Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.

21.7.2014 | Von:
Simone Kaiser
Michael Rehberg
Martina Schraudner

Shaping Future: Nachhaltige Technologiegestaltung durch Partizipation

Zukunftsgestaltung mit Nicht-Expert(inn)en

Der technisch-wissenschaftliche Anspruch an Zukunftstechnologien und die Erwartungen der Bürger(innen) scheinen immer häufiger auseinanderzugehen. Die Debatten der jüngsten Vergangenheit zur Zulassung gentechnisch veränderter Maispflanzen in der EU, zur Energiewende oder zu Big Data, der Erfassung und Analyse großer Datenmengen, verdeutlichen das Unbehagen gegenüber Expertenlösungen. Die Berücksichtigung von Vorstellungen einer breiten Öffentlichkeit bei der Gestaltung von Zukunftstechnologien ist vor diesem Hintergrund eine zentrale Herausforderung für nachhaltige Innovationen und Zukunftslösungen. Wichtige Fragen zukünftiger Technologieentwicklung wie "Wie wollen wir in Zukunft leben?", "Welche Technik soll uns dabei unterstützen?" und "Wie möchten wir mit den neuen Technologien und Maschinen der Zukunft interagieren?" können nicht alleine in Expertenkreisen beantwortet werden.

An dieser Stelle setzt das Forschungsprojekt "Shaping Future" an, das von der Fraunhofer-Gesellschaft gemeinsam mit Designer(inne)n der Universität der Künste in Berlin umgesetzt worden ist. Ziel war es, ein Vorgehensmodell zu entwickeln, das es ermöglicht, Wünsche und Ansprüche von Bürger(inne)n – von "Nicht-Expert(inn)en" – für die Gestaltung von Zukunftstechnologien nutzbar zu machen.[13] Anspruch von "Shaping Future" war es dabei, Bürger(innen) nicht mit bereits absehbaren Zukunftstechnologien zu konfrontieren. Beteiligung sollte vielmehr weit im Vorfeld von Technologieentwicklungsprozessen ermöglicht werden – und damit deutlich früher als in bestehenden Beteiligungsformaten wie den Bürgerdialogen oder einer Risikodiskussion im Rahmen von Technologiefolgeabschätzungen üblich.[14] Zukunftsvorstellungen von technikaffinen, aber forschungsfernen Laien sollten bereits für die Formulierung zukünftiger Forschungsagenden berücksichtigt werden, um so von vornherein bedarfs- und nutzenorientierte Forschungsfragen stellen zu können.

Zur Umsetzung dieser Zielsetzung ist ein Vorgehensmodell entwickelt worden, das auf drei aufeinander aufbauenden Schritten basiert (vgl. Abbildung 1 in der PDF-Version). Bürger(innen) nach einer Vorstellung über eine ihnen unbekannte Zukunft zu fragen, ist methodisch nicht trivial. Etablierte sprachbasierte sozialwissenschaftliche Methoden wie Befragungen oder Interviews haben häufig den Nachteil, dass sich Sprache – um verständlich zu sein – immer auf das heute existierende Begriffssystem beziehen muss. Technologien zu erfassen und zu beschreiben, die über das heute Bekannte und Machbare hinausreichen, können damit kaum gefasst werden.[15] In der Designforschung wird Sprache um haptische und räumliche Artikulationsformen ergänzt. In ihrer Objektbezogenheit leiten solche Darstellungs- und Visualisierungsformen sehr intuitiv dazu an, individuelle Vorstellungen und implizites Wissen in visuelle Symbole zu übersetzen und damit explizit zu machen beziehungsweise auszudrücken.[16] Sie bieten damit die Chance, über bestehende Rahmenbedingungen hinauszudenken und Ansprüche an eine noch unbekannte Zukunft zu artikulieren. Für das im Projekt "Shaping Future" entwickelte Vorgehensmodell spielen Methoden aus der Designforschung damit eine zentrale Rolle.

Die Entwicklung des Modells erfolgte am Fallbeispiel Mensch-Maschine-Kooperation. Dieses Zukunftsfeld ist besonders geeignet, da neue autonomere Technik- und Steuerungsoptionen auch am und im Körper das Potenzial bergen, bestehende Vorstellungen über das Verhältnis von Mensch und Maschine radikal infrage zu stellen.[17] Im Jahr 2012 sind dazu insgesamt sechs Workshops mit 150 Teilnehmenden veranstaltet worden. Das Vorgehensmodell setzt auf das Kreativitäts- und Innovationspotenzial kollektiver Entwicklungsprozesse.[18] Die wünschenswerten Zukunftsszenarien entstehen in gemeinsamen Diskussionen, deren Ergebnisse von Workshop zu Workshop weiterentwickelt werden. Diese Interaktion legitimiert durch das Teilhabe- und Zustimmungsprinzip gleichzeitig die Ergebnisse des Prozesses.[19] Um möglichst vielfältige Perspektiven zu berücksichtigen, wurden Männer und Frauen unterschiedlicher Altersgruppen, Ausbildungshintergründe und Nationalitäten beteiligt.

Im Folgenden werden Zielstellung und Vorgehen der einzelnen Schritte des Modells begründet und vorgestellt:

Enabling spaces: Der erste Schritt hat zum Ziel, Nicht-Expert(inn)en in die Lage zu versetzen, ihre Wünsche an eine noch unbekannte Zukunft zu artikulieren und dabei über bestehende Rahmenbedingungen und technische Möglichkeiten hinauszudenken. Dazu bewegen sich die Workshopteilnehmenden in enabling spaces [20] – also in Möglichkeits- und Experimentierräumen, die räumliche, intellektuelle und soziale Rahmenbedingungen bieten, um Neues zu entwickeln. Durch das Zusammenwirken von vorgegebener räumlicher Inszenierung (durch Ausstellungsobjekte und Materialsammlungen) und dem aktiven (Um-)Gestalten des Ortes durch die Teilnehmenden mittels Kreativtechniken entsteht eine Dynamik, die ein Formulieren von neuen Ideen sowie den gemeinsamen Austausch darüber ermöglicht. Dabei geht es zunächst noch gar nicht darum, an technische Zukunftslösungen wie Maschinen oder Softwareapplikationen zu denken, sondern wünschenswerte Zukunftsszenarien unabhängig von den Möglichkeiten ihrer technischen Realisierung zu formulieren. Um den Anspruch einer Partizipation bereits im Vorfeld von Technologieentwicklungsprozessen einlösen zu können, wurde mit dem Jahr 2035 ein Projektionszeitraum festgelegt, der eine technologische Offenheit verspricht.

Narrative Objekte: Der zweite Schritt des Vorgehensmodells zielt auf eine Konkretisierung der in den enabling spaces artikulierten Zukunftsszenarien. Beschreibungen der Zukunft sind stets abstrakt. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit ihren Möglichkeiten und Einschränkungen bedarf jedoch einer Konfrontation mit Ideen. Dazu gestalten die Teilnehmenden narrative Objekte: nicht-funktionsfähige, aus Alltagsmaterialien gestaltete Darstellungen wünschenswerter Zukunftslösungen. Sie überführen die erzählten Zukunftsszenarien ins Gegenständliche. Sie sind dabei ausdrücklich keine Vorlage für eine technische Umsetzung, ermöglichen es allerdings, Nutzungs- und Anwendungskontexte für zukünftige Technologien detailliert zu beschreiben. Narrative Objekte können hinsichtlich Funktionalität, Schnittstellen, Nähe zum Körper, Materialität und Bedienbarkeit befragt werden und sind in diesem Sinne auch "Provotypes" – provokative Prototypen, die zu einer Auseinandersetzung mit offenen Fragestellungen herausfordern.[21] In ihrer finalen Form beschreiben die narrativen Objekte damit nicht nur welche Funktionen eine technische Lösung in der Zukunft erfüllen muss, sondern auch unter welchen Bedingungen sie zum Einsatz kommen soll.

Expert(inn)enworkshop: Im letzten Schritt werden die von Nicht-Expert(inn)en erarbeiteten Zukunftsvorstellungen mit Technologieexpertise zusammen geführt. Die Zukunftsvorstellungen der Laien werden so für die Formulierung zukünftiger Forschungsagenden nutzbar gemacht. Technologieexpert(inn)en verschiedener Fachdisziplinen werden dazu mit den Ergebnissen des Partizipationsprozesses konfrontiert. Auf dieser Grundlage diskutieren sie Optionen für die technische Umsetzung und dokumentieren den für eine Realisierung notwendigen Entwicklungsbedarf in einer Technologie-Roadmap.[22] Durch diese Rückbindung und Reflexion der Ergebnisse des Partizipationsprozesses innerhalb des Fachdiskurses ermöglicht das entwickelte Vorgehensmodell eine Form der Beteiligung von Laien an Prozessen der Zukunfts- und Technologiegestaltung, die über einen Informations- und Meinungsaustausch hinausreicht.

Dieses Modell zur partizipativen Zukunftsgestaltung erhöht nicht nur die Nachhaltigkeit von Forschungs- und Technologieentwicklungsprozessen selbst. Von den Laien als wichtiger Anspruch für zukünftige Technologiegestaltung formuliert, war Nachhaltigkeit auch in den Workshops ein zentrales Thema. Bereits in den enabling spaces formulierten die Teilnehmenden den Anspruch, dass die Produkte der Zukunft aus rein regenerativen Ressourcen wie Wasser, Luft und Licht hergestellt werden sollen. Dieser radikale Nachhaltigkeitsanspruch wurde schließlich in das narrative Objekt "Der blaue Hund" übersetzt (vgl. Abbildung 2 in der PDF-Version). Dieses konkretisierte den vorher formulierten Anspruch beziehungsweise Wunsch und ergänzte ihn um den Aspekt eines individualisierten und digitalisierten Produktionsprozesses – in den Worten eines Teilnehmers: "digitale Atome reorganisiert".

Die nachhaltigen Produkte der Zukunft sollen in Echtzeit individuell per Smartphone hergestellt, konfiguriert und modifiziert werden können. Was nach Science-Fiction klingt, war für die Technologieexpert(inn)en einer der interessantesten Impulse: In der Technologie-Roadmap wurde der Anspruch einer radikal nachhaltigen und individualisierten Produktion in projektionstechnische Forschungsfragen übersetzt. Aus Sicht der Expert(inn)en sollte es vor 2035 möglich sein, Möbel virtuell zu retuschieren, beliebige virtuelle Welten (Landschaften, Städte, Fantasiewelten) auf individuellen Wunsch in Räume zu projizieren und diese Projektionen auch mit weiteren Sinneseindrücken wie Fühlen (Schallwellen) oder Schmecken (elektronische Reizung von Zungensensoren) zu koppeln.

Nachhaltigkeit und Forschungsplanung

Die deutsche Forschungsförderung erfolgt derzeit in zwei Strängen. Zum einen werden Mittel für die Grundlagenforschung nach den Prinzipien der Wissenschaft vergeben. Die in der Bundesrepublik Deutschland verfassungsmäßig garantierte Freiheit der Forschung und der damit verbundene hohe (und auch durchgesetzte) Autonomieanspruch ist ein wertvolles Gut und trägt kontinuierlich zu Vergrößerung der Wissensbasis bei.

Im zweiten Förderungsstrang, der Projektförderung, erfolgt die Mittelvergabe entlang gesellschaftlicher Bedarfe. Diese werden derzeit in der Hightech-Strategie der Bundesregierung entlang der Themen Gesundheit und Ernährung, Kommunikation, Sicherheit, Klima und Energie sowie Mobilität festgelegt.[23] Aktuell gibt es verschiedene Ansätze, die Gesellschaft an der Gestaltung von Forschung zu beteiligen. So werden Privatpersonen im Sinne einer "Bürgerforschung" verstärkt einbezogen, um "spielerisch" zum Beispiel Bilder von Galaxien zu kategorisieren oder das Vorkommen von Tierarten zu kartografieren.[24] Andere Ansätze beziehen Bürger(innen) in die Risikoabschätzung und die Debatten zur Nutzung neuer Technologien ein.

Das vorliegende Konzept geht über diese Ansätze hinaus und versucht Wege aufzuzeigen, die Bürger(inne)n als eigenständige Anspruchsgruppe neben die Wissenschaft mit ihrer Technologieorientierung und die Wirtschaft mit ihrer Marktorientierung stellen. Während es für den Austausch von Wirtschaft und Wissenschaft bereits feste Formate wie etwa die Forschungsunion gibt, fehlen für den Austausch mit Bürger(inne)n bisher Formate auf "Augenhöhe".

Der von den Bürger(inne)n formulierte Bedarf kann nicht auf der Ebene der einzusetzenden Technologien erfolgen, sondern setzt auf dem Expertenwissen des Alltags an. Die Methoden des Vorgehensmodells von "Shaping Future" dienen dazu, die vor diesem Hintergrund entstehenden Wünsche, Ansprüche und Vorstellungen über die Zukunft zu formulieren. Dass die Ergebnisse eines solchen Prozesses, die formulierten "Ansprüche und Bedarfe", interessante Impulse für die Forschung liefern können, wurde in dem beschriebenen Projekt gezeigt. Damit entsteht eine höhere Legitimität der Forschung(-sförderung) und der Verwendung von Steuergeldern. Letztendlich sind damit Akzeptanz und die Wahrscheinlichkeit der Anwendung neuer Technologien und Produkte positiv beeinflussbar.

Zugleich wird durch die frühzeitig einsetzenden Abstimmungsprozesse mit verschiedenen Interessengruppen, die bereits während der Entwicklung neuer Technologien erfolgen können, die Geschwindigkeit des Transfers der Forschungsergebnisse in die Anwendung erhöht. Letztendlich entstehen die Anwendungsfelder für neue Technologienentwicklungen nicht mehr nur zufällig, sondern die Anwendung wird von Beginn der Entwicklung an mitgedacht. Damit bleibt die Verwertung nicht dem Zufall überlassen, sondern steht von Anfang an im Fokus des Forschungsprozesses. Wenn dann in einem weitergehenden Schritt auch die Stakeholder einbezogen werden, wird die Verwertung der Forschungsergebnisse nicht mehr zu einer notwendigen Pflichtübung, sondern zu einer logischen, sich ergebenden Folge bei der Bearbeitung gesellschaftlicher Bedarfe. Die auf den Ansprüchen und Wünschen der Gesellschaft beruhenden Technologieentwicklungen und Forschungsergebnisse sind wertvoller Input für etablierte Unternehmen. Eine Verwertung in neu gegründeten Unternehmen wird durch den bereits sondierten Markt wahrscheinlicher und schneller umsetzbar.

Auch die Wissenschaft kann von dem beschriebenen Kreativitätspotenzial profitieren, entstehen durch die Anregungen vor dem Hintergrund ganz anderer Fragestellungen doch vollkommen neue Themen und Herausforderungen für sie. Damit birgt diese Vorgehensweise hohes Innovationspotenzial für die Wissenschaft selbst. Dieses Ergebnis verdeutlicht, welche Nachhaltigkeitspotenziale in einer frühen, ergebnis- und technologieoffenen Beteiligung liegen: Durch die Integration der vielfältigen und unterschiedlichen Perspektiven von Nicht-Expert(inn)en können neue inhaltlichen Impulse für die Technologieentwicklung entstehen. Akzeptanz- und Legitimitätsdefizite können durch die bedarfs- und nutzenzentrierte Entwicklung zukünftiger Technologien vermieden und der Prozess der Forschungsförderung und -verwertung deutlich effizienter gestaltet werden.

Fußnoten

13.
Das Projekt "Shaping Future – Beispielhafte Nutzung von partizipativen Ansätzen mit Nicht-Experten um neuartige Zukunftsszenarien zum Thema Mensch-Maschine Kooperation zu entwickeln" wurde 2012 vom BMBF gefördert.
14.
Vgl. Georg Simonis, Konzepte und Verfahren der Technikfolgenabschätzung, Wiesbaden 2013; Zentrum für Interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung, Kurzfassung zum Stand der Evaluation des Bürgerdialogs Zukunftsthemen, Stuttgart 2012.
15.
Vgl. K. Cuhls et al. (Anm. 9), S. 15.
16.
Vgl. Bella Martin/Bruce Hanington, Universal Methods of Design. 100 Ways to Research Complex Problems, Develop Innovative Ideas, and Design Effective Solutions, Beverly, MA 2012.
17.
Vgl. K. Cuhls et al. (Anm. 9), S. 15ff.
18.
Vgl. Anita W. Woolley et al., Evidence for a Collective Intelligence Factor in the Performance of Human Groups, in: Science, 330 (2010) 6004, S. 686–688.
19.
Vgl. Eric von Hippel, Democratizing Innovation, Cambridge, MA 2006.
20.
Vgl. Markus F. Peschl, Enabling Spaces. Epistemologische Grundlagen der Ermöglichung von Innovation und Knowledge Creation, in: Norbert Gronau (Hrsg.), Professionelles Wissensmanagement. Erfahrungen und Visionen, Berlin 2007.
21.
Vgl. Preben Mogensen, Towards a Provotyping Approach in Systems Development, in: Scandinavian Journal of Information Systems, 4 (1992), S. 31–53.
22.
Die auf der Grundlage des Partizipationsprozesses entstandene Technologie-Roadmap "Shaping Future" ist bei der Fraunhofer Abteilung "Responsible Research and Innovation" erhältlich.
23.
Vgl. BMBF (Anm. 1).
24.
Vgl. Chiara Franzoni/Henry Sauermann, Crowd Science: The Organization of Scientific Research in Open Collaborative Projects, in: Research Policy, 43 (2014), S. 1–20.
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