Fisch in einem Fluss in China schwimmt gegen den Strom.

20.6.2014 | Von:
Christoph Marx

Der lange Weg des ANC: Aus dem Widerstand zur Staatspartei

Übergang zur Massenbewegung und Kampf gegen Apartheid

Erst in den 1940er Jahren änderte sich der ANC grundlegend. Dies hatte mit zweierlei Entwicklungen zu tun. Auf der einen Seite übernahm 1940 für neun Jahre der Arzt Alfred Xuma die Führung der Organisation. Obwohl er selbst politisch konservativ und in seinem Protestverhalten gemäßigt war, gelang es ihm in unermüdlicher Arbeit, die veralteten Organisationsstrukturen der ANC-Basis zu erneuern und damit die Voraussetzung für den Aufstieg zur Massenbewegung zu schaffen. Noch bedeutsamer aber war die 1944 gegründete ANC-Jugendliga, die von dem jungen Rechtsanwalt Anton Lembede zusammen mit anderen jüngeren Männern – Frauen spielten bis in die 1950er Jahre im ANC praktisch keine Rolle – ins Leben gerufen wurde. Lembede vertrat einen afrikanischen Nationalismus, der die Kultur der Schwarzen als wertvolles Gut propagierte und sich keineswegs mehr an den Werten der "weißen Zivilisation" orientierte.

Mit ihrer Botschaft, dass die schwarze Bevölkerung die eigentliche Nation Südafrikas darstelle, stellte die Jugendliga die weiße Herrschaft offen infrage. Denn der ANC zielte fortan nicht mehr darauf ab, sich in das existierende politische System als Juniorpartner einzufügen, sondern strebte einen Systemwechsel an. Zwar starb Lembede 1947 unerwartet, aber mit einer Reihe zentraler Manifeste hatte er dem Strukturwandel des ANC den Boden bereitet.[6] Seine Anhänger, zu denen unter anderem Walter Sisulu, Nelson Mandela und Oliver Tambo zählten, rückten in den folgenden Jahren in die Führungsämter des ANC auf und konnten innerhalb weniger Jahre den bisherigen Honoratiorenverein in eine breite Massenbewegung umwandeln. Dies wurde ihnen erleichtert, weil sie nicht mehr in den ländlichen Missionsstationen und Internaten lebten, sondern in den Städten, wo sie wie die übrige schwarze Stadtbevölkerung den rassistischen Diskriminierungen ausgesetzt waren. Dies reduzierte die soziale Distanz und schuf einen gemeinsamen Erfahrungsraum, ermöglichte die politische Verbindung der Bildungselite mit der breiten Masse der Afrikaner.

Zwar praktizierten die weißen Regierungen Südafrikas seit dem Beginn des Jahrhunderts Rassentrennung, doch führte die Apartheidpolitik nach 1948 zu einer immensen Verschärfung. Sie regulierte mit einer Vielzahl von Gesetzen und einer immer stärker werdenden Repression das Alltagsleben der schwarzen Mehrheit, drangsalierte die Menschen und beraubte sie in jeder Hinsicht ihrer Entfaltungsmöglichkeiten. Vor dem Hintergrund dieser erheblichen Verhärtung der Regierungspolitik begann der ANC Anfang der 1950er Jahre mit seinen großen Kampagnen des bürgerlichen Ungehorsams, bei denen das Vorbild Mahatma Gandhis Pate stand, der um die Jahrhundertwende seine eigene politische Lehrzeit in Südafrika absolviert hatte. Während der Kampagne zur Missachtung ungerechter Gesetze, der Defiance Campaign, verstießen ANC-Anhänger, darunter viele Frauen, demonstrativ gegen die Apartheidgesetze und ließen sich widerstandslos von der Polizei verhaften. In ANC-Präsident Albert Luthuli hatte die Organisation einen überzeugten Pazifisten von großer persönlicher Integrität an ihrer Spitze, dessen Würde und Charme ihn wie die Personifikation eines anderen Südafrika erscheinen ließen und der 1961 als erster Südafrikaner den Friedensnobelpreis erhielt.[7] Weil die ANC-Führer sich aktiv an der Kampagne beteiligten und als erste verhaftet wurden, stieg ihre Glaubwürdigkeit. Innerhalb kürzester Zeit schnellten die Mitgliederzahlen von einigen Tausend auf über Hunderttausend.

Gleichzeitig zeichnete sich eine politische Kurskorrektur bei den jungen afrikanistischen Heißspornen um Mandela ab. Denn bis dahin hatte er sowohl die Zusammenarbeit mit der von weißen Intellektuellen dominierten Kommunistischen Partei (KP) abgelehnt als auch die Kooperation mit den indischstämmigen Südafrikanern. Letztere waren ihrerseits zahlreichen Diskriminierungen ausgesetzt, gegen die sie sich seit Mitte der 1940er Jahre öffentlich zur Wehr setzten. Indische Südafrikaner beteiligten sich aber auch an Protesten gegen Gesetze, die nur für Schwarze galten. Diese Erfahrung der Solidarität veranlasste Mandela und andere zum Umdenken und zur Kooperation mit den Indischstämmigen.[8] Der Kurswechsel ermöglichte die Gründung der Congress Alliance, in der sich neben dem ANC Kongresse der Inder, der "Coloureds" und der wenigen weißen Apartheidgegner zusammenschlossen. Der Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit war der Congress of the People 1955, als Delegierte aus dem ganzen Land und aus allen Bevölkerungsgruppen mit der Freedom Charter das zentrale Dokument des Widerstands verabschiedeten. Dieses Grundsatzprogramm der Antiapartheidbewegung forderte die Staatsmacht schon in den ersten Sätzen offen heraus: "Südafrika gehört allen, die hier leben, schwarz und weiß." Die Freedom Charter enthielt den direkten Gegenentwurf zur Politik der Apartheid, sie war – abgesehen von Verstaatlichungsforderungen der Schlüsselindustrien – ein Bekenntnis zur westlichen Demokratie und eine Absage an oktroyierte Gruppenidentitäten. Freilich bedeutete sie auch eine Abkehr von Lembedes exklusivem Afrikanismus.

Der Staat nahm die Herausforderung an und stellte ein Jahr später die gesamte Führung der Opposition wegen Hochverrats vor Gericht. Zwar scheiterte das Verfahren, da sämtliche Angeklagten freigesprochen wurden, doch erkannte man im ANC die Zeichen der Zeit und stellte sich auf ein Verbot der Organisation ein. Eine Gruppe um Mandela bereitete den bewaffneten Kampf vor, während Luthuli zwar Verständnis für die Beweggründe hatte, für seine Person aber jede Beteiligung an einem gewaltsamen Vorgehen ablehnte.

Doch bevor es zu einem erneuten Wandel des ANC kommen konnte, diesmal von einer Massenbewegung mit Orts- und Regionalverbänden zu einer im Untergrund operierenden Bewegung mit Zellenstruktur, flammte ein schon länger schwelender interner Konflikt auf. Einige jüngere Aktivisten waren nicht bereit, die Abkehr vom Afrikanismus mitzutragen, die Mandela, Sisulu und andere vollzogen hatten, und sie lehnten die Freedom Charter sowie die Zusammenarbeit mit Weißen und Indern ab. 1958 gründete die Gruppe unter Führung des Universitätsdozenten Robert Sobukwe den Pan Africanist Congress (PAC). In den folgenden Jahren entbrannte ein harter Konkurrenzkampf zwischen beiden Organisationen, der vor allem auf Seiten des PAC zu vorschnellen, schlecht geplanten Aktionen führte. Der PAC hatte in einigen schwarzen Vorstädten (townships) seine Hochburgen, zu denen Sharpeville südlich von Johannesburg zählte. Hier kam es am 21. März 1960 zu einem Massaker mit 69 Toten und fast 200 Verletzten, als einige Polizisten das Feuer auf eine friedlich gegen die Passgesetze demonstrierende Menschenmenge eröffneten. Die Regierung reagierte in der für sie typischen Art, indem sie nicht etwa eine Untersuchung gegen die Polizisten einleitete, sondern den ANC und den PAC verbot.

Bewaffneter Kampf: Elite von Berufsrevolutionären

Der ANC nahm nun unverzüglich seine Untergrundaktivitäten auf. Damit wurde der Wandel von einer offen agierenden breiten Bewegung in eine klandestin operierende Organisation eingeleitet, die wieder stärker elitär war, wenn auch nicht mehr am Bildungsstand gemessen, sondern an der Ausschließlichkeit und der Opferbereitschaft ihrer Aktivisten. Sicherheitshalber wurde 1959, schon vor dem Verbot des ANC, Oliver Tambo, ein enger Vertrauter Mandelas und Sisulus, ins Ausland geschickt, um den Aufbau einer Exilorganisation in die Wege zu leiten. Am 16. Dezember 1961 explodierte die erste vom ANC gelegte Bombe, die nur kleineren Sachschaden anrichtete. Bei solchen eher symbolischen Akten blieb es zunächst, weil der ANC die Strategie verfolgte, so lange wie möglich Menschenleben zu verschonen und Gewalt ausschließlich gegen symbolische Ziele zu richten. Viel Zeit blieb der Organisation aber nicht, ein schlagkräftiges Netz von Untergrundstrukturen aufzubauen, da es der Polizei am 11. Juli 1963 gelang, die gesamte Untergrundführung des ANC zu verhaften und einschließlich des bereits inhaftierten Mandela wegen Sabotage vor Gericht zu stellen. Der Richter war von der Schuld der Angeklagten jedoch nicht restlos überzeugt, weswegen er sie zu lebenslangen Haftstrafen und nicht zum Tod verurteilte. Mandela hinterließ mit seiner Abschlussrede tiefen Eindruck, als er bekannte, für sein Ideal einer freien Gesellschaft auch den Tod in Kauf zu nehmen. Nach dem Prozess begann die sogenannte Sicherheitspolizei, in südafrikanischen Untersuchungsgefängnissen systematisch zu foltern. Auf diese Weise – und nicht aufgrund guter Ermittlungsmethoden – gelang es ihr, die gesamten Untergrundstrukturen des ANC innerhalb weniger Jahre weitgehend zu zerschlagen.

Die 13 Jahre zwischen der Verurteilung der ANC-Führung und dem blutig niedergeschlagenen Schüleraufstand von Soweto 1976 wird als die triumphale Zeit des Apartheidstaates gesehen, doch die Sicherheit, in der sich die weißen Politiker in dieser Phase wähnten, trog. Schon Ende der 1960er Jahre entstand unter jungen schwarzen Intellektuellen eine neue Opposition, die mit dem ANC wenig zu schaffen hatte, sondern eher auf dem afrikanistischen Erbe Lembedes und des PAC aufbaute. Eine Gruppe um den Medizinstudenten Steve Biko entwickelte die Philosophie des schwarzen Selbstbewusstseins, wobei sie ideologische Anleihen bei der gleichzeitigen US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, beim Panafrikanismus sowie den Schriften des radikalen antikolonialen Intellektuellen Frantz Fanon machte. Ihr Einfluss auf die Schüler von Soweto war beträchtlich, wie sich allein an der Ausbreitung der Black-Consciousness-Symbole (etwa der geballten Faust für Black Power) erkennen lässt. Vom Schüleraufstand wurde der weiße Staat ebenso überrascht wie der ANC im Exil, der seit Jahren mit unzureichenden Mitteln, geringer personeller Ausstattung und der weiten Entfernung von Südafrika zu kämpfen hatte.

Das änderte sich Mitte der 1970er Jahre, als eine Reihe weiß dominierter Siedlerkolonien wie Angola und Mosambik nach der Nelkenrevolution in Portugal 1974 unabhängig wurden und der nördliche Nachbar Rhodesien in einen zunehmend blutigen Unabhängigkeitskrieg verwickelt wurde, an dessen Ende 1980 nach britisch vermittelten Verhandlungen der neue Staat Simbabwe entstand. In den portugiesischen Kolonien setzten sich militante Unabhängigkeitsbewegungen nach jahrelangen Guerillakriegen durch, wobei in Angola zwei nichtmarxistische Organisationen der regierenden linken MPLA (Movimento Popular de Libertação de Angola) jahrelangen bewaffneten Widerstand entgegensetzten. In Mosambik dagegen konnte die ebenfalls sozialistische FRELIMO (Frente de Libertação de Moçambique) 1975 unangefochten die Macht übernehmen. Damit konnte der Exil-ANC dem Territorium Südafrikas operativ zwar näher rücken, doch reagierte das Regime in Pretoria mit militärischen Mitteln, indem es die Nachbarländer systematisch destabilisierte, ANC-Aktivisten im In- und Ausland verfolgte und teilweise ermorden ließ. Die harte Repression gegen die aufständischen Schüler von Soweto änderte auch insofern die Situation für den ANC, als eine große Zahl junger Leute ins Exil floh und sich dort der Oppositionsbewegung gegen die Apartheid anschloss.

Fußnoten

6.
Vgl. Robert R. Edgar/Luyanda ka Msumza (Hrsg.), Freedom in Our Lifetime. The Collected Writings of Anton Muziwakhe Lembede, Athens u.a. 1996.
7.
Zur Defiance Campaign vgl. Albert Luthuli, Let My People Go. An Autobiography, London 1962, S. 104ff.
8.
Vgl. Nelson Mandela, Der lange Weg zur Freiheit, Frankfurt/M. 1994, S. 145ff.
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Autor: Christoph Marx für bpb.de
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