Comics

5.8.2014 | Von:
Dietrich Grünewald

Zur Comicrezeption in Deutschland

Die Bildgeschichte hat in Deutschland eine lange kulturelle Tradition. So kann als ein früher Bildroman die um 1220 entstandene Bildgeschichte zum Eneasroman des Heinrich von Veldeke in der "Berliner Handschrift" angesehen werden, deren Akteure in Spruchbändern miteinander kommunizieren.[1] Von Albrecht Dürer, Max Klinger und Käthe Kollwitz über Johann Heinrich Ramberg, Lothar Meggendorfer und Wilhelm Busch bis hin zu Erich Ohser und Ralf König zieht sich ein vielfältiges und reiches Œuvre an Bildgeschichten durch die deutsche Kultur.

Dennoch haben Comics hierzulande einen schweren Stand: Während sich in den USA, Frankreich und Belgien eine lebendige Comickultur herausbildete, die bis heute existiert, wurden Comics in Deutschland lange Zeit nicht ernst genommen.

Stigma des Schmuddelheftchens

Als "Der Spiegel" am 21. März 1951 in dem Artikel "Comic – Opium in der Kinderstube" über die in den USA laufende Anti-Comic-Kampagne berichtete, wurde das, was jenseits des Atlantiks vor allem den Horrorcomics galt, hierzulande pauschal auf Comics übertragen. Volkswartbund, Pädagoginnen und Pädagogen sowie die Politik überzogen Comics mit einer Schund- und Schmutzkampagne, verbrannten sie auf Scheiterhaufen und brandmarkten ihre Leserinnen und Leser als Analphabeten und potenzielle Kriminelle. "Anspruchsvolle" Verlage verweigerten sich einer Comicproduktion und überließen das Angebot der Importindustrie beziehungsweise "Trivial-Verlagen".[2]

Dieser Pejorisierung kam entgegen, dass die meisten Comics in der Bundesrepublik Importware und damit kulturell nicht verwurzelt waren. Tatsächlich waren in Deutschland vor dem Krieg in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften durchaus Comicserien deutscher und ausländischer Herkunft erschienen, wie beispielsweise "Micky Maus". Insbesondere Hefte für Kinder, wie "Papagei", "Dideldum" und "Schmetterling", wiesen ein reichhaltiges Angebot auf.[3] Allerdings hatte sich in Deutschland keine eigene Comicindustrie entwickelt. Somit waren Comics hierzulande erst mit den aus den USA importierten Comicserien in den Nachkriegszeitungen und Kioskheften als auflagenstarkes Massenphänomen wahrgenommen worden. Eine latente Bildfeindlichkeit, die sich erst seit den 1990er Jahren mit dem postulierten iconic turn langsam auflöste, sowie der Verweis der Comics auf das Gebiet der trivialen Massenunterhaltung beziehungsweise der Kinderlektüre hatten einer kulturellen Akzeptanz wenig Chancen gelassen. Als sich nun die großen Verlage und der Buchhandel den Comics verweigerten, entstanden in der Folge nur vergleichsweise wenige deutsche Eigenproduktionen – am bekanntesten sind Rolf Kaukas "Fix und Foxi". In der DDR erschien hingegen als Reaktion auf das offenkundige Interesse an Comics neben der Heftserie "Mosaik" ab 1955 die Zeitschrift "Atze" der Jungen Pioniere, die Bildgeschichten als Mittel politisch-sozialistischer Erziehung einsetzte.

Erst im Zuge der 68er-Bewegung und unterstützt durch eine Comicausstellung samt Tagung an der Akademie der Künste in Berlin 1970 änderte sich die Blickrichtung. Allerdings blieben die Meinungen gespalten: Sahen die einen in Comics einen kulturellen Wert, waren sie für andere ein manipulatives Angebot der Unterhaltungsindustrie – "Massenzeichenware"[4] im Geiste Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Kritik der Unterhaltungsindustrie hinsichtlich ihres Warencharakters und einer heimlichen Erziehung im Sinne der Herrschenden im kapitalistischen System.

Trotz andauernder Kritik wuchs jedoch die Erkenntnis, dass Comics nicht per se qualitätslos sind und auch positive Werte vermitteln können. In wissenschaftlichen Werken und populären Ratgebern begann eine Auseinandersetzung mit Inhalten, Ästhetik und Geschichte der Comics sowie ihrer Wirkung und Rezeptionsanforderungen. Erstmals wurde dem Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt am Main ein entsprechendes DFG-Forschungsprojekt genehmigt.[5] Junge Lehrerinnen und Lehrer sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler öffneten in Unterricht, Lehre und Forschung den Comics kleine Fenster und suchten auf Fachtagungen Pädagogen, Eltern und Bibliotheksbeschäftigte für diese Lektüre zu sensibilisieren. Dieser vermeintliche Schwung der 1970er Jahre erwies sich jedoch als Strohfeuer. Die revidierte Sicht blieb auf einen relativ kleinen Kreis von Interessierten beschränkt. Die Präsenz der Comics an Schulen und Hochschulen war eher marginal, in Presse, Funk und Fernsehen fand ihre Reflexion so gut wie nicht statt.

Fußnoten

1.
Vgl. Dietrich Grünewald, Eneas. Ein Bildroman des Mittelalters, in: Eckart Sackmann (Hrsg.), Deutsche Comicforschung 2013, Hildesheim 2012, S. 6–21.
2.
Vgl. beispielsweise Christian Vähling, Bildidiotismus und Jugendnot, in: Burkhard Ihme (Hrsg.), Comic!-Jahrbuch 2004, Stuttgart 2003, S. 8–27.
3.
Vgl. zu Vorkriegscomics die Reihe Eckart Sackmann (Hrsg.), Deutsche Comicforschung, Hildesheim seit 2004.
4.
Wiltrud Ulrike Drechsel/Jörg Funhoff/Michael Hoffmann, Massenzeichenware, Die gesellschaftliche und ideologische Funktion der Comics, Frankfurt/M. 1975.
5.
Vgl. Bernd Dolle-Weinkauff, Comics. Geschichte einer populären Literaturform in Deutschland seit 1945, Weinheim–Basel 1990; Dietrich Grünewald, Zwischen Schund und Kunst, Comics in den 70er Jahren, in: Eckart Sackmann (Hrsg.), Deutsche Comicforschung 2010, Hildesheim 2009, S. 132–143.
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Autor: Dietrich Grünewald für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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