Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.
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Schönen Gruß aus der Zukunft

Essay


21.7.2014
Von Kaiser Maximilian II. ist eine hübsche Geschichte überliefert, sie spielt in Italien. Auf einer Reise begegnet der Kaiser einem Bauern, der Dattelbäume pflanzt. Er findet das ungewöhnlich, schließlich hat der Bauer selbst gar nichts davon: Junge Dattelbäume tragen erst nach Jahrzehnten Früchte. "Männlein, was machst du?", fragt er verwundert. "Ich thue es", so antwortet der Bauer, "Gott und denen Nachkömlingen zu gefallen".[1] Der Kaiser ist beeindruckt, er dankt es mit 100 Talern. Ein gutes Werk zum Gefallen der Nachkommen: So einfach ist Nachhaltigkeit zu Zeiten des Heiligen Römischen Reiches, im 16. Jahrhundert. Die Zukunft lässt schön grüßen – und sei es mit den Dattelbäumen der Ahnen.

Gut hundert Jahre später greift Hans Carl von Carlowitz diese Geschichte auf. Carlowitz ist Oberberghauptmann in Freiberg, mithin einer der wichtigsten Männer im Reich des sächsischen Königs August des Starken. Der Erzbergbau hat Freiberg reich gemacht, er ist nach Ende des Dreißigjährigen Krieges gerade wieder angelaufen. Doch um Silber, Zink und Blei aus dem Erz zu gewinnen, braucht es Feuer, also auch Holz. Und je mehr Bodenschätze die Sachsen fördern, desto stärker schrumpft der Wald. Die Bäume drohen zur Grenze des sächsischen Wohlstands zu werden, sie wachsen nicht schnell genug nach. So entsteht im frühen 18. Jahrhundert eine Parabel auf die Ressourcendilemmata von heute, der erste Weckruf zur Nachhaltigkeit.1713 legt Carlowitz seine "Sylvicultura oeconomica" vor, eine Abhandlung über wirtschaftlichen Waldbau. Es ist die erste Abhandlung über die nachhaltige Nutzung knapper Ressourcen, Carlowitz nennt das noch "nachhaltend". "Wo Schaden aus unterbliebener Arbeit kömmt", so warnt Carlowitz, "da wächst der Menschen Armuth und Dürftigkeit." Deshalb brauche es eine "continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung", um den Wald als Grundlage des Wirtschaftens zu erhalten.[2] Mehr als 250 Jahre später wird der Club of Rome den frühen Gedanken Carlowitz’ aufgreifen, in noch viel dramatischerer Form. 1972 setzt er den Rohstoffverzehr einer wachsenden Weltbevölkerung in ein Verhältnis zur Endlichkeit der Vorräte und formuliert erstmals "Grenzen des Wachstums". Das offensichtliche Ziel des Weltsystems sei es, "immer noch mehr Menschen zu erzeugen und sie mit noch mehr Nahrungs- und Gebrauchsgütern, mit reiner Luft und Wasser zu versorgen". Damit aber stoße die Gesellschaft "auf kurz oder lang gegen eine der vielen endgültigen Grenzen für das Wachstum auf der Erde".[3] Es ist dieser Bericht, der die Nachhaltigkeitsdebatte der Moderne lostritt. Er erscheint zu einer Zeit, in der Umweltschäden sich erstmals nicht mehr nur als lokales Problem zeigen, sondern Grenzen überschreiten – in räumlicher wie zeitlicher Dimension.

So erobert die Nachhaltigkeit, sustainability, den umweltpolitischen Diskurs. Bezeichnenderweise geschieht das in jenen Gesellschaften zuerst, die sich an ein scheinbar grenzenloses Wachstum gerade erst gewöhnt haben. 1987 tritt in New York erstmals eine UN-Kommission zusammen, die sich mit nichts anderem als der nachhaltigen Entwicklung befasst. Unter Vorsitz der einstigen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland formuliert sie einen ebenso einfachen wie triftigen Grundsatz für Nachhaltigkeit. "Nachhaltige Entwicklung", so schreibt die Kommission, "ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Fähigkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre Bedürfnisse zu befriedigen."[4] Bis heute ist das der Leitsatz der Nachhaltigkeit, die Übersetzung des Carlowitz’schen Anspruches für eine Welt komplexer Zusammenhänge.

Ein Begriff wird gekapert



Der Siegeszug des Begriffes "nachhaltig" ist nachhaltig atemberaubend. Die Arena der Umwelt- und Ressourcenökonomik hat er längst verlassen: Allein 68-mal taucht er im aktuellen Koalitionsvertrag von Union und SPD auf, und das nicht allein, weil der Vertrag ein Unterkapitel zur Nachhaltigkeit hat. "Nachhaltig" soll auch die Konsolidierung der Haushalte sein, das Wachstumsmodell insgesamt, die Staatsfinanzen sowieso und selbst die Modernisierung der Verkehrsinfrastruktur. Der Begriff ist zur Chiffre geworden für alles, was nicht nur dahergesagt ist: Wer "nachhaltig" handelt, der meint es ernst, der schaut nicht nur auf den oberflächlichen Erfolg. Eine "nachhaltig" sanierte Straße hat nicht übermorgen schon wieder Schlaglöcher – was natürlich nichts daran ändert, dass sie Flächen versiegelt, die für andere Zwecke nicht mehr zu gebrauchen sind, dass für den Asphalt noch weiteres Öl nötig wird, und dass die darauf stattfindende individuelle Mobilität Teil des Problems ist und ganz gewiss nicht Teil der Lösung. "Nachhaltig", das klingt gut und glaubhaft.

Es klingt so gut, dass mittlerweile 90 Prozent der Dax-Konzerne eigene Nachhaltigkeitsberichte anfertigen. Auch sie wollen "nachhaltig" wachsen, aber zunächst einmal soll das Aktionären und Öffentlichkeit signalisieren, dass sie mit der Ressource Geld sorgsam umgehen. Ob ihr Geschäftsmodell (oder das Wachstumsmodell, auf dem dieses Geschäft beruht) an sich nachhaltig ist, steht auf einem anderen Blatt. Für den klimaneutralen Druck von Nachhaltigkeitsberichten sorgen findige Druckhäuser, sie kompensieren blütenweißes Papier mit Klimaschutzprojekten und neu gepflanzten Bäumen. Der schöne Schein wird angereichert mit reinem Gewissen.

Mit jener Nachhaltigkeit, die Carlowitz und der Club of Rome einforderten, hat das nicht mehr viel zu tun – der Begriff wurde gekapert, entführt in eine andere Welt. Es ist eine Welt der Bigotterie, die "gut" und "nachhaltig" leben, zugleich aber keinen Verzicht üben will. Diese populäre Form der Nachhaltigkeit suggeriert zugleich, dass sich Verteilungskonflikte um knappe Ressourcen mit viel gutem Willen und ein paar technischen Innovationen lösen lassen. Das Bekenntnis zur Nachhaltigkeit soll damit auch den Boden bereiten für ein weiterhin unbekümmertes Wachstum. So aber wird es nicht funktionieren.

Knappheit gehört dazu



Denn zum Wesen der Nachhaltigkeit gehört auch, dass sie haushalten will, dass sie also knappe Ressourcen besser, anders verteilen will. Zwangsläufig bedeutet damit das, was für den einen Zugewinn verspricht, für den anderen auf lange Sicht Verzicht. Nicht umsonst erhält der Gedanke der Nachhaltigkeit außerhalb der Ökologie vor allem dort Relevanz, wo es eben nicht nur um schönen Schein, sondern um absehbare Knappheiten geht – etwa bei der Verteilung von Beitragseinnahmen in einem Rentensystem vor dem Hintergrund des demografischen Wandels: Das System so zu organisieren, dass künftige Generationen ebenso eine Chance auf eine Altersvorsorge haben wie die Rentner von heute, ist Nachhaltigkeit im besten Sinne. Nicht anders in der Haushalts- und Finanzpolitik: Auch hier würde eine gerade heranwachsende Generation von einer nachhaltig wirtschaftenden älteren Generation erwarten können, dass diese nicht mehr Schulden hinterlässt, als sie selbst vorgefunden hat, ja sogar einen Teil der Versäumnisse der Vergangenheit konsolidiert. Stets geht es um absolute Grenzen der Belastbarkeit und die Verteilung der Lasten und Chancen zwischen Gegenwart und Zukunft. Häufig aber sind diese Grenzen nur abstrakt.

Die Erde ist anders. Die Begrenztheit des Planeten Erde ist jedem klar, der schon einmal einen Globus gesehen hat. Das verleiht dem Haushalten, der Nachhaltigkeit eine andere Qualität. Hier ist jede Grenze real und am Ende unverrückbar, seien es Rohstoffe, Böden, Wasser oder Atmosphäre. Ganz real ist damit auch der Verteilungskonflikt: Die jeweils folgende Generation muss klarkommen mit dem, was die vorherige hinterlassen hat. Nicht anders war es bei den Wäldern, die Carlowitz betrachtete, nur hatte er es leichter. Konnte er seine Warnungen auf die Begrenztheit sächsischer Wälder abstützen, sind die Zusammenhänge heute ungleich schwerer zu durchschauen.

Das theoretisch so einleuchtende Konzept wird herausgefordert durch den Verteilungskampf um globale Gemeingüter. Hier hat menschliches Wirtschaften nicht mehr nur Auswirkungen auf den Wald vor der Stadt, sondern auf die Erdatmosphäre, den Zustand der Weltmeere, die Ausbreitung von Wüsten, den Verlust von Arten, die Verfügbarkeit von sauberem Wasser und brauchbaren Böden. Keine dieser oft schleichenden Katastrophen macht an nationalen Grenzen halt. Das erschwert nicht nur Vorsorge und Bewältigung, es lässt auch Verantwortlichkeit und Verantwortung diffundieren. Probleme entstehen und entwickeln sich zudem selten so linear wie in den Wäldern Carlowitz’, in denen sich vergleichsweise leicht vorhersagen ließ, wann die natürlichen Grenzen des Wachstums erreicht sein würden. Stattdessen stehen alle Eingriffe in Wechselwirkungen zueinander, oft mit Folgen, die sich erst lange nach einem Eingriff in die Natur zeigen, mitunter auch in einer kaum absehbaren Dynamik: in einem System namens Erde.


Fußnoten

1.
Zit. nach: Hans Carl von Carlowitz/Joachim Hamberger (Hrsg.), Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht, München 2013, S. 218.
2.
Ebd., S. 216.
3.
Dennis Meadows et al., Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Reinbek 1973, S. 74.
4.
United Nations, Report of the World Commission on Environment and Development. Our Common Future, New York 1987, S. 37.
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Autor: Michael Bauchmüller für bpb.de
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