"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.

7.7.2014 | Von:
Lena Gorelik

"Man wird doch noch mal sagen dürfen …" Antisemitismus in Hoch- und Populärkultur - Essay

Das mit dem Antisemitismus ist so eine Sache. Eine fortwährende, langfristig angelegte, sich im Wandel befindende, aber eben auch eine unausrottbare Sache. Man kann als politischer, hinterfragender, bewusster Bürger einer demokratischen, meinungsfreien Gesellschaft, man muss sogar auf antisemitische Tendenzen hinweisen, gesellschaftliche Entwicklungen beobachten, kommentieren und den Antisemitismus – ebenso wie den Rassismus – zu bekämpfen versuchen. Und man darf sich, während man mit all dem beschäftigt ist, nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass es Antisemitismus, in unterschiedlicher Form oder Quantität, immer geben wird. Dass Antisemitismus unausrottbar ist. Oder um es mit dem Lyriker Stanisław Jerzy Lec zu sagen: "Und der arme Hitler dachte, der Antisemitismus wäre allein Sache des Nationalsozialismus." Das nur schon einmal vorweg.

Wandelbarkeit des Antisemitismus

Von seiner Wandelbarkeit Gebrauch machend, verändert sich der Antisemitismus, passt sich den jeweiligen politischen Gesellschaftsformen, aktuellen Sprachcodes und der jeweils diskutierten Themen an, nimmt Strukturen an, mit denen er sich am besten tarnen kann – als das, was er niemals ist: Gesellschaftskritik beispielsweise, eine einzelne Meinungsäußerung, ein Ausdruck der Angst oder ein konstruktiver Beitrag zu einer politischen Debatte. Kurzum, er macht das, was Antisemiten den Juden seit jeher vorwerfen: sich heimtückisch anpassen, um sich dann, gemeinerweise, von hinten anzuschleichen.

Nach dem Holocaust stellten die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer berühmten Schrift "Elemente des Antisemitismus" die These auf, nach Auschwitz werde es nicht mehr möglich sein, sich offen zum Antisemitismus zu bekennen, und wiesen sogleich darauf hin, dass dies nicht gleichbedeutend mit einem Aussterben des Antisemitismus sei. Antisemitismus müsse sich also fortan, nach dem schrecklichsten aller schrecklichen Ereignisse, als unterdrücktes beziehungsweise nicht offen ausgelebtes Gefühl entfalten, als Wut und Ressentiment hinter verschlossenen Türen, vielleicht nur als unausgesprochenes Gedankengut. Ein Potpourri an Gefühlen,[1] die von Verunsicherung über Angst bis hin zu Abscheu reichen und gerade durch die Notwendigkeit der Unterdrückung eine explosive und gefährliche Mischung darstellen. Es kommt sozusagen zu einer Privatisierung des Antisemitismus, der sich nur eruptiv, situativ und häufig subtil im öffentlichen Raum zeigt, deshalb so schwer zu greifen und deshalb auch gefährlich ist. Die tief verankerten Stereotype über Juden und Judentum tauchen beispielsweise in Sprechakten innerhalb des privaten Raums wie am berühmt-berüchtigten Stammtisch, in der Familie und vermehrt auf Schulhöfen auf, sind aber nicht als Bewegung fassbar.

Wie tief der Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft verankert ist, zeigt jede neue Studie, die zu diesem Thema vorgelegt wird. Es gibt den Antisemitismus der Rechtsradikalen, es gibt den Antisemitismus der extremistischen Muslime, es gibt den Antisemitismus der Linken, die sich alle dank des Internets mit beunruhigender Schnelligkeit verbreiten. Es gibt aber auch eine "bis weit in die Mitte der Gesellschaft verbreitete Gewöhnung an alltägliche judenfeindliche Tiraden und Praktiken", wie aus dem Bericht "Antisemitismus in Deutschland" hervorgeht, den ein unabhängiger Expertenkreis im Auftrag des Deutschen Bundestages erstellt hat.[2] Auswertungen unterschiedlicher Untersuchungen, die auf Meinungsumfragen unter der Bevölkerung basieren, ergeben, dass etwa 20 Prozent der Bevölkerung in Deutschland "latent" antisemitisch eingestellt sind. Damit nimmt Deutschland im europaweiten Vergleich einen Mittelplatz ein. Studien zeigen außerdem, dass negative Einstellungen gegenüber Juden in den vergangenen Jahren eher angestiegen als gesunken sind.[3]

Unter dem Schutzmantel des Tabubruchs

Seit einigen Jahren lässt sich eine Entwicklung beobachten, die nicht nur antisemitische, sondern auch rassistische, nationalistische und fremdenfeindliche Einstellungen betrifft: Es scheint, als würden sie sich an die Oberfläche kämpfen, aus dem Privaten in die Öffentlichkeit ausbrechen wollen unter dem Schutzmantel des Tabubruchs und der Meinungsfreiheit. Gut erkennbar an dem einleitenden Satz: "Man wird doch noch mal sagen dürfen …" Oder auch, perfider noch, weil dieser postuliert, dass man ahnungslos und interessiert wie ein kleines Kind nur die Welt verstehen wolle: "Man wird doch noch mal fragen dürfen …" Dieses auftrumpfende "Man-wird-doch-noch-mal …" legt sich aber nicht wirklich kritisch mit dem Zeitgeist, mit dem Mainstream an, sondern profiliert sich an Vorurteilen, an Randgruppen, an denjenigen, die aus anderen Ländern kommen, anders aussehen, anders beten, anders leben, ihre Kinder anders zeugen, andere sexuelle Neigungen haben als die Mehrheit der Gesellschaft. Denn was anders – oder vermeintlich anders – ist, so scheint es manchmal, ist hierzulande nicht akzeptabel.

Da wundert es nicht, dass der Europarat rügt, Deutschland gehe nicht vehement genug gegen Rassismus und Intoleranz vor.[4] Neu sind diese Debatten nicht, deren Semantik auch nicht. Neu sind jedoch die Angegriffenen und auch die Angreifer. Es sind nicht allein Stammtischler, die neuerdings diese Reden schwingen, nicht bloß Anhänger rechtsradikaler Parteien: Es sind einige von Deutschlands führenden Intellektuellen. "Man wird doch noch mal sagen dürfen" – ein Klassiker verlogener Selbstverteidigung, der aufkommende Empörung zur Seite wischen will, harmlos tuend und halbherzig entschuldigend, am besten den Spieß umdrehend, dass einem kritischen Geist wohl der Mund verboten werden solle.

Mit diesem Satz lässt sich auch hervorragend Kritik an der Politik und am Staat Israel einleiten, die knapp an der Grenze zu antisemitischen Ressentiments vorbeischrammt oder diese übertritt. Voraussetzung hierfür ist die These beziehungsweise der Vorwurf, man dürfe in Deutschland, als Deutscher, als Nachfahre des Tätervolks, die Politik eines Landes, das der Juden, nicht kritisieren, dürfe keine Meinung dazu äußern oder sogar haben, weil man für alle Ewigkeit als Schuldiger gekennzeichnet sei. Unfrei sei man in seiner politischen Meinung, könne nicht Kritik üben, wie man das bei anderen Ländern auch tue, auch an der eigenen Regierung.

Eine These, die spätestens widerlegt wird, wenn man einen Blick in die deutsche Presselandschaft wirft: Kaum ein Tag, an dem sich nicht ein Kommentar zu Ereignissen und Entscheidungen im Nahen Osten findet, kaum ein außenpolitischer Journalist, der seine Meinung zu diesem Thema noch nicht geäußert hat. Kaum jemand, der sich in privaten Diskussionen nicht zu Konflikten rund um Israel äußert. In diesen Diskussionen wird immer häufiger und mit immer mehr Selbstverständlichkeit eine Verknüpfung zwischen den Vorkommnissen im Nahen Osten und den Verbrechen der Nationalsozialisten hergestellt, immer mehr allgemeine Stereotype über Juden, die nichts mit der israelischen Regierung und deren Entscheidungen zu tun haben, und die teils die Schärfe rechtsradikaler Äußerungen erreichen, mischen sich in die Argumentationen, so verschiedene Studien.[5]

Fußnoten

1.
Siehe dazu auch den Beitrag von Uffa Jensen und Stefanie Schüler-Springorum in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Bericht des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus. Antisemitismus in Deutschland – Erscheinungsformen, Bedingungen, Präventionsansätze, Bundestags-Drucksache 17/7700, 10.11.2011, S. 174.
3.
Vgl. beispielsweise Lars Rensmann/Julius H. Schoeps (Hrsg.), Politics and Resentment. Antisemitism and Counter-Cosmopolitanism in the European Union, Leiden–Boston 2010.
4.
Vgl. dpa, Europarat rügt mildes Vorgehen gegen Rassismus, 25.2.2014.
5.
Vgl. Doron Rabinovici/Ulrich Speck/Natan Sznaider (Hrsg.), Neuer Antisemitismus? Eine globale Debatte, Frankfurt/M. 2004; Hanno Loewy (Hrsg.), Gerüchte über die Juden. Antisemitismus, Philosemitismus und aktuelle Verschwörungstheorien, Essen 2005; Klaus Faber/Julius H. Schoeps/Sacha Stawski (Hrsg.), Neu-alter Judenhass. Antisemitismus, arabisch-israelischer Konflikt und europäische Politik, Berlin 2006; Monika Schwarz-Friesel/Evyatar Friesel/Jehuda Reinharz (Hrsg.), Aktueller Antisemitismus – ein Phänomen der Mitte, Berlin 2010.
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