Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.
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3.6.2014 | Von:
Thomas Lindenberger

Ist die DDR ausgeforscht? Phasen, Trends und ein optimistischer Ausblick

Das Zusammentreffen von Archivrevolution[1] und Übertragung des westdeutschen Wissenschaftsbetriebs auf Ostdeutschland führte im vereinigten Deutschland dazu, dass sich die "Historikerzunft" in ihrer ganzen Breite, von konservativ-liberal über SPD-nah bis linksliberal-alternativ und über alle Subdisziplinen hinweg dem Thema "DDR" zuwandte und es binnen eines Jahrzehnts zusammen mit der internationalen scientific community zu einer, wenn nicht der am dichtesten und gründlichsten erforschten Regionen der Weltgeschichte nach 1945 machte. Ein erster, noch immer eindrucksvoller und mit Gewinn zu lesender Überblick über die immense Frucht dieser Forschungseuphorie der 1990er Jahre erschien 2003 aus Anlass des 75. Geburtstags des unbestrittenen Doyens der DDR-Forschung Hermann Weber unter dem Titel "Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung".[2] Anstatt die bereits darin ausgebreitete und heute noch immer gültige Vielfalt der hochspezialisierten Forschungsthemen erneut zu rekapitulieren, sollen im Folgenden grundlegende Phasen und Trends der Entwicklung bis in die Gegenwart sowie ein Ausblick skizziert werden.

Traditionelle Politikgeschichte im Zeichen des Totalitarismusansatzes

Die Aktenöffnung der DDR-Quellen auf ganzer Breite eröffnete zunächst einmal die Möglichkeit, binnen kurzer Zeit großflächig "Tatsachen" der DDR-Vergangenheit zu entdecken und festzuhalten, etliche der "weißen Flecken" der Kommunismusgeschichte (Hermann Weber) zu beseitigen und mit einigen Legenden aufzuräumen. Es lag daher in der Natur der Sache, dass während der ersten Welle der DDR-Forschungen nach der Archivrevolution ein positivistisches Verständnis historischer Ereignisse vorherrschte, das sich vor allem an den Strukturen und Aktionen des Herrschaftsapparates orientierte. Nur zum Teil verband sich diese fachwissenschaftliche Perspektive mit der sofort nach 1989 einsetzenden Rehabilitierung der Totalitarismustheorie. In den Diskussionen der Enquêtekommissionen des Deutschen Bundestages, in publizistischen Debatten, vor allem auch in den damit verbundenen politikwissenschaftlichen Kontroversen fanden verschiedene Spiel- und Lesarten dieses Konzepts hingegen deutlich breiteren Anklang. Das war vor allem dem postrevolutionären Erfordernis der eindeutigen Entlarvung und Denunzierung des SED-Regimes und der Sowjetherrschaft als eine mit der Nazi-Diktatur grundsätzlich vergleichbare Gewalt- und Willkürherrschaft zu verdanken. Allerdings stand die Abstraktheit dieser Debatte mit ihren Typenbildungen und Strukturmerkmalskatalogen in einer gewissen Spannung zu zahlreichen quellengesättigten Rekonstruktionen, in denen das Attribut "totalitär" eher als rhetorisches Beiwerk fungierte.

Die weitgehend unangefochtene Rede von "der" totalitären Diktatur in den Sonntagsreden der Politikerinnen und Politiker und in den Feuilletons stellt sich rückblickend betrachtet als ein Pseudo-Triumph der Theorien totalitärer Herrschaft heraus, zumindest wenn man die professionelle Erforschung der DDR-Vergangenheit im Fach Geschichte zum Maßstab nimmt. Das ist am allerwenigsten diesen Theorien in ihrer ursprünglichen Ausarbeitung anzulasten. Sie waren als Gegenwartsdiagnosen verfasst worden, um inmitten des welthistorischen Konflikts zwischen liberalen Demokratien und verschiedenen Spielarten extremer Gewaltherrschaft zu seinem tieferen Verständnis beizutragen – und nicht als Gebrauchsanleitungen für deren rückblickende empirisch-historische Erforschung nach dem Ende des Konflikts, das in diesen Theorien in der Regel kaum "vorgesehen" war. Vieles von dem, was an solider Rekonstruktion politischer Herrschaftsgeschichte aus den neu zugänglichen Quellen erarbeitet wurde, ließ sich daher ohne größere Mühe unter dem Dach einer formelhaft verkürzten Lesart dieses Ansatzes platzieren. Das hat eine Reihe verdienstvoller, noch heute lesenswerter Arbeiten zur Herrschaftsgeschichte der DDR entstehen lassen.[3]

Frage nach der DDR als Gesellschaft

Zum Zeitpunkt der Vereinigung spielte die westdeutsche, mittlerweile um geschlechter- und alltagshistorische Ansätze erweiterte Sozialgeschichte in den Beratungsgremien der Wissenschaftspolitik eine tonangebende Rolle und prägte folglich auch den Umgestaltungsprozess der ostdeutschen Universitäts- und Forschungslandschaft. Ihre Vertreterinnen und Vertreter nahmen die Herausforderung an, ihr explizites, sich dezidiert eklektizistisch aus dem Repertoire der Nachbarwissenschaften speisendes Methoden- und Theorieverständnis nun anhand des neuen Forschungsgegenstandes "DDR" weiterzuentwickeln. Den sichtbaren Anfang bildete ein von Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka und Hartmut Zwahr herausgegebener Tagungsband "Sozialgeschichte der DDR"[4] und einige in der Zeitschrift "Geschichte und Gesellschaft" veröffentlichte Beiträge.[5] Auch der von Richard Bessel, einem britischen Sozialhistoriker, und Ralph Jessen, einem Schüler von Jürgen Kocka, herausgegebene Tagungsband "Die Grenzen der Diktatur" von 1996 gehört zu diesen ersten Positionsbestimmungen einer Gesellschaftsgeschichte der DDR als einer "modernen Diktatur".[6] Die Überformung aller sozialen und kulturellen Beziehungen durch den Gestaltungsanspruch der SED und des von ihr befehligten Staatsapparates stellten ihr zentrales konzeptionelles Problem dar.

Sozialgeschichte war in Nachfolge von Marx und Weber immer von einer relativen Autonomie der durch Produktions- und Reproduktionsverhältnisse gestifteten sozialen Beziehungen ausgegangen, um anschließend einen Bezug zur Sphäre des Staates herzustellen. In der staatssozialistischen Diktatur funktionierte es umgekehrt: Alles Soziale schien gemäß dem Herrschaftsanspruch der Monopolpartei und ihrer Ideologie aus dem Politischen abgeleitet.[7] Auf der Suche nach Möglichkeiten, dennoch ein genuin sozialgeschichtliches Untersuchungsobjekt zu bestimmen, erlangten die mikrohistorische und erfahrungsgeschichtliche Herangehensweise der Alltagsgeschichte, denen das Establishment der "Bielefelder" zehn Jahre zuvor noch polemisch entgegengetreten war, einen Bedeutungszuwachs: Ganz offensichtlich wäre eine auf die Makroebene beschränkte Sozialgeschichte der DDR bei ihrer "Draufsicht" der Wirklichkeitskonstruktion des seinerzeitigen Wahrheitsmonopolisten SED verhaftet geblieben. Auf die unterste und mittlere Ebene zu gehen und von den individuellen Akteuren her die Herrschaftspraxis im SED-Staat nachzuzeichnen und nicht lediglich das Herrschaftsdesign, ermöglichte die Entdeckung des Informellen, des mangels Meinungsfreiheit Unausgesprochenen, und damit die Rekonstruktion sozialer Beziehungen unterhalb und außerhalb des vom SED-Staat vorgegebenen institutionellen Rahmens.[8]

Als Forschungsprogramm umgesetzt, brachte diese Perspektive bis auf den heutigen Tag eine Fülle an spezialisierten Einzelstudien und Überblicksdarstellungen hervor, die zusammen mit den erwähnten Darstellungen der politischen Institutionen, der Herrschaftsapparate und insbesondere der politischen Opposition in der DDR seit ungefähr Mitte der 2000er Jahre einen vorläufigen "Sättigungsgrad" in Sachen DDR-Forschung zeitigten. Von den behandelten Zeitabschnitten her standen zunächst die frühen DDR-Jahrzehnte bis zum Mauerbau und anschließend bis zum Ende der Ulbricht-Ära im Mittelpunkt, bei einem gleichzeitigen Fokus auf die Geschichte und unmittelbare Vorgeschichte der Friedlichen Revolution. In den vergangenen zehn Jahren rückte zunehmend die dazwischenliegende Zeit der Honecker-Ära in den Mittelpunkt des Interesses, und derzeit wenden sich DDR-Forscherinnen und -Forscher vereinzelt einem Zeitraum zu, der bislang von der "Transformationsforschung" bearbeitet wurde. In Ostdeutschland wie im ehemaligen Ostblock harren die Prozesse der Demokratisierung und des Übergangs zum Kapitalismus einer systematischen Historisierung.[9]

Auch wenn wir jetzt, fast 25 Jahre nach dem Ende der DDR, in der Zeit "nach dem großen Boom" der DDR-Forschung angelangt sind, bleibt im vereinigten Deutschland, im Vergleich etwa mit seinen postkommunistischen Nachbarn, die kommunistische Diktatur im eigenen Land weiterhin ein fester Bestandteil der reflexiven und selbstkritischen Geschichtskultur.[10] Dies ist sowohl den vielfältigen Projektförderungen zu verdanken als auch dem Pluralismus der Trägerinstitutionen und Massenmedien sowie der politischen und methodologischen Orientierungen – und nicht zuletzt dem anhaltenden Interesse nicht nur der eigenen Gesellschaft, sondern auch der europäischen und nordamerikanischen scientific community. Dabei kann an einige Gewissheiten angeknüpft werden, die sich nach und nach "eingebürgert" haben: Der Diktaturcharakter des politischen Systems der DDR ist unstrittig, versinnbildlicht in der diktatorischen Stellung der SED-Führung und der übermächtigen Stellung des Repressionsorgans MfS als "Schild und Schwert der Partei".[11] Ebenso hat sich die Sichtweise etabliert, dass SED-Herrschaftssystem und DDR-Gesellschaft nicht unversehens gleichzusetzen sind. Bei weitem nicht alles, was in der DDR "war", ist allein aus dem diktatorischen Charakter ihres politischen Systems zu erklären. Ebenso hat sich herumgesprochen, dass nicht ein Entweder-oder, sondern nur ein konstruktives Neben- und Miteinander von methodischen Zugängen weiterführt: Es heißt nicht mehr "Alltagsgeschichte" oder "Repressionsgeschichte", sondern "Repression im Alltag" und "Alltag der Repression und der Repressionsorgane".[12]

Dennoch: Oberflächlich betrachtet fällt es heute nicht mehr so leicht, Themen oder Bereiche zu benennen, zu denen es noch rein gar nichts "gibt". Wer das Geschäft seit den frühen 1990er Jahren mitverfolgt und -gestaltet hat, dem kommt heute beim Lesen der Rezensionen oder Drittmittelanträge immer öfter das Diktum Karl Valentins in den Sinn, wonach zwar schon alles gesagt sei, aber eben noch nicht von allen. Wir dürfen uns also bei der Beantwortung der Frage, ob die DDR "ausgeforscht" sei, nicht mehr, wie damals, von der Suche nach noch völlig unbekannten Gegenständen und Ereignissen leiten lassen. Was mehr denn je das Innovative in der Forschung ausmacht, ist nicht das einzelne Untersuchungsobjekt, sondern die wissenschaftliche Fragestellung und mit ihr das über die SBZ und die DDR hinausweisende Erkenntnisinteresse. Die DDR als Untersuchungsgegenstand und Untersuchungsfeld reiht sich nun in die übrigen Gegenstandsbereiche und Epochen der historischen Forschung ein. Wie bei Themen der Frühen Neuzeit oder des 19. Jahrhunderts muss auch bei der DDR jede neue Forscher-Kohorte, von einem umfangreichen wissenschaftlich und kulturell überlieferten Vorwissen ausgehend, immer wieder diejenigen Fragen und Erkenntnisinteressen neu entdecken und formulieren, die für ihre Zeit am bedeutsamsten und aufschlussreichsten sind. Das Argument, dass man X oder Y "in der DDR" erforschen muss, nur weil es noch keiner gemacht hat, zieht nicht mehr. Auf der Ebene der bloßen Tatsachen wird die Wahrscheinlichkeit der unverhofften Überraschungen und der gelüfteten Geheimnisse immer geringer – es sei denn, es tritt das Moment einer aus Gegenwartsinteressen abgeleiteten Fragestellung hinzu, die so noch nicht an Untersuchungsgegenstände der DDR-Forschung herangetragen worden war.

Was bleibt (zu erforschen): DDR als "Fall"

Welche Fragestellungen und Problematiken könnten das sein? Bereits 2003 hat Jürgen Kocka anlässlich der Vorstellung des erwähnten Bilanz-und-Perspektiven-Bandes in einem aufsehenerregenden Vortrag vor einer Selbstisolierung der DDR-Forschung gewarnt.[13] Seitdem vertrete ich mit einem Teil der Fachkolleginnen und -kollegen die Ansicht, dass sich die weitere Erforschung der DDR-Geschichte vor allem dort wissenschaftlich lohnt, wo sie systematisch in vergleichende und internationale Bezüge im weitesten Sinne des Wortes eingebettet ist.[14] Nur so kann dieses Spezialgebiet den mittlerweile erreichten Grad an Integration und Anerkennung in der Gemeinschaft der historischen Subdisziplinen aufrechterhalten. Andernfalls droht ihm die Herabstufung zu einer Spielart der Landesgeschichte neben anderen. Das wäre in Deutschland gar nicht mal so ehrenrührig, denn dass die vergangene Eigenstaatlichkeit der Bayern, Sachsen, Hannoveraner etc. bis heute Subdisziplinen und Lehrstühle rechtfertigt, ist fester Teil der Geschichtskultur in unserem föderalen Gemeinwesen. Ob allerdings das Innovationspotenzial des Forschungsfeldes "DDR" in einem solchen Reservat gut aufgehoben wäre, darf füglich bezweifelt werden.

Was ist hier mit vergleichenden und internationalen Bezügen gemeint?

1. Die sich sofort aufdrängenden Blickrichtungen einer Vergleichs- und Verflechtungsgeschichte sind der Osten und Südosten, hin zu den anderen ehemaligen kommunistischen Ländern. Auch dort ist die Forschung mittlerweile in etlichen Bereichen so weit, dass mehr möglich ist als jenes für internationale Konferenzen der 1990er und 2000er Jahre typische unverbundene Nebeneinander von Forschungsergebnissen, die mangels konzeptioneller Gemeinsamkeiten nicht zueinander "sprechen" können. Insbesondere das von der Volkswagenstiftung von 2001 bis 2011 aufgelegte Förderungsprogramm "Einheit in der Vielfalt" hat nicht nur die enge Zusammenarbeit deutscher Osteuropahistoriker mit Kollegen in der Region ermöglicht und neue Standards in der Förderung internationaler Forschungsnetzwerke gesetzt, sondern auch zur keineswegs selbstverständlichen Einbeziehung der DDR als Vergleichsfall beigetragen. Die deutschen Forschungen zur DDR-Geschichte genießen in diesen Kooperationen einen exzellenten Ruf, und dies nicht nur unter den Kollegen im erweiterten EU-Raum, sondern auch in den anderen postkommunistischen Ländern. Den "Fall DDR" in derartige Projekte einzubringen, befördert vor allem das systematische Verständnis der je relativen, national bedingten Eigenheiten kommunistischer Regime im Verhältnis zum sowjetischen Modell und deren Bedeutung für das letztendliche Scheitern des kommunistischen Projekts als alternatives Weltsystem. Die Erkenntnischancen dieser Vergleichsperspektive sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft.

2. In einem weiteren Schritt spricht einiges dafür, die Blickrichtung des Vergleichs auch nach Westen zu richten. Damit meine ich nicht nur die alte Bundesrepublik – dazu unten mehr – sondern durchaus auch das übrige Europa. Die DDR wird in der sozialhistorischen Forschung nicht nur als ein Fall der europäischen Diktaturgeschichte, sondern zugleich als eine Variante moderner Sozialstaatlichkeit diskutiert. Sie war, in noch größerem Umfang als die Sowjetunion selbst, von Ideen und Wertvorstellungen geprägt, die sich um 1900 in der Epoche der europäischen Hochindustrialisierung in der modernen Arbeiterbewegung herausgebildet hatten und auch nach dem leninistischen Schisma in der Fürsorgediktatur (Konrad Jarausch) virulent geblieben waren.[15] Eine andere Lesart diskutiert die DDR mit ihrer zentralistischen Wirtschaftsplanung und der institutionellen Fusionierung von produktiven und reproduktiven Steuerungsinstrumenten im sozialistischen Großunternehmen als Teil der fordistischen Phase der Industriegesellschaft, deren Scheitern in erster Linie aus der politisch bedingten Unfähigkeit zum Übergang in die nach-fordistische Informations- und Dienstleistungsgesellschaft resultierte.[16] Die DDR als "Fall" in diese systematische Vergleichsperspektive einzubringen, birgt die Chance, ihre widersprüchliche Stellung zwischen nachholender industrieller Entwicklung in weiten Teilen des "Ostblocks" und dem in Mitteldeutschland bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreichten Modernisierungsniveau genauer zu bestimmen.

3. Schließlich ist der oft beschworene, aber noch lange nicht ausgereizte innerdeutsche Vergleich anzuführen. Dass die DDR als Gemeinwesen ein Nebenprodukt der Geschichte internationaler Beziehungen war, das nach Wegfall der sowjetischen Bestandsgarantie noch schneller von der Bildfläche verschwand, als es gegründet wurde, ist nur ein Teil davon, obgleich ein wesentlicher. Die innerdeutsche Perspektive hat lange dazu tendiert, in der DDR vor allem das "ganz Andere" der Bundesrepublik zu sehen. Das hat sich etwa in exotisierenden Metaphern wie "sowjetische Satrapie"[17] geäußert. Als deren spiegelbildliche Variante kann die – zumeist in Abwehr von westdeutschen Pauschalabwertungen vorgebrachte – Rede von der DDR als ein legitimer Versuch angesehen werden, eine ganz eigene, "andere" Moderne zu realisieren.[18] Gegenüber beiden Vorstellungen unterstreichen jüngere Forschungen die konstitutive Zwischenlage der DDR: Wohl war die SED als Staatspartei so abhängig von der sowjetischen Bestandsgarantie wie keine der anderen "Bruderparteien", zugleich aber blieb die von ihr gelenkte Wirtschaft immer auf Geschäftsbeziehungen zu westdeutschen Firmen angewiesen. Um innerer Unruhe vorzubeugen, musste das Regime auch nach dem Mauerbau immer wieder Konzessionen an das auf den Westen gerichtete Zusammengehörigkeitsgefühl "seiner" Menschen machen. Innerhalb der sowjetischen Hemisphäre ermöglichte seine "Wirtschafts- und Sozialpolitik" den DDR-Bürgerinnen und -Bürgern das im Ostblock höchste Lebensniveau sowie ein vergleichsweise gut funktionierendes Bildungs- und Gesundheitssystem. Doch zugleich konnten diese im Fernsehen und bei Verwandtenbesuchen ganz genau beobachten, wie seit den 1980er Jahren der Abstand zur Entwicklung in der Bundesrepublik immer schneller wuchs.

Und dennoch: Zivilisatorisch repräsentierte die DDR den "westlichsten" Fall innerhalb des Ostens, weshalb sie bei vergleichenden Forschungen über die sechs Satellitenstaaten häufig als Sonderfall verbucht wird. Sie war mit Sicherheit das kommunistische Land mit den häufigsten und am weitesten ins Innere von Land und Leuten hineinwirkenden Kontakten mit dem Westen, konkret der Bundesrepublik. Für diesen Umstand hat Christoph Kleßmann die treffende Formel der "asymmetrisch verflochtenen Parallelgeschichte"[19] der beiden deutschen Staaten gefunden. Den verschlungenen Pfaden dieser Geschichte zu folgen, bringt mit westdeutschen Firmen, Regierungsstellen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zugleich zusätzliche Brisanz ins Spiel. Hinter den sensationell aufgemachten Medienberichten über Arzneimittelforschung im Auftrag westlicher Pharmakonzerne, die in volkseigenen Betrieben von politischen Strafgefangenen geleistete "Zwangsarbeit" für westliche Möbelfabriken oder über den Verkauf von "Häftlings-Blut" an das Bayerische Rote Kreuz erhebt sich die Frage nach dem gewollten oder ungewollten Beitrag der Alt-Bundesrepublik zur ökonomischen und politischen Stabilisierung des SED-Regimes. Dieser kritische Blick vom Osten her auf die Geschichte der Bundesrepublik ist erst in Ansätzen erprobt und noch lange nicht "ausgeforscht".

DDR in weiter Ferne – und doch so nah

Abschließend bleibt festzuhalten: Der Charme der Entdeckerfreude von Pionieren, die unbekanntes Terrain im eigenen Land erschließen, gehört der Vergangenheit an, unwiderruflich. Gemessen an den damaligen Geländegewinnen sinkt der Grenznutzen der in die DDR-Geschichte investierten Forschungsmittel – ein unvermeidlicher Normalisierungsprozess. Wird damit die DDR als Gegenstand historischer Forschung uninteressant, wird sie endlich eine Fußnote der Weltgeschichte (Stefan Heym)? Meine Prognose lautet: solange man den Blick starr und ausschließlich auf die DDR heftet, nicht rechts und nicht links schaut, und solange dieser Blick in erster Linie durch die gebetsmühlenartig wiederholte Bekräftigung des mittlerweile allgemein Anerkannten, nämlich des Diktaturcharakters der DDR, motiviert ist – ja.

Aber: Die DDR der Quellen ist mehr als der schriftliche Niederschlag einer perfiden und menschenverachtenden Diktatur. Sie ist nicht zuletzt dank der MfS-Überlieferung eine der am dichtesten in Archivquellen dokumentierten modernen Gesellschaften unserer Epoche. Die Fragen, die sich mit diesem Material bearbeiten lassen, weisen weit über die DDR um der DDR willen hinaus, sie betreffen – wie ich an einigen Beispielen aufzuzeigen versucht habe – grundlegende Fragen der Entwicklung moderner Industriegesellschaften, die sich nur in vergleichender und beziehungsgeschichtlicher Perspektive bearbeiten lassen.

Die Friedliche Revolution ist 25 Jahre her, und dennoch – nimmt man den unablässigen Ausstoß an Publikationen, Veranstaltungen und Medienereignissen zum Maßstab – in Deutschland noch ganz "nah". Irgendwann aber geht alles einmal zu Ende, auch die "gefühlte" Nähe zu diesem "Gebilde" des Kalten Krieges. Angesichts der erfolgreichen Eingemeindung der vereinigten Deutschen in das westliche Lager und der EU-Osterweiterung wird die damals durch Deutschland verlaufende Systemgrenze des Kalten Krieges nach und nach ihre identitätsstiftende Sonderstellung einbüßen. Sie wird sich mit anderen, durch das europäische Projekt forcierten beziehungsweise dieses herausfordernden Bruchlinien verbinden. Das müssen wir zum Beispiel dieser Tage in der Auseinandersetzung um Ansprüche russischer Hegemonie in nicht zur EU gehörenden Ländern des ehemaligen Sowjetimperiums erleben.

Innerhalb eines um solche und andere globale Bezüge erweiterten Geschichts- und Selbstbildes der Deutschen wird die DDR eines fernen Tages eines von etlichen anderen untergegangenen Gemeinwesen darstellen, deren Geschichten je individuelle Eigenheiten und Idiosynkrasien aufweisen. Sie wird den Deutschen aber auch mit wachsendem zeitlichen Abstand immer noch als die eine der beiden Diktaturerfahrungen im Gedächtnis haften bleiben. Darüber hinaus werden ihre immensen und frei zugänglichen archivalischen Hinterlassenschaften weiterhin die Neugierde der historischen Forschung auf dieses untergegangene Land lenken. Hinzu kommt eine Nachfolgegesellschaft, die fest entschlossen scheint, aus dieser Überlieferungssituation das Beste für ihre politische Kultur, für das Geschäft der Aufklärung und nicht zuletzt fürs Histotainment herauszuholen.

Wenn die DDR als heuristischer "Fall" für die wissenschaftliche Forschung, als Anschauungsfall für den Demokratieunterricht, als nie versiegender Quell unterhaltsamer "authentischer" Geschichten weiterhin Geltung beanspruchen kann, ist sie noch lange nicht ausgeforscht. Im Gegenteil, dann steht ihr noch viel "Erforschtwerden" bevor.
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Fußnoten

1.
"Archivrevolution" ist der in der internationalen Forschung gängige Begriff für die plötzliche Öffnung der Staats- und Parteiarchive der ehemals kommunistischen Staaten des Ostblocks ab 1990; vgl. Sonia Combe (Hrsg.), Archives et histoire dans les sociétés postcommunistes, Paris 2009.
2.
Vgl. Rainer Eppelmann et al. (Hrsg.), Bilanz und Perspektiven der DDR-Forschung, Paderborn 2003.
3.
Vgl. als eine der frühesten Armin Mitter/Stefan Wolle, Untergang auf Raten. Unbekannte Kapitel der DDR-Geschichte, München 1993.
4.
Hartmut Kaelble et al. (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994.
5.
Vgl. Sigrid Meuschel, Überlegungen zu einer Herrschafts- und Gesellschaftsgeschichte der DDR, in: Geschichte und Gesellschaft, 19 (1993) 1, S. 5–14; Ralph Jessen, Die Gesellschaft im Staatssozialismus. Probleme einer Sozialgeschichte der DDR, in: Geschichte und Gesellschaft, 21 (1995) 1, S. 96–110; Detlef Pollack, Die konstitutive Widersprüchlichkeit der DDR. Oder: War die DDR-Gesellschaft homogen?, in: Geschichte und Gesellschaft, 24 (1998) 1, S. 110–131.
6.
Vgl. Richard Bessel/Ralph Jessen (Hrsg.), Die Grenzen der Diktatur. Staat und Gesellschaft in der DDR, Göttingen 1996; Jürgen Kocka, Die DDR – eine moderne Diktatur?, in: Reinhard Rürup et al. (Hrsg.), Geschichte und Emanzipation. Festschrift für Reinhard Rürup, Frankfurt/M.–New York 1999, S. 540–550.
7.
Vgl. die damals unter Sozialhistorikerinnen und -historikern überaus einflussreiche Studie von Sigrid Meuschel, Legitimation und Parteiherrschaft. Zum Paradox von Stabilität und Revolution in der DDR 1945–1989, Frankfurt/M. 1993.
8.
Vgl. Thomas Lindenberger, Alltagsgeschichte und ihr Beitrag zur Erforschung der Sozialgeschichte der DDR, in: R. Bessel/R. Jessen (Anm. 6), S. 298–325; ders., Herrschaft und Eigen-Sinn in der Diktatur. Studien zur Gesellschaftsgeschichte der DDR, Köln 1999; ders., SED-Herrschaft als soziale Praxis, Herrschaft und "Eigen-Sinn", in: Jens Gieseke (Hrsg.), Staatssicherheit und Gesellschaft. Studien zum Herrschaftsalltag in der DDR, Göttingen 2007, S. 23–47; Peter Becker/Alf Lüdtke, Akten, Eingaben, Schaufenster. Die DDR und ihre Texte: Erkundungen zu Herrschaft und Alltag, Berlin 1997.
9.
Vgl. Philipp Ther, Das "neue Europa" seit 1989. Überlegungen zu einer Geschichte der Transformationszeit, in: Zeithistorische Forschungen, 6 (2009) 1, http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Ther-1-2009« (19.5.1014); ders., Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa, Frankfurt/M. 2014 (i.E.).
10.
Vgl. Martin Sabrow (Hrsg.), Erinnerungsorte der DDR, München 2009.
11.
Jens Gieseke, Die Stasi. 1945–1990, München 2011; ders. (Hrsg.), Die Geschichte der SED. Eine Bestandsaufnahme, Berlin 2011.
12.
Vgl. die Beiträge in J. Gieseke (Anm. 8) sowie Jan Palmowski, Inventing a Socialist Nation. Heimat and the Politics of Everyday Life in the GDR, 1945–1990, Cambridge 2009.
13.
Vgl. Jürgen Kocka, Der Blick über den Tellerrand fehlt, in: Frankfurter Rundschau vom 22.8.2003.
14.
Vgl. Thomas Lindenberger/Martin Sabrow, Das Findelkind der Zeitgeschichte. Zwischen Verinselung und Europäisierung. Die Zukunft der DDR-Geschichte, in: Frankfurter Rundschau vom 12.11.2003.
15.
Vgl. Ulrich Herbert, Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, München 2014, S. 699f.; Konrad H. Jarausch, Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur, in: APuZ, (1998) 20, S. 33–46.
16.
Vgl. Ulrich Busch/Rainer Land, Ostdeutschland: Vom staatssozialistischen Fordismus in die Entwicklungsfalle einer Transferökonomie, in: Peter Bartelheimer et al. (Hrsg.), Berichterstattung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland, Wiesbaden 2012, S. 153–183.
17.
Hans-Ulrich Wehler, Bundesrepublik und DDR. 1949–1990, Bonn 2010.
18.
Vgl. Christian Lannert, "Vorwärts und nicht vergessen"? Die Vergangenheitspolitik der Partei Die Linke und ihrer Vorgängerin PDS, Göttingen 2012, S. 106–117.
19.
Christoph Kleßmann, Verflechtung und Abgrenzung – Umrisse einer gemeinsamen deutschen Nachkriegsgeschichte, in: Klaus Schönhoven/Dietrich Staritz, Sozialismus und Kommunismus im Wandel. Hermann Weber zum 65. Geburtstag, Köln 1993, S. 486–499.
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