Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.
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Begriffsgeschichte der Friedlichen Revolution. Eine Spurensuche


3.6.2014
Die Ereignisse in der DDR von 1989/1990 sind fest mit Begriffen und Losungen wie "Friedliche Revolution" verbunden. Doch wer hat sie wann und in welchem Kontext 1989 eingebracht?

Jeder gesellschaftliche Umbruch hinterlässt Spuren in der Sprache und den Begriffen seiner Zeit. Das gilt auch für die historischen Ereignisse von 1989/1990 in der DDR. Rasch schälten sich damals zur Beschreibung des laufenden Prozesses Begriffe und Wortmarken heraus, die zuvor im Osten Deutschlands ungebräuchlich oder mit einer anderen Konnotation versehen waren. Medial verbreitet und verstärkt, wurden sie schnell zu "Kampfbegriffen" widerstreitender gesellschaftlicher Kräfte. Oder es wurde stillschweigend vorausgesetzt, dass sie dort schon immer so und nicht anders im Gebrauch waren. Waren sie erst einmal einer Person oder Denkrichtung als vermeintlichem Urheber zugeschrieben, erübrigte sich auch die Nachfrage nach weiteren, älteren Quellen für diese Begriffe und Losungen. Dass der vorletzte Staatsratsvorsitzende der DDR Egon Krenz den Wende-Begriff 1989 in die politische Auseinandersetzung eingebracht hat, um der Friedlichen Revolution und den Bürgerbewegungen den Schneid abzukaufen und sich an die Spitze des Dialogs und der Reformen zu setzen, gilt heute daher allgemein als unstrittig. Ebenso wird medial weiterhin verbreitet, dass die Losung "Wir sind ein Volk!" eine originäre Schöpfung der DDR-Bevölkerung und ihres unbändigen Willens zur Wiedervereinigung gewesen sei. Streit flackert nur noch auf, wenn es um die örtliche Zuschreibung der zentralen Losung vom Herbst 1989 "Wir sind das Volk!" geht. Wurde sie zuerst in Dresden oder Leipzig gerufen, ist die nicht ganz uneigennützige Frage.

Die vorliegende Spurensuche hat einen zeitlich wie räumlich weiteren Zuschnitt. Überprüft werden soll, wer wann und in welchem Kontext 1989 die oben genannten Begriffe und Losungen in den gesellschaftlichen Diskurs eingebracht hat beziehungsweise welche Referenztexte dabei Pate gestanden haben (könnten). Gesichtet wurden dafür zahlreiche mediale Berichte, Zeitzeugenaussagen, künstlerische Werke, die Transparente der Demonstrationen in Leipzig, Plauen, Berlin und anderen Orten sowie die Flugblätter und Programmschriften der widerstreitenden Kräfte des Herbstes 1989. Recherchiert wurde in einschlägigen Archiven und Museen, dokumentarischen Sammelbänden und auf diversen Internetseiten. Dabei habe ich nur Quellen berücksichtigt, die bereits 1989 öffentlich zugänglich waren – und zwar sowohl einer breiten medialen Öffentlichkeit in Ost und West als auch einer eingeschränkten Öffentlichkeit in relevanten Teilgruppen. Gerade die DDR-Geschichte von 1989 belegt, dass es mitunter nur kleiner Gruppen entschlossen Handelnder bedarf, um große gesellschaftliche Veränderungen in Gang zu setzen. Zugleich zeigt sie aber auch, dass diese ohne die flankierende Berichterstattung der (westlichen) Medien kaum eine solche Schlagkraft entwickelt hätten. Damit war also eine starke (direkte wie indirekte) Einflussnahme der Medien auf die Begriffsbildung während der Friedlichen Revolution in der DDR gegeben.

Bürgerbewegung



Die in der Spätphase der DDR gegründeten Bürgerbewegungen gelten zu Recht als Initiatoren und wesentliche Träger der ersten Etappen des gesellschaftlichen Umbruchs von 1989/90.[1] Dennoch war der Begriff Bürgerbewegung zur Bezeichnung oppositioneller Gruppen in der DDR lange ungebräuchlich. In den 1980er Jahren zahlreich entstanden, nannten sie sich selbst Arbeitsgruppe oder -kreis, Initiativgruppe oder schlicht Gesprächskreis und engagierten sich für Friedens-, Umwelt- oder Menschenrechtsfragen sowie für die "Dritte Welt". Allein in Leipzig gab es davon über hundert.[2] Viele dieser Gruppen konnten oft nur innerhalb der Evangelischen Kirche tätig sein. Auch aus Selbstschutz nannten sie sich nicht Bürgerbewegung, denn die Staatssicherheit "kriminalisierte den Begriff und sah in der ‚Schaffung sogenannter Bürgerrechtsbewegungen‘ eine feindliche Absicht des Westens".[3] Selbst als die bereits 1985 gegründete Initiative Frieden und Menschenrechte (IFM) unter dem Eindruck der Entwicklung in der Sowjetunion, Polen und Ungarn am 11. März 1989 einen Aufruf an alle unabhängigen Gruppen unter dem Dach der Kirche richtete, "ihre Isolierung (zu) überwinden" und sich den Bemühungen der IFM für "tiefgreifende Veränderungen" in der DDR anzuschließen, vermied sie eine eindeutige Benennung der angestrebten Fusion. Die IFM sei "weder eine Organisation noch eine Partei. Um sich ihr anzuschließen, bedarf es keiner eingeschriebenen Mitgliedschaft."[4] Auch die Pastoren Martin Gutzeit und Markus Meckel wählten für die von ihnen angestrebte Gründung einer sozialdemokratischen Partei (SDP) in der DDR den Umweg über eine Initiativgruppe. Alles andere sei, wie sie am 24. Juli 1989 in einem Aufruf feststellten, "zur Zeit legal nicht möglich".[5]

Einen Schritt weiter ging die Gruppe "Absage an Prinzip und Praxis der Abgrenzung". Ihr Sprecher, der Physiker Hans-Jürgen Fischbeck, forderte am 13. August 1989 in der Ostberliner Bekenntniskirche die Bildung einer "landesweiten Sammlungsbewegung" der DDR-Opposition. Ihr Ziel war: eine "identifizierbare Alternative" zu bieten, die bereits in zwei Jahren an der Volkskammerwahl teilnehmen könne.[6] Einen Monat später ging aus diesem Kreis die "Bürgerbewegung Demokratie Jetzt" (DJ) hervor. Sie war die erste und einzige der im Herbst 1989 gegründeten Reforminitiativen, die sich ausdrücklich als Bürgerbewegung bezeichnete.[7] Das Neue Forum (NF) definierte sich hingegen in seinem Gründungsaufruf "Aufbruch 89" vom 10. September 1989 als "eine politische Plattform für die ganze DDR", eine "übergreifende Initiative" von "Menschen aus allen Berufen, Lebenskreisen, Parteien und Gruppen".[8] Auch die Vereinigte Linke (VL) überschrieb ihren bereits am 4. September propagierten Sammlungsappell mit "Böhlener Plattform".[9]

Als hektografierte Abzüge gingen diese Aufrufe von Hand zu Hand. Ausgehängt werden konnten sie meist nur in Kirchen, zum Teil aber auch in Theatern, Jugendklubs und Künstlerverbänden. Rockmusiker, Unterhaltungskünstler und Schauspieler verlasen – davon inspiriert – eigene Resolutionen, in denen sie Reformen und die offizielle Zulassung des NF forderten. Ein Beispiel ist die "Rockerresolution" (unter anderem verfasst von Tamara Danz, Toni Krahl, Andre Herzberg, Hans-Eckardt Wenzel), die ab dem 18. September 1989 von über 3.000 Musikern vor ihren Konzerten verlesen wurde. Sie taten dies trotz drohender Auftrittsverbote und zeitweiliger Verhaftungen. Wie das Ministerium für Staatssicherheit am 9. Oktober eingestehen musste, wurde die Resolution dadurch "etwa 30.000 Teilnehmern öffentlicher Veranstaltungen zur Kenntnis gebracht", wobei zum Inhalt "mehrheitlich Zustimmung durch das Publikum erreicht wurde".[10] Für die Verbreitung der Gründungsaufrufe der Bürgerbewegungen sorgten aber auch westliche Medien, wobei deren Printausgaben in der DDR nur eingeschränkt zugänglich waren und Rundfunk und Fernsehen nur Teile der umfangreichen Aufrufe verlasen.

Vor und nach dem Mauerfall kam es in der DDR zur Gründung weiterer Bürgervereinigungen wie des Demokratischen Aufbruchs (DA), der Grünen Partei, der Deutschen Forumpartei (DFP) oder der Deutschen Sozialen Union (DSU). Sie verstanden sich jedoch bereits als eigenständige Parteien. Die Medien (ab November 1989 verstärkt auch die ostdeutschen) sorgten mit ihrem Sprachgebrauch dennoch dafür, dass sich der Begriff Bürgerbewegung als Sammelbezeichnung für alle einschlägigen Formationen in der DDR durchsetzte; während hingegen DJ schon bald weitgehend auf diesen Namenszusatz verzichtete. Mitunter mussten seine Gründungsmitglieder, wie Ulrike Poppe und Jörg Hildebrandt, sogar erst wieder daran erinnert werden: "Wir sind, wie sie selbst sagten, ’ne Bürgerbewegung, das heißt, wir haben informelle Arbeitsstrukturen, wir sind keine Vereinigung mit festen Mitgliedschaften und natürlich keine Partei."[11] Die Betonung "keine Partei" war ihnen "besonders wichtig". Ihr Festhalten an eher losen Strukturen wurde mit dem Gesetz zur ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 endgültig obsolet. Vorstandsmitglied Konrad Weiß bekannte am 19. Januar 1990 in einem TV-Bericht von der 1. DJ-Landeskonferenz dann auch unumwunden: "Wir sind vom Ansatz her eine Bürgerbewegung. (…) Wir haben gesagt, dass wir politische Verantwortung übernehmen wollen. Wenn das nur möglich ist, wenn man Partei ist, dann muss man darüber neu nachdenken."[12] Das NF lehnte es weiterhin ab Partei zu werden, um den "Durchgriff der Bürgerbasis in die politische Entscheidung" weiter gewährleisten zu können.[13] Es schloss sich für die bevorstehende Wahl jedoch mit DJ und der IFM zum "Bündnis 90" zusammen.


Fußnoten

1.
Vgl. Bernd Lindner, Die demokratische Revolution in der DDR 1989/90, Bonn 2010, S. 86f.
2.
Vgl. Christian Dietrich/Uwe Schwabe (Hrsg.), Freunde und Feinde. Dokumente zu den Friedensgebeten in Leipzig, Leipzig 1994, S. 495.
3.
Ehrhart Neubert, Bürgerrechtler, in: Hans-Joachim Veen et al. (Hrsg.), Lexikon Opposition und Widerstand in der SED-Diktatur, München 2000, S. 91.
4.
Aufruf der Initiative Frieden und Menschenrechte vom 11.3.1989, http://www.ddr89.de/ddr89/ifm/IFM22.html« (29.4.2014).
5.
Martin Gutzeit/Markus Meckel, Opposition in der DDR, Köln 1994, S. 367.
6.
Vgl. Wieland Giebel, … geht die DDR-Opposition an den Start, in: Die Tageszeitung (taz) vom 15.8.1989.
7.
Vgl. Bürgerbewegung Demokratie Jetzt, Aufruf zur Einmischung in eigener Sache, in: Temperamente. Blätter für junge Literatur, (1990) 1, Oktober 1989 Texte, S. 20f.
8.
Neues Forum, Aufbruch 89 – Neues Forum, Gründungsaufruf vom 10.9.1989 (Unterstreichung im Original); zit. nach: B. Lindner (Anm. 1), S. 67.
9.
Böhlener Plattform, Mitteilung über ein Treffen von Vertretern verschiedener sozialistischer Tendenzen, in: Oktober 1989 Texte (Anm. 7), S. 11ff.
10.
Zit. nach: Bernd Lindner, DDR Rock & Pop, Köln 2008, S. 201f.
11.
Interview mit Ulrike Poppe und Dieter Hildebrandt, in: Aktuelle Kamera, Sendung vom 24.11.1989; 1989.dra.de/no_cache/themendossiers/politik/buergerbewegung.html (18.4.2014).
12.
Interview mit Konrad Weiß, in: Aktuelle Kamera Sendung vom 19.1.1990 (ebd.).
13.
Jens Reich im Rechenschaftsbericht beim Kongress des NF; vgl. Die Sturm- und Drangzeit ist vorbei, in: taz vom 29.1.1990.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Bernd Lindner für bpb.de
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