Ein Luxus-Neubau steht in der Pappelallee Ecke Buchholzer Strasse im Stadtteil Berlin-Prenzlauer Berg neben einem Altbau.
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5.5.2014 | Von:
Isabel Finkenberger
Christoph Schlaich

Mehr als Wohnen. Vom Zusammenleben in integrierten Nachbarschaften

Neue Dörfer braucht das Land! Dörfer in der Stadt und Dörfer auf dem Land (…). Die Planung und Gestaltung nachhaltiger Raumsysteme, die durch ein neues Verständnis des gemeinschaftlichen Besitzes (und dessen Nutzung) ressourcenfressende Individualisierungstendenzen unserer Gesellschaft überwinden, aber zugleich größtmöglichen Freiraum für eine individuelle Persönlichkeitsentfaltung zur Verfügung stellen."[1] Dieses Zitat der Hamburger Initiative "Wir sind Dorf" beschreibt eine aktuelle Diskussion in unserer Gesellschaft, die sowohl in der Forschung und forschungsgeleiteten Initiativen, in Politik und Planung als auch in der Bürger-schaft stattfindet. Sie wird nicht nur auf wissenschaftlichen Veranstaltungen geführt,[2] sondern auch in konkreten Projekten für integrative Lebenswelten, die Fragestellungen von Ernährung und Energieversorgung, von Arbeit und Ökonomie, aber auch eines neuen räumlichen und sozialen Miteinanders einbeziehen.

Anders als bei den weit verbreiteten Baugruppen geht es nicht ausschließlich um die Schaffung von Wohnraum. Die Nachbarschaftsidee verbindet das Bedürfnis nach gemeinschaftlichem Wohnen und Wirtschaften mit einer neuen Werteorientierung, die auf persönlicher Verantwortungsübernahme beruht.

Mechanismen der Raumproduktion

Unsere heutigen Siedlungsräume sind das Resultat komplexer Verstrickungen von kulturellen und sozioökonomischen Umwälzungen, aber auch die Folge eines sich verändernden Mobilitäts- und Migrationsverhaltens. Die Gestalt von Dörfern folgte ursprünglich landwirtschaftlichen und landschaftlichen Gegebenheiten ebenso wie kulturellen Organisationsmustern und ökonomischen Rahmenbedingungen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts riefen die Industrialisierung und das rasante Wachstum der Städte und Gemeinden eine Reihe von sozialreformerischen Industriellen dazu auf, Visionen für eigenständige, kleinindustrielle Gebietskörperschaften zu entwerfen, in denen sich die Arbeiter losgelöst von Lärm und Schmutz der Produktionsstätten in gesunden Lebensräumen selbst versorgen und organisieren können. Ebenezer Howards Gartenstadt[3] wurde in diesem Kontext zum Wegbereiter der modernen, funktionsgetrennten Stadtplanung des 20. Jahrhunderts. Seine Überlegungen zur genossenschaftlichen Verwaltung von Grund und Boden, aber auch zu kollektiven Gütern und Räumen sowie einer autarken landwirtschaftlichen Versorgung wurden unter anderem im Rahmen der jüdischen Besiedlung Israels durch die Herausbildung von Kibbuzim und Moschawim[4] weiterentwickelt. Frank Lloyd Wright hingegen formulierte mit seiner Broadacre City[5] von 1932 die Utopie einer dezentralisierten hochmobilen Stadt, die sich aus Selbstversorgereinheiten von einem Acre[6] pro Haushalt zusammensetzt und durch das Verweben von Siedlungs-, Agrar- und Naturraum eine neuartige Kulturlandschaft entwirft.

Spätestens seit den 1960er Jahren wurden ebensolche Visionen, aber auch die gängige Praxis der modernen Top-down-Stadtplanung kritisch hinterfragt. Neue Schlagworte wie Partizipation, prozessuale Planung und Selbstbau, Flexibilität und Aneignung, Bottom-up und informeller Urbanismus treten ebenso auf den Plan wie kurze Zeit später Fragen zu Ökologie, Energie und urbaner Landwirtschaft. Exemplarisch hierfür steht die Rückbesinnung auf die "Stadt der kurzen Wege"[7] mit ihrer durchmischten Nutzungsstruktur.

Was ist also das Neue an den aktuellen Debatten um relokalisierte Nachbarschaften und gemeinwohlorientierte Raumstrategien, das nicht bereits in unterschiedlicher Ausprägung gedacht wurde? Müssen wir das Rad der Zeit nur einfach wieder zurückdrehen, um Antworten auf die drängenden Fragen zu erhalten?

Im Gegensatz zu den vorherigen Jahrzehnten sind Themen zu einer nachhaltigen Transformation unserer Siedlungsstrukturen und Lebensweisen abseits eines kontinuierlichen Wachstums inzwischen in der gesellschaftlichen Mitte angekommen. Die Finanz- und Energiekrise, wirtschaftliche Unsicherheit und der demografische Wandel wie auch der schleichende "Abschied" vom Wohlfahrtsstaat sind nicht nur temporärer Natur, sondern fordern vielmehr eine radikale Neuinterpretation unseres Lebens-, Arbeits- und Fürsorgesystems ein. Neue und vielfältige Akteure werden zunehmend wichtige Spieler in der Raumentwicklung und bei der Übernahme sozialer und kultureller Aufgaben. Ebenso formt sich der Anspruch, materielle (Wasser, Energie, Abfall, Nahrung) und immaterielle (lokales Wissen, soziale Ökonomie, lokale Kultur, Selbstbau) Güter in ein integriertes System mit geschlossenen und lokalen Wertschöpfungszyklen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen zu überführen.[8]

Zurück zum Dorf?

Die eingangs zitierte Initiative "Wir sind Dorf" verwendet den Begriff des Dorfs als Metapher, um ihre Vision für eine neue Form des Zusammenlebens zu beschreiben. Ziel der zukünftigen Nachbarschaft ist eine in weiten Teilen autarke Lebensweise, die sich am Gemeinwohl orientiert und eine kollektive Übernahme von Verantwortung einfordert, gleichwohl aber auch dem Wunsch nach individueller Selbstverwirklichung entspricht. Als optimale Größe für eine funktionierende Gemeinschaft betrachten die Initiatoren eine Bewohnerschaft von 40 bis 100 Erwachsenen mit insgesamt bis zu 400 Personen, die den persönlichen Kontakt untereinander wie auch eine basisdemokratische Organisationsstruktur erlaubt. Um eine weitestgehend autarke Versorgung zu gewährleisten, geht die Initiative von einem Bedarf von 80 bis 100 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche aus.

Organisiert werden soll das Dorf durch eine Kombination unterschiedlicher Rechts- und Kapitalformen. Während eine gemeinnützige Stiftung die Liegenschaften hält, um Spekulationen zu verhindern, soll eine Genossenschaft die Nutzungsrechte für den Betrieb durch Erbpacht erlangen. Dazu gehören die solidarische Bewirtschaftung der Agrarflächen, der Betrieb einer wertschöpfenden Ertragsveredelung sowie der Unterhalt sozialer und kultureller Gemeinschaftseinrichtungen. Alle Überschüsse sowie ein Prozentsatz des individuellen Einkommens werden reinvestiert. Ein Förderverein wiederum begleitet die Dorfentwicklung und den Aufbau der Sozialgemeinschaft und unterstützt gemeinnützige und soziale Projekte.

Gebäudetypologisch sollen neue Formen des Zusammenlebens nachhaltige Raumsysteme ermöglichen. Gemeinschaftliche Nutzungen wie beispielsweise ein Wasch-, Back- oder Badehaus sollen einzelne Funktionen aus der privaten Wohnung auslagern und die individuelle Nutzfläche pro Dorfbewohner von durchschnittlich 45 Quadratmeter pro Person in Deutschland[9] auf 40 Quadratmeter senken.[10]

In ihrem Konzeptpapier beschreibt die Initiative den idealtypischen Entwurf einer Lebensgemeinschaft mit möglichst geringem ökologischem Fußabdruck in einer postkapitalistischen und postfossilen Zukunft. Wie aber lassen sich solche Projekte in unsere bestehenden Raumordnungsmodelle einbinden und welche Rolle spielen diese (teil-)autarken Nachbarschaften für die zukünftige Transformation unserer ländlichen und städtischen Räume? Welchen Ausdruck finden diese Überlegungen auf der stadt- und gebäudetypologischen Ebene?

Von Mustern und Maßstäben

1977 erschien das Buch "A Pattern Language: Towns, Buildings, Construction" des Architekturtheoretikers und Philosophen Christopher Alexander mit Überlegungen zu Programm, Größe und Organisationsstruktur unterschiedlicher Zellen zwischen Gesamtstadt und Kleinsteinheiten. Alexander sieht in der dort formulierten Muster-Sprache eine Planungshilfe und ein Regelwerk zur Gestaltung von Räumen mit Hilfe von allgemeingültigen Problemlösungsstrategien in unterschiedlichen Maßstäben (Städte, Gebäude und Konstruktion).

Auf städtischer Ebene setzt er sich intensiv mit Fragen zur Größenordnung unterschiedlicher Gebietskörperschaften, ihrer sozialen Durchmischung und den ihnen zugewiesenen Entscheidungskompetenzen auseinander. Die Übernahme von Verantwortung für das jeweilige Muster sowie die Verwaltung des gemeinschaftlichen Grund und Bodens durch jede Gruppe beziehungsweise eine zusammenhängende politische Einheit stellen die Grundvoraussetzungen zur Verwirklichung der Muster-Sprache dar.

Ein "Mosaik aus Subkulturen" soll ein vielfältiges Nebeneinander und synergetisches Miteinander differenzierter Lebensstile, die sich in weitestgehend homogenen, individuellen Milieus formieren, innerhalb der Gesamtstadt ermöglichen. "Identifizierbare Nachbarschaften" hingegen sollen räumlich klar ablesbar sein und höchstens 400 bis 500 Einwohner umfassen, um die Identifikation der Bewohner mit dieser zu ermöglichen. Die "Gemeinde von 7.000" wiederum soll als autonome, selbstverwaltete Gemeinde innerhalb der Gesamtstadt über ein eigenes Budget Einfluss auf die Verwaltung nehmen und in lokalen Angelegenheiten (Flächenwidmungen, lokale Steuern, Wohnbau, öffentliche und soziale Einrichtungen) politische Kompetenz ausüben können.[11]

Interessant an den beschriebenen Mustern erscheinen insbesondere die Rückkopplungen der (nutzergetragenen) Einheiten zur Gesamtstadt und die damit verbundenen Fragestellungen über die Beziehung zwischen der strategischen Planung des Top-down und auf Eigeninitiative basierten Projekten des Bottom-up. Weiterhin sind Überlegungen zum Verhältnis zwischen der Größe ebensolcher Zellen und der Ausbildung von Identität wichtig, wie auch die Initiative von "Wir sind Dorf" anregt.

Die beschriebenen Konzeptionen bleiben jedoch keineswegs nur graue Theorie. Sie finden sich vielmehr in konkreten Projekten wieder, die traditionelle und festgefahrene Mechanismen aushebeln und neue Räume für den gesellschaftlichen Wandel formulieren.

Das Dorf als Arche Noah

Experimentelle Lebensgemeinschaften, die sich bewusst als Gegenmodell zu gängigen Verhaltens- und Konsumgewohnheiten im ländlichen Kontext verorten, haben sich längst im Rahmen eines stetig wachsenden Netzwerkes sogenannter ecovillages etabliert. Diese Ökodörfer bilden laut dem Global Ecovillage Network Europe "eine intentionale oder traditionelle Gemeinschaft, die bewusst durch partizipative Prozesse gestaltet und durch lokale Besitzstrukturen geprägt ist, um ihre soziale und natürliche Umwelt wiederherzustellen. Die vier Dimensionen der Nachhaltigkeit (Ökologie, Ökonomie, das Soziale und das Kulturelle) sind in einem ganzheitlichen Ansatz integriert."[12]

Das Ökodorf Sieben Linden beispielsweise, das seit 1997 in Sachsen-Anhalt entsteht, strebt eine maximale Größe von etwa 280 Personen an, die auf etwa 80 Hektar Land wohnen und wirtschaften. Gut 15 Jahre nach dem Spatenstich leben heute 140 Personen in einer Reihe von selbstgebauten Wohngruppen, die sich nicht nur durch ihre Lebenskonzepte hinsichtlich Ökonomie und Ernährung, sondern auch in der räumlichen und baulichen Ausprägung voneinander unterscheiden. Gemeinschaftsgebäude und zentrale Freiräume fungieren als Schnittstelle und bilden das Rückgrat des Dorfes. Weitestgehend geschlossene Energie- und Materialkreisläufe reduzieren den ökologischen Fußabdruck pro Bewohner gegenüber dem bundesdeutschen Durchschnitt auf ein Drittel.

Mit wachsender Bewohneranzahl hat sich das ursprüngliche Konsensmodell in ein Modell mit differenzierten Gremien gewandelt. Jeder ist verpflichtet, sich in mindestens einem Fachbereich zu engagieren und für diesen Verantwortung zu übernehmen. Räte zu den Themen Genossenschaft, Soziales, Bauen, Bildung und Lebensmittelversorgung arbeiten jeweils mit mehreren Kleingruppen zusammen und treffen in bestimmten Bereichen autonome Entscheidungen im Konsens, während monatliche Vollversammlungen zentrale, alle Bewohner betreffende Beschlüsse mit einer Zweidrittelmehrheit fassen.[13]

Ein intensiver Aushandlungsprozess von den Regeln des Zusammenlebens begleitet die Bildung dieser Gemeinschaften und erzeugt eine weitestgehend "homogene" Bewohnerschaft mit ähnlichen ökologisch geprägten Lebensanschauungen. Zwar sind Schnittstellen nach Außen eindeutig gewünscht, in vielen Fällen stehen die Dörfer aber weniger mit der direkten Nachbarschaft als vielmehr mit Gleichgesinnten im Kontakt. In einigen Fällen bestehen zudem weitere Zugangshürden, wie beispielsweise ein hohes anfängliches Investitionsvolumen. Dennoch spricht die Anzahl der Neugründungen und die rege Diskussion über Ökodörfer vom Erfolg solcher lebenszyklisch angelegter Modelle.

Die Pflanze als kleinste Einheit der Transformation

Im Gegensatz zu den Neugründungen der Ökodörfer werden im Rahmen sogenannter transition towns – auf Deutsch "Städte im Wandel" – Initiativen zusammengefasst, die sich mit der nachhaltigen Transformation von Städten und Dörfern, aber auch ganzer Regionen auseinandersetzen. Die Bewegung wurde 2006 unter anderem von dem Permakulturalisten Rob Hopkins ins Leben gerufen und basiert auf lokalen Gemeinschaftsprojekten, die von städtisch initiierten Ansätzen bis hin zu bürgerschaftlichen Projekten reichen. Der Verbrauch fossiler Energie soll reduziert und gleichzeitig ein nachhaltiges Wirtschaften auf Basis einer regionalen Landwirtschaft und relokalisierten Wirtschaft etabliert werden, das gängige Verhaltensmuster aufbricht und durch Teilhabe und solidarische Netzwerke sukzessive ablöst.[14]

Die Stadt Andernach beispielsweise setzt auf ein alternatives Konzept im Rahmen ihrer kommunalen Grünraumplanung. Einerseits sollen die Unterhaltskosten für den öffentlichen Grünraum reduziert, andererseits die Ökobilanz der Stadt durch die Integration von Nahrungsmittelproduktion in den städtischen Kontext verbessert werden. Rund um die Schlossruine im Zentrum sowie auf einer 13 Hektar großen Fläche am Stadtrand wurden Obst- und Gemüsebeete anstelle der bisherigen Zierpflanzungen angelegt und für die Bewirtschaftung durch die Stadt und ihre Bewohner vorgesehen.

Neben dem ökologischen Mehrwert und neuen Beschäftigungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose liegt der Erfolg insbesondere in dem neu entfachten Gemeinsinn der Andernacher Bevölkerung. Ein Grund hierfür ist unter anderem der niedrigschwellige Zugang zur Teilhabe an dem Prozess.[15]

Raum für neue Nachbarschaften

Die "Nachbarschaft Samtweberei" in Krefeld, eine Initiative der Montag Stiftung Urbane Räume, agiert auf mehreren Maßstabsebenen an der Schnittstelle zwischen öffentlichem, unternehmerischem und bürgerschaftlichem Engagement.

Neben unterschiedlichen Investitionsvolumen für Projekte mit gemeinschaftlichem Wohnen und Arbeiten in einer ehemaligen Samtweberei werden Entwicklungsperspektiven für den gesamten städtischen Block und dessen Innenbereich entworfen. In diesem soll, angrenzend an ein zentral gelegenes Nachbarschaftshaus, ein für das gesamte Quartier zugänglicher öffentlicher Raum mit vielfältigen Programmen entstehen.

Entwickelt und bewirtschaftet wird das Grundstück von einer gemeinnützigen Projektgesellschaft, die dieses durch einen Erbpachtvertrag von der Stadt Krefeld übernommen hat. Neben "nicht-rentierlichen" Investitionen durch die Stiftung sollen, wie im Pachtvertrag mit der Stadt festgeschrieben, die zu erwartenden Erträge aus der Immobilienbewirtschaftung in die Gemeinwesenarbeit im Quartier reinvestiert werden. Auf Quartiersebene sollen so bereits vorhandene Initiativen gestärkt und das Viertel mit den heutigen und zukünftigen Bewohnern sozial, kulturell und ökonomisch weitergebaut werden.

Zukünftig könnten in einer Art Quartiersfonds "Handlungsspielräume und Mittel für den noch unscharfen Bereich des Gemeinwesens zwischen Markt, Staat und Zivilgesellschaft"[16] ausgelotet und mit Fragen der Stadtteilarbeit und des sozialen Raummanagements verknüpft werden. Weitere Projekte und die Verwendung von Mitteln sollen auf der "Plattform Samtweberviertel", die auch räumlich auf dem Grundstück verortet wird, von Bewohnern, lokalen Akteuren und der Stadt Krefeld gleichberechtigt diskutiert werden.

Im Rahmen eines innovativen Nutzungs- und Finanzierungskonzeptes für ein Bürogebäude, dessen Mieten durch geringe Investitionen in den Bestand niedrig gehalten werden, sind die Nutzer per Vertrag angehalten, eine Stunde ihrer Kompetenz pro Quadratmeter und Jahr zu investieren (sozusagen als "erweiterte" Muskelhypothek[17]). Diese Art der Mischfinanzierung soll breiten Bevölkerungsschichten den Zugang zum Projekt ermöglichen und schafft zugleich eine Schnittstelle zum und eine hohe Identifikation mit dem Quartier. Der Betrieb von Gemeinschaftseinrichtungen in der Samtweberei durch Dritte und die Entwicklung weiterer genossenschaftlicher oder selbstverwalteter Projekte in der Nachbarschaft werden bewusst gefördert, um mittel- bis langfristig das Samtweber-Areal in eine sozial verträgliche Transformation der gesamten Krefelder Südweststadt einzubetten.[18]

Die Parallelität von Steuerung (Montag Stiftung Urbane Räume, Stadt Krefeld) und Ko-Produktion (Quartierbewohner), zwischen Anstoßen und Mitgestalten löst die häufig beschworene Dialektik zwischen Top-down und Bottom-up auf und hat damit Modellcharakter für die Entstehung integrativer Nachbarschaften. Klare, aber flexible Strukturen laden zum Mitmachen ein und bilden den Kern einer Kultur des Ermöglichens. Die Rücksichtnahme auf lokale Identitäten, seien es ethnische Hintergründe der Anwohner, Interessen schon bestehender Gruppierungen oder auch stadthistorische Charakteristika, ist ein Schlüssel für die breite Akzeptanz einer Raumstrategie, die auf Reichhaltigkeit und Heterogenität basiert.

Ein Haus aus dem Quartier

Im Gegensatz zur Strategie einer sukzessiven baulichen Umwandlung und prozesshaften Aufwertung eines Quartiers verfolgt die Neubebauung des Kalkbreite-Areals in Zürich durch die gleichnamige Genossenschaft das Ziel, einen innovativen Quartiersbaustein mit hohem sozioökonomischem und ökologischem Anspruch auf Basis der 2000-Watt-Gesellschaft zu realisieren.[19] Seit 2011 entsteht dort ein städtischer Block mit 88 Wohnungen für insgesamt 230 Personen und Gemeinschaftsräumen wie Büro- und Gewerbeflächen, Kinderkrippe, Kantine, Waschsalon, Schulungs- und Sitzungsräume sowie einem differenzierten Freizeit- und Freiraumangebot. Das "Wohnzimmer des Quartiers" bildet eine große öffentlich zugängliche Terrasse, die wiederum über eine "Rue Intérieure" mit den kollektiven Räumen verknüpft ist.

Kriterien der Nachhaltigkeit werden durch eine kompakte Bauweise (Minimierung der privaten Nutzfläche um 15 Quadratmeter des Schweizer Durchschnitts auf 35 Quadratmeter pro Person) im Niedrigenergiestandard mit geringen Lebenszykluskosten und den vollständigen Verzicht auf Autos erreicht. Das reduzierte Flächenangebot der Wohnungen wird durch zumietbare "Jokerräume", die zum Beispiel für Gäste genutzt werden können, sowie einen zentralen Gefrierraum und Waschräume aufgefangen. Durch diese effektive Art der synergetischen Raumnutzung können die individuellen Mietpreise niedriggehalten und eine hohe soziale Durchmischung erreicht werden. Eine Reihe von Räumen ist nutzungsneutral und erlaubt die Aneignung des Gebäudes durch die Bewohner im Laufe der Zeit.

Obwohl die Bebauung des Areals ein eigenständiges Neubauprojekt darstellt, wurden neben den Genossenschaftsmitgliedern auch Quartierbewohner, soziale Initiativen und Stiftungen intensiv in den Entwicklungsprozess des Areals eingebunden. In diesem Sinne steht eine Mitgliedschaft in der Genossenschaft und das dadurch erworbene Recht, die gemeinschaftlichen Raumangebote zu nutzen, auch außerhalb des Gebäudes wohnenden Personen offen.[20]

Eine Internetplattform, die "Anleitung Kalkbreite", wurde in einem partizipativen Prozess über Wikispace[21] von den zukünftigen Bewohnern entwickelt und erläutert die Nutzung der gemeinschaftlichen Räume. Die "Drehscheibe" wiederum, eine Art Gebäudemanagement, begleitet das Zusammenleben der Gemeinschaft, leistet Hilfestellung zum Beispiel beim energiesparenden Betrieb des Gebäudes und motiviert zur Teilhabe.[22]

Radikaler Pragmatismus

Die Schnittstelle zwischen Gemeinschaft und Individuum wird derzeit neu verhandelt, und zwar auf politischer, sozialer, ökonomischer und räumlicher Ebene. Alternative Modelle des Zusammenlebens durch integrierte Raumsysteme und nutzergetragene Nachbarschaften werden zukünftig an Bedeutung gewinnen und ermöglichen eine Stadtentwicklung jenseits von expansivem Wachstum und hohem Ressourcenverbrauch.

Die aufgeführten Projekte, die oft auf ungewöhnlichen Akteurskonstellationen zwischen Politik und Verwaltung, Planern und Experten sowie einer Vielzahl lokaler Initiativen beruhen, zeigen beispielhaft mögliche Potenziale und Bedingungen einer koproduktiven Raumentwicklung auf.

Auf regionaler Ebene wird es eine große Herausforderung sein, die vielfältigen Dynamiken und Projekte, die auf unterschiedlichen Maßstabsebenen entstehen, miteinander zu vernetzen und in das Instrumentarium der Stadt- und Raumplanung einzubetten. Kommunen werden neben der Rolle des Entwicklers immer mehr auch die eines Moderators übernehmen müssen. In der strategischen Planung sollte sich zukünftig eine Kultur des Ermöglichens etablieren, die Eigeninitiative und parallele Entwicklungsdynamiken fördert und als Chance begreift. Hierfür sind auch die Mauern zwischen den unterschiedlichen Akteuren abzubauen und eine verlässliche, auf Vertrauen basierende Partnerschaft zu etablieren. In einer vorausschauenden und zukunftsfähigen Entwicklungspolitik gilt es außerdem, Liegenschaften so zu vergeben, dass die Produktion von Wohnraum nicht wie bisher größtenteils kommerziellen Interessen folgt, sondern vielmehr nicht-profitorientierte Bauträger fördert.

Auf Projektebene wiederum wird es immer wichtiger, durch niedrige Zugangsschwellen alle Gruppen der Bevölkerung einzubinden. Dies erfordert innovative Kommunikationsstrategien, die auch Menschen außerhalb der Bildungsbürgerschaft ansprechen und eine neue Mehrklassengesellschaft aus Aktiven und Nicht-Aktiven abwendet.

Auch ist es wesentlich, das Konzept für einen zukunftsfähigen Umgang mit unserer Umwelt im alltäglichen Handeln zu verankern. Einen wichtigen Beitrag dazu können Bildungseinrichtungen leisten. Vor allem an Hochschulen, insbesondere an denjenigen, die zukünftige Planer, Entwickler, Umwelt- und Gesellschaftswissenschaftler ausbilden, sollten neue Strategien für integrative Raumentwürfe, Partizipation und Entwurfsprozesse, die nicht-linearen Mustern folgen, gelehrt werden.

Visionäre Antworten auf grundlegende Herausforderungen der Stadtentwicklung wurden in der Vergangenheit immer wieder gesucht. All diese Entwürfe hatten große Auswirkungen auf unsere Siedlungsstrukturen und das Wohnen, wie wir es heute kennen. Die aktuellen Initiativen und Projekte, die mit großer Radikalität gedacht und mit viel Pragmatismus realisiert werden, entstehen jedoch aus der Mitte der Gesellschaft und Bewohnerschaft. Wir sollten sie als Katalysatoren begreifen, die, einmal gezündet, erst der Beginn für viele mögliche Zukünfte sind.
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Fußnoten

1.
Wir sind Dorf e.V., Konzept für eine neue Sozial-Gemeinschaft, Hamburg 2013, http://www.wir-sind-dorf.com« (17.4.2014).
2.
Vgl. etwa Symposium Nospolis. Räume gemeinsamer Zukünfte, http://www.nospolis.org« (17.4.2014).
3.
Vgl. Ebenezer Howard, Garden Cities of To-morrow, London 1902.
4.
Kibbuzim sind ländliche Kollektivsiedlungen mit gemeinsamem Eigentum und basisdemokratischen Strukturen. Moschawim hingegen sind genossenschaftlich organisierte Siedlungen sowohl mit Kollektiv- wie auch Privateigentum.
5.
Vgl. Frank Lloyd Wright, The Disappearing City, New York 1932.
6.
Ein Acre ist eine angloamerikanische Maßeinheit und entspricht etwa 4046 Quadratmeter.
7.
Die Stadt der kurzen Wege entspricht einem seit den 1980er Jahren verfolgten Leitbild der Stadtplanung, das eine heterogene Mischung von Nutzungsstrukturen und durch deren räumliche Nähe zueinander die Verringerung des Individualverkehrs anstrebt.
8.
Vgl. Doina Petrescu/Constantin Petcou, R-Urban: Zukunftsfähigkeit, in: Elke Krasny/Architekturzentrum Wien (Hrsg.), Hands-on Urbanism 1850–2012. Vom Recht auf Grün, Wien 2012, S. 334-346.
9.
Vgl. Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Pro-Kopf-Wohnfläche erreicht mit 45m² neuen Höchstwert, Pressemitteilung Nr. 9/2013 vom 24.7.2013.
10.
Vgl. Wir sind Dorf e.V. (Anm. 1).
11.
Vgl. Christopher Alexander/Sara Ishikawa/Murray Silverstein et al., A Pattern Language: Towns, Buildings, Construction, New York 1977; dies., Eine Muster-Sprache. Städte, Gebäude, Konstruktion, Wien 20112.
12.
Global Ecovillage Network Europe, Was ist ein Ökodorf?, http://gen-europe.org/de/oekodoerfer/ueber-oekodoerfer/index.htm« (17.4.2014).
13.
Vgl. Ökodorf Sieben Linden, http://www.siebenlinden.de« (17.4.2014).
14.
Vgl. Rob Hopkins, The Transition Handbook. From Oil Dependency to Local Resilience, White River Junction 2008.
15.
Vgl. Lutz Kosack, Essbare Stadt Andernach, http://www.wesentlich-gmbh.de/unsere-projekte/andernach« (17.4.2014); Stadt Andernach, Essbare Stadt, http://www.andernach.de/de/leben_in_andernach/essbare_stadt.html« (17.4.2014).
16.
Klaus Overmeyer, Fonds Samtweberei, Präsentation im Rahmen einer Planungswerkstatt für die Samtweberei am 20. und 21.2.2014 in Krefeld.
17.
Unter Muskelhypothek versteht man die Eigenleistung beim (Um-)Bau einer Immobilie.
18.
Vgl. Stadt Krefeld/Montag Stiftung Urbane Räume (MUR)/Wohnstätte Krefeld, Zukunft für das Samtweberviertel. Aktive Gemeinwesenarbeit und die Erneuerung der Alten Samtweberei als Impuls für den Stadtteil, Entwurf eines gemeinsamen Handlungsprogramms (24.10.2013); MUR, Allesamt fürs Samtweberviertel, http://www.samtweberviertel.de« (17.4.2014).
19.
Die 2000-Watt-Gesellschaft ist ein energiepolitisches Modell, das an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich entwickelt wurde und den Primärenergiebedarf pro Person pro Jahr auf 2000 Watt zu senken sucht. Vgl. 2000-Watt Gesellschaft, http://www.2000watt.ch« (23.4.2014).
20.
Vgl. Genossenschaft Kalkbreite, Die Kalkbreite. Ein neues Stück Stadt. Projektdokumentation, Zürich 2011, http://www.kalkbreite.net/projekt/bauprojekt/20110417_Kalkbreite_Doku2011_web.pdf« (23.4.2014).
21.
Wikispace ist eine Internetplattform, die das gemeinsame Bearbeiten eines Textes erlaubt.
22.
Vgl. Anleitung Kalkbreite, http://anleitung.kalkbreite.net« (17.4.2014).
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Autoren: Isabel Finkenberger, Christoph Schlaich für bpb.de
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