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Comics
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Geschichtskultur in Sprechblasen: Comics in der politisch-historischen Bildung


5.8.2014
Seit gut 20 Jahren haben Geschichtsdidaktikerinnen und -didaktiker und damit auch Geschichtslehrkräfte den Comic für sich entdeckt. Was anfangs als exotische Annäherung an ein jahrzehntelang als verdummend verschrienes Medium der Populärkultur galt, ist nunmehr auf didaktischer und pädagogischer Ebene ein anerkannter Zugang zum historischen Lernen – theoretisch zumindest. Denn nach wie vor findet der Comic nur äußerst selten einen Platz im Unterrichtsalltag und noch seltener im Curriculum. Vorherrschend ist noch immer seine Nutzung als Motivationsquelle für uninteressierte oder "bildungsfernere" Zielgruppen, spezifische Aufbereitungen und damit Angebote für einzelne Unterrichtseinheiten gibt es kaum. Zudem ist das Wissen über das Medium selbst bei Lehrkräften an Schulen und Universitäten noch sehr begrenzt, ebenso wie bei Schülerinnen und Schülern. Gleichzeitig lässt sich ein Trend außerhalb schulischer Bildungsstätten beobachten, hin zu immer mehr und immer gezielterer Arbeit mit Comics. Dieser Beitrag soll daher einen kurzen Einblick in den Markt der Comics mit historischen Inhalten – sogenannte Geschichtscomics – bieten und in einem zweiten Schritt aktuelle geschichtsdidaktische Diskurse rund um das Medium vorstellen, bevor in einem Ausblick derzeitige Nutzungsmodi betrachtet werden.

Zeitgeschichte und sonst nichts?



In den vergangenen Jahren hat sich der Comicmarkt verändert. Trotz digitaler Konkurrenzprodukte und rückläufiger Auflagenhöhen haben sich die sogenannten Graphic Novels mittlerweile fest in Europa etabliert. Im Bereich der Geschichtscomics finden sich in der Masse an Neuerscheinungen nach wie vor hauptsächlich Werke, die Zeitgeschichte thematisieren. Dabei ist vor allem die starke Zunahme biografischer und autobiografischer Werke auffällig – nicht nur über herausragende und historisch allgemein bekannte Persönlichkeiten wie Anne Frank oder Dietrich Bonhoeffer, sondern auch über Personen wie den Boxer Hertzko Haft, die Retterin jüdischer Kinder aus dem Warschauer Getto Irena Sendler oder die Holocaustüberlebende und Comickünstlerin Lily Renée, um nur wenige Beispiele zu nennen.[1]

Dieser Boom (auto-)biografischer Werke hat mehrere Gründe. Zum einen sind gerade bei Aufarbeitungen der Lebensgeschichten bekannter Persönlichkeiten die ökonomischen Aspekte nicht zu unterschätzen. Der Ansatz, bereits bekannte Biografien in grafischer Form zu bearbeiten, birgt aber auch Potenziale, die über den klassischen Text hinausgehen. Gerade der gewählte Zeichenstil kann in Kombination mit spezifischen beschriebenen Lebensabschnitten neue Interpretationen einer Persönlichkeit eröffnen. Ein ebenso wichtiger Aspekt scheint die Erzählung neuer Heldengeschichten zu sein. Oftmals werden – gerade in Biografien aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges – neue Widerstands- oder Überlebensgeschichten erzählt, die Personen oder Personengruppen eine Stimme verleihen sollen, die bis dahin nicht oder nur selten gewürdigt wurden, wie "Irena’s Jar of Secrets" belegt. Seltener verzichten Zeichnerinnen und Autoren auf solche positiven Plotlinien. Ein gutes Beispiel hierfür ist "Rosa Winkel", einer der ersten Comics, der sich der Verfolgung von Homosexuellen während des Nationalsozialismus und ihrer beschämenden Behandlung als Opfer danach widmet.[2] Comics, die mit Brüchen, Widersprüchen und Reflexionen arbeiten, sind vor allem solche mit autobiografischen Ansätzen. Meist handelt es sich hier um Künstlerinnen und Künstler der zweiten oder dritten Generation, die die Geschichte ihrer Eltern oder Großeltern aufarbeiten. Damit bieten sie einen hervorragenden Einblick und Einstieg in Erinnerungsdiskurse. Den meisten Künstlern gelingt es in diesen Comics, ihre eigene Perspektive und damit die Perspektivität der erzählten Historie grafisch und sprachlich einzufassen und für die Leserinnen und Leser sichtbar zu machen; jüngere Werke wie "We won’t see Auschwitz", "Das Erbe" oder "Kiesgrubennacht" belegen dies.[3]

Ein weiterer Trend ist die vermehrte Nutzung von Comics in Museen und Gedenkstätten. In diesem Zusammenhang ist die gezielte Herstellung von Comics zu Themenschwerpunkten und Anniversarien zu beobachten. Gerade Jahrestage beflügeln bekanntlich die Geschichtskultur vieler Länder – anhand von TV-Produktionen ist das besonders deutlich zu erkennen, für den Geschichtscomic gilt das jedoch ebenso. So lassen sich zum Beispiel im Zuge des Gedenkjahres 2014 vermehrt Projekte zum Ersten Weltkrieg beobachten, wie das "Tagebuch 14–18 – Vier Geschichten aus Deutschland und Frankreich" oder auch das neueste Werk von Joe Sacco "Der Erste Weltkrieg. Die Schlacht an der Somme" belegen.[4]

Dass auch Museen und Gedenkstätten immer mehr mit Comics arbeiten, ist zumindest in Deutschland noch oftmals als Pionierleistung von Museumspädagoginnen und -pädagogen zu sehen, in anderen Ländern wie Frankreich und den Niederlanden ist dies hingegen weitaus häufiger der Fall.[5] Ein gutes Beispiel für die Nutzung von Comics an deutschen Erinnerungsorten bietet die Gedenkstätte Berliner Mauer: Nach einer äußerst erfolgreichen Kampagne für das Haus mit Hilfe des Comics von Flix "Da war mal was … Erinnerungen an hier und drüben", haben die Comickünstler Susanne Buddenberg und Thomas Henseler mehrere Comics über Fluchtgeschichten für die Gedenkstätte erstellt.[6] Ebenso haben verschiedene Gedenkstätten, zum Beispiel die Gedenkstätte KZ Sachsenhausen, die KZ-Gedenkstätte Moringen, die Gedenkstätte Wewelsburg oder der Lernort Andreasstraße in den vergangenen Jahren immer wieder Comicworkshops für jugendliche Besucherinnen und Besucher angeboten. Jugendliche erstellen hier oftmals selbst Comics auf Basis ihrer Recherchen in den Archiven der Erinnerungsorte, autobiografischer Zeugnisse oder von Gesprächen mit Zeitzeuginnen und -zeugen. Ein solcher Arbeitsansatz fordert und fördert das historische Lernen bei allen Beteiligten enorm. Hier zeigt sich nicht zuletzt der Vorteil außerschulischen Arbeitens für diese Art des sehr zeitintensiven und kreativen Geschichtslernens.

Schließlich ist deutlich zu erkennen, dass der Comic in fluiden oder hybriden Formen neu entwickelt wird. Zum einen zeigt sich das in den im Comic verwendeten grafischen Stilen. Viele Künstler überschreiten heute die Grenzen zwischen Comic und Bilderbuch immer wieder, um neue Ausdrucksformen zu schaffen – Joe Saccos Darstellung des ersten Tages der Schlacht an der Somme ist hierfür ein gutes Beispiel. Solche Veränderungen beziehen sich aber ebenso auf neue Übergänge von klassischen gedruckten zu digitalen Formen, was auf populäre nichthistorische Comics ebenso zutrifft wie auf Geschichtscomics. Comicsequenzen werden zum Beispiel in (Spiel-)Filmen eingesetzt, um Rückblenden oder Reflexionen zu ermöglichen.[7] In Jason Barkers filmischer philosophischer Reflexion "Marx Reloaded" von 2011 arbeitete der Regisseur mit ähnlichen Techniken. Im Internet sind seit geraumer Zeit Angebote zu entdecken, bei denen gezielt Comicsequenzen oder animierte Comicbilder genutzt werden, um zum Beispiel Zeitzeugenberichte in eine neue, emotionalisierende Form zu kleiden. Ein solches Projekt ist Disneys "They Spoke Out: American Voices Against the Holocaust".[8] Die ARD hat zum Gedenkjahr 1914 mit "14 – Tagebücher des Ersten Weltkrieges" ein großes internationales Projekt gestartet, bei dem sich Interessierte parallel zu dokumentarischen Filmen online in einer "Zeitmaschine" eine Biografie aussuchen können und anhand kleinerer Comicsequenzen nach Nationalität, Geschlecht und Alter differenziert erfahren können, so das Angebot, wie "mein Leben vor 100 Jahren ausgesehen (hätte)? Was hätte ich gefühlt, gehört, geschmeckt, gerochen und gesehen?"[9] Die Produzentinnen und Produzenten stützen sich hier nicht nur auf die synästhetischen Funktionsmechanismen des Comics, sondern kombinieren ihn online mit weiteren hinterlegten Quellen.

Erfreulicherweise finden sich seit einigen Jahren auch immer mehr Comics in deutscher Übersetzung, die nicht nur die westeuropäische Zeitgeschichte thematisieren, wie Igorts "Berichte aus der Ukraine" oder Li Kunwus "Ein Leben in China".[10] Solche Projekte sind meist Reportagen oder belegen autobiografische Erfahrungen mit historischen Rückblicken. In der Tat sind also die Neueste und Zeitgeschichte nach wie vor die dominanten Epochen auf dem Markt der Geschichtscomics. Hilfreich ist jedoch, dass auch Historikerinnen und Historiker anderer Epochen den Comic für sich entdecken und auf diese Weise allen Interessierten neue Sekundärliteratur zur Verfügung steht, die zum Beispiel die vielen Abenteuercomics mit antikem Hintergrund als Quelle wesentlich leichter nutzbar machen, wie der von Filippo Carlà herausgegebene Band "Caesar, Attila und Co" demonstriert.[11]


Fußnoten

1.
Vgl. Sid Jacobson/Ernie Colón, Het Leven van Anne Frank. De grafische Biografie geautoriseerd door het Anne Frank Huis, Amsterdam 2010; Moritz Stetter, Bonhoeffer, Gütersloh 2010; Reinhard Kleist/Alan Scott Haft, Der Boxer. Die wahre Geschichte des Hertzko Haft, Hamburg 2012; Marcia Vaughan/Ron Mazellan, Irena’s Jar of Secrets, New York 2011; Trina Robbins/Anne Timmons, Lily Renée. Escape Artists, New York 2011.
2.
Vgl. Michel Dufranne/Milorad Vicanović/Edmund Jacoby, Rosa Winkel, Berlin 2012.
3.
Vgl. Jérémie Dres, We Won’t See Auschwitz, London 2012; Rutu Modan, Das Erbe, Hamburg 2013; Volker Reiche, Kiesgrubennacht, Berlin 2013.
4.
Vgl. Alexander Hogh/Jörg Mailliet, Tagebuch 14–18. Vier Geschichten aus Deutschland und Frankreich, Köln 2014, http://50jahre.dfjw.org/50projekte/deutsch-franz%C3%B6sischer-comic-zum-ersten-weltkrieg-tagebuch-14-18-vier-geschichten-aus« (9.7.2014); Joe Sacco, Der Erste Weltkrieg. Die Schlacht an der Somme, Zürich 2013.
5.
So arbeiten mittlerweile das OorlogsVerzetsMuseum Rotterdam, die Anne Frank Stichting in Amsterdam, die Gedenkstätte Markt 12 in Aalten und das Indisch Herinneringscentrum Bronbeek mit jeweils speziellen Comics von Eric Heuvel, in denen verschiedene Aspekte des Zweiten Weltkrieges beleuchtet werden.
6.
Vgl. Flix, Da war mal was … Erinnerungen an hier und drüben, Hamburg 2009; Susanne Buddenberg/Thomas Henseler, Tunnel 57. Eine Fluchtgeschichte als Comic, Berlin 2012; dies., Berlin – geteilte Stadt. Zeitgeschichten, Berlin 2012.
7.
Eines der bekanntesten Beispiele sind die Rückblenden in Quentin Tarantinos "Kill Bill", aber auch aktuelle Fernsehserien wie die französische Produktion "Les Invincibles" arbeiten mit solchen Sequenzen.
8.
Vgl. They Spoke Out. American Voices Against the Holocaust, http://dep.disney.go.com/theyspokeout/« (9.7.2014).
9.
Vgl. Zeitmaschine 14/18, http://www.ard.de/home/wissen/
Erster_Weltkrieg_Zeitmaschine_14_18/1016870/index.html
(20.6.2014).
10.
Vgl. Igort/Giovanni Peduto, Berichte aus der Ukraine (Erinnerungen an die Zeit der UdSSR), Berlin 2011; Li Kunwu, Ein Leben in China, Zürich 2012–2013.
11.
Vgl. Filippo Carlà (Hrsg.), Caesar, Attila und Co. Comics und die Antike, Darmstadt 2014.
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