Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.
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Shaping Future: Nachhaltige Technologiegestaltung durch Partizipation


21.7.2014
Zustimmung und Begeisterung der Bürger(innen) sind für die erfolgreiche Einführung neuer Technologien genauso wesentlich wie die Forschung selbst. Auch bei der Priorisierung von zukünftigen Forschungszielen sind sie ein wichtiger Faktor. Dieser neue Ansatz zur Gestaltung der Nachhaltigkeit in der Forschungsförderung wird auf nationaler Ebene in der Hightech-Strategie der Bundesregierung formuliert. Neben den bisher involvierten Akteuren aus Wirtschaft und Wissenschaft "orientiert sich (die Hightech-Strategie) an den Fragen der Bürgerinnen und Bürgern im Blick auf die Zukunft unserer Gesellschaft", um weite Teile der Bevölkerung in die Gestaltung von Forschungsthemen einzubeziehen.[1] Mit dem aktuellen Forschungsrahmenprogramm "Horizon 2020" wird diesem Grundgedanken unter dem Aspekt "Responsible Research and Innovation" auf europäischer Ebene Rechnung getragen.[2] Im Sinne der Nachhaltigkeit ist es daher wichtig, schon bei der Festlegung von Forschungszielen und Forschungsagenden die Zustimmung der späteren Nutzenden einzubeziehen, also zu einem Zeitpunkt, an dem die neuen Technologien noch erforscht und entwickelt werden.

Dies erfordert eine Beteiligungskultur, die über die Vermittlung von Forschungsergebnissen und die Risikodiskussion hinausgeht. Aktive Mitgestaltungschancen der Bürger(innen) sollen den Bedarfsgedanken in das Forschungssystem einbringen. Dabei wird vorausgesetzt, dass Gesellschaften, die in die Befähigung zur Partizipation an Technologie investieren, Technologien bedarfsgerecht und nachhaltig einsetzen können. Ausgangspunkt ist dabei, dass die vielfältigen Herausforderungen der Zukunft (Klima und Energie, Gesundheit und Ernährung, Mobilität, Sicherheit und Kommunikation[3]) nur mit transformativen Innovationskonzepten akzeptierbar, gestaltbar gemeistert und passfähig angegangen werden können. Forschung und Technologieentwicklung orientieren sich mit dieser Zielsetzung am Bedarf, also dem für die Bürger(innen) absehbaren nachhaltigen Mehrwert.

Das zunehmende Interesse der Bürger(innen) an technischen Lösungen beruht auf einer wahrgenommenen Diskrepanz zwischen den wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten und den gesellschaftlich akzeptierten Umsetzungsperspektiven. In vielen Diskussionen (etwa zur grünen Gentechnik, zur Stammzellenforschung oder dem Einsatz von Fracking) wird deutlich, dass die Durchsetzung einer Technologie nicht mehr unhinterfragt hingenommen wird, wenn die Bürger(innen) keinen nachhaltigen Mehrwert erkennen. Gleichzeitig gewinnen gesellschaftlich kooperative Entwicklungsprozesse, die eine aktive Bürgerbeteiligung schon im Vorfeld der Priorisierung von Forschung und Entwicklung einfordern, an Bedeutung.[4]

Bedarfsperspektive



Nachhaltigkeit ist kein Wert an sich, sondern muss sich immer wieder neu mit einer gezielten Bedarfsorientierung legitimieren. Hierfür sind Beteiligungsprozesse notwendig. Diese bereichern als positive Chancendiskussion unser Wissenschaftssystem um die Perspektiven der aktuellen und künftigen Technologienutzer(innen). Entwicklungspotenziale, die im Diskurs über zukünftige Forschungsziele entstehen, sind frühestmöglich adressierbar und können systematisch den Bedarf der Bürger(innen) als zentralen Bestandteil einer Neuerung integrieren. Anders als bei einer Technologieentwicklung, die sich nur auf das technologisch Machbare fokussiert, können nutzerzentrierte Innovationen für Bevölkerung, Forschung und Industrie gemeinsam getragene Gestaltungsoptionen eröffnen. Dabei wird die Kommunikation von Forschungsergebnissen dem Entwicklungsprozess nicht nachrangig als dialoghaftes Marketing angegliedert, sondern Anwendungsfähigkeit der Entwicklung und Information der Öffentlichkeit über kommende Forschungsergebnisse sind schon im Vorfeld der Technologieentwicklung integrale Bestandteile. Im Fokus steht der Mehrwert einer Technologie. Wissenschaft wird demnach als ein Entwicklungsprozess und nicht mehr als ein abgeschottetes, sich selbst reproduzierendes System wahrgenommen und bezieht eine gesellschaftliche Beteiligung für die Entwicklung nachhaltiger Lösungsansätze ein.[5]

Diese Beteiligungskultur ist ein Schlüssel zu tragfähigen Zukunftsentwürfen. Sie erfordert einen wirksamen Einbezug verschiedenster gesellschaftlicher Akteure und deren aktive Mitgestaltungsmöglichkeit im Vorfeld der Ausgestaltung von Forschungszielen. Dafür ist es notwendig, Bürger(inne)n Plattformen der Mitwirkung anzubieten. Benötigt werden neue Formate, die Beteiligungschancen eröffnen. Die Kernfunktion des Beteiligungsprozesses ist ein gegenseitiges Wertschätzen der unterschiedlichen Perspektiven der wissenschaftlichen Expert(inn)en einerseits und der interessierten Bürger(innen) andererseits. In Beteiligungsverfahren können technologische Zukunftsentwürfe entwickelt werden, die schon im Vorfeld der Priorisierung von Forschungszielen die Chancen- und Akzeptanzabwägung für gemeinsam getragene nachhaltige Entwicklungsvisionen ermöglichen.[6]

Deutlich wird eine bedarfsgerechte Technologieentwicklung an dem vom britischen Innovationsforscher Fred Steward formulierten Konzept der "transformativen Innovationen".[7] Steward weist den Nutzer(inne)n eine wichtige Rolle in verbrauchsorientierten sozio-technischen Netzwerken zu. Derartige Vernetzungen zeichnen sich durch ein primär anwendungs- und problemlösungsorientiertes Handeln aus. Mit ihrer bedarfsorientierten Ausrichtung brauchen die in den Netzwerken verlaufenden Lernprozesse Beteiligungsmethoden, um technikinteressierte Laien als Expert(inn)en ihres Alltags zu befähigen und gleichwertig mit den Handelnden des Wissenschaftssystems zu kommunizieren. Damit beeinflussen sich Gesellschaft und Technik unmittelbar gegenseitig.[8]

Bisher wurden im Wissenschaftssystem nur aktiv Handelnde in die Priorisierung künftiger Forschungsziele eingebunden. Hierfür werden Vorausschauprozesse (zum Beispiel "Delphi-Prozesse") angewendet, die den Methoden der Zukunftsforschung zuzuordnen sind. Ziel dieser Methoden ist es, mögliche wünschenswerte oder vermeidbare Zukunftsentwicklungen abzuschätzen. Dieses Vorgehen soll für erwartbare Entwicklungen sensibilisieren, ohne jedoch abschließend eine bestimmte Zukunft zu prognostizieren. Im Rahmen eines Entwicklungsprozesses wurden mit diesen Methoden für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) zwischen 2007 und 2009 sieben Szenarien als "Zukunftsfelder neuen Zuschnitts" identifiziert, die über die bisher üblichen Technologiefelder interdisziplinär hinausgehen. Diese Zukunftsfelder fordern zusätzlich zu der Expertenorientierung einen aus Perspektive der Nutzer(innen) differenzierenden Diskurs der Technologieentwicklung ein.[9]

Bedarfe von Bürger(inne)n sollen in einem Lernprozess aufgegriffen und in den Prozess der Technologieentwicklung integriert werden. Die heute genutzten Methoden und Beteiligungsformate einer partizipativen Technologiegestaltung sind jedoch noch in einem frühen, nicht ausdifferenzierten Entwicklungsstadium. Es stellt sich die Frage nach Methoden und Werkzeugen, die Bürger(innen) befähigen, sich an einem Technologiegestaltungsprozess zu beteiligen. Ziel der neuen Beteiligungsverfahren muss es also sein:
  • die bereits heute bestehenden technischen Möglichkeiten und gängige Vorstellungen zur Zukunft zu umgehen und aufzubrechen,
  • die zentralen und realen Bedarfe und Wünsche von Bürger(inne)n sichtbar und erfahrbar zu machen, auch wenn deren Umsetzung erst jenseits von 2035 möglich erscheint,
  • und ein gemeinschaftliches Denken mit und zwischen Bürger(inne)n, Wissenschaftler(inne)n sowie interessierten Unternehmen zu ermöglichen, zu forcieren und abzubilden.
Im Gegensatz zu bisher angewendeten herkömmlichen Befragungstechniken versprechen Kreativitätsmethoden neue Ansätze für Beteiligungsformate. Durch ihre offene und suchende Ausrichtung eignen sie sich hierfür besonders gut.[10] Kreativitätsmethoden und partizipative Gestaltungsprozesse sind in der Designforschung etablierte und akzeptierte Methoden. Bereits in Designkollektiven wie dem deutschen "Bauhaus" und der "skandinavischen Designtradition" wurde Gestaltung nicht ausschließlich als Handlung eines Einzelnen, sondern als gemeinschaftlicher Prozess innerhalb eines gesellschaftlichen Kontextes verstanden.[11]

Durch die Möglichkeiten digitaler Medien wird die gemeinschaftliche Gestaltung mittels interaktiver und generativer Verfahren erweitert. Bekannte Dokumentationsformen (mündlich, schriftlich) ergänzen sich mit interaktiven, filmischen, haptischen und experimentellen Darstellungs- und Visualisierungsformen. Dabei bilden nicht-funktionale Design-Prototypen die Zukunftsvorstellungen in Form eines Exponats ab und bereichern erzählerische Methoden so um ein haptisch-experimentelles Element. Gestalterische Problemlösungskompetenz und praxisrelevante Designmethoden spielen eine immer wichtigere Rolle bei der Entwicklung von Beteiligungsverfahren. Klassisch lineare und dem Nutzenden gegenüber hierarchisch ausgerichtete Prozesse werden aufgebrochen und in einer bedarfsorientierten Perspektive neu umgesetzt. Alltagsnähe und alltagsweltliche Erfahrungen der Bürger(innen) können mit adaptierten Designmethoden leicht integriert werden und treiben das Beteiligungsverfahren mit unkonventionellen Ideen an.[12]


Fußnoten

1.
Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Wohlstand durch Forschung. Bilanz und Perspektiven der Hightech-Strategie für Deutschland, Berlin 2013, S. 5.
2.
Vgl. European Commission, Horizon 2020, The EU Framework Programme for Research and Innovation, http://ec.europa.eu/programmes/horizon2020« (1.7.2014).
3.
Vgl. BMBF, Bedarfsfelder der Hightech-Strategie. Globalen Herausforderungen erfolgreich begegnen, http://www.hightech-strategie.de/de/82.php« (1.7.2014).
4.
Vgl. Niels Mejlgaard/Carter Bloch, Science in Society in Europe, in: Science and Public Policy, 39 (2012), S. 695–700.
5.
Vgl. Richard Owen et al., Responsible Research and Innovation: From Science in Society to Science for Society, with Society, in: Science and Public Policy, 39 (2012), S. 751–760.
6.
Vgl. Jack Stilgoe, Foreword: Why Responsible Innovation?, in: Richard Owen/John Bessant/Maggy Heintz (Hrsg.), Responsible Innovation: Managing the Responsible Emergence of Science and Innovation in Society, Chichester 2013.
7.
Vgl. Fred Steward, Transformative Innovation Policy to Meet the Challenge of Climate Change: Sociotechnical Networks Aligned with Consumption and End-Use as New Transition Arenas for a Low-Carbon Society or Green Economy, in: Technology Analysis & Strategic Management, 24 (2012), S. 331–343.
8.
Vgl. Michael Jørgensen et al., The Social Shaping Approach to Technology Foresight, in: Futures, 41 (2009), S. 80–86.
9.
Vgl. Kerstin Cuhls et al. (Hrsg.), Foresight-Prozess im Auftrag des BMBF. Zukunftsfelder neuen Zuschnitts, Karlsruhe–Stuttgart 2009.
10.
Vgl. dies., Methoden der Technologievorausschau – eine internationale Übersicht, Stuttgart 2008.
11.
Vgl. Claudia Mareis, Design als Wissenskultur, Interferenzen zwischen Design- und Wissensdiskursen seit 1960, Bielefeld 2011.
12.
Vgl. Elisabeth Sanders/Pieter Jan Stappers, Co-Creation and the New Landscapes of Design, in: CoDesign: International Journal of CoCreation in Design and the Arts, 4 (2008), S. 5–18.
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Autoren: Simone Kaiser, Michael Rehberg, Martina Schraudner für bpb.de
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