Fisch in einem Fluss in China schwimmt gegen den Strom.
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Widerstand und Genozid: Der Krieg des Deutschen Reiches gegen die Herero (1904–1908)


20.6.2014
Entgegen weit verbreiteter Annahmen, wie man sie auch im Zuge des hundertjährigen Gedenkens an den Beginn des Ersten Weltkrieges gerade immer wieder lesen und hören kann, waren die Jahrzehnte vor 1914 keine Friedenszeit, das Deutsche Kaiserreich keine Friedensmacht. Seit der Gründung eigener Kolonien in den Jahren 1884/1885 wurden immer wieder koloniale Kriege ausgefochten, da die Schutzgebiete meist mühsam militärisch erobert und lokaler Widerstand gegen die Fremdherrschaft von Anfang an mit militärischer Gewalt gebrochen werden musste.[1] Einen Höhepunkt erreichte der antikoloniale Widerstand nach der Jahrhundertwende, als mit dem Krieg gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika (1904–1908) und dem Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika (1905–1907) die beiden langwierigsten und verlustreichsten Auseinandersetzungen stattfanden. Mit bis zu 300.000 Opfern in Deutsch-Ostafrika und bis zu 100.000 Toten in Südwestafrika zeugen sie von einer Brutalität und Rücksichtslosigkeit der deutschen Kriegsführung, die mit menschenverachtend wohl noch unzureichend umschrieben ist.[2] Der Konflikt in Südwestafrika ging zudem als erster Genozid des 20. Jahrhunderts in die Geschichte ein.[3]

Da die Kriege erst 20 Jahre nach der kolonialen "Inbesitznahme" stattfanden, erschienen sie den europäischen Zeitgenossen wie "Aufstände" gegen ein als legitim erachtetes politisches System. Aus Sicht der afrikanischen Bevölkerung dagegen waren es Auseinandersetzungen mit landfremden Invasoren. Sie begannen zu einem Zeitpunkt, als das Eingreifen des kolonialen Staates in die Lebenswirklichkeit seiner kolonialen Untertanen immer stärker spürbar geworden war. Der Begriff des "Aufstandes" sollte deshalb vermieden werden, da er einseitig die Perspektive der Kolonialmacht wiedergibt. Es handelte sich vielmehr um Kriege, in der sich die koloniale Bevölkerung keineswegs automatisch in einer widerrechtlichen Position gegenüber einer rechtmäßigen – kolonialen – Ordnung befand; die zahlreichen Widerstandsaktionen zeigen, dass die koloniale Herrschaft nicht als rechtmäßig angesehen wurde.

Legitim war diese nur insofern, und nur aus europäischer Sicht, als der koloniale Anspruch der europäischen Mächte, hier des Deutschen Reiches, von den anderen kolonialen Mächten als berechtigt angesehen wurde. Dies lässt sich sehr gut an der Berliner Westafrika-Konferenz (1884/1885) studieren, auf der auf Einladung des deutschen Kanzlers Otto von Bismarck vor allem europäische Mächte über Interessenssphären in Afrika und Regeln, wie diese zur Vermeidung eines innereuropäischen Konfliktes gegenüber anderen europäischen Mächten angemeldet werden könnten, diskutierten. Vertreter der der Kolonialherrschaft unterworfenen Menschen waren nicht anwesend.[4]

Deutsche Herrschaft in Südwestafrika



Südwestafrika war 1884 deutsches Schutzgebiet geworden, und Kolonialverwaltung wie Siedler wogen sich nach anfänglichen militärischen Auseinandersetzungen zur Jahrhundertwende in dem trügerischen Glauben, die eigene Herrschaft stabilisiert zu haben.[5] Vom Kriegsbeginn am 12. Januar 1904 wurden sie deshalb weitgehend überrascht. In dieser Überraschung lag eine der Wurzeln für die Traumata, die der Krieg auch auf deutscher Seite mit sich brachte, und sie erklärt zum Teil auch die äußerst brutale Reaktion darauf. Gerade Gouverneur Theodor Leutwein war sich sicher gewesen, dass seine Politik, einzelne afrikanische Großleute und Anführer gegen ihre internen Widersacher zu unterstützen und so gegeneinander auszuspielen, zu einer stabilen deutschen Herrschaft geführt habe, da sie die Abhängigkeit der jeweils Unterstützten von ihm noch verstärkt hatte.

Zur wichtigsten Stütze der sich etablierenden deutschen Kolonialmacht wurde Samuel Maharero, der "Oberhäuptling" der Herero. Ein institutionalisiertes Oberhaupt gab es im Grunde nicht, zumal sich die Herero erst 30 Jahre vorher von der Herrschaft der kurz nach 1800 aus der Kapregion nach Südwestafrika eingewanderten Orlam befreit hatten. Dabei waren sie angeführt worden von Maharero, dem Vater Samuel Mahareros, der deshalb eine gewisse Vorrangstellung einnehmen konnte. Als Maharero 1890 starb, entstand ein Machtvakuum, in dem mehrere mögliche Erben um die Oberherrschaft stritten. Samuel Maharero kam dafür in der matrilinearen Erbfolge der Herero nicht infrage, wusste aber als getaufter Christ, dass in Deutschland Rang und Besitz meist über die väterliche Linie vererbt wurden. Unter Verweis auf seine patrilinearen Erbansprüche brachte er die in Okahandja, dem Hauptort der Herero, ansässigen Missionare und Kaufleute dazu, seine Ambitionen auf die Nachfolge seines Vaters zu unterstützen. Mit der militärischen Hilfe seitens des zweiten deutschen Reichskommissars, Curt von François, konnte er diese Ansprüche schließlich auch durchsetzen, hatte sich damit aber in eine folgenreiche Abhängigkeit von der deutschen Kolonialmacht begeben.

Hatte sein Vater 1888 noch den ersten deutschen Reichskommissar, Heinrich Göring, aus seinem Territorium verjagt, so war Samuel Maharero nun auf die Deutschen angewiesen. Nur mit ihrer Militärmacht konnte er die Ansprüche der anderen Herero-Granden abwehren und seinen Anspruch auf die Oberherrschaft untermauern. Der Nachfolger von François’, Theodor Leutwein, perfektionierte dieses System. Er stützte Samuel Maharero, und dieser stellte nicht nur Soldaten zur Unterstützung gegen andere afrikanische Führer bereit, sondern sorgte auch dafür, dass mehr und mehr Hereroland an deutsche Siedler beziehungsweise den kolonialen Staat verkauft wurde. Und was fast noch wichtiger war: In Ermangelung einer flächendeckenden deutschen Verwaltung sorgte Samuel Maharero (und nicht nur er) dafür, dass sich die Herero den deutschen Wünschen entsprechend verhielten. Afrikanerinnen und Afrikaner unterstanden also zunächst nicht unmittelbar deutschen Gesetzen und Verordnungen, sondern koloniale Wünsche und Vorgaben wurden ihren Großleuten mitgeteilt, die diese dann an ihre Untertanen weitergaben. Dies hatte aus deutscher Sicht auch den Vorteil, dass sich der Zorn der Bevölkerung lange Zeit primär gegen die eigenen Anführer und nicht gegen die kolonialen Herren richtete.

Dennoch erwies sich der Glaube Leutweins, über sein persönliches, dem mittelalterlichen Feudalsystem nachempfundenen Schutz- und Treueverhältnis zu afrikanischen Großleuten eine stabile Herrschaft zu erreichen, als trügerisch. Die (teilweise erzwungene) Kollaboration mit afrikanischen Großleuten unterminierte nämlich deren Stellung in ihren Gesellschaften, vor allem wenn sie beispielsweise im Kollektivbesitz befindliches Land eigenmächtig an Deutsche verkauften.

Zu einer dramatischen Erosion der sozialen Struktur der Herero kam es ab 1897 durch die im gesamten südlichen Afrika wütende Rinderpest.[6] Rindern kam in der Hererogesellschaft eine hohe soziale, symbolische und kultische Bedeutung zu. Ihr massenhaftes Verenden führte nicht nur für Tausende von Herero zu einem fast vollständigen Verlust ihrer ökonomischen Lebensgrundlagen, sondern erodierte auch das politisch-soziale System, da Rinderbesitz sozialen Status – und damit politischen Einfluss – bedeutete. Der Verlust der umfangreichen Herden war deshalb nicht nur eine ökonomische Katastrophe, sondern auch eine politische, und erschütterte die Macht und Stellung der traditionellen Eliten. Zudem mussten in der Folge immer mehr Herero in abhängige Lohnarbeit bei Deutschen treten und gerieten damit direkt in Kontakt mit deutschen Siedlern und deutscher Verwaltung, während ihre traditionellen Herrscher immer weniger in der Lage waren, sie vor den Deutschen zu schützen, und damit ihrer zentralen Aufgabe als Anführer nachzukommen. Dass der koloniale Staat zwar ein rudimentäres Impfprogramm gegen die Rinderpest auflegte, dieses aber vor allem deutschen Farmern zugute kommen ließ, wobei teilweise Rinder der Herero bewusst infiziert wurden, um das Impfserum zu gewinnen, erhöhte das Misstrauen auf afrikanischer Seite zusätzlich.

Durch den direkten Kontakt mit den neuen Herren erfuhren mehr und mehr Herero die inhärenten Ungerechtigkeiten des kolonialen Systems am eigenen Leib. Theodor Leutwein, unterstützt von einer kleinen Gruppe junger, ehrgeiziger Juristen, baute parallel zu seiner "Häuptlingspolitik" zielstrebig die koloniale Verwaltung aus. Seine Politik der indirekten Herrschaft sollte die Afrikaner über das tatsächliche Ausmaß der Veränderungen, welche die Kolonialherrschaft mit sich bringen würde, hinwegtäuschen. Damit sollte die Zeit gekauft werden, die der koloniale Staat benötigte, um sich zu etablieren, und die gebraucht wurde, damit sich die Afrikanerinnen und Afrikaner an die koloniale Herrschaft und die grundlegenden Veränderungen gewöhnten, die diese für sie bedeuteten.

Denn Leutwein und seine junge, radikale Garde wollten nichts Geringeres als die Errichtung eines perfekten, auf Ordnung und Effizienz basierenden Musterstaates auf rassistischer Grundlage. Dieser "Rassenstaat" sollte auf einer deutschen, kolonialen Führungsschicht und einer afrikanischen Unter- oder Helotenschicht basieren. So sollte eine moderne (Großraum-)Wirtschaft entstehen, in der den Afrikanerinnen und Afrikanern nur die Rolle einer "schwarzen Unterschicht" zukam. Politische Mitsprachemöglichkeiten sollte diese nicht haben, um zu verhindern, dass sie sich wie die Arbeiterklasse in Deutschland selbst organisierte.[7]


Fußnoten

1.
Zur Einführung vgl. Alexander Krug, Der "Hauptzweck ist die Tötung von Kanaken". Die deutschen Strafexpeditionen in den Kolonien der Südsee 1872–1914, Tönning 2005; Susanne Kuß, Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen. Eskalation von Gewalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Berlin 2010; Tanja Bührer, Die Kaiserliche Schutztruppe für Deutsch-Ostafrika. Koloniale Sicherheitspolitik und transkulturelle Kriegführung, 1885 bis 1918, München 2011.
2.
Vgl. Felicitas Becker/Jigal Beez (Hrsg.), Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905–1907, Berlin 2005; Jürgen Zimmerer/Joachim Zeller (Hrsg), Völkermord in Deutsch-Südwestafrika (1904–1908). Der Kolonialkrieg in Namibia und die Folgen, Berlin 2003.
3.
Zur historischen Verortung des Genozids vgl. Jürgen Zimmerer, Von Windhuk nach Auschwitz? Beiträge zum Verhältnis von Kolonialismus und Holocaust, Münster 2011.
4.
Vgl. Andreas Eckert, Die Berliner Afrika-Konferenz (1884/85), in: Jürgen Zimmerer (Hrsg.), Kein Platz an der Sonne. Erinnerungsorte der deutschen Kolonialgeschichte, Frankfurt/M. 2011, S. 137–149.
5.
Zur Etablierung der deutschen Kolonialherrschaft vgl. Jürgen Zimmerer, Deutsche Herrschaft über Afrikaner. Staatlicher Machtanspruch und Wirklichkeit im kolonialen Namibia, Münster 20043; Horst Drechsler, Südwestafrika unter deutscher Kolonialherrschaft. Der Kampf der Herero und Nama gegen den deutschen Imperialismus 1884–1915, Berlin 19842; Helmut Bley, Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894–1914, Hamburg 1968; Udo Kaulich, Die Geschichte der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika (1884–1914). Eine Gesamtdarstellung, Frankfurt/M. 2001. Einen Überblick über die namibische Geschichte allgemein bietet Marion Wallace, A History of Namibia. From the Beginning to 1990, London 2011.
6.
Zur Geschichte der Herero vgl. Jan-Bart Gewald, Towards Redemption. A Socio-political History of the Herero of Namibia between 1890 and 1923, Leiden 1996; Gesine Krüger, Kriegsbewältigung und Geschichtsbewußtsein: Realität, Deutung und Verarbeitung des deutschen Kolonialkriegs in Namibia 1904 bis 1907, Göttingen 1999.
7.
Zu dieser Herrschaftsutopie im Detail vgl. J. Zimmerer (Anm. 5).
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