Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.

21.7.2014 | Von:
Friedrun Erben
Gerhard de Haan

Nachhaltigkeit und politische Bildung

Allgemein herrscht Konsens über die Notwendigkeit, nachhaltige Entwicklungsprozesse in Gang zu setzen. Die deutsche Bevölkerung ist ebenso dafür wie die Bundesregierung und die internationale Staatengemeinschaft.[1] Jedoch ist dieser Konsens schnell verflogen, wenn man über den allgemeinen Gedanken hinaus, Nachhaltigkeit sei etwas Gutes, ihre Umsetzung einfordert. Bei den dringlich sofort zu erledigenden Aufgaben ist die nachhaltige Entwicklung in den meisten gesellschaftlichen Bereichen und im politischen Handeln deutlich unterrepräsentiert. Dies nicht nur, weil die Sache in der Umsetzung strittig ist. Rasch unterliegt man einer "Müssens-Semantik": "Man müsste sich mehr für regenerative Energien einsetzen, müsste in Verwaltungen mehr für Nachhaltigkeit tun, müsste das Mobilitätsverhalten verändern" und so weiter. Wer sich lieber gar nicht in Richtung Nachhaltigkeit bewegen will, hat außerdem alle Chancen, dies zu tun, indem er oder sie darauf verweist, dass Nachhaltigkeit ein unklarer Begriff sei, denn "nachhaltig" sei heute ja irgendwie alles.

Es ist daher angebracht, das Verständnis von Nachhaltigkeit genauer zu klären. Dazu bedarf es heute keiner umständlichen Ableitungen mehr. Ob man sich in Richtung nachhaltiger Entwicklungsprozesse bewegt oder nicht, lässt sich anhand dreier Fragen klären:
  • Führt das Handeln – ob individuell, auf Seiten der Wirtschaft, der politischen Steuerung, in den Institutionen – zur Reduktion des ökologischen Fußabdrucks (footprint)?
  • Dient das staatliche, wirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Handeln der Steigerung der Wohlfahrt und des Wohlbefindens, also der Verbesserung der Lebensqualität?
  • Befördert das Handeln in der Politik, in den Unternehmen, in den Institutionen und zivilgesellschaftlichen Zusammenschlüssen die Teilhabe aller an den Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen (handprint)?
In ihrem Verbund und ihrer Verschränkung beschreiben diese drei Komponenten allgemeine gesellschaftliche Ziele, für die Entwicklungspfade entworfen und "Leitplanken" formuliert werden müssen.

Die verfügbare Zeit für nachhaltige Entwicklungen ist knapp. Entsprechend plädiert der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem Hauptgutachten von 2011 für eine beschleunigte "große Transformation" zur Nachhaltigkeit, die angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen (rascher Klimawandel, Verlust an Biodiversität, fortschreitende Bodendegradation und anderes mehr) dringlich und sofort angegangen werden müsse: "Es geht um einen neuen Weltgesellschaftsvertrag für eine klimaverträgliche und nachhaltige Weltwirtschaftsordnung. Dessen zentrale Idee ist, dass Individuen und die Zivilgesellschaften, die Staaten und die Staatsgemeinschaft sowie die Wirtschaft und Wissenschaft kollektive Verantwortung (…) übernehmen. Der Gesellschaftsvertrag kombiniert eine Kultur der Achtsamkeit (aus ökologischer Verantwortung) mit einer Kultur der Teilhabe (als demokratische Verantwortung) sowie einer Kultur der Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen (Zukunftsverantwortung)."[2]

Für den WBGU sind "Pioniere des Wandels" Promotoren der Transformation. Sie offerieren Problemlösungen, regen andere zum experimentellen, explorativen Handeln an, erzeugen die notwendige Aufbruchsstimmung, sind in Netzwerken organisiert und zum Teil auch durchsetzungsfähig. Der WBGU fordert auf, diese Akteure sichtbar zu machen, sie in ihrer Selbstorganisations-, Artikulations- und Organisationsfähigkeit zu stärken und ihre Entwicklung politisch zu unterstützen. Neben der Förderung dieser Pioniere sind laut WBGU insbesondere Wissenschaft und Bildung gefordert. Mit einer "Transformationsbildung" soll der Umbau der Gesellschaft vorangebracht und sollen die Erkenntnisse der Transformationsforschung weitergeben werden. Eine "transformative Bildung" soll zudem helfen, den Wandel zu gestalten, ein Verständnis für nötige Entwicklungen zu erzeugen, einen Bewusstseinswandel hervorzurufen und Handlungsoptionen zu entwickeln.[3]

Der Bezug zur Politik ist dabei in doppelter Hinsicht evident: Auf der einen Seite bedarf es des staatlichen Willens, für nachhaltige Entwicklung steuernd und unterstützend tätig zu sein – das ist die Aktivität für Nachhaltigkeit im Kontext von Demokratie als Herrschaftsform. Sie ist gekennzeichnet durch den Rechtsstaat, Wahlen, Parlamentarismus, Parteienwettbewerb, Gewaltenteilung und ein System der sozialen Sicherung. Auf der anderen Seite ist nachhaltige Entwicklung ohne generelle Zustimmung der Bevölkerung und Teilhabe der Zivilgesellschaft an Entscheidungsprozessen nicht zu haben – das ist die Aktivität für Nachhaltigkeit im Kontext von Demokratie als Gesellschafts- und Lebensform.[4] Nachhaltige Entwicklung ist somit immer eine politische Aufgabe, die Politik generell und im pädagogischen Kontext politische Bildung beziehungsweise citizenship education vor Herausforderungen stellt.

Bildung für nachhaltige Entwicklung

Mit dem sogenannten Brundtland-Report von 1987 "Our Common Future" und der "Agenda 21", dem Abschlussdokument der Konferenz zu Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio, wurden die Ökologie- und die Gerechtigkeitsthematik im internationalen Diskurs zusammengeführt. Zudem setzte sich die Erkenntnis durch, dass politisches Handeln, Gesetzgebungen, technologische Innovationen und Appelle an die Wirtschaft allein nicht reichen werden, um nachhaltige Entwicklung global voranzubringen. Nachhaltigkeit setzt einen mentalen Wandel voraus. Das aber heißt: Lernprozesse müssen initiiert werden, um Notwendigkeit und Möglichkeiten nachhaltiger Entwicklung ins Bewusstsein zu heben und Handeln auf allen Ebenen des Politischen zu ermöglichen.

Die damit artikulierte Herausforderung für den Bildungsbereich führte in Deutschland 1996 zu ersten Debatten um Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).[5] Die Überlegungen flossen in die seit 1998/1999 aufgelegten Modellprogramme zur BNE ein. Sie wurden von Bund und Ländern im schulischen Bereich, vom Bundesinstitut für Berufsbildung im beruflichen Bereich und von der Bundesstiftung Umwelt sowie den Umweltministerien der Länder in vielen Feldern außerschulischer Bildung gefördert.

Anfang des neuen Jahrtausends zeigte sich, dass die auf der Rio-Konferenz 1992 angestoßenen Bildungsvorhaben für einen Bewusstseinswandel hin zur nachhaltigen Entwicklung global gesehen nicht sehr erfolgreich waren. Um dem Thema einen deutlichen Impuls zu geben, riefen die Vereinten Nationen (UN) für den Zeitraum 2005 bis 2014 eine Weltdekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" aus.[6] Für den nationalen Fortschritt in der Sache waren und sind Projektförderungen und Modellprogramme ebenso von entscheidender Bedeutung wie die Entwicklung von Bildungsmaterialien und Orientierungshilfen. 2007 wurden Orientierungshilfen für die Schulen zu Kompetenzen, Qualitätsindikatoren und zur Schulprogrammentwicklung vorgelegt. 2008 wurde der "Orientierungsrahmen Globale Entwicklung" veröffentlicht, und seit einigen Jahren wird über den Bildungsserver des Bundesumweltministeriums Unterrichtsmaterial publiziert. Auch das BNE-Portal bietet eine große Sammlung an Hinweisen und Veröffentlichungen zu BNE.[7] Der Fortschritt in Deutschland ist auch an der Auszeichnung von nahezu 2000 innovativen Projekten im Rahmen der UN-Dekade abzulesen sowie an der Auszeichnung von mehr als 20 Kommunen, die sich in besonderer Weise für das Thema BNE engagieren.

Die deklamatorische Unterstützung seitens der Politik ist durchaus beachtlich: Der Deutsche Bundestag hat sich in den vergangenen Jahren mehrfach mit BNE befasst und eine weitere Unterstützung der Initiativen gefordert. Die Kultusministerkonferenz hat die verstärkte Einführung von BNE in die Schulen empfohlen, etliche Länderparlamente haben dazu Beschlüsse gefasst und im Rahmen der Dekade Aktionspläne aufgestellt. Insofern ist ein deutlicher Fortschritt zu verzeichnen. Zugleich aber sind weiterhin nicht nur in einzelnen Bildungsbereichen Schwächen erkennbar (etwa in Bezug auf den Anteil der Studiengänge an den Hochschulen, die sich mit Nachhaltigkeit befassen), vielmehr sind fundamentale Mängel auszumachen. Das Nationalkomitee für die UN-Dekade spricht in einem Positionspapier für den Zeitraum nach 2015 gar von einem strukturellen Defizit. Positiv ist allerdings zu registrieren, dass es zahlreiche Initiativen und Projekte, also außerordentlich viele "Pioniere des Wandels" gibt, die zeigen, wie sich BNE praktisch realisieren lässt. Und es gibt etliche allgemeine Willensbekundungen zur BNE: Bis in die Leitbilder von Hochschulen und Präambeln von Lehrplänen hinein wird das Lernen von Nachhaltigkeit als dringlich apostrophiert.

Fußnoten

1.
Die folgenden Passagen basieren auf: Gerhard de Haan, Nach der Dekade, in: Umweltdachverband (Hrsg.), Bildung für nachhaltige Entwicklung. Jahrbuch 2013, Wien 2013, S. 156–166; ders., Trends in der Umweltkommunikation – Scheitern wir am Erfolg?, in: Aktuelle Trends und Entwicklungen in der Umweltkommunikation, Osnabrück 2014 (i.E.). Belege für diese Behauptung finden sich ebd.
2.
WBGU (Hrsg.), Hauptgutachten. Welt im Wandel, Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation, Berlin 2011, S. 2.
3.
Vgl. ebd., S. 374ff.
4.
Vgl. Gerhard Himmelmann, Demokratie Lernen – als Lebens, Gesellschafts- und Herrschaftsform, Schwalbach/Ts. 2007.
5.
Vgl. etwa Gerhard de Haan, Bildung für nachhaltige Entwicklung? Sustainable Development im Kontext pädagogischer Umbrüche und Werturteile, in: Axel Beyer (Hrsg.), Nachhaltigkeit und Umweltbildung, Hamburg 1998, S. 109–148.
6.
Siehe http://www.unesco.org/new/en/education/themes/leading-the-international-agenda/education-for-sustainable-development« (7.7.2014).
7.
Siehe http://www.bne-portal.de« (7.7.2014).
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Friedrun Erben, Gerhard de Haan für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.