APuZ 22-23/2014: Politik, Medien, Öffentlichkeit
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Echtzeitjournalismus in der Kritik


20.5.2014
Als Thilo Sarrazin Anfang März 2014 beim "Cicero-Foyergespräch" im Berliner Ensemble sein neues Buch zum "Tugendterror" vorstellen wollte, war die Onlineredaktion selbstverständlich live dabei. Die Seite, die sich weniger als Nachrichten- denn Debattenmagazin begreift, war via Video, Twitter und Facebook präsent. Doch Sarrazin kam nicht zu Wort: Demonstranten besetzten das Theater. Die Veranstaltung wurde abgesagt. Noch bevor der erste Artikel auf der Webseite erschien, hatten bereits viele andere Onlinemedien eine entsprechende Agenturmeldung veröffentlicht. Sie hatten sogar "Cicero" als Veranstalter überholt.

In der Welt der Onlinemedien ist Geschwindigkeit die wichtigste Währung. Wo Prominenz und Skandal zusammentreffen, gibt der Ticker den Takt vor. "Der Echtzeitjournalismus", bemerkte die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" dazu spöttisch, "hat uns geistig auf den Wilhelminismus zurückgeworfen".[1] Der stellvertretende Feuilleton-Chef Edo Reents schrieb anlässlich des Berlin-Besuchs von Barack Obama im Sommer 2013, die Berichterstattung habe "aus interessierten Zeitgenossen Untertanen gemacht, die sich mit der Aufzählung von Banalitäten zufriedengeben müssen"; er sprach von "Personenkult" und "Hofberichterstattung". Die neue Eile in der Berichterstattung wirkt für Reents "verheerend" auf die Demokratie. Es gebe keine Zeit mehr, die Dinge zu bewerten.

Unter "Echtzeitjournalismus" – aus dem Englischen real time journalism – wird gemeinhin die live beziehungsweise sehr zeitnah am Ereignis liegende Berichterstattung per Text, Ton und (Bewegt-)Bild unter Einbeziehung sozialer Medien verstanden. Obwohl Radio und Fernsehen bereits seit den 1920er und 1930er Jahren ähnlich "echtzeitig" übertragen, ist die Entwicklung erst mit der Ausbreitung der Internetmedien in die Kritik geraten.

Berichterstattung und investigative Recherche brauchen Zeit, mahnte auch Andreas Voßkuhle, Präsident des Bundesverfassungsgerichts. In einer Festrede im November 2013 warnte er vor erheblichen Gefahren des Echtzeitjournalismus: "Wenn ständig neue Nachrichten erforderlich sind, um die kurzen Aufmerksamkeitsspannen der Internetnutzer auf die eigenen Seiten zu lenken, taugt zunehmend jede kritische Äußerung eines Amtsträgers zur Nachricht." Da immer weniger Repräsentanten unter diesen Bedingungen inhaltliche Aussagen treffen würden, müssten "zunehmend Aussagen, die eigentlich keinen Nachrichtenwert haben, zu Meldungen stilisiert werden".[2]

Besonders heikel wird diese Logik in Krisensituationen, in denen das Echtzeittempo – in Erwartung einer zunehmenden Eskalation der Ereignisse – eine immer drastischere Zuspitzung verlangt. So wird die Krise zwischen Russland und der Ukraine immer wieder mit dem Kalten Krieg oder der Juli-Krise 1914 verglichen.[3] Dass derartige historische Bezüge nicht nur unangemessen, sondern auch gefährlich sein können, musste Finanzminister Wolfgang Schäuble erfahren, der mit seinem Putin-Hitler-Vergleich die Situation unnötig angeheizt hat.

Wenn die Geschwindigkeit des Nachrichtengeschäfts zu Auswüchsen führt, was bedeutet das dann für die politische Kommunikation insgesamt? Können gründliche Recherche und Qualitätsjournalismus noch sichergestellt werden? Oder führt diese Beschleunigung zu einer gefährlichen Trivialisierung der Berichterstattung? Und was bedeutet das für den politischen Prozess?

Ursachen für die Beschleunigung des Onlinejournalismus



Zunächst sollen fünf Antriebsfaktoren des digitalen Journalismus betrachtet werden: die neuen Nutzungsgewohnheiten der Rezipienten, die Veränderungen im Werbemarkt und bei den Konkurrenzverhältnissen sowie die Einflüsse von Public Relations und sozialen Netzwerken. Anschließend sollen Risiken und Chancen diskutiert werden.

Rezipienten. Das Angebot folgt der Nachfrage – und letztere wirkt zweifellos als wichtiger Beschleuniger des Onlinejournalismus. Laut (N)Onliner Atlas sind mehr als drei Viertel der Deutschen regelmäßig im Internet unterwegs. Knapp 60 Prozent verfügen über einen schnellen Breitbandzugang, Tendenz leicht steigend.[4] Bereits ein Fünftel der Haushalte verfügt über mindestens einen Tablet-PC.[5] Zudem rufen immer mehr Nutzer Inhalte über ihr Mobiltelefon ab: Ende 2013 waren es knapp 27 Millionen.[6]

Im gleichen Tempo, in dem sich die Digitalisierung in den Alltag drängt, verbessert sich auf Angebotsseite die Messmethodik. Müssen sich Printmedien und Rundfunksender auf grobe Verkaufszahlen und Quoten verlassen, erlauben Softwareprogramme wie Google Analytics oder Piwik eine Online-Erfolgskontrolle in Echtzeit. Diese Analysen zeigen den Medienmachern auch, dass Nachrichtenfaktoren wie Kriminalität, Gewalt, Konflikt oder Sexualität im Onlinejournalismus besonders nachgefragt sind. Die Journalisten Steffen Range und Roland Schweins sprachen bereits 2007 von einem "Primat der Unterhaltung". Dieser gefährde den "Qualitätsjournalismus alter Schule",[7] beobachteten sie und warnten: "Online-Redakteure sind Getriebene in diesem Spiel."

Werbemarkt. Es geht um Klicks, Klicks, Klicks. Die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW) und die Arbeitsgemeinschaft Online-Forschung (AGOF) interessieren sich neben den Einzelbesuchen für genau diese Seitenaufrufe – sogenannte Page Impressions. Je mehr Klicks, desto mehr Werbeeinnahmen, so lässt sich die Formel zusammenfassen. Dadurch wird es für Medien attraktiver, skandalträchtige Meldungen, Sudokus oder Bildergalerien online zu stellen, längere Texte auf mehrere Klick-Seiten zu verteilen und Videos möglichst kurz zu halten. Andere Wege, journalistische Qualität im Internet zu messen – wie etwa eine längere Verweildauer – wurden zwar immer wieder diskutiert, aber nicht für zweckmäßig befunden.

Dennoch reichen die Methoden kaum aus, um die kargen Anzeigenerlöse zu kompensieren. Rubrikenmärkte und Kleinanzeigen, die der Presse über Jahrzehnte Gewinne bescherten, sind unwiderruflich ins Internet abgewandert. 2012 verringerten sich die Netto-Werbeeinnahmen der Tageszeitungen in Deutschland um 9,1 Prozent auf 3,23 Milliarden Euro.[8]

Zwar steigen die Online-Erlöse im gleichen Maß an. 2012 überschritten die Internetangebote erstmals die Grenze von einer Milliarde Euro. Doch davon profitierten die Verlage kaum. Unter die Top Ten der reichweitenstärksten Webseiten schafften es – abgesehen von Computer-Fachportalen – nur zwei originäre Nachrichtenseiten: bild.de auf Platz vier und "Focus Online" auf Platz zehn, das erstmals "Spiegel Online" überholte. "Focus Online" sieht den Erfolg darin begründet, dass es "das schnellste Nachrichtenportal Deutschlands" sei.[9]

Für den Axel Springer Verlag aber lohnt sich trotz des "Bild"-Spitzenplatzes der Onlinejournalismus offenbar kaum. Jeder Artikel im Netz kommt demnach auf Produktionskosten von circa 400 Euro, spielt aber bestenfalls 25 bis 40 Euro ein.[10] Wie schwer es ist, selbst mit exklusivem Recherchejournalismus ausreichende Werbeerlöse zu erzielen, zeigt das Beispiel des britischen "Guardian". Die drittgrößte englischsprachige Nachrichtenwebseite der Welt verzeichnete im Zuge der Enthüllungen zur NSA-Affäre seit dem vergangenen Jahr enorme Zugriffe. Dennoch ist die Zeitung notorisch klamm: 2012 betrug das Minus 44,2 Millionen Pfund, 2013 immer noch 31 Millionen, wie das Branchenmagazin "Journalist" ermittelte.[11] Auch 2014 werde die Zeitung wieder Millionen verbrennen.

Konkurrenten. Der Wettbewerbsdruck im Netz ist enorm. Während die Druckausgaben regionaler Tageszeitungen nur einem begrenzten Wettbewerb in ihrem Gebiet ausgesetzt oder sogar häufig Monopolisten sind, müssen sie online in den überregionalen Ressorts gegen alle anderen Zeitungen antreten. Das hat zur Folge, dass für diese Zeitungen Investitionen in Hauptstadt- oder Auslandskorrespondenten wenig attraktiv geworden sind. Der freie oder Poolkorrespondent, der zuvor parallel für mehrere Zeitungen arbeiten konnte, hat heute Schwierigkeiten, seinen Text mehr als einmal abzusetzen.

Überhaupt gleichen sich viele Onlineangebote wie ein Ei dem anderen: überall dieselben Texte und Fotos der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die wenigen Möglichkeiten, sich vom Wettbewerber zu unterscheiden, sind Schnelligkeit und Varianz der Überschriften. Besonders wichtig ist die Suchmaschinenoptimierung (search engine optimization, SEO): Wer diese Technik besonders effizient einsetzt, landet bei Google News unter den ersten Suchergebnissen – und erhält viele Klicks.

Public Relations. Den hauptberuflich in Deutschland arbeitenden Journalisten steht mindestens die gleiche Zahl an professionellen Kommunikatoren gegenüber, schätzt der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Günter Bentele.[12] In den USA beträgt das Verhältnis sogar schon 1 zu 4,6.[13] Ein Großteil der Medienberichterstattung hierzulande wird nach Angaben des Forschers thematisch und inhaltlich von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit dominiert: Bei Print, Hörfunk und Fernsehen gingen etwa zwei Drittel des redaktionellen Stoffes außerhalb von Krisensituationen auf die Initiative der PR zurück. "Für die Online-Information dürfte dieser Anteil noch deutlich höher sein", schätzt Bentele. Da Recherchezeit in den Redaktionen immer knapper wird, ist dort angesichts des permanenten digitalen Aktualisierungsdrucks die Versuchung, auf schnell verfügbare PR-Informationen zurückzugreifen, wohl besonders groß.

Taktung durch soziale Netzwerke. Kaum ein Faktor allerdings hat so zur Beschleunigung des Journalismus beigetragen wie die sozialen Netzwerke. Diese digitalen Beteiligungsmöglichkeiten, die in Autokratien bereits ungeahnte politische Dynamiken verursacht haben, bieten auch in demokratischen Öffentlichkeiten neue Möglichkeiten. Nutzer können in Echtzeit mit politischen Repräsentanten oder Autoren in Kontakt treten. Journalisten sehen sich in der Folge nicht nur einer stärkeren Kritik und Kontrolle durch die Rezipienten ausgesetzt, auch ihr Berufsbild verschiebt sich. Der CitJo – citizen journalist – und zunehmend auch der MoJo – mobile journalist – sind längst am Ort des Geschehens und twittern. Der Redakteur filtert die Nachrichtenströme; er managt die Informationsflut.

Mithin treiben die sozialen Netzwerke die klassischen Medien sogar vor sich her. Während der Terroranschläge des Boston Marathons beschwerte sich etwa ein Twitter-Nutzer über das langsame Tempo von "Zeit Online": Er lese live bei CNN mit. Die Redaktion entgegnete, sie brauche Zeit, die Informationen zu prüfen. Am Tag des Terroranschlags liefen unzählige Falschmeldungen über die sozialen Netzwerke. Auch seriöse Medien verbreiteten die Spekulationen. CNN meldete zu früh die Festnahme eines Verdächtigen. Ein Irrtum, den auch n-tv.de verbreitete: In seiner Push-App-Eilmeldung berief sich der Nachrichtensender auf CNN als Quelle.[14] Die Festnahme wurde kurz darauf von der Bostoner Polizei dementiert.[15]

Welches dieser beiden Onlinemedien reagierte richtig? "Zeit Online", das auf journalistische Sorgfaltspflicht setzte, obwohl es am Tag des Terroranschlags nahezu unmöglich war, die Fakten von Deutschland aus zu prüfen? Oder n-tv.de, das sich für Schnelligkeit entschied?


Fußnoten

1.
Edo Reents, Echtzeitjournalismus beim Obama-Besuch. Auf der Damentoilette wurde ein Ring gefunden, 19.6.2013, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/echtzeit-journalismus-beim-obama-besuch-auf-der-damentoilette-wurde-ein-ring-gefunden-12236912.html« (23.4.2014).
2.
Andreas Voßkuhle, Festrede zur Verleihung des Otto Brenner Preises, 13.11.2013. http://www.medienpolitik.net/2013/11/medienkritischer-journalismus-als-verfassungsauftrag« (23.4.2014).
3.
Vgl. Petra Sorge, Medien zur Krim-Krise: Gefährliche Stereotype, 13.3.2014, http://www.cicero.de/berliner-republik/medien-zur-krim-krise-ukraine-russland-gefaehrliche-stereotype/57212« (23.4.2014).
4.
Vgl. (N)Onliner Atlas 2013, http://www.initiatived21.de/portfolio/nonliner-atlas« (23.4.2014).
5.
Vgl. Birgit van Eimeren, "Always on" – Smartphone, Tablet & Co. als neue Taktgeber im Netz. ARD/ZDF-Onlinestudie 2013, http://www.ard-zdf-onlinestudie.de/index.php?id=439« (23.4.2014).
6.
Vgl. AGOF, Mobile ist idealer Begleiter für jede Altersgruppe, Pressemitteilung vom 21.11.2013, http://www.agof.de/pressemitteilung-2013-11-21« (23.4.2014).
7.
Steffen Range/Roland Schweins, Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet. Gutachten im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2007, S. 6.
8.
Vgl. Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft ZAW, Tabelle: Netto-Werbeeinnahmen erfassbarer Werbeträger in Deutschland, http://www.zaw.de/index.php?menuid=119« (23.4.2014).
9.
"Focus Online"-Chefredakteur Daniel Steil, zit. nach: Focus.de zieht erstmalig an Spiegel.de vorbei. Wir wollen die Nummer eins werden, 20.3.2014, http://kress.de/mail/alle/detail/beitrag/125543-focusde-zieht-erstmalig-an-spiegelde-vorbei-wir-wollen-die-nummer-eins-werden.html« (23.4.2014).
10.
Vgl. Volker Hummel, Drei Länder mit Qualität, in: Journalist, 64 (2012) 2, S. 27.
11.
Vgl. Jakob Schulz, The Guardian – Rusbridgers Rezept, http://www.journalist.de/aktuelles/meldungen/rusbridgers-rezept-portraet-der-britischen-tageszeitung-the-guardian-um-chefredakteur-alan-rusbridger.html« (23.4.2014).
12.
E-Mail von Günter Bentele an die Verfasserin, 16.3.2014.
13.
Vgl. Eric Morath, Orthodontists Earn More Than CEOs: 10 Facts About Wages, 1.4.2014, http://blogs.wsj.com/economics/2014/04/01/orthodontists-earn-more-than-ceos-10-facts-about-wages-in-america« (23.4.2014).
14.
Petra Sorge, Boston-Terror – Nicht-News in Dauerschleife, 18.4.2013, http://www.cicero.de/salon/boston-terror-anschlaege-nicht-news-dauerschleife/54230« (23.4.2014).
15.
Anschlag in Boston – Überwachungskamera liefert Hinweis auf Attentäter, 17.4.2013, http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-04/boston-anschlag-ermittlung-verdaechtiger« (23.4.2014).
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Autor: Petra Sorge für bpb.de
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