"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.
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Von der Judenfeindschaft zum Antisemitismus. Ein historischer Überblick


7.7.2014
Antisemitismus ist eine verbreitete Bezeichnung für Judenfeindschaft. Ein weiter Begriff des Antisemitismus, wie er in den Politik-, Sozial- und Kulturwissenschaften üblich ist, umfasst sämtliche Formen von Hass, Vorurteilen und Ressentiments gegen Juden, egal in welchen historischen Kontexten sie auftreten. In diesem Sinne wird Antisemitismus auch in der öffentlichen Debatte wahrgenommen. Demgegenüber untersucht die geschichtswissenschaftliche Antisemitismusforschung ihn zumeist als spezifische Form der modernen Judenfeindschaft.[1] Einer möglichen Universalisierung als quasi zeit-, ort- und kontextloses Phänomen begegnet sie mit Skepsis. Beide Perspektiven können, je nach Fragestellung, sinnvoll sein.[2] Für den vorliegenden Beitrag wird die historische Terminologie maßgeblich sein, die für ältere oder anders gelagerte Phänomene Begriffe wie Antijudaismus oder Judenfeindschaft verwendet.[3]

Damit sollen historische Kontinuitäten nicht geleugnet werden. Die Judenfeindschaft hat "ihre Wurzeln in religiösen Vorurteilen und Stereotypen, in der christlich-jüdischen Differenz, oder genauer: in der traditionellen Ablehnung des Judentums durch das Christentum und die christliche Welt".[4] Der moderne Antisemitismus hat sie im 19. Jahrhundert beerbt, in sich aufgenommen und tendenziell abgelöst.

Dabei lassen sich mehrere "Schichten" erkennen: erstens, vorchristliche antike Judenfeindschaft; zweitens, spätantiker und mittelalterlicher christlicher Antijudaismus; drittens, neuzeitliche Judenfeindschaft, die noch im christlichen Antijudaismus wurzelt, aber schon moderne Formen des Judenhasses aufnimmt; viertens, der moderne Antisemitismus, der im Rassenantisemitismus und schließlich in der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik kulminiert; fünftens, Antisemitismus "nach Auschwitz", mit seinen beiden bedeutendsten Erscheinungsformen, sekundärem und israelbezogenem Antisemitismus.

Antike Judenfeindschaft



In der "jüdischen" Wahrnehmung handelt es sich beim Antisemitismus um ein universales Phänomen. Dies ergibt sich aus der kulturellen Überlieferung des Judentums. Schon die Bibel schildert Anfeindungen und Verfolgungen des Volkes Israel durch seine Nachbarvölker. Und erzählt nicht die Geschichte der Esther, derer beim Purim-Fest gedacht wird, von einem in letzter Minute vereitelten Anschlag eines grausamen Vernichtungsantisemitismus? Mit Rasseln und Lärm übertönen die Kinder den Namen Hamans, des Anstifters dieses legendären Pogroms. Verbreitet ist die Wendung: In jeder Generation gibt es einen Haman.

Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive handelt es sich bei den biblischen Überlieferungen um Mythen, deren möglicher historischer Kern sich nicht belegen lässt. Fixierbar wird Judenfeindschaft, wo ergänzende Quellen und Überlieferungen sie bestätigen. Dies gilt für die hellenistisch-römische Epoche, vor allem die Zeit nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem im Jahr 70 unserer Zeitrechnung (u.Z.) und der Zerstreuung der Juden über das Römische Reich. Der römisch-jüdische Historiker Flavius Josephus (etwa 37/38–nach 100) dokumentierte in seiner Schrift "Gegen Apion" bereits um 96 u.Z. antijüdische Stereotype. Einige davon, wie die berüchtigte Ritualmordlegende, ziehen sich dann hartnäckig durch die Geschichte des Judenhasses beziehungsweise werden später neu belebt.[5]

Der Ägyptologe Jan Assmann führt antike Formen von Judenfeindschaft auf eine "mosaische Unterscheidung" zurück. Aus Perspektive des heidnischen Polytheismus, mit seiner prinzipiellen Akzeptanz anderer Götter, sei der jüdische Monotheismus eine Provokation gewesen. Diese These legt nahe, das Judentum als Religion zu verstehen, die sich "im Besitz einer absoluten, in geoffenbarten Schriften niedergelegten Wahrheit"[6] befindet. Die These bleibt umstritten.[7] So verkündet das rabbinische Judentum im Unterschied zu Christentum und Islam keine offenbarte Wahrheit, diese muss durch Disput und Rechtsauslegung vielmehr ständig gesucht werden. Hier besteht ein bis heute wirksames grundsätzliches Missverständnis christlicher Theologie gegenüber dem Judentum. Die wohlwollende Betonung der Verwandtschaft beider Religionen kann derartige Unterschiede nicht nivellieren.

Christlicher Antijudaismus



Die theologische Differenz liegt in der Frage begründet, ob Jesus der verheißene Messias sei oder nicht. Mit seinem missionarischen Verkündigungsanspruch sah sich das Christentum in Konkurrenz zum Judentum, aus dem heraus es entstanden war, von dem es sich aber bald absetzte. Bereits im 1. und 2. Jahrhundert wuchsen die Spannungen zwischen (Ur-)Christen und Juden. Im Zuge der Verbreitung des Christentums im Römischen Reich und seiner Etablierung als Staatsreligion an der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert erließen verschiedene Konzile antijüdische Edikte, die aus den Juden eine geduldete, aber diskriminierte Minderheit machten. Theologisch ausformuliert wurde die Verwerfung des Judentums unter anderem durch die Kirchenväter in den Adversos-Iudaeus-Schriften, so bei Johannes Chrysostomos (etwa 349–407) und Augustinus (354–430).

Schon in der Spätantike kam es zu gewalttätigen Übergriffen von Christen gegen Juden. Als im Mittelalter die ersten christlichen Eiferer 1096 zum Volkskreuzzug aufbrachen, vernichteten sie unter dem Schlachtruf "deus lo vult!" ("Gott will es!") die Zentren jüdischer Gelehrsamkeit am Mittelrhein: Speyer, Worms und Mainz.

Die paradoxe Situation der Juden im christlichen Abendland ergab sich aus einer theologischen Annahme über die heilsgeschichtliche Rolle Israels. Aus christlicher Perspektive führten die Böswilligkeit und Blindheit der Juden, denen die Kreuzigung Jesu zugeschrieben wurde, zu ihrer Verwerfung als auserwähltes Volk Gottes. Doch wurden sie gerade in ihrem selbst verschuldeten Elend zu Zeugen für den Anspruch des christlichen Glaubens, die Wahrheit zu verkünden. Daher waren sie zwar auszugrenzen, aber nicht zu vernichten, denn am Ende der Heilsgeschichte stünde ihre Bekehrung. Diese Theologie wurde bildlich dargestellt durch das Figurenpaar Ecclesia und Synagoga, das sich in gotischen Domen des Mittelalters findet. Der Figur der Synagoga sind die Augen verbunden, ihr Stab ist gebrochen und ihre Krone herabgerutscht; doch Ecclesia, Sinnbild der Kirche, wendet ihr Antlitz mitleidsvoll der irre geleiteten Schwester zu (vgl. Abbildungen 1 und 2 in der PDF-Version).

In Judengassen und Judenvierteln von der mittelalterlichen Mehrheitsgesellschaft abgesondert, wurden die Juden durch Kleiderordnungen und andere Markierungen (Judenhut, gelber Fleck) stigmatisiert. Von den wichtigsten beiden Wirtschaftszweigen, der Landwirtschaft und dem Handwerk, waren sie ebenso ausgeschlossen wie vom Klerus. Das christliche Zinsverbot galt indes nicht für Juden. In der Nische des Geldverleihs, wie in manchen anderen Bereichen des Handels, wurden sie geduldet. Mit der Expansion der Geldwirtschaft seit dem Hochmittelalter wuchs die Bedeutung dieses Sektors, während sich das Zinsverbot aufweichte und die Konkurrenz zu christlichen Geldverleihern stieg. Das Stereotyp des jüdischen Wucherers verbreitete sich. Eine angeblich besonders enge Verbindung des Judentums zum Geld zählt seither zu den festen Bestandteilen judenfeindlicher Agitation.

Gegen Ende des Mittelalters wurden die religiösen Feindseligkeiten durch Elemente des Volksaberglaubens ergänzt. Mitte des 14. Jahrhunderts kam es zu grausamen Überfällen und der Vernichtung ganzer jüdischer Gemeinden, als den Juden vorgeworfen wurde, durch Vergiftung der Brunnen die Pestepidemie verursacht zu haben. Ende des 13. Jahrhunderts wurden die Juden von den britischen Inseln vertrieben, während des 14. Jahrhunderts aus Frankreich und gegen Ende des 15. Jahrhunderts von der iberischen Halbinsel. Doch auch in den mitteleuropäischen Fluchtorten waren sie vor Verfolgungen und systematischen Austreibungen nicht sicher. Bis etwa 1520 wurden sie aus den meisten wichtigen Städten und Ländern des alten Reichs verdrängt.

Charakteristisch für den Wandel der mittelalterlichen Judenfeindschaft ist die Ausbreitung des Motivs der "Judensau" seit dem 13. Jahrhundert (vgl. Abbildung 3 in der PDF-Version). Es illustriert die beginnende Ablösung der Judenfeindschaft von ihren religiösen Quellen. Die Juden werden nun als Artverwandte der Schweine dargestellt; die Feindseligkeit bezieht sich nicht mehr nur auf das religiöse Bekenntnis, das ein Jude individuell ändern kann, sondern auf die Herkunft. Die Möglichkeit der Erlösung fehlt: Keine gütige Schwester Ecclesia wendet sich den Juden zu.


Fußnoten

1.
Vgl. Werner Bergmann, Geschichte des Antisemitismus, München 20063.
2.
Vgl. Samuel Salzborn, Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Sozialwissenschaftliche Theorien im Vergleich, Frankfurt/M.–New York 2010.
3.
Auf ausführliche Literaturangaben muss hier verzichtet werden. Für die einzelnen beschriebenen Personen, Ereignisse und Phänomene vgl. mit weiterführenden Literaturangaben unter anderem Wolfgang Benz (Hrsg.), Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart, 7 Bde., Berlin u.a. 2008ff.
4.
Julius H. Schoeps, Die Juden als konstantes Ärgernis? Christlicher Antijudaismus als historisches, psychologisches und politisches Phänomen, in: Gideon Botsch et al. (Hrsg.), Islamophobie und Antisemitismus – ein umstrittener Vergleich, Berlin–Boston 2012, S. 107–118, hier: S. 108. Vgl. Gerhard Czermak, Christen gegen Juden. Geschichte einer Verfolgung, Frankfurt/M. 1991.
5.
Vgl. Hubert Cancik, Der antike Antisemitismus und seine Rezeption, in: Christina von Braun/Eva-Maria Ziege (Hrsg.), "Das ‚bewegliche‘ Vorurteil". Aspekte des internationalen Antisemitismus, Würzburg 2004, S. 63–79.
6.
Jan Assmann, zit. nach: Eine neue Form der Gewalt, in: Der Spiegel, Nr. 52 vom 22.12.2006; vgl. ders., Die Mosaische Unterscheidung oder Der Preis des Monotheismus, München 2003.
7.
Vgl. Rolf Schieder (Hrsg.), Die Gewalt des einen Gottes. Die Monotheismus-Debatte zwischen Jan Assmann, Micha Brumlik, Rolf Schieder, Peter Sloterdijk und anderen, Berlin 2014.
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Autor: Gideon Botsch für bpb.de
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