Ein Luxus-Neubau steht in der Pappelallee Ecke Buchholzer Strasse im Stadtteil Berlin-Prenzlauer Berg neben einem Altbau.
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Urbanisierung, Megastädte und informelle Siedlungen


5.5.2014
Bei Veränderungen geht es nicht nur darum, die Dinge besser zu machen, sondern auch darum, Besseres zu tun.
(Aleem Walji, Direktor der Innovation Labs des Weltbank-Instituts)

Dass Städte in der globalen Entwicklung einen positiven Faktor darstellen, ist weithin unstrittig – ebenso wie die Tatsache, dass die Zukunft unseres Planeten von der Zukunft unserer Städte abhängt. Städtisches Leben ermöglicht uns, Dinge besser zu machen und Besseres zu tun. Es bietet nicht nur die Chance, die Lebensqualität von Migranten zu verbessern, sondern, mehr noch, das ihrer Kinder und Enkel. In der weltweiten Urbanisierung kommt die Freiheit der Wahl zum Ausdruck: Die Landbevölkerung wählt "mit den Füßen" und zieht in die Städte, um dort ein neues Leben zu beginnen – nicht selten, indem sie alles, was sie besitzt, aufs Spiel setzt.

Während sich das Wachstum der Städte in Westeuropa und auf dem amerikanischen Kontinent inzwischen eingependelt hat, nimmt es in den asiatischen und afrikanischen Städten nach wie vor zu und gestaltet damit unsere geopolitische, soziale und ökologische Landschaft neu. Städte wachsen jährlich um rund 70 Millionen Menschen – das sind 1,4 Millionen pro Woche. In jeder Woche wächst also eine Stadt von der Größe Münchens heran. Gegenwärtig leben etwa 51 Prozent der Weltbevölkerung in Städten – Schätzungen zufolge wird sich dieser Anteil bis 2030 auf 60 Prozent und bis 2050 auf 70 Prozent erhöhen.

Das sind gute Nachrichten – und zwar aus mehreren Gründen. Die Bevölkerungskonzentration in städtischen Ballungsräumen gibt Landflächen für anderweitige Nutzung frei – ganz im Gegensatz zu den sich ausbreitenden Vorstädten, die die Landschaft zersiedeln, die Kosten für Infrastrukturnetze und die Bereitstellung kommunaler Versorgungsdienste sowie (durch das Pendeln zwischen Arbeits- und Wohnort) die Umweltbelastung in die Höhe treiben. Von derzeit rund sieben Milliarden Menschen nimmt die urbane Bevölkerungshälfte nur etwa 2,7 Prozent der Landfläche unseres Planeten ein. Das bedeutet eine Flächenfreisetzung für die Ernährung der Weltbevölkerung (die aufgrund verbesserter Technologien immer weniger Boden dafür benötigt) sowie für natürliche Lebensräume, die für unser Überleben unverzichtbar sind. Zudem besteht ein enger Zusammenhang zwischen Urbanisierung und ökonomischer Entwicklung sowie zwischen dem Grad der Urbanisierung und der Wachstumsrate des jährlichen Pro-Kopf-Einkommens.

Was jahrzehntelang verleugnet wurde, ist inzwischen offensichtlich: Praktisch das gesamte in den kommenden Jahrzehnten zu erwartende Bevölkerungswachstum wird sich in den Städten der Entwicklungsländer ereignen. Und dieses Wachstum wird sich auf selbst gebaute Barackenstädte, Squattersiedlungen und Slums – sogenannte informelle Siedlungen – konzentrieren. Bereits heute leben eine Milliarde Menschen in diesen stigmatisierten Gemeinschaften; es wird erwartet, dass sich die Zahl bis 2030 verdoppelt und bis 2050 gar verdreifacht. Das bedeutet: Schon im Laufe der nächsten Generation wird jeder Dritte auf diesem Planeten "informell" wohnen – sei es innerhalb der Stadtgrenzen oder an den städtischen Peripherien.

Diese informellen Siedlungen sind Antworten auf einen dringenden Bedarf. Weder private Wohnungsmärkte noch die Kommunen zeigen sich bisher erfolgreich darin, in die Städte kommenden Migranten Wohnraum zu erschwinglichen Preisen bereitzustellen. Auf sich gestellt suchen sie ungenutzte Flächen und bauen, so gut es geht, ihre Häuser und Gemeinschaften selbst. Der informelle Sektor wächst nicht, weil seine Bewohner kostenlos Sozialwohnungen erhalten und an die städtische Versorgung angeschlossen werden, sondern weil Städte – und insbesondere Megastädte – größere Möglichkeiten und bessere Gelegenheiten bieten. Bereits seit den 1960er Jahren argumentieren ich und andere Autoren, dass informelle Siedlungen nicht das Problem sind, sondern die Lösung.

In den Entwicklungsländern leben gegenwärtig rund 40 Prozent der urbanen Bevölkerung in Hütten auf besetzten Grundstücken. Um in den kommenden Jahrzehnten die in den Städten zu erwartenden Menschen zu beherbergen, werden 35 Millionen Wohneinheiten pro Jahr benötigt, das sind rund 96.000 neue Wohnungen pro Tag. Diese werden zum großen Teil selbstgebaute Behausungen auf innerstädtischen Freiflächen sein – jenseits der existierenden Straßennetze sowie der städtischen Versorgungsleistungen und Infrastrukturen.

Untersuchungen offenbaren das permanente Versagen der Kommunalpolitik, dem Bevölkerungsansturm auf die Städte wirksam zu begegnen oder urbanes Wachstum effektiv einzugrenzen. Wer in die Stadt kommt, gehört in der Regel zu den Fähigsten und bringt neben höchsten Erwartungen auch größte Leistungsbereitschaft mit. Politische Strategien – wie ländliche Entwicklung, eine "geschlossene Stadt" und Baubeschränkungen, Wachstumspole sowie neue Hauptstädte – haben sich als erfolglos darin erwiesen, "sie auf dem Hof zu halten" – sie, die inzwischen im Fernsehen längst "ihr Paris" vor Augen haben. Investitionen in die Stromversorgung sowie in Straßen und Fabriken auf dem Land beschleunigen die Landflucht nur. Und Strategien einer "geschlossenen Stadt" funktionieren nur in autoritären Staaten wie Kuba, Russland, China und Südafrika zur Zeit der Apartheid (und selbst dort nicht sehr effektiv). Alle genannten Staaten kannten oder kennen einen großen "schwankenden" Bevölkerungsanteil: nicht registrierte Individuen und Familien, die jenseits staatlicher (beziehungsweise kommunaler) Kontrolle leben.

Das bedeutet: Die "Stadt als Festung" wird zunehmend von der als solche wahrgenommenen Irritation heimgesucht, ihren Raum mit armen Zugezogenen vom Land und deren Familien teilen zu müssen. Dabei geht es – trotz aller Versuche, dies zu verhindern – nicht nur um den physischen, sondern auch um den ökonomischen, politischen, kulturellen, sozialen und ökologischen Raum. Beide Seiten teilen sich die Luft zum Atmen, das Trinkwasser und die Erde – inklusive der ökologischen Belastungen, die entstehen, wenn so viele Menschen von Wasser, sanitären Einrichtungen und geregelter Abfallentsorgung ausgeschlossen werden. Dabei mögen Eisengitter den Reichen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln; doch keine derartige Abschottung vermag sie hinsichtlich der Umweltbelastungen von den Armen zu trennen.

Als Folge daraus sind die Städte tief zerklüftet und widersprechenden Forderungen dahingehend ausgesetzt, wessen Interessen bedient werden sollen. Die Auseinandersetzung um umstrittene Territorien und städtisches Vermögen bestimmt die Kommunalpolitik wie den öffentlichen Protest – ganz gleich, ob es dabei um Wohnraum, Flächennutzung, Bildung, Gesundheitsfürsorge, Verkehr oder Grünflächen geht. Doch die Stadt ist kein Nullsummenspiel – und es gibt zahllose Möglichkeiten, den Kuchen zu vergrößern und ihn besser und weiter zu verteilen, sobald kurzfristiges, an Wahlperioden orientiertes Kalkül und der "ungeduldige" Kapitalismus zugunsten der langfristigen Vorteile des sozialen Friedens, ökonomischen Wachstums und des Zusammenlebens in einer integrierten Stadt außer Kraft gesetzt werden.

Die Erfahrungen zeigen, dass zwischen Ideen und ihrer Umsetzung eine Verzögerungsperiode von 25 Jahren liegt. So bedurfte es jahrzehntelanger Untersuchungen über Urbanisierung und Barackenstädte, bis diese in der Politik ihren Niederschlag fanden. Und nach den Untersuchungen der frühen 1960er Jahre, die das verheerende Ergebnis der Zerstörung von Behelfswohnungen und der Umsiedlung ihrer Bewohner in kommunale Wohneinrichtungen zutage förderten, verging noch mehr als ein Jahrzehnt (bis 1972) bis zum ersten Projekt der Weltbank zur Verbesserung und Aufwertung informeller Siedlungen; weitere 15 Jahre dauerte es, bis nationale und örtliche Regierungen dem Beispiel folgten. Angesichts wachsender Herausforderungen, denen sich Städte heute gegenübersehen, können wir es uns nicht leisten, noch eine Generation lang zu warten, bis die neuen Erkenntnisse die Entscheidungsprozesse bestimmen.

Sicherheit und Wohlstand unserer Städte werden zukünftig nicht zuletzt von unserer kollektiven Fähigkeit abhängen, informelle Gemeinschaften zu integrieren und die Energie und Intelligenz ihrer Bewohner als Teil der Lösung miteinzubeziehen.

Erschließung des Potenzials der neuen Stadtbewohner



Megastädte – das sind städtische Ballungsräume mit mehr als zehn Millionen Einwohnern – sind äußerst attraktiv und ihre Energie übt eine immense Anziehungskraft aus. Mit ihrem Wachstum vergrößern sich zugleich die Chancen ihrer Bewohner: Neue Jobs werden geschaffen, neue Möglichkeiten entstehen. Gegenwärtig gibt es etwa 26 Megastädte weltweit; zehn weitere sind auf dem Weg dorthin.

In den großen Städten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas wachsen seit den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg informelle Siedlungen schneller als andere Stadtteile. Abhängig vom jeweiligen Grad der Urbanisierung lässt sich dieses Wachstum auf eine Kombination aus ländlicher Zuwanderung und natürlichem Bevölkerungswachstum zurückführen. In beiden Fällen sehen sich Stadtverwaltungen wachsenden Defiziten im Wohnungsbau sowie in der Bereitstellung städtischer Versorgungsleistungen und Infrastrukturen gegenüber.

Der Blick auf begrenzte städtische Haushalte und die an die Grenzen ökologischer Tragfähigkeit gelangende regionale Ausbeutung von Bodenschätzen hat bisher eine Ressource außer Acht gelassen, die im Überfluss vorhanden ist: das Humankapital. Wachsende Städte sind voll von arbeitslosen oder unterbeschäftigten Arbeitsuchenden. Wie ich bereits 1976 in meinem Buch "The Myth of Marginality" dargelegt habe,[1] gehören die neuen Migranten nicht etwa zum untersten "Bodensatz", sondern zum "Besten vom Besten" einer Stadt: zu all jenen mit den Fähigkeiten sowie der notwendigen Zielsetzung und Motivation, um Neues zu probieren. Man nannte sie "marginale Elemente" – tatsächlich aber wurden sie durch systematische Stigmatisierung und Ausgrenzung aktiv marginalisiert. Dabei waren sie es, die häufig am längsten und für die niedrigsten Löhne arbeiteten – zudem unter Bedingungen, denen sich andere Arbeiter niemals ausgesetzt hätten.

Eine Chance der Politik besteht darin, zu sehen, wie sich begrenzte Haushaltsmittel und begrenzte Naturressourcen mit dem Überfluss an menschlichen Talenten zu einem positiven Kreislauf verbinden lassen. Ein gutes Beispiel ist das der "Müllmenschen" (Zabbaleen) in Kairo, bei dem zwei Probleme – fehlendes Einkommen und zu viel Müll – eine Lösung fanden. Indem sie den Müll trennten und ihn en gros an Mittelsmänner verkauften, verdienten sie zunächst nur wenige Cents pro Tonne; doch mithilfe diverser Verfahren zur Wiederverwertung (durch Verweben, Einschmelzen und andere Wege der Metallverarbeitung) gelang es ihnen, den Lebensunterhalt für die ganze Gemeinschaft zu sichern, den Müll weiter zu reduzieren, ihre Esel durch Lastwagen zu ersetzen (und damit weitere Festabfallstoffe einzusammeln), bessere Wohnverhältnisse für sich zu schaffen und ihre Kinder zur Schule zu schicken. Ähnlich innovative Herangehensweisen lassen sich, wenn man an der Basis sucht, in jeder Großstadt finden; zudem können sie durch die Kommunalpolitik unterstützt und dadurch aufgewertet werden, dass andere Kommunen diese Ideen aufgreifen.[2]

Seit der Wahl Bill de Blasios zu New Yorks neuem Bürgermeister 2013 erschienen zahlreiche Artikel (so in der "New York Times", der "Financial Times", im "Wall Street Journal" sowie in "The Economist") über die sogenannte "Zweiteilung der Stadt" und die negativen Auswirkungen mangelnder Chancengleichheit. Für diejenigen, die wie ich seit Jahrzehnten im Bereich internationaler urbaner Entwicklung arbeiten, ist das keine Neuigkeit. Wir alle kennen die Opportunitätskosten – also den für die Städte entgangenen Nutzen – all der tatkräftigen, enthusiastischen und kreativen Menschen und Problemlöser, die in irregulären Siedlungen leben und marginalisiert werden.

Die natürliche Entwicklung von Slums und Barackensiedlungen hin zu florierenden Arbeitervierteln aufzuhalten und den Zustand einer "geteilten Stadt" zu verewigen, schadet der Entwicklung wie der Stabilität unserer Städte. Durch den Ausschluss der armen Bevölkerung entgehen einer Stadt nicht nur Arbeitskräfte und Produktivität, sondern auch Konsumeinnahmen und demokratische Teilhabe. Darüber hinaus werden die öffentliche und individuelle Sicherheit sowie die Widerstandskraft gegen eine Verhärtung des sozialen Klimas beeinträchtigt. Urbane Ungleichheit und Tötungsdelikte bilden einen direkten Zusammenhang: Wer sichere Straßen und ein sicheres Investitionsklima will, muss in seiner Stadt das Zusammenleben fördern – und nicht mehr Polizei fordern.

Untersuchungen zu Naturkatastrophen zeigen, dass die Geschwindigkeit und der Erfolg bei der Wiederherstellung stabiler Verhältnisse weniger vom Reichtum oder von Regierungsstellen abhängt als vielmehr vom Grad des gemeinschaftlichen Zusammenhalts und der zivilgesellschaftlichen Organisation einer Region. Kreative Erneuerungen in Musik, Kunst, Theater, in Design und Film entstehen häufig in sogenannten alternativen Räumen und entwickeln sich zur Avantgarde für kulturelle Trends und Mainstreamphänomene nicht nur der jeweiligen Stadt, sondern auch landesweit oder gar auf internationaler Ebene. Die kreative Stadt vereint in sich große Dimensionen, hohe Bevölkerungsdichte und nahe beieinander liegende Diversität sowie die Freiheit zum Scheitern und den Lohn des Risikos. Damit wir auf neue Ideen kommen, brauchen wir "die Anderen".

Stadterneuerung kommt nicht notwendigerweise durch große Budgets zustande, durch Finanzierung sogenannter Informationsbesuche oder aufwendige Bewirtung von Delegationen aus anderen Städten. Viele bahnbrechende Neuerungen wachsen in heimischem Boden und werden dann in größerem Maßstab übernommen. Aus meiner Sicht aber bedeutet der Verlust des intellektuellen Kapitals – einem entscheidenden Faktor für Lösungen der komplexen Probleme unserer Zeit – die weitaus größten Kosten der Ausgrenzung. Die Intelligenz der "unteren" Milliarde der Weltbevölkerung unberücksichtigt zu lassen, könnte sich als der größte Schaden dieser Ausgrenzung herausstellen. Wir können es uns einfach nicht leisten, dieses Potenzial zu vergeuden beziehungsweise es aufgrund fehlender Rahmenbedingungen ungenutzt zu lassen. Nur indem wir auf integrative Städte hinarbeiten, können wir sichere und nachhaltige urbane Räume schaffen, die Investoren anlocken und zugleich eine unbeschwerte Lebensqualität ermöglichen. Die grundlegende Verknüpfung zwischen Stadt, Umwelt und Armut wird im Kasten dargestellt.

Der Armut-Umwelt-Nexus: Sechs Lektionen aus 20 Megastädten

1. Ohne ökologische Nachhaltigkeit unserer Städte kann es keine globale ökologische Nachhaltigkeit geben.

  • Die Bevölkerungskonzentration in Städten ist eine Notwendigkeit. Nicht allein die Vorteile der Massenproduktion führen zur Energie- und Ressourceneffizienz; würde die gesamte Landmasse unseres Planeten in individuelle Haushaltsparzellen aufgeteilt, bliebe kein Boden für Landwirtschaft und Naturgebiete übrig.
  • Kreislauf- statt Einwegsysteme: Da sich Luftverschmutzung und Verschlechterung der Umweltbedingungen in den Städten konzentrieren, liegt der Schlüssel zur Umkehr unserer globalen Umweltzerstörung in der Umwandlung des städtischen Metabolismus in Kreislaufsysteme (Recyclingsysteme). Wir müssen unser Wasser und unsere Abfallströme wiederverwerten und das, was gegenwärtig weggeworfen wird, als produktive Ressource nutzen.
2. Ohne Armutslinderung kann es keine ökologische Lösung für unsere Städte geben. Die armen Bevölkerungsschichten leben tendenziell in den ökologisch fragilsten Zonen unserer Städte – an steilen Hängen, in niedrig gelegenen Sumpfgebieten oder in unmittelbarer Nachbarschaft zu gefährlichen Industrien. Aufgrund fehlender Mittel leben sie zudem häufig ohne angemessene Wasserversorgung, Kanalisation und Abfallentsorgung. Ohne alternative Standorte und Einkommensmöglichkeiten für den Grundbedarf wird ihr Überleben ökologischen Notwendigkeiten entgegenstehen.

3. Ohne auf kommunale Neuerungen – also auf Prozesse von unten nach oben – zu bauen, kann es keine dauerhaften Lösungen gegen Armut oder Umweltzerstörung geben. Da Kreativität nicht auf eine Ethnie, eine Klasse oder ein Geschlecht beschränkt ist, bieten Experten und politische Entscheidungsträger nicht immer die beste Gewähr für systemtransformierende Erneuerungen. Die kreativsten und ressourcenschonendsten Lösungen urbaner Probleme zeigen sich vielfach an der Basis – dort, wo sie unmittelbar gelöst werden. Und ohne örtliche Beteiligung an der Umsetzung sind selbst die besten Ideen zum Scheitern verurteilt.

4. Ohne auf Führungsebene weitergegeben und in die Politik getragen zu werden, wird das, was effektiv ist, keine maßgeblichen Auswirkungen haben. "Small is beautiful" mag nach wie vor richtig sein, aber: Klein bleibt klein und die Probleme sind enorm. Um wirkungsvollen Einfluss zu erlangen, müssen Mikroinitiativen durch sogenannte Peer-to-Peer-Lernprozesse in Nachbarschaften und Städten weitergegeben oder in den allgemeinen politischen Strukturen verankert werden.

5. Ohne Veränderung der alten Leistungssysteme und "Spielregeln" kann es keine urbane Transformation geben. Solange die städtischen Sektoren de facto ein Vetorecht gegeneinander ausüben können, werden lokale Erneuerungen niemals in größerem Maßstab – mithilfe sektorenübergreifender Partnerschaften, in die auch Regierungsstellen, Unternehmen, NGOs, Hochschulen und Medien sowie Basisgruppen eingebunden werden – umzusetzen sein. Wir benötigen daher ein Klima, das Experimente, gemeinsames Lernen und Zusammenarbeit fördert.

6. Ohne soziale Gerechtigkeit und politische Teilhabe wird es weder die nachhaltige Stadt des 21. Jahrhunderts noch dauerhaft ökonomische Vitalität und ökologische Regenerierung geben können.


Das Beispiel der Favelas in Rio de Janeiro



In Lateinamerika leben 77 Prozent der Bevölkerung in Städten – mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Allein in Brasilien, dem am stärksten urbanisierten Land der Erde, leben 84 Prozent in Städten (in den USA 80,5 Prozent). Während die Wachstumsrate brasilianischer Städte von 2000 bis 2010 auf 1,63 Prozent sank, wuchsen die Favelas jährlich um 4,2 Prozent, was einem Anwachsen der Favela-Bevölkerung von 6,5 auf 11,4 Millionen Menschen entspricht. 161 Länder der Erde weisen niedrigere Bevölkerungszahlen auf als die brasilianischen Favelas.

In jeder der neun Metropolen Brasiliens lebt eine beträchtliche Anzahl von Menschen in Favelas; unter ihnen gebührt Rio de Janeiro die zweifelhafte Auszeichnung, nicht nur die größten, sondern auch die meisten Favelas und Favela-Bewohner zu beherbergen: In Rio lassen sich etwa 1.200 Favelas identifizieren, die sich in 763 größere Komplexen zusammenfassen lassen. Dort leben rund 1,4 Millionen Menschen; das sind 23 Prozent der Stadtbevölkerung. Die nächstgrößere Favela-Population lebt in São Paolo (rund 1,3 Millionen Menschen).

Rios Wachstum schnellte seit den 1950er Jahren in die Höhe – und seither hat die Wachstumsrate der Favelas die der Stadt insgesamt in jedem Jahrzehnt weiter hinter sich gelassen. Einzige Ausnahme: In den 1970er Jahren wurden unter der Militärdiktatur geschätzte 700.000 Menschen aus den Favela-Gemeinschaften vertrieben. Selbst als im vergangenen Jahrzehnt Rios Wachstumsrate auf drei Prozent herabsank, wuchs die Favela-Bevölkerung der Stadt noch um 28 Prozent.

Seit 1985 die Re-Demokratisierung einsetzte und politische Parteien und Kandidaten um Stimmen rangen, erwies sich die Räumung von Favelas als schwierig. Und so wichen Räumungspläne politischen Aufwertungsstrategien vor Ort: Das 1995 in Rio de Janeiro gestartete Programm zur Stadtteilverbesserung, "Favela-Bairro", gilt als eines der ambitioniertesten und erfolgreichsten Aufwertungsprogramme weltweit. Im Rahmen des Programms wurden 180 Millionen US-Dollar investiert, um durch die Verbesserung der Infrastrukturen und städtischen Versorgungsleistungen die Favelas in das urbane Gesamtgefüge zu integrieren. Auf diese Weise wurden 253.000 Menschen in 73 kleineren und mittleren Favelas unterstützt.

Die neue Verfassung von 1988 sowie die Satzung der Stadt von 2001 garantieren das Recht auf menschenwürdigen Wohnraum, führten das "Recht auf die Stadt" ein (das erst jüngst durch die Einbeziehung des "Rechts auf das Stadtzentrum" eine Erweiterung erfuhr) und verfügten Planungsverfahren mit örtlicher Teilhabe. Einmal mehr erwies sich Brasilien als führende Nation zukunftsweisender Stadtentwicklungspolitik.

Erst vor wenigen Jahren setzten zwei massive Investitionsprogramme in den Favelas der brasilianischen Hauptstadt an: das PAC (Programm for Accelerated GrowthProgramm zur Wachstumsbeschleunigung) und das UPP (Units of Pacifying Police – Einheiten einer Befriedungspolizei). 2007, auf dem Zenit brasilianischer Wirtschaftsüberschüsse, investierte das Land im Rahmen des dreijährigen PAC-Programms erstmals 306 Milliarden US-Dollar, um fällige Infrastrukturprobleme zu lösen und die anstehenden Mega-Events – die Fußballweltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 – vorzubereiten. Die darin enthaltene Komponente zur Aufwertung der Armutsviertel zielte auf die größten Favela-Komplexe der Stadt; allerdings gab sie auch Anlass zu Kontroversen, da die Bewohner kein Mitspracherecht darin hatten, wofür das Geld im Einzelnen verwendet werden sollte. Die zweite Phase – PAC 2 – begann im März 2010 und sieht bis Ende 2014 Investitionen von insgesamt 582 Milliarden US-Dollar vor.

Die Einheiten der Befriedungspolizei wurden erstmals 2008 durch Sérgio Cabral Filho, Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, und seinen Sekretär für Öffentliche Sicherheit, José Beltrame, mit dem Ziel eingesetzt, die Favelas mithilfe ausgebildeter und bewaffneter Militärpolizisten der Kontrolle durch den Drogenhandel zu entziehen. Gegenwärtig verrichten diese Einheiten in 38 Favelas ihren Dienst – und kosten jährlich 360 Millionen US-Dollar.

Heute, fast 20 Jahre nach dem Start des "Favela-Bairro"-Programms und mit Blick auf die großen Investitionen der vergangenen Jahre, sehen wir die Anfälligkeit des Existenzrechts der Favelas. Wieder einmal wehren sich Favela-Bewohner verzweifelt gegen eine Räumung – wie derzeit in Rios ältester Favela, der Morro de Providencia, sowie in zahlreichen anderen Favelas nahe der Sportanlagen für Fußballweltmeisterschaft und Olympische Spiele. Mit dem Abriss der Vila Autodromo – einer Favela, die seit drei Jahren für ihr Bleiberecht und ihre Kooperation mit Studenten der Universität von Rio und NGOs kämpft – wurde bereits begonnen. Ihr alternativer Plan zur Standortkonsolidierung und Aufwertung hatte erst im vergangenen Jahr den mit 80.000 US-Dollar dotierten Deutsche Bank Urban Age Award gewonnen. Dennoch sind die Bulldozer jetzt da.

Den Entrechteten eine Stimme geben



Als Anthropologiestudentin unternahm ich in den 1960er Jahren Feldstudien in den ländlichen Gebieten im Nordosten Brasiliens. Damals versuchte ich zu verstehen, wie junge Leute in den Dörfern ihre Weltsicht entwickelten, welche Ziele sie sich für ihr Leben steckten. Dabei wurde ich Zeugin eines dramatischen Wandels, der sich während meines Aufenthalts durch den Einzug des Transistorradios in die Dörfer vollzog. Von nun an redeten die jungen Leute nur noch über eines: darüber, in die großen Stadt zu gehen – dorthin, wo "was los" war. Diese Erfahrung ließ mich den Weg einer 40 Jahre währenden Forschungstätigkeit einschlagen; er begann 1968/1969 mit meiner Doktorarbeit, für die ich Migranten auf ihrem Weg nach Rio de Janeiro folgte.

Damals lebte ich, für jeweils sechs Monate, in drei verschiedenen Favelas in Rio (unter anderem in der Catacumba-Favela, vgl. Abbildungen 1 bis 3 in der PDF-Version). Zusammen mit einer Gruppe brasilianischer Studenten interviewte ich 750 Personen: je 200 zufällig ausgewählte Männer und Frauen (zwischen 16 und 65 Jahren) sowie in jeder Favela 50 "Führer" (Sprecher). Kurz vor dem Ende der Studie – es war die Hochzeit der Militärdiktatur – musste ich das Land verlassen, als ich erfuhr, dass man mich für eine "internationale Agentin der Subversion" hielt. Das war offenbar die einzig mögliche Erklärung dafür, dass eine Amerikanerin so viel Zeit in den Favelas verbrachte.

Die Ergebnisse der Studie bildeten die Basis für mein Buch "The Myth of Marginality". Ich blieb mit den Freunden und den Familien, bei denen ich gewohnt hatte, in Verbindung. 30 Jahre später bereitete ich eine erneute Studie vor, die zunächst mit der mühsamen Lokalisierung der noch lebenden Teilnehmer an der ersten Studie begann. Mithilfe einiger unkonventioneller Methoden gelang es, 41 Prozent der ursprünglich 750 Interviewpartner ausfindig zu machen.

Unsere Wiederbegegnung wurde für beide Seiten eine äußerst bewegende Erfahrung und war ebenso erfreulich wie ergreifend. Wir lachten und weinten. Die Leute hatten in den 30 Jahren eine Menge durchgemacht und brannten darauf, ihre Geschichte zu erzählen – und gehört zu werden. Sie wollten Zeugnis ablegen und verstanden werden. Zusammen mit einem brasilianischen Wissenschaftlerteam führte ich noch einmal mit jedem ein Interview und benutzte dafür aktualisierte Versionen der Erhebung sowie der Matrix zur Erfassung der Lebensgeschichte von damals. Anschließend interviewten wir 368 ihrer Kinder (die etwa so alt waren wie ihre Eltern seinerzeit in der ersten Erhebung) sowie 208 Enkel.

Eine meiner ersten Beobachtungen war: Die Favelas waren keinesfalls eine Sackgasse, sondern für viele eher ein Sprungbrett zu einer formellen Existenz. Nur ein Drittel der ursprünglichen Studienteilnehmer lebte nach wie vor in der Favela, in der ich sie seinerzeit besucht hatte; etwa ein Viertel war in Sozialwohnungen umgesiedelt, ihre Siedlungen zerstört worden. In der Generation der Enkel lebte etwa die Hälfte im formellen Sektor der Stadt – entweder zur Miete oder in Eigenheimen an der Peripherie.

Zudem waren enorme Verbesserungen offensichtlich – durch Haushaltsgüter auf der Ebene des individuellen Konsums und durch städtische Versorgungsleistungen in kollektiver Hinsicht. Nahezu alle Häuser hatten Strom, fließendes Wasser, Innentoiletten (auch wenn diese nicht immer an das Abwassersystem angeschlossen waren) und waren fast ausnahmslos aus beständigem Baumaterial errichtet. Viele waren sogar mit Klimaanlagen, Plasma-Fernsehern, Waschmaschinen und anderen Komfortgeräten ausgestattet.

Auch in Sachen Bildungsniveau gab es beeindruckende Fortschritte zu verzeichnen. Der Analphabetismus sank von 72 Prozent bei den Vätern und 94 Prozent bei den Müttern meiner ersten Studie auf jeweils 45 Prozent, auf 6 Prozent bei den Kindern und auf Null bei den Enkelkindern. Ein Viertel der interviewten Enkelgeneration hatte eine Sekundarschule abgeschlossen (1968 niemand) und elf Prozent von ihnen besuchten eine Universität. Diese Fortschritte spiegelten sich in ihren Jobs jedoch nicht vollständig wider: Obwohl 85 Prozent der Kinder eine bessere Bildung als ihre Eltern besaßen, hatten nur 56 Prozent auch bessere Jobs. Und unter ihnen herrschte eine größere Arbeitslosigkeit. Wie Abbildung 4 (vgl. PDF-Version) zeigt, stieg die Einkommensdifferenz zwischen Favela-Bewohnern und sonstigen Einwohnern der Stadt nach den ersten drei Bildungsjahren mit jedem weiteren Jahr weiter an.

Das ist einer der Gründe, weshalb in der neuen Erhebung weniger Interviewte der Aussage zustimmten, Bildung sei der Schlüssel zu einem erfolgreichen Leben, dafür mehr Arbeit als solchen ansahen – egal, ob es sich um geregelte oder ungeregelte Arbeit handelte. Das Stigma, in einer Favela zu leben, erwies sich als große Einstellungsbarriere. Tatsächlich verringerten sich Ungleichheitsfaktoren hinsichtlich des Geschlechts oder der Hautfarbe im Laufe der Generationen beträchtlich; demgegenüber blieb das Stigma des Wohnorts unverändert groß und bildete den Hauptgrund für Diskriminierung. Noch schlimmer wurde es nur nach der Rückkehr Brasiliens zur Demokratie 1985, als Drogenkriminalität und -gewalt Einzug in die Favelas hielten. Die Revierkämpfe zwischen den Drogenbanden und die Gefechte zwischen den Banden und der (schlechter ausgerüsteten) Polizei führten zu ungemein vielen Toten. Rund 20 Prozent meiner Interviewpartner hatten ein Mordopfer in der Familie zu beklagen.

In dieser Zeit wurde die Angst vor einer Zwangsräumung von der Angst abgelöst, im Kreuzfeuer zu sterben durch das, was in Brasilien eine bala perdida (eine "verirrte Kugel") genannt wird. Diese Angst führte zu einem drastischen Niedergang des Gemeinschaftssinns und des Vertrauens in der Nachbarschaft: beides Faktoren, die den Favela-Bewohnern halfen, mit den täglichen Widrigkeiten eines Lebens am Rande zurechtzukommen. Die Menschen nahmen begierig die Ideale der Demokratie auf; doch sie blieben nur "Pseudo-Bürger", da die Polizei sie weder schützte noch ihre gesetzlich verankerten Rechte anerkannte. Junge Leute, die die beste Ausbildung und am ehesten Zugang zum Internet haben, zeigen sich gegenüber der Politik oftmals zynisch und sind am wenigsten bereit, sich an ihr zu beteiligen.

In meinem Buch "Favela: Four Generations of Living on the Edge in Rio de Janeiro" verfolge ich diese Muster durch das Leben der Menschen und Familien, die mir in jeder der Gemeinschaften besonders nahe sind.[3] Das letzte Kapitel darin widmet sich dem Verlangen nach Würde und Menschsein. Das Gefühl des Ausgeschlossenseins ist im Laufe der Zeit stärker geworden – und nicht etwa geringer. Einer meiner Freunde aus der ersten Studie hat es so formuliert: "Als ich dich zum ersten Mal traf, Janice, dachte ich: Wenn ich einen guten Job finde, hart arbeite, gut heirate und nicht mehr als zwei Kinder in die Welt setze und ihnen eine gute Ausbildung ermögliche und, wenn ich in Rente bin, weiter arbeite – dann bin ich gente. Ich habe alles gemacht … und bin doch Lichtjahre davon entfernt."

Eine der zentralen Herausforderungen für unsere urbane Zukunft besteht darin, die "Kunst der integrierten Stadt" zu meistern und dafür zu sorgen, dass die "unsichtbaren" jungen Männer und Frauen in den Slums von heute wie gente, wie Bürger, behandelt werden – damit sie morgen in unsere Führungsriege aufsteigen können.

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Fußnoten

1.
Vgl. Janice Perlman, The Myth of Marginality: Urban Poverty and Politics in Rio De Janeiro, Berkeley 1976.
2.
Ebendiesen Prozess fördern wir seit 1987 durch unsere länderübergreifende Non-Profit-Organisation The Mega-Cities Project Inc.
3.
Vgl. Janice Perlman, Favela: Four Generations of Living on the Edge in Rio de Janeiro, New York 2011.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Janice Perlman für bpb.de

 
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