Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.
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Ein Haus auf schwankendem Boden: Überlegungen zur Begriffsgeschichte der Nachhaltigkeit


21.7.2014
Wohl jeder, der sich mit Nachhaltigkeit beschäftigt, kennt jenen Moment der Verzweiflung, in dem man das Wort am liebsten in den Orkus wünschen würde. Was das Goethe-Zitat für den Bildungsbürger des 19. Jahrhunderts war, das ist die Nachhaltigkeit für den umweltbewussten Deutschen von heute: ein wohlklingender Referenzpunkt ohne tiefere Bedeutung. Selbst die Luftfahrt postuliert bei passender Gelegenheit "nachhaltiges Fliegen".[1] Und wenn man vom Architekten Bjarke Ingels und seinem "Manifest für hedonistische Nachhaltigkeit" liest, möchte man das Kapitel am liebsten schließen.[2] Zur Nachhaltigkeit ist, so scheint es, alles Sinnvolle gesagt und auch ein guter Teil des Sinnlosen.

Der Rekurs auf die Geschichte wirkt vor einem solchen Hintergrund wie der Wunsch nach einem terminologischen Defibrillator. Vielleicht kommt man ja wieder auf sicheren Grund, wenn man sich in die Begriffsgeschichte vertieft? Gibt es eine zentrale Aussage, die durch inflationären Gebrauch verblasst ist und nur darauf wartet, von historisch versierter Warte in ihrem Wesenskern wieder freigelegt zu werden? Nichts wäre schließlich kurzsichtiger, als einen Begriff nur deshalb abzulehnen, weil er in den alltäglichen Sprachgebrauch eingegangen ist. Popularität führt bei politischen Begriffen nahezu zwangsläufig zu Unschärfen und Trivialisierungen, und Nachhaltigkeit ist gewiss nicht das einzige Wort in unserer politisch-sozialen Sprache, das bisweilen wie eine ausgelutschte Begriffshülse wirkt; man denke nur an die soziale Marktwirtschaft. Und wäre tatsächlich etwas gewonnen, wenn man sich stattdessen einen neuen Leitbegriff zurechtschneidert? Man kann die aktuelle Debatte über das "Anthropozän"[3] auch als einen Praxistest betrachten, ob man mit neuem Vokabular tatsächlich weiterkommt.

Eine begriffsgeschichtliche Spurensuche beginnt in Deutschland üblicherweise mit den "Geschichtlichen Grundbegriffen", einem historischen Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. In den sieben Bänden des Großprojekts taucht "Nachhaltigkeit" allerdings noch nicht einmal im Register auf. Das liegt wohl vor allem daran, dass die Wurzeln des Projekts bis in die 1960er Jahre zurückreichen, denn auch Ökologie kam erst im letzten, 1992 erschienenen Band im Artikel "Wirtschaft" vor.[4] Im Vorwort zu diesem Band konzedierte Reinhart Koselleck – der letzte verbliebene der ursprünglich drei Herausgeber – ausdrücklich Lücken "im Hinblick auf die zu schreibende ökologische Geschichte".[5] Offenbar fiel es zu diesem Zeitpunkt noch schwer, einen Leitbegriff für einschlägige Themen zu definieren, und das hat sich auch zwischenzeitlich nicht wirklich geändert. "Nachhaltigkeit" steht in terminologischer Konkurrenz zu "Umwelt" und "Ökologie", zudem gibt es ältere Begriffe wie "Landschaft" und "Heimat".

Mit Blick auf die "Geschichtlichen Grundbegriffe" hat "Nachhaltigkeit" den Vorzug, dass das Wort – anders als die jüngeren Begriffe "Umwelt" und "Ökologie" – in jener Sattelzeit der politisch-sozialen Sprache in Deutschland geprägt wurde, die Koselleck in der Zeit seit der Mitte des 18. Jahrhunderts verortete. Nach Koselleck gewannen seither zahlreiche Schlüsselbegriffe neue Sinngehalte, während alte Lesarten überlagert wurden oder ganz verschwanden. Am Ende stand ein politisches Vokabular, das gesellschaftliche Debatten in Deutschland bis heute prägt.[6] Allerdings besaß "Nachhaltigkeit" im 18. und 19. Jahrhundert nie jene Strahlkraft, die Begriffen wie "Demokratie" oder "Bürgertum" eigen war, die in den "Geschichtlichen Grundbegriffen" ausführlich analysiert wurden. "Nachhaltigkeit" war zunächst lediglich ein Fachterminus der Forstwirtschaft, der für andere gesellschaftliche Kreise, ja selbst für andere Umweltfragen keine Relevanz besaß. Das änderte sich erst in jüngster Zeit – eine kuriose Volte in einer an Paradoxien keineswegs armen Begriffsgeschichte.

Am Anfang war der Wald



Der Beginn der forstwirtschaftlichen Begriffskarriere ist nach den Jubiläumsveranstaltungen 2013 wohl hinlänglich bekannt. Es war der sächsische Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der in seinem 1713 erschienenen Buch "Sylvicultura oeconomica" zum ersten Mal eine "nachhaltende Nutzung" der Wälder forderte. Ob Carlowitz hier tatsächlich einen Begriff prägen wollte, ist sehr zu bezweifeln, zumal die Verwendung als Adjektiv, noch dazu in Ergänzung zu "continuierlich" und "beständig", fast schon etwas Beiläufiges besaß. Carlowitz "rutscht der Begriff gleichsam nur so heraus", schreibt Joachim Hamberger in seiner verdienstvollen Neuedition des Werks.[7] Erst durch retrospektive Konstruktion wurde aus der Formulierung die Geburtsstunde eines Fachbegriffs.

Wichtiger als seine Formulierungskunst war die Position, von der aus Carlowitz argumentierte. Als Oberberghauptmann war er für das sächsische Montanwesen verantwortlich und besaß damit eine zentrale Position im frühneuzeitlichen Staatsapparat. In heutigen Begriffen könnte man von einer Schlüsselindustrie reden: Metallbergwerke und Salinen besaßen eine kaum zu überschätzende Bedeutung für den Staatshaushalt. Zugleich hingen diese Betriebe jedoch von einer geregelten Holzversorgung ab, und da sich Holz unter vormodernen Bedingungen nur entlang triftfähiger Flüsse über längere Distanzen transportieren ließ, richtete sich zumeist der Blick auf die Wälder der Umgebung. Deren Verfügbarkeit wurde nun systematisch vermessen und verplant, als Manifestation der Autorität des frühneuzeitlichen Territorialstaats. Es war der Beginn einer bemerkenswerten terminologischen Konstante: Von Anfang an kam die Nachhaltigkeit von oben.

Genauer gesagt: Von oben kam die Nachhaltigkeit der Forstbeamten. Es gab um 1800 nämlich noch ein anderes Begriffsverständnis. Joachim Heinrich Campes "Wörterbuch der deutschen Sprache" definierte "Nachhalt" 1809 als einen Halt, "woran man sich hält, wenn alles Andere nicht mehr hält".[8] Ein solcher Nachhalt war etwas anderes als die Carlowitz’sche Nachhaltigkeit. Hier ging es um Reserven für den Notfall. Die Wälder Mitteleuropas waren nämlich für die Menschen der Frühen Neuzeit eine Art Lebensversicherung. Hier gab es Pilze und Beeren für hungrige Menschen und Bucheckern für hungrige Schweine, die selbst wiederum als eine Art Sparbüchse dienten. Und wenn eine Feuersbrunst Häuser zerstörte, besorgte man sich dort das Rohmaterial für den Wiederaufbau. Anders als der Holzbedarf von Salinen und Bergwerken rief diese Ressourcennutzung nicht zwangsläufig nach langfristiger Planung, ja in gewisser Weise war es gerade das Fehlen eines festen Plans, das den Kern dieses Nachhalts ausmachte. Der Wald war da, wenn man ihn brauchte.

Das lief nicht nur auf eine andere Art der Waldwirtschaft hinaus, sondern auch auf einen anderen Wald. Dieser war vielseitiger als der Wald der akademischen Forstwirtschaftslehre, in dem vor allem jene Waldressourcen zählten, die sich durch Montanwirtschaft veredeln ließen oder die auf dem Markt gewinnbringend zu verkaufen waren. Und während Carlowitz seine Nachhaltigkeit nicht nur in Buchform dokumentierte, sondern auch in Verwaltungsakten und staatlichen Verordnungen, war der Nachhalt der gemeinen Bevölkerung eine Sache des alltäglichen Verhaltens. Über mehrere Generationen tobte ein regelrechter Kleinkrieg über den Zugriff auf den Wald, der sich in zahllosen Verwaltungsakten über "Forstfrevel" dokumentierte. Am Ende gewann der Staat. Dass wir heute Brennholz im Supermarkt oder an der Tankstelle kaufen und nicht etwa aus dem nächsten Gebüsch holen, ist das Resultat eines säkularen Disziplinierungsprozesses. Der Mensch der Moderne hat keine stillen Reserven mehr. Er hat den Markt.


Fußnoten

1.
Pressemitteilung des Stuttgarter Flughafens, 20.9.2012.
2.
Vgl. Bjarke Ingels, Yes Is More. Ein Archicomic zur Evolution der Architektur, Köln 2010.
3.
Gemeint ist der Vorschlag, ein Erdzeitalter nach dem Menschen zu benennen, da dieser zu einem geologischen Faktor geworden sei.
4.
Vgl. Johannes Burkhardt, Wirtschaft, in: Otto Brunner/Werner Conze/Reinhart Koselleck (Hrsg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Bd. 7, Stuttgart 1992, S. 511ff., S. 550–594, S. 591.
5.
Reinhart Koselleck, Vorwort, in: ebd., S. V–VIII, hier: S. VII.
6.
Vgl. ders., Einleitung, in: ders./O. Brunner/W. Conze (Anm. 4), Bd. 1, Stuttgart 1972, S. XIII–XXVII, hier: S. XV.
7.
Hans Carl von Carlowitz/Joachim Hamberger (Hrsg.), Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht, München 2013, S. 26.
8.
Joachim Heinrich Campe (Hrsg.), Wörterbuch der Deutschen Sprache. Dritter Theil L. bis R., Braunschweig 1809, S. 403.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/de/ Autor: Frank Uekötter für bpb.de