Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.
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21.7.2014 | Von:
Iris Pufé

Was ist Nachhaltigkeit? Dimensionen und Chancen

Unsere Wirtschaftsweise verändert sich gerade grundlegend. Gier war noch nie gut, und auch Geiz ist längst nicht mehr geil. Insbesondere vor dem Hintergrund von Finanz-, Euro- und Weltwirtschaftskrise scheint die Ausgangsposition für einen tief greifenden Wandel, was dessen gesellschaftliche Akzeptanz angeht, besser denn je. Der Wandel bereits in vollem Gange und in vielen Bereichen sichtbar: Ob Elektromobilität, energetische Gebäudesanierung, vegetarische oder vegane Ernährung, Fair-Trade-Produkte, menschenwürdige Arbeitsbedingungen, Kooperationen mit Hilfsorganisationen, Frauenquote oder Energiewende – alles soll "nachhaltig" sein.

Der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit bringt dabei nicht nur Veränderungen mit sich, sondern fügt Entscheidungen – strategisch wie operativ, wirtschaftlich wie politisch – eine zusätzliche Portion Komplexität hinzu. Das wiederum liegt an der Natur vielschichtiger Systeme, wie unsere gegenwärtige Wirtschaft und Gesellschaft es sind. Offenheit, Unsicherheiten, Unstetigkeiten, Verzögerungen, Rückkopplungen, nichtlineare und dynamische Interaktionen sind die Treiber. Sie erschweren selbst fähigen Steuermännern und -frauen entschlossenes Handeln. Hinzu kommt, dass die Auseinandersetzung mit dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung von einem grundlegenden Dilemma geprägt ist: Während das Thema ob seiner positiven Aufladung mit Werten wie Umweltschutz, Gesundheitsfürsorge oder globaler Gerechtigkeit auf Akzeptanz stößt, kollidieren die Interessen, sobald es an Schlussfolgerungen für das eigene Handeln geht.

Ein einheitliches Verständnis von Nachhaltigkeit, ihrem Wesen und ihrem Nutzen, fehlt bis heute. Ohne ein grundlegendes, gemeinsames Verständnis des Nachhaltigkeitskonzeptes aber ist der Wandel unmöglich zu bewältigen. Nachhaltigkeit ist in dieser Hinsicht wie Autofahren: Niemand muss die Funktionsweise eines Ottomotors kennen, um sicher am Straßenverkehr teilzunehmen, aber jeder sollte zumindest davon ausgehen können, dass alle Beteiligten die wichtigsten Regeln beherrschen. In diesem Beitrag geht es genau um diese Regeln, in Form von Definitionen, Modellen, Prinzipien, Strategien.

Wichtige Definitionen

Der Begriff der Nachhaltigkeit geht auf den Freiberger Oberberghauptmann Carl von Carlowitz (1645–1714) und die Waldwirtschaft zurück.[1] Carlowitz zufolge sollte in einem Wald nur so viel abgeholzt werden, wie sich binnen gewisser Zeit auf natürliche Weise regenerieren konnte. Die Rede war von einer "klugen Art der Waldbewirtschaftung" und "einer beständigen und nachhaltenden Nutzung des Waldes".[2] Das Prinzip Nachhaltigkeit sollte also sicherstellen, dass ein regeneratives, natürliches System in seinen wesentlichen Eigenschaften dauerhaft erhalten bleibt. Damit war der Grundstein zum Verständnis von Nachhaltigkeit als ressourcenökonomisches Prinzip gelegt.

Die Definition, die bis heute am weitesten verbreitet und anerkannt ist und somit als klassische Definition von Nachhaltigkeit gelten kann, hat ihren Ursprung im sogenannten Brundtland-Bericht von 1987, der erstmals formaljuristisch festschrieb: "Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, daß künftige Generationen ihre Bedürfnisse nicht befriedigen können."[3] Inhaltlich ist bei dieser Definition der Aspekt der globalen räumlichen wie zeitlichen Gerechtigkeit maßgebend. Es sollte eine gerechtere Verteilung von Wachstum und Wohlstand zwischen Nord und Süd angestrebt werden, denn die Kluft zwischen den Wohlstandsbäuchen der reichen Länder des Nordens und den sogenannten Hungerbäuchen der armen des Südens wurde immer evidenter. Überhaupt ist es die Nord-Süd-Kluft beziehungsweise die Kluft von Verursacher- und Betroffenenländern, die am häufigsten in der Nachhaltigkeitsdiskussion ausgeblendet wird. Sie wird oft mittels der Gleichung 80:20 beschrieben: Demzufolge verursachen 20 Prozent der Weltbevölkerung die globalen Umweltschäden, während die 80 Prozent unverschuldet die Folgen zu tragen haben.[4]

Eine im Wirtschaftskontext mittlerweile geläufigere Definition, die sehr griffig und gut anwendbar ist, lautet: Nachhaltigkeit bedeutet, nicht Gewinne zu erwirtschaften, die dann in Umwelt- und Sozialprojekte fließen, sondern Gewinne bereits umwelt- und sozialverträglich zu erwirtschaften. Bislang zwar noch nicht in einem Dokument verbindlich schriftlich fixiert, verdient sie aber gerade aufgrund ihrer Praktikabilität besondere Beachtung.

Drei zentrale Modelle

Insbesondere zwei Entwicklungen zwingen uns zum Wandel: die Klimaerwärmung und das globale Bevölkerungswachstum. Noch immer steigt unser Bedarf an Energie, und mit ihm die weltweiten CO2-Emissionen, die den Treibhauseffekt verstärken.[5] In aufstrebenden Wirtschaftsmächten wie China und Indien ist der Energiehunger zwischen 1990 und 2008 um 146 beziehungsweise 91 Prozent gestiegen.[6] Auch industrialisierte Länder schaffen es nicht, weniger Energie zu verbrauchen. So verstärkt das Bevölkerungswachstum den Energiehunger und dieser wiederum den Klimawandel.

Die Fakten hierzu liefern unter anderem Klimaforscher(innen), Geolog(inn)en, Ozeanolog(inn)en. Sie liefern Daten und Erkenntnisse, denen sich auch Ökonom(inn)en und Politiker(innen) nicht entziehen können. Auf Gehör stieß die Wissenschaft aber erst, als die Kosten von Umweltschäden beziffert wurden. Weltweite Beachtung fand deshalb die 650-seitige Studie "Review on the Economics of Climate Change" von 2006. Ihr Autor, der ehemalige Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern, hielt darin fest: "Der Klimawandel ist das größte und weitestreichende Marktversagen der Weltgeschichte."[7] Im Auftrag der britischen Regierung berechnete er die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung auf knapp 5,5 Billionen Euro pro Jahr bis 2100. Bereits heute wird rund ein Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (etwa 270 Milliarden Euro) jährlich ausgegeben, um dem Klimawandel entgegenzuwirken.

Im Laufe der konzeptionellen Auseinandersetzung um das Thema Nachhaltigkeit haben sich verschiedene Schemata herausgebildet, die das Prinzip Nachhaltigkeit darstellen sollen. Die bedeutsamsten sind: das Drei-Säulen-Modell, das Schnittmengen- beziehungsweise Dreiklang-Modell und das Nachhaltigkeitsdreieck (vgl. Abbildung in der PDF-Version).

Im Drei-Säulen-Modell wird das Dach "Nachhaltigkeit" von den Säulen Ökologie, Ökonomie und Soziales getragen, wobei alle drei Dimensionen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Problematisch an dieser Darstellung ist jedoch, dass die mittlere Säule nur stark genug sein müsste, um das Dach zu tragen. Die Wissenschaft bemühte sich deshalb mittels Dreiklang-Modell – ebenso auch im Nachhaltigkeitsdreieck – den unauflösbaren Zusammenhang unter den Nachhaltigkeitsdimensionen herauszuarbeiten.

Ganz gleich, wie die Trennlinie zwischen den drei zentralen Kapitalarten Ökonomie, Ökologie, Soziales gezogen wird – um dem Geiste, Prinzip und Kern von Nachhaltigkeit gerecht zu werden, gilt es stets, alle drei zusammenzuführen, zu verbinden – oder wie es auch häufig heißt, zu "integrieren". Dies ist es auch, was den bisherigen Nachhaltigkeitsmodellen gemein ist. Sie führen zusammen, was in der Natur nie getrennt war, wohl aber in der Wirtschaft im Zuge deren profitorientierter Professionalisierung und Lieferkettenexpansion.[8]

Nachhaltigkeit als Innovationsspritze

Die Krise könnte als Chance genutzt werden: Würde Nachhaltigkeit als Innovationsspritze wahrgenommen, die am Kern eines Problems ansetzt und dieses dauerhaft zu lösen versucht, böten sich viele Geschäftschancen. Auch durch die Anschauung unter Führungskräften, die von ihnen geleiteten Institutionen nur als geliehen anzusehen und sie für kommende Generationen zu bewahren, wäre viel erreicht. Der Wald "Unternehmen" würde dann nicht für den eigenen Profit abgeholzt, sondern für die Nachfolger vorbereitet.

Positiv stimmt, dass eine Vielzahl von Branchen – wie etwa Mobilität, Architektur, Ernährung – von diesen Veränderungsprozessen bereits ergriffen wurden und ihre Vertreter erkennen, dass es zu spät ist, den Wandel einfach nur auszusitzen, mit dem Atomsektor als wohl deutlichstem Beispiel. Im Gegenzug haben Unternehmen, die die Thematik einer gerechten Ressourcenökonomie proaktiv angehen, eine Reihe von Vorteilen. Beispiele hierfür wären substanzielle Produkt- und Serviceneuerungen, strategische Allianzen, krisensichere Qualitätsführerschaft, langfristige Kunden- und Mitarbeiterbindung, Ressourcen- und Effizienzgewinne bei gleichzeitigen Kosteneinsparungen, höhere gesellschaftliche Reputation, mit der gemeinhin eine höhere Nachfrage unter Kund(inn)en aber auch Mitarbeiter(inne)n (Stichwort Arbeitgeberattraktivität) einhergeht.

Erste Erfahrungen sozial verantwortlicher Unternehmen zeigen: Nachhaltigkeit bietet die Option, Erfindungen hervorzubringen, Verbesserungen anzuregen. Sie kann zudem als Differenzierungsmöglichkeit gegenüber dem Wettbewerb gesehen werden. Zum Beispiel kam es zwischen den Sportartikelherstellern Puma, Nike und Adidas zu einem Wettrennen, welcher der drei Konzerne zuerst den Einsatz von gesundheitsschädlichen Chemikalien aus der Produktion verbannen könne. Ausgelöst durch die von Greenpeace initiierte Kampagne "Detox", wollte keiner Gefahr laufen, auf einem imageschädlichen wie ökonomisch desaströsen Giftranking gelistet zu sein.

Auch finanziell kann es sich für jene positiv niederschlagen, ihre Nachhaltigkeitsperformance zu verbessern. Der Dow Jones Sustainability Index zeigt, welchen finanzmarktrelevanten Stellenwert das Thema bereits erreicht hat. Sowohl die Non-Financial-Evaluation als auch das Triple-Bottom-Line-Konzept (die Beurteilung der Kreditwürdigkeit unter Berücksichtigung ethischer, ökologischer und finanzieller Aspekte) zielen auf eine nicht rein finanziell-monetäre Bewertung eines Unternehmens ab.[9] Wie stark sich nicht-nachhaltiges Verhalten auf den Börsenwert auswirkt, zeigt das Beispiel BP (einst British Petroleum, heute euphemistisch umgedeutet zu Beyond Petrol). Infolge der "Deepwater Horizon"-Katastrophe im April 2010, bei der der Untergang einer BP-Ölplattform eine verheerende Ölpest im Golf von Mexiko verursachte, brach die Unternehmensbewertung binnen weniger Tage existenzgefährdend ein.

Ökologisches und soziales Kapital

Der Kapitalbegriff hat sich im Zuge der zunehmenden Popularität des Nachhaltigkeitsgedankens erweitert. Entscheidungen, heute und künftig noch viel mehr, haben nicht nur Auswirkungen auf die finanziellen Mittel, das ökonomische Kapital der Firma, sondern auch auf ihr soziales Kapital (etwa das Vertrauen von Mitarbeitern und Kunden) und ihr ökologisches Kapital (etwa hochwertige Rohstoffe und Ressourcen zur Produktionsabsicherung). Nicht allein ökonomisches Kapital macht den Reichtum eines Landes, einer Gesellschaft oder einer Unternehmung aus, auch das direkte wie indirekte, materielle wie immaterielle Vermögen tragen dazu bei. In einer Gesellschaft, die verstärkt Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle erwägt, die ökologische und sozial dauerhaft tragfähige Alternativen zum Heuschrecken- und Turbokapitalismus bieten – wie etwa die Postwachstumsökonomie oder die Gemeinwohlökonomie – gilt dies umso mehr.[10]

Die Chancen für jene Alternativen stehen gegenwärtig besser denn je. Wie die Studie "Umweltbewusstsein in Deutschland 2012" des Umweltbundesamtes nahelegt, ist das Bewusstsein für das Thema Nachhaltigkeit in Deutschland stark ausgeprägt.[11] "Für 35 Prozent ist der Umweltschutz eine der wichtigsten Aufgaben der Politik, gleich hinter der Wirtschafts- und Finanzpolitik", referierte Jochen Flasbarth, Chef des Umweltbundesamtes, im Januar 2013 bei der Vorstellung des Berichts. 65 Prozent der Befragten erwarteten zudem ein stärkeres Engagement des Staates. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die Studie der Bertelsmann Stiftung "Bürger wollen kein Wachstum um jeden Preis" von 2010, der zufolge sich 88 Prozent der Befragten eine "neue Wirtschaftsordnung" wünschten.[12]

Mahnende Worte kommen auch von einem Gremium, das die Bundesregierung selbst berufen hat: Sie ignoriere ihre eigenen Berater, kritisiert der Rat für nachhaltige Entwicklung (RNE), der Beiträge für eine nationale Strategie erarbeitet und Umsetzungsstrategien vorschlägt. "Nachhaltigkeit habe in der aktuellen Legislaturperiode bisher keine Rolle gespielt", sagte jüngst Marlehn Thieme, die Vorsitzende des Rates.[13] Auf der Jahreskonferenz des RNE im Mai 2014 in Berlin forderte Thieme mehr Mut von der Politik. Öffentliche Unternehmen sollten sich etwa nach dem von ihr entwickelten Deutschen Nachhaltigkeitskodex richten, was bedeutet: Wer den Kodex befolgt, der muss künftig offenlegen, wie er nicht nur ökonomisch, sondern auch ökologisch und sozial "performt".

Nachhaltigkeit als Querschnittsdisziplin

Nachhaltigkeit ist theoretisch so beliebt wie praktisch schwer umzusetzen. Das liegt vor allem an ihrem interdisziplinären Charakter. Dieser erschwere es, Nachhaltigkeit auf einige ausgewählte Theorien zu beschränken, betont etwa der Jurist und Philosoph Felix Ekardt. Vielmehr wähle jede Disziplin ihrer spezifischen Ausrichtung entsprechend einen eigenen Zugang, und das seien potenziell sehr viele.[14] Was für die Wissenschaft gilt, gilt auch für den Bereich Recht. So steht eine Verrechtlichung des Leitbildes nach wie vor aus, auch deshalb, weil sie sich über zahlreiche Umwelt- und Sozialgesetzgebungen erstreckt wie etwa das Chemikalien-, Bodenschutz-, Emissions- sowie Antidiskriminierungs- und Arbeitssicherheitsgesetz, um nur einige zu nennen.

Mit Blick auf Nachhaltigkeit ist die Wissenschaft zu einer Frühwarninstanz für die Gesellschaft geworden, wie das Beispiel der Ozonlochvergrößerung zeigt: Hier haben wissenschaftliche Erkenntnisse dazu beigetragen, die Gefahr zu erkennen und ihr durch entsprechende politische Maßnahmen zu begegnen. Wie eingangs angesprochen, scheitert der Anspruch auf garantiert sicheres Wissen jedoch daran, dass Komplexität und Vielfalt sich überlagernder kausaler Zusammenhänge und Kreisprozesse analytisch kaum zu fassen sind.[15] Unabdingbar erfordert Nachhaltigkeit gleichwohl, in Langzeitkategorien zu denken. Die Herausforderungen an das Nachhaltigkeitsleitbild sind, für diese Dimension zu sensibilisieren – und das, was sie langfristig bedeutet, auch kurzfristig erfahrbar zu vermitteln.

Wie lässt sich nun Nachhaltigkeit von Unternehmen als zentrale Akteure umsetzen?[16] Ein Patentrezept für alle gibt es nicht, doch ist festzuhalten: Nachhaltige Unternehmen operieren nicht nach Gutsherrenart, sondern sie beziehen die Interessen von Bezugsgruppen ein – eine mannigfaltige Klientel, mit deren Einspruch, Widerrede und Stellungnahme zu rechnen ist. Fälle wie "Stuttgart 21", das Scheitern der Münchner Olympiabewerbung für 2018 oder die Proteste bei Atommülltransporten erinnern an dieses Potenzial. Mit diesen Bezugsgruppen kommt eine Vielzahl von Perspektiven in die Diskussion, mit all ihren Nach-, aber auch Vorteilen. Dabei zeichnet sich eine Ablösung der bisherigen Vormachtstellung der Shareholder (das heißt, "lediglich" die Aktieninhaber einer Unternehmung sind ökonomisch von Bedeutung und entscheidungsrelevant) durch die Stakeholder ab (das heißt, entscheidungsrelevant ist auch die Haltung anderer interessierter Gruppen, etwa Mitarbeiter, Kunden oder Anwohner). Positiv gedeutet kann jene neue Stakeholdertheorie als eine Entwicklung hin zu mehr Demokratie verstanden werden. In Besinnung auf die Stärke der unternehmensspezifischen Kernkompetenz bestimmt die Auseinandersetzung mit den Stakeholdern die individuelle Nachhaltigkeitsagenda. Ist diese erarbeitet, gilt es, diese in eine langfristige Strategie einzubetten.

Eine Organisation, die sich nachhaltig ausrichten möchte, kann dabei grundlegend zwischen drei Strategien wählen: der Effizienz-, der Konsistenz- und der Suffizienzstrategie.[17] Die Effizienzstrategie birgt ein hohes Potenzial für Produkt- und Prozessinnovationen. Ziel ist aber zunächst eine Erhöhung der Ressourcenproduktivität. Dass Effizienzgewinne um den Faktor fünf möglich sind, dass also bestimmte Ressourcen fünfmal effektiver genutzt werden könnten als bisher, hat der Physiker Ernst Ulrich von Weizsäcker 2010 vorgerechnet.[18]

Die Kritik an der Effizienzstrategie, nämlich "das Falsche zu perfektionieren", wie es der Verfahrenstechniker und Chemiker Michael Braungart im Rahmen seines Cradle-to-cradle-Produktionskonzepts formuliert,[19] führt zum Konsistenzansatz, der durch die Prämisse geschlossener Stoff- und Energieströme gekennzeichnet ist. Die Konsistenzstrategie basiert auf der Forderung, dass menschliche beziehungsweise wirtschaftliche Aktivitäten und deren Stoff- und Energieströme im Einklang mit jenen in der Natur ablaufen müssen. Die Logik dahinter lautet: Wenn ich von Anfang an dem Wald nur so viel Holz entnehme, wie auf natürliche Weise nachwächst, dann vermeide ich kostspielige Aufforstungsprogramme, wenn keine Bäume mehr da sind.

Bei der Suffizienzstrategie legt ein Unternehmen sozial- und umweltverträgliche Obergrenzen für seine wirtschaftlichen Aktivitäten fest und verabschiedet sich von Anfang an vom "Immer-mehr-Wollen". Dieser Strategie liegt die Annahme zugrunde, dass weniger mehr ist und Lebensqualität wichtiger und befriedigender als Wirtschaftswachstum. Diesen Ansatz verfolgen erst eine Handvoll Unternehmen (etwa die GLS Bank, Weleda oder Rapunzel), dafür mehr Nichtregierungsorganisationen, diese aber umso erfolgreicher – genannt seien nur die Stichworte Transition Towns und Slow Food.[20]

Prinzipien des Nachhaltigkeitsleitbildes

Welche Prinzipien liegen nun dem Konzept, dem Leitbild und der Querschnittsherausforderung Nachhaltigkeit zugrunde? Woran kann man sich grundlegend für ein nachhaltiges, verantwortungsvolles Engagement orientieren? Die wichtigsten Prinzipien sind hier zusammengefasst:
  • Intragenerationelle Gerechtigkeit: Innerhalb einer Generation haben weltweit alle Menschen dieselben Chancen verdient, das heißt, eine Inderin hat die gleichen Rechte wie ein US-Amerikaner.
  • Intergenerationelle Gerechtigkeit: Zwischen den unterschiedlichen Generationen kommt es zu keiner Diskriminierung, das heißt, ein Neugeborenes hat nicht weniger Rechte als ein erwachsener oder ein greiser Mensch.
  • Ganzheitlichkeit und Integration: Keine der Nachhaltigkeitsdimensionen (sozial, ökologisch, ökonomisch) wird bevorzugt. Stattdessen wird nach einer integrativen Problemlösung gesucht, die alle Dimensionen einbezieht.
  • "Glokalität": Verknüpfung von globalen und lokalen Phänomenen und Entwicklungen nach dem Motto think global, act local.
  • Partizipation, Verantwortung und Stakeholderbeteiligung: Einbeziehung aller Betroffenen und Verantwortlichen.
  • Präventive Langzeitorientierung: Verminderung von Schädigungen bei ökonomischen Aktivitäten statt späterer Aufräumarbeiten.
  • Charakter eines normativen Leitbildes: Im Kern ist Nachhaltigkeit ein ethisch-moralisches sowie handlungsleitendes Prinzip.
Nachhaltigkeit sollte als konstruktiver Handlungsappell verstanden werden. So lassen sich auch obige Prinzipien als positiv und befähigend begreifen – was immer mehr Unternehmen, aber auch einzelne Menschen durchaus tun.

Zwar geht es den meisten dieser Unternehmen nach wie vor nicht primär um die Verbesserung oder gar Rettung der Welt oder das Lösen von Umwelt- und Gesellschaftsproblemen. Unternehmerische Sinneswandel hin zum nachhaltigen Wirtschaften werden oftmals zunächst angestoßen durch externe Entwicklungen wie die Globalisierung, die Verschärfung von Umweltgesetzgebungen, Fachkräftemangel oder veränderte Konsum- und Nachfrageverhalten seitens der Kunden. Doch es gibt genügend Beispiele, die zeigen, dass es kein Widerspruch sein muss, umwelt- und sozialverträglich zu wirtschaften und Gewinne zu erzielen. Dies gilt nicht nur für Firmen aus der Öko-Nische; auch etablierte Marken profitieren von einer konsequenten auf Nachhaltigkeit ausgerichteten Unternehmensphilosophie. Manche profitieren kurzfristig auch davon, wenn sie sich nur den Anstrich geben, nachhaltig zu wirtschaften – was ihnen langfristig jedoch eher schaden dürfte, wenn das greenwashing auffliegt.

Um dem Prinzip der Nachhaltigkeit zu genügen, müssen sich Produktverbesserungen und Erfindungen in ihrer Entwicklung, Herstellung und Nutzung am Maßstab der Umwelt- und Sozialverträglichkeit messen lassen. Dazu gehören nicht nur ressourcenschonende Produktion und möglichst energiesparende Transportwege, sondern auch menschenwürdige Arbeitsbedingungen und faire Bezahlung.

Abschließend sei an die zwei zentralen Treiber des Wandels unserer Wirtschaft, und damit auch Gesellschaft, erinnert: die Erwärmung der Erde und das explosionsartige Bevölkerungswachstum. Sie stellen Unternehmen, aber auch jeden Menschen individuell vor eine in der Geschichte beispiellose, neue Situation. Sie ließe sich mit der Metapher eines Hochgeschwindigkeitszuges beschreiben, der auf einen Tunnel zurast, in dem die Schienen erst allmählich verlegt werden. Ob die Gleise fertig werden und der Zug den Tunnel sicher durchquert, ist ungewiss – und ob ein Abbremsen ausreicht oder eine Vollbremsung notwendig ist, ebenfalls. Nachhaltigkeit als ganzheitliches Konzept bietet hierbei die angemessene Perspektive der Problemerkennung und der Problemlösung samt dazugehöriger Modelle, Prinzipien und Strategien. Es kann aufzeigen, wie der Tunnel passiert und neue Entwicklungsmöglichkeiten geschaffen werden können.
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Fußnoten

1.
Vgl. Ulrich Grober, Die Entdeckung der Nachhaltigkeit. Kulturgeschichte eines Begriffes, München 2010. Siehe hierzu auch den Beitrag von Frank Uekötter in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Hans Carl von Carlowitz/Joachim Hamberger (Hrsg.), Sylvicultura oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht, München 2013, S. 87, S. 105.
3.
Volker Hauff (Hrsg.), Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, Greven 1987, S. 46.
4.
Vgl. Felix Ekardt, Das Prinzip Nachhaltigkeit. München 2005.
5.
Vgl. Intergovernmental Panel on Climate Change, Vierter Sachstandsbericht, Genf 2007.
6.
Vgl. International Energy Agency, World Energy Outlook, Paris 2013.
7.
Nicholas Stern, The Economics of Climate Change. The Stern Review, Cambridge 2007; eine deutsche Kurzfassung gibt es unter http://www.dnr.de/publikationen/eur/archiv/
Stern_Review_148906b_LONG_Executive_Summary_GERMAN.pdf
(3.7.2014).
8.
Vgl. Fredmund Malik, Systemisches Management, Evolution, Selbstorganisation, Bern 2009.
9.
Vgl. John Elkington, Cannibals with Forks, 1999.
10.
Vgl. Nico Paech, Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie, München 2012; Christian Felber, Die Gemeinwohl-Ökonomie – Das Wirtschaftsmodell der Zukunft, Wien 2010.
11.
Vgl. Jana Rückert-John/Inka Bormann/Rene John, Umweltbewusstsein in Deutschland 2012, Berlin 2012, http://www.umweltbundesamt.de/publikationen/umweltbewusstsein-in-deutschland-2012« (3.7.2014).
12.
Vgl. Bertelsmann Stiftung, Bürger wollen kein Wachstum um jeden Preis, Gütersloh 2010, http://www.bertelsmann-stiftung.de/bst/de/media/xcms_bst_dms_32005_32006_2.pdf« (3.7.2014).
13.
Zit. nach: Ruf nach mehr Mut zu nachhaltiger Politik, in: Süddeutsche Zeitung vom 3.6.2014. Vgl. auch http://www.nachhaltigkeitsrat.de« (3.7.2014).
14.
Vgl. Felix Ekardt, Theorie der Nachhaltigkeit, Baden-Baden 2011.
15.
Vgl. Frederic Vester, Die Kunst vernetzt zu denken, München 2007.
16.
Vgl. Alexandro Kleine, Operationalisierung einer Nachhaltigkeitsstrategie, Wiesbaden 2009.
17.
Vgl. Michael von Hauff/Alexandro Kleine, Nachhaltige Entwicklung, München 2009.
18.
Vgl. Ernst Ulrich von Weizsäcker im Interview, 10.3.2010, http://www.utopia.de/magazin/ernst-ulrich-von-weizsaecker-faktor-fuenf-mal-so-viel-wohlstand-aus-kilowattstunde-energie-ressourcen« (3.7.2014).
19.
Vgl. Michael Braungart, Festvortrag bei der Ehrenpreis-Verleihung der Heinz Sielmann Stiftung, 1.10.2013, München; ders./William McDonough, Cradle to Cradle. Einfach intelligent produzieren, München 2013.
20.
Vgl. N. Paech (Anm. 12).
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Autor: Iris Pufé für bpb.de
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