Monumentale Fußabdrücke auf der Schwelle eines Tempels.
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Klimaservice: Nachhaltig "vorhersagen"?

Essay


21.7.2014
Unter dem Begriff "Wetterdienst" kann sich jeder etwas vorstellen – und denkt zumeist an die Wettervorhersagen, die seit Jahrzehnten fester Bestandteil unserer Planung für die nächsten paar Tage sind. Trotz aller Spötteleien hat sich die Zuverlässigkeit der Wettervorhersagen in den vergangenen Jahrzehnten stetig verbessert, sodass der Ausblick von einer Woche schon für ziemlich belastbar gehalten wird. In jüngster Zeit ist zu dem Begriff "Wetterdienst" ein anderer, ähnlicher getreten: "Klimaservice".

Denn auch Klima, Klimawandel und Klimawirkungen sind allgegenwärtige Faktoren in unserem Leben. Versicherungen erhöhen wie selbstverständlich ihre Policen wegen angeblich verschärfter Risiken, in Schleswig-Holstein werden Deiche bei Modernisierung so gebaut, dass sie bei Bedarf zukünftig mit geringerem Aufwand verstärkt werden können. Verantwortliche sorgen sich, wie sie in ihrem Bereich mit der veränderten und sich verändernden Lage umgehen können; Behörden versuchen, Vorgaben zu Klimaschutz und Klimaanpassung zu machen. Als Makler zwischen Wissenschaft und Planungspraxis soll Klimaservice Wissen über mögliche Änderungen verfügbar machen.

Nicht wenige denken dabei vor allem an belastbare Vorhersagen der Veränderung des Klimas, ähnlich der Wettervorhersage. Aus dieser Sicht sollte ein Klimaservice also verlässliche quantitative Informationen abliefern, etwa über veränderte Häufigkeiten von Starkregen, Hurrikanen und Glatteis in bestimmten Gegenden Deutschlands. Die Entwicklung von Klimaservice ist Bestandteil der Innovationsstrategie der Bundesregierung, und mehrere Bundesministerien (Umwelt, Forschung, Verkehr) bemühen sich um die Federführung dieses Geschäftsfeldes. Doch ist die Herausforderung, Wissen über Klima, Klimawandel und Klimawirkung belastbar und bedarfsgerecht zu vermitteln, bislang kaum ausreichend verstanden worden. Zudem findet die Diskussion darüber in einem politisch aufgeladenen Umfeld statt, in dem neben naturwissenschaftlichem Wissen noch andere wirkmächtige Erklärungssysteme um Deutungshoheit kämpfen. Und schließlich ist der Klimawandel nur eine von vielen signifikanten Änderungen, die in den kommenden Jahrzehnten erwartet werden. In diesem Essay versuche ich, das grundlegende Problem zu skizzieren und Vorschläge zu unterbreiten, wie ein Klimaservice besser aufgestellt werden kann.[1]

Wetterdienst und Klimaservice



Wie kommen Wettervorhersagen zustande? Jeden Tag wird der Jetzt-Zustand so gut wie möglich neu bestimmt: nicht nur mithilfe lokaler Beobachtungen und Aufstiegen von Radiosonden, sondern auch unter Einsatz von Flugzeugen, Radar und Satelliten. Auf Grundlage eines Modells, das auf physikalischen Prinzipien wie Massen-, Impuls- und Energieerhaltung beruht, wird dann berechnet, wie sich das Wetter in den kommenden Tagen entwickeln wird. Der aktuelle meteorologische Zustand ist natürlich auch nur im Rahmen einer gewissen Genauigkeit bekannt, sodass verschiedene, in sich konsistente Zustände konstruiert werden, von denen aus Vorwärtsrechnungen angestellt werden. So entsteht ein "Ensemble" an Vorhersagen. Aus der zunehmenden Differenz zwischen den verschiedenen Vorhersagen lässt sich abschätzen, wie zuverlässig eine Prognose ist. Das geschieht jeden Tag neu, und täglich lässt sich prüfen, inwieweit bestimmte Vorhersagen mit dem tatsächlich eingetretenen Wetter übereinstimmen.

An diesen Prozess haben wir uns alle gewöhnt. Unsere Wetterdienste beherrschen ihre Aufgaben souverän. Sie vermitteln Vorhersagen und deren Belastbarkeit anwendernah an Bevölkerung, Wirtschaft, Verwaltung und andere. Sie beschäftigen sich auch damit, was das erwartete Wetter für verschiedene Sparten bedeuten kann, und leisten etwa Schiffsroutenberatung. Über die Jahrzehnte geschult, verstehen die meisten "Stakeholder" den Sinn und die Grenzen der Wettervorhersage. Die wissenschaftliche Leistung, das Wetter von einer guten Analyse des Jetzt-Zustandes aus für eine Woche belastbar vorherzusagen, ist ein schönes Beispiel dafür, wie Wissenschaft für die Gesellschaft nützlich werden kann. Der Wetterdienst leistet natürlich noch mehr – er erstellt etwa die Analyse der Wetterstatistik, die dann allgemein als das "Klima" gilt. Wer etwas wissen will über die Häufigkeit von Bodenfrost im Gelände und erwarteten Temperaturverhältnisse am Urlaubsort ist mit dem Wetterdienst gut bedient.

Was unterscheidet das Sprechen über den bevorstehenden Klimawandel vom Sprechen über den bevorstehenden Wetterwandel? Beim Ersten sprechen wir von Jahrzehnten bis hin zu hundert Jahren, beim Zweiten von wenigen Tagen. Es gibt gravierende Unterschiede zwischen Wettervorhersage und Klimaszenarien – in der Möglichkeit naturwissenschaftlich abgesicherter Aussagen über wahrscheinliche Entwicklungen und deren Unsicherheiten, in den Erwartungen der "Kunden", in der Gegenwart anderer Deutungen und Deuter, und in der Möglichkeit der politischen Instrumentalisierung. Dazu kommt, dass veränderliches Wetter unmittelbar leiblich erfahren wird, während Klimawandel sich vor allem in Statistiken ausdrückt, die vom Einzelnen ohne eine systematische Beobachtungsstrategie kaum erfahrbar sind. Dabei spielen uns idealisierende Vorstellungen Streiche über die Vergangenheit, wonach früher eben ein Winter ein Winter war, und ein Sommer ein Sommer. Heute dagegen ist der Sommer unzuverlässig – was er früher auch schon war, was unser Gedächtnis aber gnädig verdeckt.


Fußnoten

1.
Einen guten Überblick über die vielen Facetten des Begriffs "Klimaservice", der in verschiedenen Akteursgruppen durchaus unterschiedlich verstanden wird, bietet: Catherine Vaughan/Suraje Dessai, Climate Services for Society: Origins, Institutional Arrangements, and Design Elements for an Evaluation Framework, WIREs Climate Change, 28.5.2014, http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/wcc.290/pdf« (1.7.2014). Konzeptionelle Aspekte im Wettbewerb des Wissens erläutern: Hans von Storch et al., Regional Climate Services Illustrated with Experiences from Northern Europe, in: Journal for Environmental Law and Policy, (2011) 1, S. 1–15.
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Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/ Autor: Hans von Storch für bpb.de
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