Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10.11.1989.

3.6.2014 | Von:
Alexander Kraus
Christoph Lorke

Vor dem Aufbruch. 1988 als vergessenes Jahr

1988: Schlaglichter auf ein vergessenes Jahr

Im "Literarischen Quartett", das am 25. März 1988 im ZDF erstmals auf Sendung geht, wird im ganzen Jahr lediglich ein Titel aus der DDR besprochen – Werner Mittenzweis "Das Leben des Bertolt Brecht", das pünktlich zu Brechts 90. Geburtstag erscheint. Die Feier wird auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs begangen, ein Beleg mehr für die "ideelle Fortexistenz der Kulturnation".[29] Das in diesem Jahr dennoch geringe westdeutsche Interesse an ostdeutschen Büchern mag auch an Marcel Reich-Ranickis grundsätzlicher Skepsis liegen, verlautbart er doch wenig später, er habe "an die Existenz einer DDR-Literatur (…) nie geglaubt".[30] Sein Freund Siegfried Lenz hingegen, der auch in der DDR ein vielgelesener Autor ist, bekommt am 9. Oktober in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels auch deshalb verliehen, weil er in seinem literarischen Schaffen konsequent darum bemüht war, die "Trennungslinie" zwischen beiden deutschen Staaten zu entschärfen.[31] Einen Monat darauf bekundet dann auch Martin Walser, einer der erklärten Intimfeinde Reich-Ranickis, dass er sich mit dem geteilten Deutschland nie habe arrangieren können. Das gilt ganz offenbar für eine Vielzahl von Leserinnen und Lesern im geteilten Deutschland, stoßen doch zwei Buchausstellungen auf ein reges Publikumsinteresse: So zum einen die im Oktober infolge gemeinsamer Anstrengungen des Leipziger Börsenvereins der Deutschen Buchhändler und des Frankfurter Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Ostberlin verwirklichte Schau "Bücher aus der Bundesrepublik Deutschland", zum anderen die im Dezember durch den saarländischen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine eröffnete Ausstellung "Leben, wie es im Buche steht – Bücher aus der DDR" in Saarbrücken. So ganz verschwunden ist das gegenseitige Interesse offenbar nicht.

Dies zeigt sich auch auf dem Feld der Musik: Wie schon im Jahr zuvor, als Westberlin anlässlich der 750-Jahrfeier der Stadt zu Pfingsten ein Festival unter anderem mit David Bowie veranstaltete, bei dem auf der anderen Seite der Mauer dank der Windrichtung eine große Anzahl Musikbegeisterter bis zum Einschreiten der Volkspolizei seine Freude hatte, kommt es auch 1988 zu spektakulären Großkonzerten in West und Ost. Da im Ostteil der Stadt jene intern als Krawallszenarien diskutierten Ereignisse aus dem Vorjahr noch in lebhafter Erinnerung sind, organisiert die FDJ gemeinsam mit dem westdeutschen Friedensbündnis "Künstler in Aktion" kurzerhand eine Konkurrenzveranstaltung. Während also vor dem Reichstag beim "Berlin Open Air" zunächst Pink Floyd (16. Juni) und drei Tage später Michael Jackson die Massen begeistern, rocken mit James Brown und Bryan Adams an den selben Tagen internationale Topstars auch im Osten Berlins. Katharina Witt, die im Februar 1988 bei den Olympischen Winterspielen in Calgary erneut Gold im Eiskunstlauf gewinnen konnte, wird als Moderatorin der Veranstaltung allerdings gnadenlos ausgepfiffen.

Im Rahmen des 5. Berliner Rocksommers, der unter dem Motto "Nikaragua im Herzen" veranstaltet wird, findet schließlich am 19. Juli das größte Open-Air-Konzert in der Geschichte der DDR statt: Der von den Ostmedien zum working class hero ernannte Bruce Springsteen zieht auf der Radrennbahn Berlin Weißensee mehr als 160.000 Zuschauerinnen und Zuschauer in seinen Bann – unzählige Musikfans verschaffen sich an den Ordnern vorbei Zugang zum Gelände. Dass es so weit kommen kann, liegt auch an einem Richtungswechsel der Veranstaltungspolitik der DDR, die aus den Ereignissen aus dem Vorjahr die richtigen Lehren gezogen hat und nun versucht, sich die Rockbegeisterung zu Nutze zu machen. Die Rock-Musik vereint das geteilte Deutschland? Nicht nur diese, denn auch Bobby McFerrins Song "Don’t Worry, Be Happy" steht wochenlang an der Spitze der bundesdeutschen Hitparade und begeistert die Hörerinnen und Hörer östlich der Mauer gleichermaßen.

Auch andere mediale Phänomene vermögen die Massen hüben wie drüben mitzureißen. Der Film "Dirty Dancing", der in beiden deutschen Staaten bereits im Oktober 1987 Premiere hatte, löst eine regelrechte Mambo-Epidemie aus und dominiert das Kinojahr 1988 hier wie dort. Überhaupt eröffnen gerade kulturelle Phänomene neue Gelegenheiten, sich einander anzunähern: Mit Loriots "Ödipussi" kommt es am 10. März zum ersten Mal in der deutsch-deutschen Kinogeschichte zu einer doppelten Uraufführung. Diese gerät zu einem medialen Spektakel, entfacht doch die slapstickartig vorgeführte Absurdität kleinbürgerlicher Borniertheit in Bundesrepublik wie DDR Heiterkeit: Fünfzehn Fernsehsender aus beiden Teilen Deutschlands berichten über den Film. Die west- wie ostdeutsche Presse feiert Vicco von Bülow – auch im Osten Deutschlands bereits eine Kultfigur – einen Tag später unisono als "Satire-Gentleman" ("Bild"), "Grandseigneur des deutschen Humors" ("Frankfurter Allgemeine Zeitung"), Mann "mit einer ganz besonderen Art von Witz" ("Neue Zeit") oder "Humor-Multitalent" ("Berliner Zeitung"), der, wie das "Neue Deutschland" festhält, auch den Bürgerinnen und Bürgern der DDR "seit Jahren nahesteht". Er selbst erzählt zwei Tage vor der Premiere in einem Interview mit dem "Spiegel", dass er eine gute Beziehung zu den Menschen in Ostdeutschland habe – es sei ja auch seine "Heimat, und die Menschen sind dieselben wie früher. Daß sie in einem anderen politischen System leben, das ist eine andere Frage."[32] 1988 erlebt übrigens auch "Alf" seine deutsche Fernsehpremiere. Die im ZDF ausgestrahlte US-Serie über den skurrilen Außerirdischen interessiert auch zahlreiche Zuschauer aus der DDR und wird somit zu einem weiteren Beleg für einen audiovisuell zumindest partiell gemeinsam genutzten Erfahrungsraum.

Während der extraterrestrische Bruchpilot in den Wohnzimmern etwas für die deutsch-deutsche Verständigung tut, kommt auch die Politik in Bewegung: So legt die CDU im Februar 1988 jegliche Pläne zur Wiedervereinigung vorerst ad acta und beschließt stattdessen, die bestehenden Kontakte zur DDR zu vertiefen.[33] Die SPD-Bundestagsfraktion fordert auf ihrer Frühjahrstagung im April, Berlin künftig zu einer Hauptstadt des Dialogs zwischen West und Ost zu machen; derweil bereist Bundeskanzler Helmut Kohl einen Monat später als Privatmann drei Tage lang Gotha, Erfurt, Weimar, Dresden und Saalfeld, um sich ein Bild der dortigen Verhältnisse zu machen.[34]

Unabhängig von diesen persönlichen Erfahrungen wird im Jahr 1988 aber auch die gemeinsame Vergangenheit als geteilte Herausforderung wieder akut. So stellt die Proklamation des Staates Palästina am 15. November beide Teile Deutschlands vor erinnerungspolitische wie tagesaktuelle Herausforderungen, die zudem noch in die ideologische Konfrontation des Kalten Krieges eingebettet werden müssen. Während die DDR am 13. Dezember bei der Sitzung der UN-Generalversammlung für die Anerkennung der Staatlichkeit Palästinas stimmt, enthält sich die Bundesrepublik. Einen derartigen Affront gegen Israel will sich die Bundesregierung nicht erlauben, erst recht nicht im 50. Jahr nach der "Reichspogromnacht", an die in Ost und West mit Gedenkveranstaltungen, Buchvorstellungen, Lesungen und Ausstellungen erinnert wird. Hier wie dort geht es darum, der Weltgemeinschaft und dem Gegenüber einen verantwortungsvollen Umgang mit dem dunklen Erbe des Nationalsozialismus zu demonstrieren. Während also Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher bereits Ende Januar eine Reise zur israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem unternimmt, erklärt der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker am 29. Mai die grundsätzliche Bereitschaft der DDR, Entschädigungen für die zwischen 1933 und 1945 an Juden begangenen Verbrechen zu leisten – und signalisiert damit der internationalen Staatengemeinschaft, man könne ebenso verantwortungsvoll mit der eigenen Vergangenheit umgehen.

Am 6. Juli kommentiert das "Neue Deutschland" auf der Titelseite zwar stolz eine Pressekonferenz vom Vortag, auf der unter anderem der geplante Wiederaufbau der Neuen Berliner Synagoge angekündigt wurde – dies zeige die Wahrung antifaschistischer Traditionen in humanistischer Weise –, doch wie fügt sich in dieses Bild die Meldung auf Seite vier derselben Ausgabe, welche die Strafen für fünf Jugendliche aufführt, die im März den jüdischen Friedhof in Berlin Prenzlauer Berg geschändet hatten?[35] Noch im Februar bezifferte das Ministerium für Staatssicherheit die Zahl rechtsradikaler Skinheads in der DDR auf 800 – doch durften diese das Bild einer vergangenheitsbewussten Gesellschaft nicht stören. Auch in der Bundesrepublik ist Rechtsextremismus 1988 ein veritables Problem. Im Jahr zuvor überschritten allein die drei auflagenstärksten rechtsextremen Wochenzeitungen "Deutsche National-Zeitung", "Deutscher Anzeiger" und "Deutsche Wochenzeitung" zusammen die Schwelle von 100.000 verkauften Exemplaren.[36]

Als am 8. November 1988 in Frankfurt am Main das Jüdische Museum im Rothschildpalast am Untermainkai eröffnet, tagt die DDR-Volkskammer in einer Sondersitzung. Geladen sind zahlreiche Gäste, darunter Repräsentantinnen und Repräsentanten jüdischer Organisationen aus dem In- und Ausland. Einen Tag darauf, als der Verband der Jüdischen Gemeinden in der DDR im Deutschen Theater an die Pogromnacht erinnert, hält Helmut Kohl – sein Auftritt ist aufgrund der Bitburg-Kontoverse von 1985 durchaus umstritten – bei einer Gedenkveranstaltung in der Frankfurter Westend-Synagoge eine Rede. Wiederum einen Tag später wird für die in der Pogromnacht geschändete und später zerstörte Neue Synagoge Berlin im Osten der Stadt der Grundstein für den Wiederaufbau gelegt; in der Bundesrepublik führt die rhetorisch verunglückte 45-Minuten-Ansprache des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger (CDU) im Rahmen einer Gedenkveranstaltung im Bundestag zum Eklat. Einen Tag später tritt er zurück.

Keine acht Wochen danach erheben die Menschen in West- und Ostdeutschland ihre Sektgläser zum Jahreswechsel 1988/1989 – Jenniger ist vermutlich kein Gesprächsthema mehr. Dass es nur geschlagene elf Monate später in West und Ost, vor allem aber auch gemeinsam wieder Grund zum Anstoßen geben wird, ahnen an jenem 1. Januar 1989 wohl die Wenigsten.

Gerade solch scheinbar belanglose Anekdoten sind es, die helfen können, deutsch-deutsche Verflechtungen und Kontraste zu konturieren, um "ein Maximum an Wechselbezügen in jeweils ganz unterschiedlichen thematischen Zusammenhängen"[37] herzustellen und sich auf diesem Wege zumindest ausschnitthaft einer "Vergegenwärtigung der Welten" (Hans Ulrich Gumbrecht) im Jahr vor der großen Epochenschwelle anzunähern. Eine derartige, teleologischen Verlockungen widerstehende und hier nur kurz angerissene Zusammenschau der deutschen Doppelgeschichte vermag gerade "nach weniger offenkundigen, aber vielleicht hoch wirksamen Kräften deutsch-deutscher Vergemeinschaftung zu fahnden",[38] die 1988 virulent waren – einem versteckten, ja vernachlässigten Jahr am Rande der Zeit.

Fußnoten

29.
K.H. Jarausch (Anm. 13), S. 7
30.
Marcel Reich-Ranicki, Vorwort, in: ders., Ohne Rabatt. Über Literatur aus der DDR, Stuttgart 1991, S. 9–14, hier S. 9.
31.
Vgl. Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Siegfried Lenz. Ansprachen aus Anlass der Verleihung, Frankfurt/M. 1988, S. 7.
32.
Der Faun und sein Wunschtraum. Interview mit Loriot, in: Der Spiegel, Nr. 10 vom 7.3.1988, S. 216–222, hier: S. 222.
33.
Vgl. CDU: Abschied von alten Einheits-Träumen, in: Der Spiegel, Nr. 7 vom 15.2.1988, S. 18–21.
34.
Vgl. C. Wunnicke (Anm. 17), S. 26–29.
35.
Vgl. Annette Leo, Umgestoßen. Provokation auf dem jüdischen Friedhof in Berlin Prenzlauer Berg 1988, Berlin 2005.
36.
Vgl. Richard Stöss, Rechtsextremismus im vereinten Deutschland, Berlin 20003, S. 54.
37.
C. Kleßmann (Anm. 3), S. 14.
38.
A. Wirsching (Anm. 16), S. 15.
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