"Antisemitismus in Deutschland" lautet der Titel der Studie, die am Montag (23.01.2012) in Berlin zu sehen ist. Ein unabhängiger Expertenkreis hatte nach einem Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2008 das Ausmaß des Antisemitismus in Deutschland untersucht und nun die Studie vorgelegt.

7.7.2014 | Von:
Vanessa Rau

Vehementer Säkularismus als Antisemitismus?

Religion polarisiert, insbesondere wenn es um ihre Rolle und Präsenz im öffentlichen Raum liberaler Demokratien geht. Das mag in Anbetracht der Säkularisierungsthese, die einst mit den Vätern der Soziologie entstand und einen Rückgang der Religionen mit zunehmendem technischen Fortschritt und Industrialisierung in der Moderne prognostizierte, zunächst überraschen.[1] Tatsächlich scheint es, als ob sich Diskussionen um Säkularität westlicher liberaler Demokratien, auch als Antwort auf die wachsende Präsenz des Islams in westeuropäischen Staaten, inflationär vermehrt hätten, und das Thema Religion fortwährend emotionale Debatten hervorrufe. Auch international ist diese Diskussion und sind Forderungen nach säkularen Staaten – etwa im Kontext des arabischen Frühlings – auffällig präsent.[2] Hier wird davon ausgegangen, dass funktionierende Demokratien frei von der impulsiven Dimension der Religion agieren müssen, welche oftmals dichotomisch als das Andere [3] des Säkularen,[4] des Rationalen, dargestellt wird. Diese Meinung wird auch von Vertretern des sogenannten neuen Atheismus vertreten, die auf den Spuren anglo-amerikanischer Vorbilder wie Richard Dawkins und Christopher Hitchens versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen und sich dabei auf aufklärerische und humanistische Werte wie Vernunft und Rationalität stützen und der Religion mit großem Argwohn gegenüberstehen.[5]

Die vehemente Forderung nach säkularen Prinzipien oder nach Säkularismuszu verstehen als politisches Projekt der Säkularität – taucht in verschiedenen gesellschaftlichen Debatten auf, wie beispielsweise in der Kontroverse um rituelle Beschneidung, die 2012 auf ein Urteil des Kölner Landgerichts folgte. Dieses entschied, dass die Beschneidung nicht einwilligungsfähiger Jungen aus religiösen Gründen eine strafbare Körperverletzung darstellt. Ein Vertreter einer humanistischen Initiative in Deutschland und Gegner des religiösen Rituals beurteilte die Situation wie folgt: "Es sind die Rechte von Kindern, die wir vor religiösen Übergriffen verteidigen. Die heiligen Schriften (die diese Vorgabe machen) können doch gar nicht die Standards unserer Zeit erreichen oder denen entsprechen. Sie wurden vor 2000 Jahren geschrieben und standen an anderen zivilisatorischen Prozessen. Man könnte wenigstens versuchen, die religiösen Werte mit den säkularen kompatibel zu machen, denn säkulare Prinzipien müssten für alle Bürger gelten!"

Diese Aussage stammt aus einer qualitativen Studie zur Debatte um das Beschneidungsurteil, in der ich religiöse und nicht-religiöse Vertreter hinsichtlich ihrer Überzeugungen und Positionen in der Debatte und ihrem Verständnis von gesellschaftlicher Säkularität befragt habe.[6] Diese spezielle Kontroverse berührte nicht nur einen körperlich sensiblen Bereich, sondern auch das Kinderrecht körperlicher Unversehrtheit sowie die religiöse Erziehung von Kindern durch ihre Eltern. Die Ergebnisse der Analyse suggerierten nicht nur ein existentes gesellschaftliches Unbehagen mit Religion an sich [7] sowie – und das erscheint wenig verwunderlich – ein fortwährendes Unbehagen im Umgang mit semitischen Religionen und ihren Traditionen. Vor allem aber zeigte es einen divergierenden Umgang mit dem Begriff des Säkularen und der Forderung nach säkularen Prinzipien. Zudem beleuchtete die empirische Untersuchung auch eine mögliche Konvergenz zwischen säkularistischen, der Religion mit Argwohn gegenüberstehenden Positionen und antijüdischen (sowie antimuslimischen) Ressentiments. Daher wird im Folgenden diese Verbindung anhand des Narrativs des Säkularismus und der Entstehung des Antisemitismus kritisch hinterfragt. Diskutiert wird, inwiefern die vehemente Forderung nach gesellschaftlicher Neutralität und Säkularität als Sichtschutz antijüdischer Ressentiments fungieren kann und in Herkunft, Narrativ und Gebrauch auf basale Muster der Moderne zurückgreift, die in bestimmten Kontexten mit antisemitischen Traditionen korrelieren können. Wenn man davon ausgeht, dass "die Abwertung der Anderen", in diesem Fall des Religiösen, Mustern gruppenbezogener Abwertung entspricht und daher stets auch ein Potenzial für andere Diskriminierungen darstellt,[8] so bedarf diese Art der Abwertung besonderer Aufmerksamkeit.

Die säkulare Forderung wurde in der öffentlichen Debatte insbesondere von Ärzt(inn)en, Jurist(inn)en und nicht zuletzt von humanistischen Verbänden übernommen, die unter Berufung auf die Menschenrechte, das Kindeswohl und das Recht auf körperliche Unversehrtheit für ein gesetzliches Verbot des Rituals plädierten. Diese zunächst zu befürwortenden Forderungen stießen gesellschaftlich auf große Resonanz: Eine Umfrage zeigte, dass eine Mehrheit der Deutschen dem Urteil zustimmten.[9] Zweifelsohne ist das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung von zentraler Wichtigkeit, das an sich [10] volle Berechtigung zu haben scheint. Doch setzt die Forderung der Menschenrechte auch immer ein gemeinsames Verständnis des "Humanen" voraus: Wer, so fragt die Philosophin Hannah Arendt, legt die Dimensionen des Menschen fest, das die Menschenrechte so einschlägig voraussetzen?[11] Zudem gilt es zu beachten, wann diese Forderungen nach Menschenrechten laut werden. Kann der Kampf um ein neutrales Staats- und Gesellschaftsgebilde und den Schutz des Menschen vor irrationalen Übergriffen der Religion, das humanistische pro-humanum, wenn es ein zentrales Identitätsmerkmal einer religiösen Minderheit angreift, auch in ein anti-humanum oder in diesem speziellen Fall in ein anti-semiticum umschlagen? Kann die Abwertung der religiös Anderen, die sich in Form von vehementen Forderungen nach Säkularität ausdrückt und Religionskontroversen beeinflusst, auch eine ethnisch-kulturelle und speziell antisemitische Abwertung ermöglichen, die jedoch durch die Referenz auf die Menschenrechte gesellschaftlich oftmals unhinterfragt bleibt?

Ein Narrativ des Säkularismus

Um diese mögliche Überschneidung nachvollziehbar zu machen, muss man sich zunächst ihrer Herkunft und Geschichte, insbesondere dem sogenannten Narrativ des Säkularen im gesellschaftlichen Diskurs, widmen. Obgleich sich Säkularität als politisches Projekt in der Moderne etabliert hat, ist es ursprünglich als theologische Kategorie entstanden, die saeculum als profane, weltliche Zeit in den Gegensatz zu sakraler, göttlicher Zeit setzte. Die originäre Bedeutung des Begriffs war "etwas weltlich zu machen".[12] Der Säkularismus manifestierte sich erstmals in der politischen Trennung von Staat und Kirche, mit einer eher symbolischen denn legislativen Funktion. Diese Errungenschaft ist auch ein Produkt der französischen Revolution und der jakobinischen Freiheitskämpfer, die durch die philosophischen Grundlagen humanistischer Aufklärer wie Immanuel Kant und Jean-Jacques Rousseau beeinflusst waren. Die Streiter der Revolution beabsichtigten eine Eindämmung des kirchlichen Einflusses auf den neu entstehenden (französischen) Nationalstaat und seinen öffentlichen politischen Raum, jedoch nicht unbedingt eine Infragestellung von Transzendenz oder des Göttlichen an sich. Zentraler Bestandteil dieses Projekts war auch die Deklaration der Menschenrechte, die die Würde des Menschen (Sklaven und Frauen ausgenommen) zur allgemeinen Maxime erklärte. Für den Religionsphilosophen Charles Taylor ist die Geschichte des Säkularismus auch gleichzeitig die Geschichte des Laizismus, denn die Kategorie der Religion und des Religiösen, die sich zur Zeit ihrer Formierung hauptsächlich auf die Autorität der katholischen Kirche bezieht, wird aus dem öffentlichen Raum verbannt und mit einer trennscharfen Grenze ihrem eigenen Bereich zugewiesen. Die Tatsache, dass Religion und ihr säkulares neutrales Pendant gleichermaßen in einem christlich-katholischen Kontext stehen, wird im Neutralitätsdiskurs oftmals vernachlässigt.[13]

Obwohl die Entstehung eines vehementen, der Religion aversiv gegenüberstehenden "Säkularismus" nicht auf die Ereignisse der französischen Revolution reduziert werden kann, so sind die von ihr ausgehenden Aushandlungsprozesse doch entscheidend für die Etablierung der "grand narratives of modernity",[14] basierend auf Autonomie, individueller Emanzipation, Mündigkeit und Freiheit. Diese Fundamente sind untrennbar mit säkularer Ordnung verwoben. Auch im akademischen Diskurs werden der Liberalismus[15] und der später entstehende Kapitalismus als Teile eines einzigartigen "westlichen Wertesystems" gesehen.[16] Zudem sind die Sozialtheorie und die Sozialwissenschaft selbst maßgeblich an der normativen Formierung dieser Begrifflichkeit beteiligt, da die soziologische Analysekategorie der Säkularisierung seit jeher auch unweigerlich mit der Prämisse gesellschaftlichen Fortschritts verbunden war.[17]

Qua diesem Narrativ bilden eine säkulare Staatsordnung sowie ein säkularer öffentlicher Raum Meilensteine auf dem Weg in die Moderne. Eine unzureichende Umsetzung wird mit Rückständigkeit des Staates, der Gesellschaft oder des Individuums assoziiert. Damit wird eine hierarchische Bewertung ermöglicht, die der Politikwissenschaftler William Connolly mit "conceits of secularism" beschreibt.[18] Dementsprechend stünden die Aufgeklärten denen, die noch immer unmündig der Rückständigkeit Folge leisten, diametral gegenüber. Was zunächst sehr abstrakt klingt, schwingt oftmals in öffentlichen Diskursen mit. Ein Beispiel dieser Einstellung ist das kurz vor Beginn der Beschneidungsdebatte veröffentlichte Statement des damaligen Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Markus Löning, auf seiner Facebook-Seite: "too stupid to understand science – try religion".[19]

Fußnoten

1.
Vgl. Pippa Norris/Ronald Inglehart, Sacred and Secular. Religion and Politics Worldwide, Cambridge 2004.
2.
Vgl. Saba Mahmood/Talal Asad/Judith Butler, Is Critique Secular?, Berkeley 2009; Saba Mahmood, The Politics of Piety, Princeton 2004.
3.
Der Begriff des "Anderen" als Prozess des othering wurde in jüngster Vergangenheit besonders von Chakravarty Spivak geprägt und bezeichnet die Hervorhebung des Selbst in der Klassifizierung des Andersartigen, Fremden, das auch geprägt wurde durch Edward Said, Orientalism, London 2003 (1978).
4.
Das Säkulare ist hier bewusst markiert, um die Infragestellung des Begriffs zu markieren.
5.
Vgl. Johannes Zenk, New Atheism in Germany, in: Approaching Religion, 2 (2012) 1, S. 36–51.
6.
Vanessa Rau, Revisiting (Inter-)national Secularism – The Politics of Secularism and the German Controversy on Ritual Circumcision, Work in Progress, 2014.
7.
Die Referenz bezieht sich auf Immanuel Kant und "das Ding an sich" als Teil seiner Erkenntnistheorie, die von Georg Wilhelm Friedrich Hegel stark kritisiert wurde. Hier soll lediglich auf diesen Dissens zwischen Essenz und Akzidenz (äußere Umstände und Auffassungen) verwiesen werden. Vgl. Immanuel Kant, Prologomena, Hamburg 2001 (1783).
8.
Die "Abwertung der Anderen" ist ein von Andreas Zick et al. geprägter Begriff. In gleichnamiger Studie wird die gruppenbezogene Abwertung in acht europäischen Staaten verglichen. Der Fokus richtet sich vorwiegend auf Homophobie, Xenophobie und Rassismus und steht unter der Annahme, dass eine gruppenbezogene Abwertung stets auch ein Nährboden für andere Abwertungen ist. Vgl. Andreas Zick/Beate Küpper/Andreas Hövermann, Die Abwertung der Anderen. Eine Europäische Zustandsbeschreibung zu Intoleranz, Vorurteilen und Diskriminierung, Berlin 2011.
9.
In einer Umfrage des Emnid-Instituts hielten 56 Prozent der Deutschen das Urteil für richtig, 35 Prozent für nicht richtig, und 10 Prozent hatten keine Meinung dazu. Vgl. Verbot der Beschneidung. Juden und Muslime fordern Korrektur des Urteils, 21.7.2012, http://www.focus.de/politik/deutschland/verbot-der-beschneidung-juden-und-muslime-fordern-korrektur-des-urteils_aid_775212.html« (4.6.2014).
10.
Siehe Anm. 7. Gleiche Fragestellung bezieht sich auf die Menschenrechte.
11.
Vgl. Hannah Arendt, Es gibt nur ein einziges Menschenrecht, in: Die Wandlung, 4 (1949), S. 754–770. Hier schreibt Arendt: "Wenn die Menschenrechte wirklich den Grundstein der Verfassungen aller zivilisierten Länder bildeten, dann mußten die variierenden Gesetze der Staatsbürger der verschiedenen Länder das unabdingbare Recht des Menschen, das an sich als von Staatsbürgerschaft und nationaler Zugehörigkeit unabhängig konzipiert worden war, in sich verkörpern und konkretisieren."
12.
José Casanova, The Secular, Secularizations and Secularisms, in: Craig Calhoun/Mark Juergensmeyer/Jonathan van Antwerpen (Hrsg.), Rethinking Secularism, Oxford 2011, S. 54–74, hier: S. 56.
13.
Vgl. ebd.
14.
Vgl. Goran Therborn, Different Roads to Modernity and Their Consequences: A Sketch, in: Manuela Boatca et al. (Hrsg), Decolonizing European Sociology, Farnham 2010, S. 71–84.
15.
Zweifelsohne können der Liberalismus und dessen Entstehung nicht auf ein singuläres Ereignis zurückgeführt werden und erstrecken sich Formierung und diskursive Ausbreitung über weite Zeitspannen.
16.
In "The End of History and the Last Man" beispielsweise geht der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama davon aus, dass liberale Demokratien die höchste Stufe von Regierungsformen sind und gepaart mit einer kapitalistischen ökonomischen Ordnung ein Ziel soziopolitischer Entwicklung. Trotz ihrer in vieler Hinsicht problematischen Aspekte zeigt die Perspektive Fukuyamas die diskursive Verknüpfung von liberalen Werten und Maximen wie Freiheit und Individualität, die durch Demokratie und kapitalistische Ordnung ermöglicht werden. Francis Fukuyama, The End of History and the Last Man, New York 1993.
17.
Vgl. Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Stuttgart 1988 (1920); Emile Durkheim, Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Frankfurt/M. 2007 (1912).
18.
William Connolly, Why I Am Not a Secularist, Minneapolis 1999, S. 19.
19.
Vgl. Regierung will Beschneidung per Gesetz regeln, 13.7.2012, http://www.sueddeutsche.de/politik/reaktion-auf-urteil-regierung-will-beschneidung-per-gesetz-regeln-1.1411701« (10.6.2014).
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