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Comics

5.8.2014 | Von:
Martin Frenzel

Der Holocaust im Comic

Als der erste Teil von "Maus – Die Geschichte eines Überlebenden" des US-amerikanischen Comickünstlers Art Spiegelman 1989 in Deutschland erschien, begegneten viele diesem "Holocaustcomic" mit Vorurteilen und Ressentiments. Die Debatte drehte sich um die Frage: Darf man den Holocaust im Comic darstellen? Dies sei nicht möglich, reiche nicht an den realen Schrecken des Holocaust heran und sei somit notwendigerweise stets verharmlosend und trivialisierend, so lautete der zentrale Vorwurf. Eine terrible simplification der Judenverfolgung sei durch den Transfer in die Sphäre der grafischen Literatur unausweichlich.[1] Spiegelman selbst teilte diese Bedenken natürlich nicht: "In Germany there was much more concern about the propriety of using comics", erinnerte er sich später, "At one point, I remember being interviewed and asked: ‚Do you think it’s bad taste to have done a comic about the Holocaust?‘ I said: ‚No, I think the Holocaust was in bad taste.‘"[2]

Insbesondere Spiegelmans Darstellung der Jüdinnen und Juden als Mäuse und der Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten als Katzen stieß zunächst auf Unverständnis: "Der Spiegel" etikettierte "Maus" abwertend als "Holocaust-Cartoon"; die "Süddeutsche Zeitung" attestierte dem Autor, er habe seine "verfolgten Nager" mit "liebenswürdigsten Attributen" versehen und "auch sonst" die Rollen "klar verteilt"; die Zeitschrift "Tempo" schlug gar vor, Spiegelman möge doch künftig die Juden als Hündchen abbilden und seinen Comic "Wauwauschwitz" nennen; die "Frankfurter Rundschau" wähnte nichts weniger als den "Zerfall des Comic-Romans".[3] Doch handelt es sich bei den Tiermasken um einen genialen, Distanz schaffenden Verfremdungseffekt, mithilfe dessen sich der Verfasser auf die Abgründe des Grauens zubewegt: "I need to show events and memory of the Holocaust without showing them. I want to show the masking of these events in their representation."[4] Auf gleich mehreren Ebenen nutzt Spiegelman das Stilmittel der Katz-und-Maus-Fabel: Erstens greift er das uralte antisemitische Motiv der mäusefressenden Katzen auf; zweitens liefert er eine gekonnte Persiflage auf Disneys "Funny Animals" und den Hanna-Barbera Cartoon "Tom und Jerry"; und drittens verspottet er die nationalsozialistische Rassenideologie, die Juden in Propagandafilmen als Ratten und Ungeziefer diffamierte.

Mittlerweile genießt "Maus", für das Spiegelman 1992 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, auch in Deutschland die Anerkennung des Feuilletons, wobei mitunter gar eine Tendenz zur Überhöhung festzustellen ist: Als die deutsche Übersetzung von Pascal Crocis Dokumentarcomic für Jugendliche "Auschwitz" 2005 erschien, nachdem er in Frankreich hervorragend besprochen und von der Nationalversammlung mit dem "Prix Jeunesse" ausgezeichnet worden war, wurde er hierzulande mit dem Odium des angeblich illegitimen Holocaustcomics belegt.[5] Croci, dessen Werk auf Recherchegesprächen mit Auschwitzüberlebenden basiert, wurde verübelt, dass er nicht in Spiegelman’scher Manier den Kunstgriff eines Distanzierungs- und Verfremdungseffektes anwendete, sondern eine drastische, unter die Haut gehende realistische Nahaufnahme wagte. Gleichzeitig sahen die Kritikerinnen und Kritiker darin die Gefahr einer suggestiven Ästhetisierung des Holocaust.

Holocaustcomics als Teil der Erinnerungskultur

Ob Verharmlosung und Trivialisierung durch Fiktionalisierung, Ästhetisierung des Grauens der Shoah oder das Bedienen heroisierender beziehungsweise dämonisierender Klischees – die Vorbehalte gegen Holocaustcomics reichen weit, wobei so manche Kritik epistemologisch fragwürdig erscheint, da sie Comics unterschwellig weiterhin mit der Elle der Kinder- und Jugendliteratur misst. Selbstredend stößt jede Form der künstlerisch-literarischen Auseinandersetzung mit dem Völkermord an Europas Juden irgendwann an ihre Grenzen. Doch das gilt eben nicht nur für die Bildgeschichte, sondern auch für den Film, das Theater, den Roman oder gar die Autobiografie. Wohl überall gilt die salvatorische Klausel: Es kann nur um Annäherung gehen an das, was "wirklich" gewesen ist.

Bei Holocaustcomics gilt es, die facettenreichen Möglichkeiten des grafischen Erzählens im Blick zu behalten und im Einzelfall die grafische, narrative und inszenatorische Dimension zu betrachten und zu beurteilen, ob diese auch in Anbetracht der jeweiligen Zielgruppe dem Sujet der Shoah angemessen ist.[6] Auch dem Holocaustcomic ist der subjektiv-künstlerische Spielraum zuzubilligen, den andere kulturelle Medien wie etwa das Theater für sich in Anspruch nehmen. Die Erinnerung in kulturellen Medien – und damit auch in Comics – "wählt aus und ergänzt, sie erfindet und deutet, verharmlost, dämonisiert und verklärt, mit einem Wort: Sie verändert die Vergangenheit im Prozess ihrer Vergegenwärtigung".[7]

Abbildung 1: Art Spiegelmans "Maus"Abbildung 1: Art Spiegelmans "Maus" (© picture alliance)

Das Genre des Holocaustcomics kann einen Beitrag zur historischen und gesellschaftspolitischen Erinnerungsarbeit leisten. Die spezifischen, mehrdimensionalen Möglichkeiten der Bildgeschichte nutzend, ist der Comic durch die ihm eigene Erzählstrategie der Gleichzeitigkeit in der Lage, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nach Belieben zu vereinen und dadurch eine besondere Perspektive zu bieten.[8] Raum und Zeit sind für die Gattung des grafischen Erzählens jederzeit überwindbare Hürden – wie gerade "Maus" belegt, wo der Autor häufig zwischen der Vergangenheit (den Erzählungen des Vaters über seine Erlebnisse während der Shoah) und der Gegenwart (dem Vater-Sohn-Konflikt) hin und her wechselt – und sich mit der Verarbeitung der Zweifel an seinem Projekt zugleich Metafragen gestattet, die in die Zukunft reichen (Abbildung 2).
Abbildung 2: In "Maus" verarbeitet Spiegelman auch die Zweifel an seinem ProjektAbbildung 2: In "Maus" verarbeitet Spiegelman auch die Zweifel an seinem Projekt (© Jewish Museum New York/picture alliance)

"In einer Geschichte, die das Unfassbare chronologisch und schlüssig darzustellen versucht, beharrt das Nebeneinanderstellen von Vergangenheit und Gegenwart darauf, dass beides stets vorhanden ist – man verdrängt das andere nicht, wie es im Film geschieht."[9] Schon der Kritiker Georg Seeßlen stellte fest, "Maus" komme dem Geschehen Auschwitz in seinen ironischen Brechungen und zögerlichen Bewegungen so nah, "dass nicht einmal der Ausweg in die bloße Betroffenheit bleibt".[10]

Häufig weisen Holocaustcomics biografische oder autobiografische Bezüge auf und sind damit nicht rein fiktional. Auch hier ist "Maus" ein gutes Beispiel für das Vermögen des Holocaustcomics, die angesichts der immer weniger werdenden Zeitzeuginnen und -zeugen eminent wichtige Rekonstruktion von Erinnerung mit ihrer Reflexion zu verbinden. Doch gibt es auch völlig fiktive Holocaustcomics. Mal wird die Perspektive der Opfer eingenommen, mal jene der Täterinnen und Täter – oder es wird eine komplexe synthetische Wechselwirkung erzeugt, die Opfer, Täter, Mitläuferinnen und Mitläufer sowie Zuschauerinnen und Zuschauer gleichermaßen in den Blick nimmt.

Fußnoten

1.
Vgl. Martin Frenzel, Über "Maus" hinaus, in: Ralf Palandt (Hrsg.), Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics, Berlin 2011, S. 206-283; Fabian Kettner, Nur das Kino des kleinen Mannes? Literarische und visuelle Narrative in Holocaust-Comics zwischen Abenteuerroman und Bildungsauftrag, in: ebd., S. 375–404; Hendrik Buhl, Funny Nazis? Comics zwischen Information und Unterhaltung, in: ebd., S. 405–418; Jakob F. Dittmar, Comic und Geschichtsbewusstsein, in: ebd., S. 419-427; Marc Hieronimus, Nazis zwischen Schock und Chic. Fragwürdige Darstellungen der NS-TäterInnen im Comic, in: ebd., S. 428–440; Silke Telaar, Historisches Lernen durch Sprechblasen?, Hamburg 2011.
2.
Zit. nach: Gerhard Richter, Holocaust und Katzenjammer, in: Klaus L. Berghahn/Jürgen Fohrmann/Helmut J. Schneider (Hrsg.), Kulturelle Repräsentation des Holocaust in Deutschland und den Vereinigten Staaten, New York 2002, S. 111–145; vgl. Art Spiegelman, Meta-Maus, Berlin 2012, S. 155.
3.
Zit. nach: Kai-Steffen Schwarz, Vom Aufmucken und Verstummen der Kritiker, in: Comic-Almanach 1993, S. 110.
4.
Zit. nach: James E. Young, The Holocaust as Vacarious Past: Art Spiegelman’s "Maus" and the Afterimages of History, Chicago 1998, S. 666ff.
5.
Vgl. M. Frenzel (Anm. 2), S. 235ff.
6.
Vgl. Martin Schüwer, Wie Comics erzählen, Trier 2008. Zur Frage der Authentizität in Geschichtscomics sowie zum Umgang mit Ästhetik und Emotionalität im Comic siehe auch Christine Gundermanns Beitrag in diesem Heft (Anm. d. Red.).
7.
Peter Reichel, Erfundene Erinnerung. Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater, München 2004, Klappentext.
8.
Zu den Erzählabläufen im Comic siehe auch Thierry Groensteens Beitrag in diesem Heft (Anm. d. Red.).
9.
A. Spiegelman (Anm. 1), S. 165f.
10.
Georg Seeßlen, Ein Vater blutet Geschichte, in: Der Freitag, Nr. 41 vom 2.10.1992, S. 24 der Literaturbeilage.
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