Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.

21.7.2014 | Von:
Iris Pufé

Was ist Nachhaltigkeit? Dimensionen und Chancen

Unsere Wirtschaftsweise verändert sich gerade grundlegend. Gier war noch nie gut, und auch Geiz ist längst nicht mehr geil. Insbesondere vor dem Hintergrund von Finanz-, Euro- und Weltwirtschaftskrise scheint die Ausgangsposition für einen tief greifenden Wandel, was dessen gesellschaftliche Akzeptanz angeht, besser denn je. Der Wandel bereits in vollem Gange und in vielen Bereichen sichtbar: Ob Elektromobilität, energetische Gebäudesanierung, vegetarische oder vegane Ernährung, Fair-Trade-Produkte, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Kooperationen mit Hilfsorganisationen, Frauenquote oder Energiewende – alles soll "nachhaltig" sein.

Der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit bringt dabei nicht nur Veränderungen mit sich, sondern fügt Entscheidungen – strategisch wie operativ, wirtschaftlich wie politisch – eine zusätzliche Portion Komplexität hinzu. Das wiederum liegt an der Natur vielschichtiger Systeme, wie unsere gegenwärtige Wirtschaft und Gesellschaft es sind. Offenheit, Unsicherheiten, Unstetigkeiten, Verzögerungen, Rückkopplungen, nichtlineare und dynamische Interaktionen sind die Treiber. Sie erschweren selbst fähigen Steuermännern und -frauen entschlossenes Handeln. Hinzu kommt, dass die Auseinandersetzung mit dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung von einem grundlegenden Dilemma geprägt ist: Während das Thema ob seiner positiven Aufladung mit Werten wie Umweltschutz, Gesundheitsfürsorge oder globaler Gerechtigkeit auf Akzeptanz stößt, kollidieren die Interessen, sobald es an Schlussfolgerungen für das eigene Handeln geht.

Ein einheitliches Verständnis von Nachhaltigkeit, ihrem Wesen und ihrem Nutzen, fehlt bis heute. Ohne ein grundlegendes, gemeinsames Verständnis des Nachhaltigkeitskonzeptes aber ist der Wandel unmöglich zu bewältigen. Nachhaltigkeit ist in dieser Hinsicht wie Autofahren: Niemand muss die Funktionsweise eines Ottomotors kennen, um sicher am Straßenverkehr teilzunehmen, aber jeder sollte zumindest davon ausgehen können, dass alle Beteiligten die wichtigsten Regeln beherrschen. In diesem Beitrag geht es genau um diese Regeln, in Form von Definitionen, Modellen, Prinzipien, Strategien.

Wichtige Definitionen

Der Begriff der Nachhaltigkeit geht auf den Freiberger Oberberghauptmann Carl von Carlowitz (1645–1714) und die Waldwirtschaft zurück.[1] Carlowitz zufolge sollte in einem Wald nur so viel abgeholzt werden, wie sich binnen gewisser Zeit auf natürliche Weise regenerieren konnte. Die Rede war von einer "klugen Art der Waldbewirtschaftung" und "einer beständigen und nachhaltenden Nutzung des Waldes".[2] Das Prinzip Nachhaltigkeit sollte also sicherstellen, dass ein regeneratives, natürliches System in seinen wesentlichen Eigenschaften dauerhaft erhalten bleibt. Damit war der Grundstein zum Verständnis von Nachhaltigkeit als ressourcenökonomisches Prinzip gelegt.

Die Definition, die bis heute am weitesten verbreitet und anerkannt ist und somit als klassische Definition von Nachhaltigkeit gelten kann, hat ihren Ursprung im sogenannten Brundtland-Bericht von 1987, der erstmals formaljuristisch festschrieb: "Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht befriedigen können."[3] Inhaltlich ist bei dieser Definition der Aspekt der globalen räumlichen wie zeitlichen Gerechtigkeit maßgebend. Es sollte eine gerechtere Verteilung von Wachstum und Wohlstand zwischen Nord und Süd angestrebt werden, denn die Kluft zwischen den Wohlstandsbäuchen der reichen Länder des Nordens und den sogenannten Hungerbäuchen der armen des Südens wurde immer evidenter. Überhaupt ist es die Nord-Süd-Kluft beziehungsweise die Kluft von Verursacher- und Betroffenenländern, die am häufigsten in der Nachhaltigkeitsdiskussion ausgeblendet wird. Sie wird oft mittels der Gleichung 80:20 beschrieben: Demzufolge verursachen 20 Prozent der Weltbevölkerung die globalen Umweltschäden, während die 80 Prozent unverschuldet die Folgen zu tragen haben.[4]

Eine im Wirtschaftskontext mittlerweile geläufigere Definition, die sehr griffig und gut anwendbar ist, lautet: Nachhaltigkeit bedeutet, nicht Gewinne zu erwirtschaften, die dann in Umwelt- und Sozialprojekte fließen, sondern Gewinne bereits umwelt- und sozialverträglich zu erwirtschaften. Bislang zwar noch nicht in einem Dokument verbindlich schriftlich fixiert, verdient sie aber gerade aufgrund ihrer Praktikabilität besondere Beachtung.

Drei zentrale Modelle

Insbesondere zwei Entwicklungen zwingen uns zum Wandel: die Klimaerwärmung und das globale Bevölkerungswachstum. Noch immer steigt unser Bedarf an Energie, und mit ihm die weltweiten CO2-Emissionen, die den Treibhauseffekt verstärken.[5] In aufstrebenden Wirtschaftsmächten wie China und Indien ist der Energiehunger zwischen 1990 und 2008 um 146 beziehungsweise 91 Prozent gestiegen.[6] Auch industrialisierte Länder schaffen es nicht, weniger Energie zu verbrauchen. So verstärkt das Bevölkerungswachstum den Energiehunger und dieser wiederum den Klimawandel.

Die Fakten hierzu liefern unter anderem Klimaforscher(innen), Geolog(inn)en, Ozeanolog(inn)en. Sie liefern Daten und Erkenntnisse, denen sich auch Ökonom(inn)en und Politiker(innen) nicht entziehen können. Auf Gehör stieß die Wissenschaft aber erst, als die Kosten von Umweltschäden beziffert wurden. Weltweite Beachtung fand deshalb die 650-seitige Studie "Review on the Economics of Climate Change" von 2006. Ihr Autor, der ehemalige Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern, hielt darin fest: "Der Klimawandel ist das größte und weitestreichende Marktversagen der Weltgeschichte."[7] Im Auftrag der britischen Regierung berechnete er die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung auf knapp 5,5 Billionen Euro pro Jahr bis 2100. Bereits heute wird rund ein Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (etwa 270 Milliarden Euro) jährlich ausgegeben, um dem Klimawandel entgegenzuwirken.

Im Laufe der konzeptionellen Auseinandersetzung um das Thema Nachhaltigkeit haben sich verschiedene Schemata herausgebildet, die das Prinzip Nachhaltigkeit darstellen sollen. Die bedeutsamsten sind: das Drei-Säulen-Modell, das Schnittmengen- beziehungsweise Dreiklang-Modell und das Nachhaltigkeitsdreieck (vgl. Abbildung in der PDF-Version).

Im Drei-Säulen-Modell wird das Dach "Nachhaltigkeit" von den Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales getragen, wobei alle drei Dimensionen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Problematisch an dieser Darstellung ist jedoch, dass die mittlere Säule nur stark genug sein müsste, um das Dach zu tragen. Die Wissenschaft bemühte sich deshalb mittels Dreiklang-Modell – ebenso auch im Nachhaltigkeitsdreieck – den unauflösbaren Zusammenhang unter den Nachhaltigkeitsdimensionen herauszuarbeiten.

Ganz gleich, wie die Trennlinie zwischen den drei zentralen Kapitalarten Ökonomie, Ökologie, Soziales gezogen wird – um dem Geiste, Prinzip und Kern von Nachhaltigkeit gerecht zu werden, gilt es stets, alle drei zusammenzuführen, zu verbinden – oder wie es auch häufig heißt, zu "integrieren". Dies ist es auch, was den bisherigen Nachhaltigkeitsmodellen gemein ist. Sie führen zusammen, was in der Natur nie getrennt war, wohl aber in der Wirtschaft im Zuge deren profitorientierter Professionalisierung und Lieferkettenexpansion.[8]

Fußnoten

1.
Vgl. Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffes, München 2010. Siehe hierzu auch den Beitrag von Frank Uekötter in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Hans Carl von Carlowitz/Joachim Hamberger (Hrsg.), Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht, München 2013, S. 87, S. 105.
3.
Volker Hauff (Hrsg.), Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Greven 1987, S. 46.
4.
Vgl. Felix Ekardt, Das Prinzip Nachhaltigkeit. München 2005.
5.
Vgl. Intergovernmental Panel on Climate Change, Vierter Sachstandsbericht, Genf 2007.
6.
Vgl. International Energy Agency, World Energy Outlook, Paris 2013.
7.
Nicholas Stern, The Economics of Climate Change. The Stern Review, Cambridge 2007; eine deutsche Kurzfassung gibt es unter http://www.dnr.de/publikationen/eur/archiv/
Stern_Review_148906b_LONG_Executive_Summary_GERMAN.pdf
(3.7.2014).
8.
Vgl. Fredmund Malik, Systemisches Management, Evolution, Selbstorganisation, Bern 2009.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Iris Pufé für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.