Zirkus- oder Lastwagen, dann entspricht dies nicht mehr unbedingt unserem kulturellen Verständnis von Wohnen.[1]

Typisch für unser Wohnen sind eine enorme technische Ausstattung und die unbedingte Infrastrukturanbindung durch Zentralheizung, Kanalisation oder den öffentlichen Nahverkehr. Besonders typisch ist für unseren Kulturkreis vor allem, dass Wohnen "privat" und nicht in Gemeinschaftseinrichtungen realisiert wird. Ein großer Teil privat verfügbarer Finanzen wird zum Wohnen eingesetzt und insbesondere dazu verwendet, Wohnfläche auszuweiten sowie den Wert der Wohnausstattung zu steigern. Demgegenüber schrumpft das, was in der Wohnung zwingend erledigt werden muss: "Die Berufstätigkeit der Frau, die Auslagerung der Alten und Kranken in Altenheime und Sanatorien, die Unterbringung von Kindern in Kinderkrippen, Kindertagesstätten und (Ganztags-)Schulen oder der Verzicht auf Kinder überhaupt, die Entwicklung der technischen und der sozialen Infrastruktur, der personenbezogenen Dienstleistungen, die steigende Mobilität in der Freizeit, die Entwicklung des Hotel- und Gaststättenwesens und der Freizeiteinrichtungen, generell die zunehmende markt- respektive staatsförmige Organisation immer weiterer Lebensbereiche, all das hat dazu geführt, dass niemand mehr unumgänglich auf eine eigene Wohnung angewiesen ist."[2]

Warum wird dennoch in unserem Kulturkreis an der eigenen Wohnung festgehalten? Das ist eine der Fragen, die die soziologische Perspektive auf das Wohnen kennzeichnen und die hier im Mittelpunkt stehen wird.

Zum Begriff und Verständnis des Wohnens



Zunächst jedoch muss betont werden, das der Blick auf das Wohnen äußerst vielfältig ist: So haben unterschiedliche Fachrichtungen und Forschende unterschiedliche Wohnbegriffe. Auch ein Blick ins etymologische Wörterbuch zeigt, welch breites Bedeutungsfeld im Wort "Wohnen" angelegt ist: Abgeleitet wird es aus dem althochdeutschen wonên. Seine Urbedeutung ist "gern haben", "wünschen". In Bedeutung und Gebrauch kommen darüber hinaus noch die Elemente des Behaglichen beziehungsweise Geruhsamen hinzu. Des Weiteren ist das so wichtige "zufrieden sein" mit dem Ablaut "sich gewöhnen" und "gewohnt sein" liiert. Mit "wohnen" wird immer verdeutlicht, wo der Mensch "verweilt", "sich aufhält", seine persönliche Ortsbindung, also "seinen Wohnsitz" hat und in welcher landschaftlichen oder städtischen Umgebung diese Wohnstätte liegt. Wortbedeutungsgeschichtlich lassen sich all diese Herleitungen auf die Bedeutung "gern haben, wünschen" zurückführen.[3]

Eine berühmte, phänomenologisch orientierte Bestimmung des Wohnens stammt vom Philosophen Martin Heidegger: "Was heißt nun Bauen? Das althochdeutsche Wort für bauen, 'buan', bedeutet Wohnen. Dies besagt: bleiben, sich aufhalten. (…) Die Art, wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Buan, das Wohnen. Mensch sein heißt: als Sterblicher auf der Erde sein, heißt: wohnen."[4]

Wohnen, so wird hier auch aus philosophischer Sicht deutlich, gehört zu den elementaren Bedürfnissen des Menschen und weckt Assoziationen wie Sicherheit, Schutz, Geborgenheit, Kontakt, Kommunikation und Selbstdarstellung. Gleichzeitig ist das Wohnen einem ständigen Wandel unterworfen und weist sehr unterschiedliche Ausprägungen auf, regional, sozial, individuell. Wie die Grundbedürfnisse befriedigt werden, verändert sich im historischen Maßstab ebenso wie für jeden Menschen im Laufe seines Lebenszyklus. Die Wohnung stellt für die meisten Haushalte den Lebensmittelpunkt dar. Sie beeinflusst den Alltag von Familien, die individuellen Entfaltungsmöglichkeiten, die Sozialisationschancen von Kindern, Gesundheit und Wohlbefinden. Die Wohnung bestimmt, wie Intimität und Privatsphäre geschützt werden. Wohnen bedeutet mehr als nur Unterkunft, sie ist auch Ort und Medium der Selbstdarstellung und der Repräsentation. Im Wohnen manifestiert sich der soziale Status. Lage und Standort (Viertel, Straße), Wohnform (Villa, Mietshaus), Wohnumfeld sowie Architektur haben während der gesamten Wohnungsbaugeschichte immer auch die gesellschaftliche Stellung der Bewohner abgebildet. Das Bürgertum im 19. Jahrhundert residierte in Landhäusern und Villen oder bewohnte die "Belle Etage" der Bürgerhäuser. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Eigenheim neben dem Auto zum wichtigen Statussymbol. Dagegen bedeutet der Verlust der Wohnung – die Wohnungslosigkeit – einen starken sozialen Abstieg und tendenziell eine Ausgrenzung aus der Gesellschaft.

Idealtypus des modernen Wohnens



Unsere heutige Vorstellung vom Wohnen hat sich wesentlich erst mit der Urbanisierung und Industrialisierung, also seit der Entstehung der Moderne, herausgebildet. Die Soziologen Hartmut Häußermann und Walter Siebel haben das Wohnen strukturbestimmt untersucht, indem sie den Funktionswandel des "Wohnens" charakterisiert haben. Vier Merkmale,[5] so das Ergebnis, charakterisieren den "Idealtypus[6] des modernen Wohnens". Angesichts der in unseren Breitengraden üblichen technischen Standards von Haus- und Haushaltstechnik kommt ein weiteres Merkmal hinzu, das bei Häußermann und Siebel schon angelegt ist, aber noch nicht als einzelnes Merkmal bestimmt wurde: der Einfluss der Technisierung auf das Wohnen.

Alle fünf, im Folgenden erläuterten Merkmale lassen sich auch in vormodernen Epochen finden. So entstanden kleinfamiliale Lebensformen schon in der Phase der Frühindustrialisierung bei Heimarbeitern auf dem Land. Auch die Fuggerei in Augsburg[7] könnte als eine Frühform des Mietwohnungsbaus bezeichnet werden (vgl. Abbildung 1 in der PDF-Version). Entscheidend für die Bestimmung als "Idealtypus des modernen Wohnens" ist, dass diese Merkmale gebündelt den Massenwohnungsbau zumindest bis in die 1970er Jahre charakterisieren. Sie erklären, warum heute das Wohnen in einer Wohnung mit hierarchisch-funktionell angeordneten Räumen – Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Küche, Bad, Flur – als "Wohnleitbild" stark verfestigt ist.

Trennung von Arbeiten und Wohnen: Wohnen als Ort der "Nichtarbeit". Für unser heutiges Verständnis vom Wohnen ist die Entwicklung außerhäuslicher Lohnarbeit – beginnend schon im Mittelalter – prioritär. In der vormodernen Lebensweise wurden Arbeiten und Wohnen nicht voneinander unterschieden. Erst mit der Herauslösung besonderer Tätigkeiten, die zudem noch an besonderen Orten organisiert werden, bildet sich die Erwerbsarbeit heraus. Nicht mit der "Arbeit" verbundene Zeiten (Freizeit) werden unterschieden von solchen, die unmittelbar mit produktiven Verrichtungen (Arbeit) ausgefüllt sind. Die Funktion Arbeiten ist als Erwerbsarbeit aus dem Wohnen ausgelagert worden. Die Wohnung wird ganz entscheidend als Ort der Nichtarbeit wahrgenommen, in der Intimität, Erholung, Entspannung und Reproduktion gelebt werden. Die Wohnung als Ort für persönliche Aktivitäten und Selbstverwirklichung ist zugleich auch auf private Gastlichkeit ausgelegt. In der Anordnung und Größe der Zimmer, vor allem des Wohnzimmers, sowie in der Gestaltung des Eingangs kommt die Bedeutung von Gästen zum Ausdruck. Das Unsichtbarmachen der verbliebenen Arbeit in Form von Hausarbeit und Kindererziehung wurde beispielsweise in den 1960er und 1970er Jahren durch Randlage und geringe Größe von Küchen symbolisiert.[8]

Begrenzung von Personen: Wohnen als Lebensform der Kleinfamilie. In der Regel wohnen heute Menschen zusammen, mit denen blutsverwandschaftliche Bindungen bestehen, also Familienangehörige (vgl. Abbildung 2 in der PDF-Version). Ort der Familie ist die Wohnung. Großfamilien mit Seitenverwandten, Groß- und Urgroßeltern oder Hausangestellten sind in unserer Gesellschaft kaum noch anzutreffen. Der österreichische Historiker Otto Brunner hat diese Lebensweise unter dem Begriff "ganzes Haus" als Selbstversorgungseinheit beschrieben, in der der Haushalt noch alle Lebensvollzüge in sich einschließt.[9] Das "ganze Haus" vereinigte unter einem Dach häufig in denselben Räumen Arbeit, Erholung, schlafen, essen und beten, Gesinde, Kinder, Mann und Frau. Die materiellen und symbolischen Arrangements des modernen Wohnens separieren dagegen Funktionen und Personen in spezialisierten Räumen für Essenszubereitung, essen, sich lieben, schlafen, sich waschen, sich entleeren, miteinander sprechen; Eltern und Kinder, Sohn und Tochter, Mann und Frau. Die Zweigenerationenkernfamilie bestimmt das dominierende Wohnleitbild.

Auseinandertreten von Öffentlichkeit und Privatheit – Wohnen als Ort der Intimität. "Die Auslagerung produktiver Funktionen aus dem Haushalt in Markt, Staat und das System betrieblich organisierter Lohnarbeit sowie der Auszug von nicht oder nur entfernt verwandten Personen aus dem Haushalt schaffen im wirklichen und übertragenen Sinne erst Raum für die Kultivierung von Intimität. Es entfaltet sich die bürgerliche Privatsphäre, die räumlich als Wohnung, rechtlich als privater Verfügungsraum und sozial-psychologisch als Intimität gegenüber anderen abgegrenzt wird."[10] Der Soziologe Peter Gleichmann hat diesen Prozess als "Verhäuslichung der Vitalfunktionen"[11] bezeichnet. Infolge der Intimisierung wurden Scham- und Peinlichkeitsschwellen errichtet, die Körperlichkeit und Emotionalität aus der Öffentlichkeit weitgehend ausgesondert haben, weg ins Private der Wohnung.[12]

"Eine große Vielfalt unterschiedlicher Verrichtungsgewohnheiten kennzeichnen den Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, an dessen Ende die Körperentleerungen weitgehend in ‚Aborte‘, diese in die Häuser verlagert sind, den Blicken anderer Menschen weniger zugänglich geworden. Jahrhunderte lang kannten die Städte nebeneinander Latrinen, Senkgruben, Kotplätze in Gärten und auch entwässerte Abortanlagen (…) Die vollständige Einhausung der vordem selten, gelegentlich oder gar nicht verborgenen Verrichtungen, ihre Verlagerung in 'Aborte', das Ausstatten sämtlicher städtischer Häuser mit Aborten und schließlich das Verbergen der Entleerungen auch auf Straßen und Plätzen, diese Prozesse, die die Städter zu einem sozial genaueren Ordnen der körperlichen Selbstkontrollen zwingen, vollziehen sich in wenigen Generationen."[13] Bei der Grundrissentwicklung wird dieser Prozess vor allem durch die Erfindung des Flurs, also einer Verkehrsfläche zur Erschließung von voneinander getrennten Räumen, deutlich. Den modernen bürgerlichen Grundriss, beispielsweise den sogenannten Frankfurter Grundriss, kennzeichnet besonders, dass alle Räume durch einen Vorraum betreten werden konnten. Dieser Vorraum hatte allerdings, wie etwa der Vorsaal in Schlössern, keine repräsentative Funktion mehr, sondern diente lediglich der Organisation der Erschließung (vgl. Abbildung 3 in der PDF-Version).[14]

Heute werden zentrale Praxen des Lebens ganz selbstverständlich mit dem Wohnen verbunden: schlafen, essen, Kommunikation, erholen, Sexualität, Hygiene und Entleerung. Der sozialpsychologische Wert der Wohnung liegt darin, Emotionalität, Soziabilität, Persönlichkeit und Individualität entfalten zu können.

Entstehung des Wohnungsmarkts – Wohnung als Ware. Juristisch gesehen wird eine Wohnung durch Kauf oder Miete erlangt. In besonderen Fällen, beispielsweise bei Asylsuchenden, Aussiedlern aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und Unterstützungsempfängern werden Wohnungen staatlich zugeteilt. Demgegenüber treten alternative Wohn- und Genossenschaftsmodelle weit in den Hintergrund. Eine Reihe von rechtlichen Instanzen regelt dabei den Zugang und auch die Nutzung der Wohnung: Kaufverträge, Steuern, Mietrecht, Nachbarschaftsrecht und Hausordnungen.

Aber erst im 19. Jahrhundert mit der rapiden Zunahme der Bevölkerung und ihrer massiven Verstädterung dynamisiert sich der Wohnungsmarkt, auf dem der einzelne Haushalt den Wohnraum als Ware durch Kauf oder Miete erwirbt, zum dominierenden Mechanismus der Wohnungsversorgung. Nutzer, Bauherr, Architekt und Bauunternehmer werden zu verschiedenen Akteuren, deren Zusammenwirken durch Mechanismen des Marktes und – im Falle staatlicher Eingriffe – der politischen Willensbildung vermittelt ist. Erst damit werden Fragen des angemessenen Wohnens zu gesellschaftlichen Fragen.

Die Wohnungsversorgung wird in der Bundesrepublik im Rahmen des hier seit ihrer Gründung geltenden Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft geregelt. Jeder Haushalt ist zunächst selbst dafür verantwortlich, sich mit angemessenem Wohnraum zu versorgen. Inwieweit Haushalte ihren Wohnbedarf decken können, hängt primär von ihrer Zahlungsfähigkeit ab. Über die Produktion und die Verteilung von Wohnungen entscheiden Angebot und Nachfrage, in der Bundesrepublik allerdings teilweise auch durch Politik gelenkt: Das Ausmaß der Staatsintervention (Sozialer Wohnungsbau, Wohngeld, Steuererleichterungen) ist politisch immer umstritten, war aber in der Nachkriegsgeschichte nach Abbau der größten Wohnungsnot durch eine kontinuierliche Politik der Liberalisierung geprägt. Über die Produktion und Verteilung von Wohnraum sollte perspektivisch der Markt weitgehend allein entscheiden. Angesichts neuer Wohnungsknappheiten und Wohnungsnöte mehren sich aber in der Gegenwart wieder die Forderungen nach einer verstärkten staatlichen Intervention in der Wohnungspolitik.[15]

Einfluss technischer Entwicklungen – Wohnen als Ort der Technisierung. Kein Gebäude, keine Wohnung funktioniert heute ohne "Heizung, Elektroinstallation, Wasser- und Sanitärinstallation, Sicherheitstechnik sowie Satellitentechnik".[16] Rechtlich fixiert und gezwungen sind in Deutschland nahezu alle Gebäude in irgendeiner Form leitungsgebunden. Darüber hinaus beeinflussen technische Entwicklungen Anforderungen und Standards des Wohnens. Die Entwicklung der Lebensmittelkonservierung hat beispielsweise die privatwirtschaftliche Vorratshaltung deutlich verändert.

Vormals gehörte die Lebensmittelkonservierung zu den Haupttätigkeiten im Haushalt. Mit dem Aufkommen der Konservierungsindustrie im späten 19. Jahrhundert wurde der private Haushalt vom mühsamen Pökeln, Dörren, Einkellern und Räuchern entlastet. Hitzesterilisierung und Gefriertechnik, Büchsen und neue Konservierungsmittel veränderten auch die Raumansprüche beim Wohnen: Speise- wie Räucherkammer und Vorratskeller verschwanden aus dem Standardgrundriss.[17] Eine ganz besondere Rolle für die Veränderung des Wohnens durch Technik kommt beispielsweise dem Fernseher zu. Seit seinem Einzug in die Privathaushalte wurde es üblich, den Hauptwohnraum so zu organisieren, dass ein Fernseher die zentrale Raumkomponente wurde.

Postmoderne Transformation der Lebensverhältnisse



Waren Sozialer Wohnungsbau und technische Normierungen kennzeichnend für die Entwicklungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wandelt sich das Wohnen heute vor allem durch die postmoderne Transformation aller Lebensverhältnisse, insbesondere durch Individualisierung, Alterung sowie Entgrenzung und Subjektivierung der Erwerbsarbeit.

Individualisierung. Dieser Begriff kennzeichnet einen der wichtigsten Prozesse des Wandels des Lebens in der Bundesrepublik. Die Ursachen hierfür sind vielfältig und betreffen vor allem den gesellschaftlichen Wertewandel, der in den späten 1960er Jahren einsetzte. "Individualisierung" meint einen mit der Industrialisierung und Modernisierung der westlichen Gesellschaften einhergehenden Übergangsprozess des Individuums von der Fremd- zur Selbstbestimmung. In der gegenwärtigen postmodernen Gesellschaft prägt eine qualitativ neue Radikalität diesen Prozess. Gesellschaftliche Grundmuster, wie die klassische Kernfamilie, zerfallen. Der zunehmende Zwang zur reflexiven Lebensführung bewirkt die Pluralisierung von Lebensstilen, und Identitäts- und Sinnfindung werden zur individuellen Leistung. Für das Wohnen relevant ist dabei vor allem die Singularisierung als freiwillige oder unfreiwillige Form des Alleinwohnens und der Schrumpfung der Haushaltsgrößen. Gerade die mit dem Alleinwohnen verbundenen Verhaltensweisen und Bedürfnisse verändern die Infrastruktur in den Innenstädten: Außerhäusliche Einrichtungen wie Cafés und Imbissmöglichkeiten bestimmen zunehmend die öffentlich sichtbare Infrastruktur in den Stadtteilen. Dies gilt gleichermaßen für Angebote von Dienstleistungen und Kommunikation aller Art.

Alterung. Ein immer größerer Anteil von Menschen, vor allem hochbetagte, wohnt im Alter allein. Dies betrifft insbesondere Frauen, die in Privatwohnungen leben, resultierend aus der nach wie vor längeren Lebenserwartung von Frauen und dem immer stärker und besser zu realisierenden Wunsch, länger in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Vor allem aber bleiben "die Alten" auch länger "jung", aktiv und vital. Traditionelle Altenheime entsprechen nicht dem vorherrschenden Wunsch nach Erhaltung der gewohnten, selbstständigen Lebensführung. "Beim Thema Wohnen ist in den Lebensentwürfen 50+ ein neuerlicher Variantenreichtum an die Stelle von Altenheim oder Pflege innerhalb der Familie getreten. Zwei populär diskutierte Modelle für das Wohnen im Alter sind die Alten-Wohngemeinschaft und das Mehrgenerationenhaus. (…) 60 Prozent unserer Befragten halten das Mehrgenerationenhaus (…) für hoch attraktiv. Nicht weil sie derzeit einen besonderen Bedarf dafür hätten, sondern weil es unter der Perspektive schwindender Familiensolidarität eine echte Alternative darstellt. Das Modell findet jedoch aus einem weiteren Grund bei der Zielgruppe 50+ breite Unterstützung: 88 Prozent der Menschen zwischen 50 und 70 Jahren würden nie oder nur im Pflegefall in ein Altenheim gehen."[18]

Entgrenzung und Subjektivierung der Arbeit. Die Entgrenzung von Arbeit ist eine Erscheinung des Strukturwandels von Arbeit und Betrieb und umfasst vielfältige Dimensionen von zeitlicher, räumlicher oder sozialer Entgrenzung.[19] Besonders einschneidend und für Stadtentwicklung und Veränderung der Ansprüche an das Wohnen besonders relevant ist die zeitliche Entgrenzung von Arbeit. Arbeitszeiten sind immer weniger an Tages- und Nachtzeiten gebunden, wie beispielsweise bei der Schichtarbeit. Diese zeitliche Entgrenzung wird flankiert durch die räumliche: Flexible Arbeitsmodelle wie das Arbeiten am heimischen Schreibtisch oder außerhalb des Büros werden immer mehr zum Normalfall der Erwerbstätigkeit. Für die Lebensverhältnisse dramatisch ist vor allem die rechtliche Entgrenzung von Arbeit. Hier wird auch von Deregulierung gesprochen. Indikatoren für diese Wertung sind das vermehrte Aufkommen von Zeit- und Leiharbeit, von befristeten Verträgen und einem verringerten Kündigungsschutz.

Von "Subjektivierung" wird gesprochen, weil die Forschung eine Intensivierung von "individuellen", das heißt persönlich involvierten Wechselverhältnissen zwischen Mensch und Betrieb beziehungsweise betrieblich organisierten Arbeitsprozessen konstatiert. Dabei geht es um zwei Seiten: zum einen eine betrieblich induzierte Form der Subjektivierung als neue Strategie der Rationalisierung und daraus folgenden Anforderungen an die Arbeitssubjekte. Zum anderen ist damit eine Veränderung an Sinnanspruch und Erwartung der Subjekte, also der Erwerbstätigen, an ihre Arbeit gemeint. Gemeinsam ist diesen Entwicklungen, dass Entgrenzung und Subjektivierung die systematische Ausdünnung zur Folge hat. So sind beispielsweise Tarifverträge für immer weniger Erwerbstätige relevant, immer mehr arbeiten in temporären Arbeitsverhältnissen, in Praktika oder in Projekten. Des Weiteren bedeuten Entgrenzung und Subjektivierung auch, dass sich die Strukturen von Arbeit dynamisieren: Beispielsweise wird räumliche Flexibilität immer notwendiger. Damit verändern sich auch die Anforderungen an das Wohnen und die Lage, Größe und Ausstattung der Wohnungen. Schon 2020 wird nur noch die Hälfte der Angestellten in Deutschland vorwiegend im Büro sitzen. Unter dem Stichwort "Smarter Working" prognostiziert das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation für die Büroarbeit der Zukunft: "Eine hohe Flexibilität bei der Wahl des täglichen Arbeitsortes (entweder im Büro, zu Hause, in einem Co-Working-Center o.ä.) ist die Regel."[20]

Wie das Wohnen die Stadt verändert



Die skizzierte postmoderne Transformation der Lebensverhältnisse beeinflusst das Wohnen in den Städten.[21] Dies sei hier beispielhaft an zwei wichtigen, aktuell diskutierten Trends verdeutlicht: an der Reurbanisierung und an der Multilokalität.

Angesichts der Individualisierung bekommt die Wohnfunktion in der Stadt eine neue Bedeutung als Reurbanisierung. War lange Zeit die Suburbanisierung der bestimmende Trend des Wohnens, wird heute wieder das Wohnen in den Städten zum bevorzugten Ziel verschiedenster und disparater "Nutzergruppen". Über die tatsächliche Renaissance der Stadt wird in der Fachwelt zwar heftig gestritten, unübersehbar aber sind die Veränderungen in innerstädtischen Wohngebieten: Wohnstandorte, die früher – pauschal gesprochen – hauptsächlich von sozial Schwachen, verschiedene Ethnien mit Migrationshintergrund eingeschlossen, bewohnt wurden, prägen heute junge Familien, Edelurbaniten, Baugemeinschaften, Studierende und Jungakademiker sowie Senioren- und andere Residenzen innerstädtische Wohnmilieus. Die Struktur der Stadtbewohner wird älter und sichtlich bunter: Veränderte Lebensstile bedingen Wohnformen jenseits der klassischen abgeschlossenen Kleinwohnung mit Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer.

Angesichts der steigenden Lebenserwartung suchen ältere Menschen Komfort und (perspektivisch) auch Betreuungsangebote in fußläufiger Wohnortnähe. Eine autounabhängige Lebensweise wird für Hochbetagte lebensweltliche Überzeugung oder pure Notwendigkeit. Auch Gutverdienende, häufig ohne Kinder, realisieren trendabhängige Wohnbedürfnisse in gefragten innerstädtischen Wohngebieten, zum einen aus Distinktionsgründen und zum anderen häufig aufgrund beruflicher Praktikabilität. Hierin eingeschlossen ist die größer werdende Gruppe privilegierter Migranten/-innen,[22] die in deutschen Städten dauerhaft oder temporär leben. Zum einen werden ganze Stadtviertel auf neue Art ethnisch geprägt: Nicht mehr einkommensbenachteiligte Migranten überformen die traditionelle Infrastruktur, sondern solche mit hohem ökonomischem und kulturellem Kapital. Zum anderen führen die distinktiven Bedürfnisse dieser neuen Stadtinteressierten neben der Vertiefung der sozialräumlichen Spaltung in den Städten zu Wohnsituationen, die neue Merkzeichen im Stadtbild offerieren, die von der überwiegenden Mehrheit der Stadtbewohner als positive Identifizierungsmerkmale anerkannt werden.

Insbesondere Studierende und Hochschulabsolventen in großen Städten wollen "urban" wohnen, auch wenn sie nur über begrenzte Budgets verfügen. Sie leben häufig in einer Art Gemeinschaftswohnung, um sich die hohen innerstädtischen Mieten leisten zu können. Überwiegend handelt es sich hier um Zweckwohngemeinschaften, nicht um gemeinschaftsorientierte Wohnkonzepte oder etwa Alternativmodelle zur traditionellen Familie.

Multilokalität wird für immer mehr Menschen zur sozialen Praxis, insbesondere für Berufstätige. (Berufliche) Mobilität ist ein Schlüsselerfordernis gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse, fast zwangsläufig eine Grundbedingung der Erwerbsarbeit. Eine spezifische Form des Mobilseins, die sich auch als Spannungsfeld zwischen Mobilität und Sesshaftigkeit konstituiert, ist das multilokale Wohnen, also die Organisation des Lebensalltags über zwei oder mehr Wohnstandorte hinweg. Multilokalität hat inzwischen einen solchen Umfang und solche Spezifik erlangt, dass in der sozialräumlichen Forschung diese soziale Praxis der Lebensführung "gleichberechtigt neben Migration und Zirkulation"[23] gestellt wird. Im Bruch zu bisherigen überwiegend ortsmonogamen Lebensformen treten immer häufiger – freiwillig oder erzwungenermaßen – ein "verheiratet sein mit verschiedenen Orten".[24] "Multilokalität (…) an zwei (oder mehr Orten) bedeutet, dass neben der ursprünglich bestehenden Wohnung eine zweite Behausung verfügbar ist, die als Ankerpunkt des Alltagslebens an einem zweiten Ort genutzt werden kann."[25] Wohnen kann sich sogar auf "Übernachten", auf die reine Behälterfunktion, reduzieren: Soziale Einbindung, gar nachbarschaftliches Engagement oder kulturelle Inwertsetzung werden nicht am – zeitlich gesehen – "Meistwohnort" realisiert, sondern nur am Ort des zeitlich weniger genutzten Hauptwohnsitzes. Zwar bleibt die Angewiesenheit auf die Containerfunktion der Wohnung als grundlegende Existenzform des Menschen konstant, aber ihr jeweiliger lokaler Stellenwert verschiebt sich, wird hybrider: Temporäre Wohnformen jeder Art werden ubiquitärer. Gerade mit den Mitteln von modernen Kommunikationstechnologien kann das Heimischsein zu Orten hergestellt, erhalten, aber auch konstituiert werden, die nicht auf den aktuellen Wohnsitz bezogen sind; auch wenn man aus steuerlichen Gründen hier gemeldet ist.

"Wohnen in der Stadt" ist, zusammenfassend, zu einer differenzierten hybriden Angelegenheit geworden: Der Stellenwert des Wohnens als soziale Lebenspraxis hat im städtischen Alltag und für die Ausgestaltung des städtischen Gefüges an Gewicht und Heterogenität zugenommen. Gerade in den Städten mit einem engen Wohnungsmarkt, wie München, Hamburg oder Frankfurt am Main, muss sich die Politik zunehmend den mitunter stark divergierenden Interessen der "Nutzer" stellen und den Erhalt und die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum in der Innenstadt für breite Schichten sichern.


Fußnoten

1.
Vgl. Jürgen Hasse, Unbedachtes Wohnen. Lebensformen an verdeckten Rändern der Gesellschaft, Bielefeld 2009.
2.
Hartmut Häußermann/Walter Siebel, Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens, Weinheim–München 20002, S. 14.
3.
Vgl. Jacob Grimm/Wilhelm Grimm, Wohnen, in: dies. (Hrsg.), Deutsches Wörterbuch 1854–1961, Leipzig 1971, »http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&hitlist=&patternlist=&lemid=GW25798« (25.4.2013).
4.
Martin Heidegger, Bauen Wohnen Denken, in: Otto Bartning (Hrsg.), Darmstädter Gespräch. Mensch und Raum, Darmstadt 1952, S. 73.
5.
Vgl. H. Häußermann/W. Siebel (Anm. 2), S. 15ff.
6.
Mit Idealtypus im soziologischen Sinne ist ein methodisches Konstrukt gemeint, das von einem der Urväter der deutschen Soziologie, Max Weber, konzipiert wurde. Es wird nicht der statistische Durchschnitt aller empirisch vorgefundenen Wohnweisen klassifiziert. Schon gar nicht ist der ideale, einzig richtige Wohntyp stilisiert, das wäre dann normativ. Idealtypus meint das für einen bestimmten Zeitraum, also beispielsweise für eine Epoche, Typische, als das prägnant Kennzeichnende eines sozialen Phänomens. Das methodische Konstrukt ist eine abstrahierende Verdichtung, die das Besondere eines Zeitraums charakterisiert.
7.
Vgl. den Artikel "Fuggerei", in: Wikipedia, »http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Fuggerei&oldid=118886640« (6.6.2013).
8.
Gleichwohl wurde die moderne Funktionsküche gerade mit dem Hintergrund der Kritik an den zu großen unrationellen Küchen der Gründerzeit entwickelt. Historisch gesehen überwog außerdem ohnehin die Wohnküche.
9.
Vgl. Otto Brunner, Das "ganze Haus" und die alteuropäische Ökonomik, in: ders., Neue Wege der Verfassungs- und Sozialgeschichte, Göttingen–Zürich 1956, S. 33–61.
10.
H. Häußermann/W. Siebel (Anm. 2), S. 32.
11.
Peter Reinhart Gleichmann, Wandel der Wohnverhältnisse, Verhäuslichung der Vitalfunktionen, Verstädterung und siedlungsräumliche Gestaltungsmacht, in: Zeitschrift für Soziologie, 5 (1979) 4, S. 319–329.
12.
Ders., Die Verhäuslichung von Harn- und Kotentleerungen, in: Menschen Medizin Gesellschaft, 4 (1979) 1, S. 46–52.
13.
Ebd., S. 47.
14.
Vgl. Gerd Kuhn, Um 1800 – Stadtwohnen im Aufbruch, in: Tilman Harlander (Hrsg.), Stadtwohnen. Geschichte – Städtebau – Perspektiven, München 2007, S. 73.
15.
Siehe dazu die wohnungspolitischen Beiträge in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
16.
Elisabeth Leicht-Eckert, Haustechnik und Haushaltstechnik, in: Fachausschuss Haushalt und Wohnen der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft e.V. (Hrsg.), Wohnen. Facetten des Alltags, Baltmannsweiler 2010, S. 44–46.
17.
Vgl. Sibylle Meyer/Eva Schulze, Moderne Technik im Haushalt. Alltagstechnologien aus historischer Sicht, in: Michael Andritzky (Hrsg.), Oikos. Von der Feuerstelle zur Mikrowelle. Haushalt und Wohnen im Wandel, Gießen 1992, S. 120–123.
18.
Dieter Otten/Nina Melsheimer, Lebensentwürfe "50plus", in: APuZ, (2009) 41, S. 31–36, hier: S. 34.
19.
Vgl. Günter G. Voß, Die Entgrenzung von Arbeit und Arbeitskraft. Eine subjektorientierte Interpretation des Wandels der Arbeit, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 31 (1998) 3, S. 473–487.
20.
Josefine Hofmann, Arbeitswelten 2025 – Smarter Working für mehr Lebensqualität. Folienpräsentation auf dem Workshop der Bertelsmann Stiftung "Grenzenlose Arbeitswelten 2025" am 17.9.2013 in Stuttgart, S. 19, »www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xbcr/SID-5DE5A641-3347404A/bst/xcms_bst_dms_38850__2.pdf« (24.4.2014).
21.
Vgl. Christine Hannemann, Heimischsein, Übernachten und Residieren – Wie das Wohnen die Stadt verändert, in: APuZ, (2010) 17, S. 15–20.
22.
Vgl. Florian Kreutzer/Silke Roth, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Transnationale Karrieren. Biografien, Lebensführung und Mobilität, Wiesbaden 2006, S. 7–31.
23.
Peter Weichhart, Multilokalität – Konzepte, Theoriebezüge und Forschungsfragen, in: Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (Hrsg.), Multilokales Wohnen. Informationen zur Raumentwicklung, (2009) 1–2, S. 1–14, hier: S. 7.
24.
Vgl. Ulrich Beck, in: ders. (Hrsg.), Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus – Antworten auf Globalisierung, Frankfurt/M. 1997, S. 127–135.
25.
Vgl. P. Weichhart (Anm. 23), S. 8.
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