Fisch in einem Fluss in China schwimmt gegen den Strom.
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Zwischen Diffamierung und Anerkennung: Zum Umgang mit dem 20. Juli 1944 in der frühen Bundesrepublik


20.6.2014
70 Jahre nach dem Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 ist die Erinnerung an diese Ereignisse und ihre Akteurinnen und Akteure fester Bestandteil der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland. Er erinnert uns daran, dass es auch unter den Bedingungen der totalitären Diktatur des Nationalsozialismus möglich war, sich eben nicht widerspruchslos anzupassen, sondern seine Handlungsspielräume zu nutzen und sich konsequent der verbrecherischen Diktatur entgegenzustellen.

Doch was heute in der Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus als selbstverständlich erscheint, ist in Wirklichkeit das Ergebnis eines langen und vielfach widersprüchlichen Prozesses. Die Erinnerung an die Breite und Vielfalt des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus musste mühsam durchgesetzt werden.[1] Vieles wurde dabei ignoriert, verdrängt, vergessen.[2]

Mit der Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus sollten in beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften auch politische Ziele begründet werden. Sie ist daher nicht zu trennen von der Geschichte der beiden deutschen Staaten zwischen 1949 und 1989 und dem damit verbundenen Systemgegensatz.[3]

Die Wege zur Anerkennung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus im Nachkriegsdeutschland waren lang; längst nicht alle Formen und Aktionen des Widerstandes wurden akzeptiert, viele von ihnen waren lange Zeit heftig umstritten oder blieben gar vollkommen unbekannt.[4] Dies soll im Folgenden für die 1950er Jahre an einigen Beispielen verdeutlicht werden.

Weiterwirkende Vorurteile



Grundsätzlich wurde der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den westlichen Besatzungszonen in der unmittelbaren Nachkriegszeit in einer noch direkt vom NS-Regime geprägten Gesellschaft mit nur wenigen Ausnahmen negativ bewertet. Es war das Odium des "Verrats", das die Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer lange Zeit umgab. Hierunter hatten nicht nur die unmittelbar Beteiligten selbst zu leiden, sondern auch die Familienangehörigen der Menschen, die von der nationalsozialistischen Unrechtsjustiz ermordet worden waren.[5]

In den ersten Jahren nach 1945 gab es nur wenige öffentliche Gedenkfeiern, in der veröffentlichten Meinung gab es nur einige zaghafte Schilderungen und lediglich die Widerstandskämpfer und -kämpferinnen selbst oder ihre Angehörigen versuchten, die Erinnerung an die Toten aufrechtzuerhalten.[6] Viele Widerstandskämpfer wurden auch nach der Befreiung vom Nationalsozialismus als "Verräter" angesehen und auch offen als solche bezeichnet. Daran änderte auch eine "Ehrenerklärung" der Bundesregierung nichts, die Bundesminister Jakob Kaiser im Oktober 1951 abgab, und die sich explizit gegen derartige Verratsvorwürfe richtete.

Ein zweiter politischer Faktor, die Diskussion um einen deutschen "Wehrbeitrag", kam zu Beginn der 1950er Jahre hinzu. Der Vorsitzende des neugegründeten Verbandes Deutscher Soldaten in Bayern, Oberst a.D. Ludwig Gümbel, erklärte etwa im Oktober 1951, dass für die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 kein Platz in einer neuen deutschen Armee sei. "Wir meinen, daß ihre Rückkehr sich in einer Gefährdung des soldatischen Geistes, ohne den jeder Wehrbeitrag undenkbar ist, auswirken muß und wird."[7]

Einer der Männer, die am 20. Juli 1944 von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels mit der Niederschlagung des Umsturzversuchs beauftragt wurden, Oberst Otto Ernst Remer, der sich bis zu seinem Tode in den 1990er Jahren als Nationalsozialist verstand, hatte schon im Mai 1951 erklärt, dass die "Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 in starkem Maße Landesverräter gewesen (wären), die vom Ausland bezahlt worden seien. Diese Landesverräter würden sich eines Tages vor einem deutschen Gericht zu verantworten haben. Es werde einmal die Zeit kommen, in der man schamhaft verschweige, daß man zum 20. Juli gehört habe. Es habe eine ganze Reihe von Widerstandskämpfern gegeben, die sich gegenseitig verraten hätten, als die Dinge schief gegangen seien. Diese nähmen heute große Staatspensionen in Empfang."[8]

Für diese Diffamierungen wurde Remer im März 1952 dann allerdings wegen übler Nachrede in Tateinheit mit Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener zu einer Haftstrafe von drei Monaten, der ersten seiner vielen Strafen, verurteilt.[9] Es wäre jedoch nicht zu dem Verfahren gegen ihn gekommen, wenn sich nicht der unvergessene Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, zu dieser Zeit noch in Braunschweig tätig, besonders engagiert hätte.

Im Zentrum der Bemühungen Bauers stand die höhere Akzeptanz für den Umsturzversuch vom 20. Juli 1944, nicht aber für die gesamte Breite der gegen den Nationalsozialismus gerichteten Aktivitäten. Er führte – so die Historikerin Claudia Fröhlich – "einen strategischen – auf den 20. Juli begrenzten – Prozess. Nur so schien seine weit reichende Entlegitimierung sowie Stigmatisierung als Verrat durch die westdeutsche Judikatur zu durchbrechen zu sein."[10]

Dies Vorhaben gelang, im Urteil erkannte das Gericht das Handeln der am Umsturzversuch des 20. Juli 1944 Beteiligten als rechtmäßigen Widerstand gegen das NS-Unrechtsregime an.

Enger Widerstandsbegriff



Um die nachträgliche Legitimierung des Widerstandsrechts zu erreichen, hatte Bauer ausdrücklich darauf verzichtet, andere Widerstandsgruppen in das Verfahren einzubeziehen, ja sogar Familienangehörige der Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" aufgefordert, eigene Strafanträge gegen Remer zurückzuziehen.[11] Die Rote Kapelle, bis weit in die 1980er Jahre vollkommen zu Unrecht als "kommunistische Spionagegruppe" diffamiert, wurde weder im Remer-Prozess noch in der öffentlichen Meinung der Bundesrepublik als Teil des Widerstands gegen den Nationalsozialismus akzeptiert.

Im Gefolge des Kalten Krieges verhärtete sich dieses Bild bis zur Unkenntlichkeit der tatsächlichen Widerstandsaktivität der Gruppe. In Gerhard Ritters Goerdeler-Biografie hieß es etwa: "Ihre geistigen Führer (…) gehörten zu jenen Edelkommunisten, die nicht nur der Haß gegen Hitler, sondern auch eine höchst individuelle geistige Entwicklung in das kommunistische Lager geführt hatten (…). Was auch immer die Motive waren; praktisch haben sie sich bedingungslos dem Landesfeind als höchst gefährliche Werkzeuge zur Verfügung gestellt."[12]

So wundert es nicht, dass die Staatsanwaltschaft Lüneburg ein Ermittlungsverfahren gegen den Hauptankläger in den Verfahren gegen die Rote Kapelle 1942/1943, Manfred Roeder, ergebnislos einstellte. Roeder war an über 40 Todesurteilen beteiligt gewesen. Die Lüneburger Staatsanwaltschaft stellte aber nicht nur Ermittlungsverfahren ein, sondern übernahm bereitwillig das von der NS-Justiz entworfene Bild des "kommunistischen Spionageringes" und untermauerte es durch die herangezogenen Aussagen ehemaliger Mitarbeiter von Gestapo und Reichskriegsgericht noch weiter.

Auch in Entschädigungsverfahren, auf die noch einzugehen sein wird, war immer wieder ein sehr eng gefasster Begriff des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus zu erkennen. Jenen Menschen etwa, die wir heute wegen ihrer Hilfe für von der Deportation bedrohte Juden als "Stille Helden" ehren, wurde in den 1950er Jahre die Anerkennung versagt: "Deshalb ist auch der Verkehr mit jüdischen Menschen, der Abschluss von Geschäften mit ihnen oder in ihrem Interesse wie auch die ihnen gewährte persönliche Hilfeleistung und Beratung, sei es im Rahmen des Berufs, sei es auf Grund persönlicher Freundschaft, kein Widerstand gegen den Nationalsozialismus, da solche Taten nicht geeignet sind, ein Regime zu unterhöhlen."[13] Mit anderen Worten: Menschen, die verfolgten Juden geholfen hatten, stand weder eine Entschädigungszahlung noch eine laufende Renten- oder Beihilfenzahlung zu.[14]

Ausgrenzungsmechanismen, die zum Teil weit vor 1933 zurückgreifen, wurden in der jungen Demokratie der Bundesrepublik weitergegeben und blieben wirksam. Im Osten wie im Westen wurde die Anerkennung als politisch Verfolgter vielfach nicht mit dem Verhalten vor, sondern nach 1945 verbunden: Ein Berliner Sozialdemokrat, 1933 inhaftiert, 1936 erneut verhaftet, zu mehr als zwei Jahren Zuchthaus verurteilt, zu den berüchtigten Strafeinheiten 999 eingezogen, erst 1946 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und in die SED eingetreten, später aus ihr ausgeschlossen, wurde 1952 in West-Berlin als politisch Verfolgter anerkannt. Im November 1955 erhielt er die Mitteilung, dass die Anerkennung zurückgezogen werde, "weil Sie als Anhänger eines totalitären Systems betrachtet werden müssen. Ihre Versicherung, daß Sie aus der SED ausgeschlossen wurden, ist nicht durch überzeugende Unterlagen nachgewiesen worden."[15]

Was aber ändert ein Parteibeitritt in die SED 1946 an der Tatsache der politischen Verfolgung vor 1945? Hatten sich nicht gerade Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer aus allen weltanschaulichen Richtungen dafür eingesetzt, dass die Diktatur des Nationalsozialismus beseitigt werde und eine gleichberechtigte politische Auseinandersetzung wieder möglich werden könne?


Fußnoten

1.
Vgl. Peter Steinbach, Widerstand im Widerstreit. Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Erinnerung der Deutschen, Paderborn 2001²; Gerd R. Ueberschär, Für ein anderes Deutschland. Der deutsche Widerstand gegen den NS-Staat 1933–1945, Darmstadt 2005, S. 240f.; Johannes Tuchel (Hrsg.), Der vergessene Widerstand. Zu Realgeschichte und Wahrnehmung des Kampfes gegen die NS-Diktatur, Göttingen 2005.
2.
Vgl. etwa Joachim Perels, Der Umgang mit Tätern und Widerstandskämpfern nach 1945, in: Kritische Justiz, 30 (1997), S. 357ff.
3.
Vgl. Jürgen Danyel (Hrsg.), Die geteilte Vergangenheit. Zum Umgang mit Nationalsozialismus und Widerstand in beiden deutschen Staaten, Berlin 1995; Gerd R. Ueberschär (Hrsg.), Der 20. Juli. Das "andere Deutschland" in der Vergangenheitspolitik nach 1945, Berlin 1998; Annette Leo/Peter Reif-Spirek (Hrsg.), Helden, Täter und Verräter. Studien zum Antifaschismus, Berlin 1999; dies. (Hrsg.), Vielstimmiges Schweigen. Neue Studien zum DDR-Antifaschismus, Berlin 2001.
4.
Zum Widerstandsbegriff vgl. Peter Hüttenberger, Dimensionen des Widerstandsbegriffs, in: Peter Steinbach (Hrsg.), Widerstand. Ein Problem zwischen Theorie und Geschichte, Köln 1987, S. 80–95; Franciszek Ryszka, Widerstand: Ein wertfreier oder ein wertbezogener Begriff?, in: Jürgen Schmädeke/Peter Steinbach (Hrsg.), Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, München–Zürich 1985, S. 1107ff.
5.
Vgl. die eindrucksvollen Interviews in: Eva Madelung/Joachim Scholtyseck, Heldenkinder, Verräterkinder. Wenn die Eltern im Widerstand waren, München 2007.
6.
Vgl. Felicitas von Aretin, Die Enkel des 20. Juli 1944, Leipzig 2004, S. 36ff.; sowie allgemein Regina Holler, 20. Juli 1944. Vermächtnis oder Alibi? Wie Historiker, Politiker und Journalisten mit dem deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus umgehen. Eine Untersuchung der wissenschaftlichen Literatur, der offiziellen Reden und der Zeitungsberichterstattung in Nordrhein-Westfalen von 1945–1986, München u.a. 1994.
7.
Süddeutsche Zeitung vom 1.10.1951.
8.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 5.5.1951.
9.
Vgl. Peter Reichel, Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur von 1945 bis heute, München 2001, S. 97ff.
10.
Claudia Fröhlich, Zum Umgang mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Bundesrepublik. Phasen und Themen der Judikatur zum 20. Juli 1944, in: J. Tuchel (Anm. 1), S. 220.
11.
Vgl. ebd., S. 230.
12.
Gerhard A. Ritter, Carl Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung, Stuttgart 1956, S. 106f.
13.
Landesarchiv Berlin, B Rep 078, Zug. Nr. 6026, UH 245, Akte Hedwig Porschütz, Ablehnung der Anerkennung als politisch Verfolgte vom 3.2.1959, abgedruckt in: Johannes Tuchel, Hedwig Porschütz. Die Geschichte ihrer Hilfsaktionen für verfolgte Juden und ihrer Diffamierung nach 1945, Berlin 2010, S. 85.
14.
Vgl. Dennis Riffel, Unbesungene Helden. Die Ehrungsinitiative des Berliner Senats 1958 bis 1966, Berlin 2007, S. 32ff.
15.
Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Unterlagen Robert Zeiler.
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Autor: Johannes Tuchel für bpb.de
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