APuZ 22-23/2014: Politik, Medien, Öffentlichkeit
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20.5.2014 | Von:
Christian Pentzold
Christian Katzenbach
Claudia Fraas

Digitale Plattformen und Öffentlichkeiten mediatisierter politischer Kommunikation

Digitale vernetzte Medien und Kommunikationsangebote gehören in vielen Teilen der Welt, nicht nur in den entwickelten Ländern, zusehends zum Alltag. Immer weniger Tätigkeiten können ausgeübt werden, ohne dass diese direkt auf Medien angewiesen sind beziehungsweise mehr oder weniger indirekt mit Medien und medienvermittelten Daten, Interaktionen und Beziehungen in Verbindung stehen. In dieser mediation of everything kulminiert der langfristige, diskontinuierliche und kulturell unebene Transformationsprozess hin zur Mediatisierung.[1] Die stetig neuen medialen Anwendungen und Dienste, die fast überall zugänglich sind, bedingen für die Mitglieder moderner Gesellschaften vermehrt die Teilhabe am kulturellen und politischen Leben. Diesen Medien kommt somit eine Schlüsselrolle zu, weil sie zum einen kommunikative Möglichkeiten steigern und soziale Aktivitäten verändern und weil sich zum anderen gesellschaftliche Akteure an die Logiken medialer Kommunikationsformen anpassen, um öffentlich präsent und relevant zu bleiben.[2] Mediatisierung ist, so gesehen, Normalität und Norm zugleich.

Für die politische Kommunikation und ihre Öffentlichkeiten bringt dieser komplexe Wandlungsprozess zunächst einmal eine Fülle an unübersichtlichen und uneindeutigen Konsequenzen. Wie, unter welchen Bedingungen und mit welchen Folgen die Nutzung digitaler vernetzter Kommunikationsmedien das Formulieren, Bündeln und Durchsetzen kollektiv bindender Entscheidungen beeinflusst, ist kaum zu überblicken.[3] Die Perspektiven unterscheiden sich dabei einmal bezüglich der normativen Ansprüche, die an politische Öffentlichkeiten und das Herausbilden öffentlicher Meinung gestellt werden. Ganz grundsätzlich hängen sie zudem ab von den betrachteten Sektoren und Ebenen des politischen Kommunikationssystems und unterscheiden sich daher im Fokus auf politische Organisationen und deren Kommunikationsaktivitäten, auf Medienorganisationen mit ihren politisch bedeutsamen Tätigkeiten, auf die gesellschaftlichen Publika oder auf die kommunikationsrelevanten Aspekte politischer Kultur.[4]

Vor diesem Hintergrund der Mediatisierung politischer Öffentlichkeiten beschäftigt sich der Beitrag mit den Kommunikationsformen selbst, die durch digitale vernetzte Medien möglich werden. Damit erweitert er die Perspektiven auf politische Kommunikation um die Dimension der medientechnisch eingerichteten und sozial ausgestalteten Plattformen und Anwendungen. Einer solchen Orientierung an den medialen Angeboten liegt die Annahme zugrunde, dass der allgemeine gesellschaftliche Prozess der Mediatisierung getragen und umgesetzt wird von Praktiken, die medienvermittelt ablaufen oder zumindest eng an Medien und ihre Funktionen gebunden sind. Entsprechend wichtig werden die medial eingerichteten Kommunikationsformen, weil sie die medienbezogenen Aktivitäten rahmen und häufig erst möglich machen.

Die neuen Generationen an sozialen Medien, deren Ausbreitung oft mit einer zunehmenden Mediatisierung in Verbindung gebracht wird, bestehen im Grunde aus Plattformen. Diese greifen einzelne, oft alltägliche Aktivitäten auf, setzen sie in ihre programmierten Anwendungen um, kombinieren sie mit anderen Funktionalitäten und popularisieren sie unter ihrem Namen. Auf diese Weise werden plattformbasiert Nachrichten ausgetauscht, Fotos gesammelt, geordnet und gezeigt, Notizen gekritzelt oder Videos geteilt und geschaut. Seit Ende der 1990er Jahre dominieren so Plattformen wie Blogger, Google, Wikipedia, Myspace, Facebook, Flickr, YouTube, Skype und Twitter die digitalisierte Netzwerkkommunikation. Inzwischen stehen manche von ihnen sogar synonym für die von ihnen ermöglichte Praxis, etwa wenn wir googeln, skypen oder twittern – ein Vorgang, für den der Begriff appliancization vorschlagen wurde.[5] Häufig sind die Angebote und ihre Aktivitäten plattformübergreifend miteinander verkoppelt. Zugleich aber stehen ihre Betreiber als häufig kommerzielle Unternehmen in Konkurrenz um Nutzer und Inhalte, Kunden und Investoren. So mussten im Laufe der Zeit einige Plattformen den Platz für neue Applikationen räumen, weil diese mit den von ihnen aufbereiteten Nutzungsweisen mehr Aufmerksamkeit erhielten, wie etwa der Aufstieg von Facebook zur aktuell zentralen sozialen Netzwerkplattform und der Niedergang seiner Vorläufer zeigt.[6]

Um im Folgenden Plattformen als kommunikative Ressourcen für mediatisierte politische Kommunikation zu erfassen, werden sie als Kommunikationsformen beschrieben und in Beziehung zu dadurch entstehenden medialen Öffentlichkeiten gesetzt. Davon ausgehend werden die sich hier einstellenden Dynamiken plattformbasierter politischer Öffentlichkeiten an zwei Beispielen, Weblogs und dem Mikroblogging-Dienst Twitter, erläutert. Zum Schluss blicken wir auf die neuen sozialen und technologischen Regeln und Mechanismen, mit denen Plattformen das Entstehen politischer Öffentlichkeiten prägen.

Kommunikationsformen und ihre Öffentlichkeiten

Die für digitale vernetzte Kommunikation konstitutiven Plattformen, Anwendungen (Apps) und Dienste eröffnen mit ihrem jeweils spezifischen technologischen Aufbau und ihren institutionellen Bedingungen gewisse Nutzungsweisen, während sie andere begrenzen. So können soziale Netzwerkplattformen wie Facebook von Multimediaplattformen für nutzergenerierte Inhalte, etwa für Videos auf YouTube, für Fotos auf Tumblr, Pinterest oder Flickr und für Audiodateien auf Last.fm, unterschieden werden. Davon zu trennen sind Werkzeuge zum Veröffentlichen von Botschaften (personal publishing), also Weblogs, Mikroblogging-Dienste wie Weibo, Podcasts oder Videocasts und diese wiederum sind anders als Anwendungen zum instant messaging (Nachrichtensofortversand) wie WhatsApp, zum produktiven Kooperieren wie Wikis sowie Tools des Informationsmanagements wie Feed-Reader beziehungsweise -Aggregatoren, Verschlagwortungssysteme und Social-News-Dienste, beispielsweise Digg oder Reddit. Erweitern ließen sich solche Kategorien zudem um Plattformen zum Handeln von Waren wie Amazon oder Ebay, um Plattformen zum Spielen von Online-Rollenspielen wie World of Warcraft und von Social Network Games wie FarmVille sowie um Plattformen, mit denen alle diese Dienste suchend erschlossen werden können, wie Google, Yahoo oder Baidu.

Jede Aufstellung solcher Familien von Plattformen gibt immer nur ein momentanes Bild und muss fortwährend revidiert werden. Das Ausgestalten der einzelnen Anwendungen und des gesamten Spektrums an Plattformen ergibt sich dabei stets aus dem Zusammenspiel zwischen technologischen Innovationen wie dem Design der Funktionalitäten und Bedienoberflächen, institutionellen Neuerungen, die sich zum Beispiel als Änderungen der AGBs oder der Privatsphäreeinstellungen festmachen, und Handlungsweisen, mit denen die Nutzer sich die kommunikativen Optionen aneignen. Nimmt man diesen Gedanken auf, dann sind Plattformen verstanden als Kommunikationsformen mediale Ermöglichungen, die sich entlang technischer Parameter und sozialer Nutzungsweisen herausbilden und weiterentwickeln. Sie bedingen die medienbezogenen und plattformzentrierten Aktivitäten, legen bestimmte Verwendungsweisen nahe, während andere erschwert werden. Als Kommunikationsformen können die Plattformen entlang von drei Aspekten erfasst werden.[7]
  1. Kommunikationsformen unterscheiden sich im Blick auf die angebotenen Modi, also die gebrauchten Zeichentypen von Text, Bild, Grafik, Farbe, Design, Layout, Tabellen, Ton oder audiovisuellen Materialien, wobei als wesentliches Merkmal digitaler Netzwerkkommunikation häufig die vielfältigen Kombinationen von Modi, ihre Multimodalität sozusagen, hervorgehoben wird.[8]
  2. Die Einteilung von Kommunikationsformen kann berücksichtigen, inwiefern sie in ihren kommunikationsstrukturellen Gegebenheiten, also der Zahl an Kommunikationspartnern, der Form der Adressierung sowie dem Grad an Wechselseitigkeit und gegenseitiger Wahrnehmung, verschieden sind. Hinsichtlich digitaler vernetzter Kommunikation wurde dabei besonders die gesteigerte Interaktivität im Vergleich zur Massenkommunikation betont.[9]
  3. Die zeitliche Dimension von Kommunikationsformen kann entsprechend der Synchronizität des kommunikativen Austauschs und der Flüchtigkeit beziehungsweise Dauerhaftigkeit der Botschaften und Inhalte einbezogen werden. Hierbei wird für digitale Netzwerkkommunikation die Persistenz und Sichtbarkeit dauerhaft verfügbarer Nachrichten, ihre Durchsuchbarkeit und die Skalierbarkeit der Reichweite plattformbasierter Kommunikation betont, etwa wenn ein Amateurvideo millionenfach angeklickt oder eine Facebook-Einladung von Tausenden angenommen wird.[10]
Für die Teilhabe an politischer Kommunikation wurden die positiven Konsequenzen der neuen Kommunikationsformen und der ihnen zugeschriebenen Ermöglichungen häufig als Erweiterung von Öffentlichkeiten, als Förderung alternativer demokratischer Willensbildung und als Steigerung partizipativer Mitbestimmung beschrieben.[11] Als ein wesentliches Element dieses neuerlichen mediatisierten Strukturwandels der Öffentlichkeit wird dabei die Vernetzung und Entgrenzung der verschiedenen Ebenen von Öffentlichkeit genannt, sodass einfache Öffentlichkeiten spontaner und flüchtiger Interaktion mit stärker strukturierten, komplexen Öffentlichkeiten (wie Versammlungen) und der massenmedialen Öffentlichkeit intensiver in Beziehung und Austausch treten können.[12] Entsprechend wurden besonders die Plattformen zum Publizieren und Vernetzen begrüßt als digitale Werkzeuge, mit denen sich die Aktivisten der zahlreichen aktuellen politischen Konflikte und "Twitter-Revolutionen" vom Nahen Osten über Lateinamerika bis New York City besser organisieren und ihre Botschaften direkt an ein weltweites Publikum senden können. Die Kritiker dieser Hoffnung verweisen dagegen darauf, dass sich die technologischen Potenziale der Kommunikationsformen nur schwer realisieren lassen, weil ein ganzes Bündel an sozialen, militärischen, ökonomischen und politischen Faktoren den Erfolg oder das Scheitern dieser Bewegungen beeinflusst. Zudem sind die Plattformen nicht per se die Instrumente für freien, zivilgesellschaftlichen Austausch, sondern sie werden ebenso durch politische Regime, staatliche Agenturen oder Unternehmen überwacht und kontrolliert, und auch die Zugangschancen bleiben ungleich verteilt.[13]

Einfache und komplexe Öffentlichkeiten: Blogs und Twitter

Dieses Zusammenspiel aus technologischer Strukturierung durch die Angebote und Aneignung in den Nutzungspraktiken sowie mögliche Implikationen für politische Kommunikation und Öffentlichkeiten lässt sich instruktiv an Blogs und Twitter studieren.

Blogs haben sich nach 2000 als eine online-basierte Kommunikationsform entwickelt, in der Inhalte publiziert und in umgekehrt chronologischer Reihenfolge dargestellt werden. Dabei wurden einige Funktionen etabliert, die heute auch die Kommunikation auf sozialen Netzwerkplattformen und in anderen Kommunikationsformen strukturieren und die für den Wandel politischer Öffentlichkeiten relevant sind. Entsprechend ihrer Merkmale als Kommunikationsform lassen sich Blogs als technologische Infrastruktur beschreiben, die erstens die Veröffentlichung von multimodalen Inhalten, insbesondere von Texten, Weblinks, Bildern, Audio- und Videodateien, einfach und kostengünstig ermöglicht.

Blogs verfügen zweitens in der Regel über eine Kommentarfunktion, Links und sogenannte Trackbacks, die alle die Struktur der Kommunikation nachhaltig beeinflussen. Denn während der kommunikative Kreislauf von Produktion, Zirkulation und Rezeption bei traditionellen Massenmedien zwischen Redaktionssystem, medialer Darstellung in gedruckter oder gesendeter Form und interpersonaler Anschlusskommunikation getrennte Stationen durchläuft, fallen in Blogs diese Stufen weitgehend zusammen. Blogautoren und -leser werden durch die Kommentarfunktion und andere Feedbackoptionen enger kommunikativ verbunden, und während Hyperlinks im Web häufig nur einseitig von einer Website zur anderen operieren, haben Blogs mit Trackbacks eine Vernetzungsweise etabliert, mit der Verlinkungen auch in der Gegenrichtung nachzuverfolgen sind. Verweist also ein Beitrag auf einen anderen, so sendet jener eine kurze Benachrichtigung (Ping). So ermöglichen Blogs in höherem Maße als herkömmliche Webseiten Anschlusskommunikation. Wechselseitige Bezugnahme, die für die Herstellung von Öffentlichkeit zentral ist, wird außerdem durch Trackbacks unterstützt, indem sie Verknüpfungen beidseitig nachvollziehbar machen.

Drittens strukturieren Blogs in zeitlicher Hinsicht Kommunikation, da sie immer den neuesten Beitrag prominent oben anzeigen. Die einzelnen Artikel sind aber direkt über eine feste URL adressierbar (Permalink) und bleiben so als Bezugspunkte für Anschlusskommunikationen verfügbar. Zudem haben Blogs RSS-Feeds (really simple syndication) populär gemacht. Dies ist eine softwareseitig implementierte Option, welche die Inhalte unabhängig von der Darstellung zur Verfügung stellt und es Nutzern ermöglicht, ein Blog sozusagen zu abonnieren und sich automatisch über neue Einträge informieren zu lassen. Isolierte Nutzungsepisoden auf verstreuten Webseiten werden damit in Alltagsroutinen der Rezeption bekannter Angebote überführt.

Blogs unterstützen mit diesen Ausprägungen als Kommunikationsform das Konstituieren neuer Formen von Öffentlichkeit. Dabei haben bereits frühe Studien zur Aneignung von Blogs gezeigt, dass sie weniger zur Kommentierung der aktuellen politischen Großwetterlage oder gesamtgesellschaftlicher Diskurse gebraucht werden, sondern eher zur medialen Artikulation von Alltag: Berichte aus dem Privatleben, Fotos, Kommentierung von Webseiten, Büchern, Spielen oder Filmen sowie berufsbezogene Inhalte dominieren die Blognutzung.[14] Blogs sind folglich zwar (in der Regel) öffentlich zugänglich, den wenigsten Autoren geht es aber darum, eine große, den Massenmedien entsprechende Öffentlichkeit zu erreichen oder Informationen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz zu veröffentlichen. Für die Öffentlichkeiten, die sich mittels Blogs herausbilden, wurde deshalb der Begriff der "persönlichen Öffentlichkeiten" vorgeschlagen, in denen sich Nutzer mit dem von ihnen adressierten und intendierten Publikum austauschen, um ihre Lebenswelt, ihre Erfahrungen und ihre Interessen zu teilen.[15] Aus öffentlichkeitstheoretischer Sicht scheinen sie somit zunächst vergleichbar mit einfachen Interaktionen bei Gesprächen in Cafés oder am Arbeitsplatz.

Die Mediatisierung von bloßen Alltagsgesprächen hat insbesondere in der Frühphase von Blogs wiederholt dazu geführt, dass sie als irrelevant für politische Kommunikation abgetan wurden, weil die vermeintliche Banalität der kommunizierten Themen und der kleine Kreis des Publikums wenig zu den ausgerufenen revolutionären Effekten neuer Medien für öffentliche Deliberation und kritischen Diskurs zu passen schienen. Aus zwei Gründen hat sich diese Ernüchterung aber als verfrüht erwiesen. Erstens weisen auch die kleinen blogbasierten Encounter-Öffentlichkeiten veritable demokratietheoretische Funktionen auf, gerade wenn sich das Interesse auf die "jeweilige alltagsweltliche Relevanz und damit letztlich die gesellschaftliche Wirkung von Wirklichkeitskonstruktionen, gesellschaftlichen Normen und kulturellen Zielen"[16] richtet. Zweitens können durch die Mediatisierung dieser kleinen Öffentlichkeiten und den damit ermöglichten wechselseitigen Bezugnahmen durchaus Dynamiken entstehen, welche die vormals isoliert voneinander geführten Gespräche zu größeren und gesellschaftlich einflussreicheren Öffentlichkeiten verbinden. Dabei finden zunächst verstreut in einzelnen Blogs geäußerte Ideen und Meinungen hinreichend kommunikative Resonanz in den mit ihnen verknüpften Blogs und anderen Kommunikationsformen, die durch ihre anschließenden Kommentare und Verlinkungen eine breitere und organisiertere Form an Öffentlichkeit in der Blogosphäre und dann auch für traditionelle Massenmedien etablieren können. Sie schaffen damit die Möglichkeit, dass Themen, kommunikative Rollen und Funktionen nicht mehr eindeutig bestimmten Öffentlichkeitsebenen zuzuordnen sind. Vielmehr wandern diese gewissermaßen – zumindest gelegentlich – zwischen den Ebenen.[17] In Einzelfällen, wie etwa dem Rücktritt des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler oder der (ersten) Debatte um die Einführung der Vorratsdatenspeicherung ("Stasi 2.0"), haben Blogs offenbar wesentlich dazu beigetragen, dass aus kleinen Gesprächen große öffentliche Debatten wurden.[18]

In den vergangenen Jahren gehen diese unter Umständen von Weblogs angestoßenen Dynamiken wesentlich stärker von Plattformen wie Facebook oder Twitter aus, während Blogs an Popularität verlieren.[19] Gleichwohl bleiben die anhand von Blogs gewonnenen Erkenntnisse über die Mediatisierung von Öffentlichkeiten lehrreich, da diese Plattformen auf technischer wie sozialer Ebene eine ganze Reihe der identifizierten Mechanismen reflektieren: Sie stellen als Kommunikationsform erstens eine Form der zeichenmäßig begrenzten Publikation von Texten, Bildern und Videos dar. Zweitens registrieren sie die wechselseitigen Bezugnahmen und Interaktionen der Nutzer und machen sie öffentlich. Auf der Mikroebene der persönlichen Gespräche können so bei Twitter einzelne Nutzer durch Voranstellung des @-Zeichens an den Benutzernamen direkt und für andere öffentlich adressiert werden. Die verschiedenen Twitter-Apps stellen diese Tweets in der Regel für den Nutzer besonders prominent und in einer eigenen conversation view dar. Auf Twitter spielen zudem Hashtags (ein einfaches Schlagwort mit vorangestelltem "Hash"-Zeichen #) eine entscheidende Rolle in der Strukturierung von Öffentlichkeiten, da sie Tweets über alle Nutzer hinweg verknüpfen.[20] Und auch, drittens, in zeitlicher Hinsicht sorgt die Plattform Twitter durch das "Folgen" von anderen Nutzern ähnlich wie Blogs für kommunikative Kommunität.

Ein Beispiel für die dadurch ermöglichten "ad-hoc publics"[21] und der hierbei erfolgten wechselseitigen Durchdringung von kleinen und komplexen Öffentlichkeiten ist die #aufschrei-Debatte. Ausgelöst durch einen Artikel über Sexismus-Erfahrungen einer jungen Journalistin im Politikbetrieb sowie einen Blogbeitrag zu Alltagssexismus begannen Nutzerinnen und Nutzer in der Nacht vom 24. auf den 25. Januar 2013 ihre persönlichen Erfahrungen von sexueller Belästigung im Alltag unter dem Hashtag Aufschrei zu teilen.[22] Die Markierung der einzelnen Beiträge sorgte nicht nur für eine gute Schlagzeile am nächsten Tag, sondern auch innerhalb der Plattform für die Zusammenführung und den Zusammenhalt der Einzelbeiträge. Aus individuellen Erlebnissen wurde ein verteiltes Gespräch, das in den folgenden Tagen auf große Resonanz in der publizistischen Berichterstattung stieß, wiederum in anderen Kommunikationsformen aufgegriffen wurde und eine breite gesellschaftliche Debatte um Sexismus zumindest deutlich befördert hat.[23]

Plattformen intensivieren auf diese Weise die Mediatisierung persönlicher Öffentlichkeiten und die Dynamisierung politischer Kommunikationsarenen. Botschaften wandern zwischen Öffentlichkeiten hin und her, von indivuellen Äußerungen zu persönlichen Gesprächen und thematischen oder ereignisbezogenen Ad-hoc-Öffentlichkeiten – und in wenigen Ausnahmefällen zu gesellschaftlichen Debatten. Dazu ist es notwendig, dass diese neu entstehenden komplexen Öffentlichkeiten kohärente Kommunikationsräume bilden, als Vermittlungssysteme der Selektion, Verarbeitung und Verbreitung von Kommunikation fungieren und so Massenmedien funktional ergänzen. Für Weblogs finden sich dahingehende Entwicklungen in der Aggregation von Rang- und Themenlisten sowie der Herausbildung einer Gruppe sehr populärer Blogs, die häufig kollektiv betrieben werden. Twitter wiederum sorgt durch das öffentliche Ranking von Popularität ebenfalls für die Organisation von Aufmerksamkeit und kommunikativem Einfluss.

Ausblick: Plattformpolitik

Die Verschiebung von einfachen Öffentlichkeiten in die von Plattformen dominierte digital vernetzte Kommunikationssphäre steigert die Chance öffentlicher Anschlusskommunikation. Weblog-Netwerke und Twitter vermitteln und verknüpfen Gespräche zu größeren Kommunikationszusammenhängen. Sie ermöglichen so das Teilen und Diskutieren von zunächst individuellen Erlebnissen und Erfahrungen als kollektive Überzeugungen und damit das Herausbilden von gesellschaftlichen Themen und Problemen. In der Konsequenz wurde zum einen die Förderung widerständiger Diskurse, zum anderen die Gefährdung des journalistischen Deutungsmonopols proklamiert.

In der Tat können die von einfachen mediatisierten Öffentlichkeiten ausgehenden Debatten als alternative Angebote der Berichterstattung und Wirklichkeitsbeschreibung gesellschaftlich wirkungsvoll werden und neben professionelle Nachrichten treten. Zugleich aber wird deutlich, dass diese Dynamiken wesentlich von der technischen und rechtlichen Ausgestaltung der Plattformen abhängen. Diese "politics of platforms"[24] bestimmen sehr grundlegend, welche Beiträge technologisch machbar und institutionell erlaubt sind. Sie verfügen über algorithmisch informierte Mechanismen, um Beiträgen und Themen Relevanz zu- beziehungsweise abzuschreiben, zwischen angemessenen und unangemessenen Aktionen zu unterscheiden sowie Nutzerverhalten und Nutzerbeziehungen zu kalkulieren und zu prognostizieren. Auf diese Weise gestalten sie den Zugang zu Informationen und Öffentlichkeiten und formieren die Chancen, an politischer Kommunikation zu partizipieren und dort Aufmerksamkeit zu erhalten. Dabei dienen die jeweiligen Plattformpolitiken nicht nur den Interessen individueller Nutzer, fördern zivilgesellschaftliche Ziele oder gehorchen politischen Instanzen. Vielmehr werden sie auch und vor allem für die Belange der kommerziellen Betreiber und ihrer Partner und Kunden eingesetzt. Die Art und Weise, wie diese Plattformen die unübersichtliche Gesprächigkeit strukturieren und damit Relevanz und Irrelevanz zuweisen, gehört damit zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung mit aktuellen Öffentlichkeiten hinzu.
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Fußnoten

1.
Vgl. Sonia Livingstone, On the Mediation of Everything, in: Journal of Communication, 59 (2008), S. 1–18; Friedrich Krotz, Mediatisierung, Wiesbaden 2006.
2.
Vgl. Gianpietro Mazzoleni/Winfried Schulz, "Mediatization" of Politics: A Challenge for Democracy?, in: Political Communication, 16 (1999), S. 247–261.
3.
Orientierung bieten zum Beispiel Mundo Yang, Jenseits des "Entweder-Oder" – Internet als konventioneller Teil der Demokratie, in: kommunikation@gesellschaft, 9 (2008), http://www.soz.uni-frankfurt.de/K.G/B3_2008_Yang.pdf« (25.3.2014); Martin Emmer/Gerhard Vowe/Jens Wolling, Bürger Online, Konstanz 2011; Henry Farrell, The Consequences of the Internet for Politics, in: Annual Review of Political Science, 15 (2012), S. 35–52.
4.
Vgl. zu Öffentlichkeit als zentralem empirischen Feld politischer Kommunikation und als wichtiger konzeptueller Kategorie politikbezogener Kommunikationsforschung Ulrich Sarcinelli, Politische Kommunikation in Deutschland, Wiesbaden 2011, S. 20. Vgl. zu den Ansprüchen deliberativer Öffentlichkeiten in demokratischen Gesellschaften Friedhelm Neidhardt, Öffentlichkeit, Öffentliche Meinung, Soziale Bewegungen, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 34 (1994), S. 7–41. Vgl. zur Definition politischer Kommunikation Mathias Albert/Willibald Steinmetz, Be- und Entgrenzungen von Staatlichkeit im politischen Kommunikationsraum, in: APuZ, (2007) 20–21, S. 17–23; Otfried Jarren/Patrick Donges, Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft, Wiesbaden 2011, S. 20.
5.
Vgl. Jonathan Zittrain, The Future of the Internet and How to Stop it, New York 2008, S. 57.
6.
"As a result of the interconnection of platforms, a new infrastructure emerged: an ecosystem of connective media with a few large and many small players. The transformation from networked communication to ‚platformed‘ sociality, and from a participatory culture to a culture of connectivity, took place in a relatively short time span of ten years." José van Dijck, The Culture of Connectivity, Oxford 2013, S. 4f.
7.
Vgl. Werner Holly, Medien, Kommunikationsformen, Textsortenfamilien, in: Stephan Habscheid (Hrsg.), Textsorten, Handlungsmuster, Oberflächen, Berlin–New York 2011, S. 144–163; Philomen Schönhagen, Soziale Kommunikation im Internet, Bern 2004, S. 213; Claudia Fraas/Stefan Meier/Christian Pentzold, Online-Kommunikation, München 2012, S. 20–31.
8.
Vgl. Jay L. Lemke, Travels in Hypermodality, in: Visual Communication, 1 (2002), S. 299–325.
9.
Vgl. Oliver Quiring/Wolfgang Schweiger, Interaktivität – Ten Years After, in: Medien & Kommunikationswissenschaft, 54 (2006), S. 5–24.
10.
Vgl. Danah Boyd, It’s Complicated, New Haven 2014, S. 11.
11.
Vgl. Zizi Papacharissi, A Private Sphere, Cambridge 2012; Peter Dahlgren, The Political Web, Basingstoke 2013. Siehe auch den Beitrag von Daniel Jacob und Manuel Thomas in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
12.
Vgl. zu Encounter-Öffentlichkeit, Versammlungsöffentlichkeit und Medienöffentlichkeit Jürgen Gerhards/Friedhelm Neidhardt, Strukturen und Funktionen moderner Öffentlichkeit, in: Wolfgang Langenbucher (Hrsg.), Politische Kommunikation, Wien 1993, S. 52–88; zum Strukturwandel vgl. Christoph Neuberger, Weblogs verstehen, in: Arnold Picot/Tim Fischer (Hrsg.), Weblogs professionell, Heidelberg 2006, S. 113–129; zur Diskussion der Vernetzung und Entgrenzung der Öffentlichkeitsebenen vgl. Christian Katzenbach, Weblog-Öffentlichkeiten als vernetzte Gespräche, in: Jens Wolling/Markus Seifert/Martin Emmer (Hrsg.), Politik 2.0?, Baden-Baden 2010, S. 189–210; Christian Nuernbergk, Anschlusskommunikation in der Netzwerköffentlichkeit, Baden-Baden 2013, S. 41.
13.
Vgl. Manuel Castells, Networks of Outrage and Hope, New York 2012.
14.
Vgl. Bonnie Nardi et al., Why We Blog?, in: Communications of the ACM, 47 (2004), S. 41–46; Jan Schmidt, Weblogs, Konstanz 2006.
15.
Ders., Das neue Netz, Konstanz 2011, S. 105ff.
16.
Elisabeth Klaus, Das Öffentliche in Privaten – Das Private im Öffentlichen, in: Friederike Hermann/Margret Lünenborg (Hrsg.), Tabubruch als Programm, Opladen 2001, S. 24.
17.
Vgl. zur Integration der Öffentlichkeitsebenen Christoph Neuberger, Internet, Journalismus und Öffentlichkeit, in: ders./Christian Nuernbergk/Melanie Rischke (Hrsg.), Journalismus im Internet, Wiesbaden 2009, S. 19–105.
18.
Vgl. Marcel Rosenbach/Hilmar Schmundt, Aufstand der Netzbürger, in: Der Spiegel, Nr. 32 vom 3.8.2009, S. 26ff.
19.
Vgl. Birgit van Eimeren/Beate Frees, Rasanter Anstieg des Internetkonsums, in: Media Perspektiven, (2013) 7–8, S. 358–372.
20.
Tatsächlich gründen die im Folgenden beschriebenen Eigenschaften der Plattform in Nutzungsroutinen, die nachträglich als Funktionen in die Plattform-Infrastruktur integriert wurden. Vgl. Alexander Halavais, Structure of Twitter: Social and Technical, in: Katrin Weller et al. (Hrsg.), Twitter and Society, New York 2014, S. 29–42.
21.
Axel Bruns/Jean Burgess, Researching News Discussion on Twitter, in: Journalism Studies, 13 (2012), S. 801–814.
22.
Siehe hierzu auch die APuZ-Ausgabe "Sexismus", 64 (2014) 8 (Anm. d. Red.).
23.
Vgl. Axel Maireder/Stefan Schlögl, 24 Hours of an #outcry: The Networked Publics of a Socio-Political Debate, in: European Journal of Communication (i.E.).
24.
Tarleton Gillespie, The Politics of "Platforms", in: New Media & Society, 12 (2010), S. 347–364.
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