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Comics
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5.8.2014 | Von:
Dietrich Grünewald

Zur Comicrezeption in Deutschland

Die Bildgeschichte hat in Deutschland eine lange kulturelle Tradition. So kann als ein früher Bildroman die um 1220 entstandene Bildgeschichte zum Eneasroman des Heinrich von Veldeke in der "Berliner Handschrift" angesehen werden, deren Akteure in Spruchbändern miteinander kommunizieren.[1] Von Albrecht Dürer, Max Klinger und Käthe Kollwitz über Johann Heinrich Ramberg, Lothar Meggendorfer und Wilhelm Busch bis hin zu Erich Ohser und Ralf König zieht sich ein vielfältiges und reiches Œuvre an Bildgeschichten durch die deutsche Kultur.

Dennoch haben Comics hierzulande einen schweren Stand: Während sich in den USA, Frankreich und Belgien eine lebendige Comickultur herausbildete, die bis heute existiert, wurden Comics in Deutschland lange Zeit nicht ernst genommen.

Stigma des Schmuddelheftchens

Als "Der Spiegel" am 21. März 1951 in dem Artikel "Comic – Opium in der Kinderstube" über die in den USA laufende Anti-Comic-Kampagne berichtete, wurde das, was jenseits des Atlantiks vor allem den Horrorcomics galt, hierzulande pauschal auf Comics übertragen. Volkswartbund, Pädagoginnen und Pädagogen sowie die Politik überzogen Comics mit einer Schund- und Schmutzkampagne, verbrannten sie auf Scheiterhaufen und brandmarkten ihre Leserinnen und Leser als Analphabeten und potenzielle Kriminelle. "Anspruchsvolle" Verlage verweigerten sich einer Comicproduktion und überließen das Angebot der Importindustrie beziehungsweise "Trivial-Verlagen".[2]

Dieser Pejorisierung kam entgegen, dass die meisten Comics in der Bundesrepublik Importware und damit kulturell nicht verwurzelt waren. Tatsächlich waren in Deutschland vor dem Krieg in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften durchaus Comicserien deutscher und ausländischer Herkunft erschienen, wie beispielsweise "Micky Maus". Insbesondere Hefte für Kinder, wie "Papagei", "Dideldum" und "Schmetterling", wiesen ein reichhaltiges Angebot auf.[3] Allerdings hatte sich in Deutschland keine eigene Comicindustrie entwickelt. Somit waren Comics hierzulande erst mit den aus den USA importierten Comicserien in den Nachkriegszeitungen und Kioskheften als auflagenstarkes Massenphänomen wahrgenommen worden. Eine latente Bildfeindlichkeit, die sich erst seit den 1990er Jahren mit dem postulierten iconic turn langsam auflöste, sowie der Verweis der Comics auf das Gebiet der trivialen Massenunterhaltung beziehungsweise der Kinderlektüre hatten einer kulturellen Akzeptanz wenig Chancen gelassen. Als sich nun die großen Verlage und der Buchhandel den Comics verweigerten, entstanden in der Folge nur vergleichsweise wenige deutsche Eigenproduktionen – am bekanntesten sind Rolf Kaukas "Fix und Foxi". In der DDR erschien hingegen als Reaktion auf das offenkundige Interesse an Comics neben der Heftserie "Mosaik" ab 1955 die Zeitschrift "Atze" der Jungen Pioniere, die Bildgeschichten als Mittel politisch-sozialistischer Erziehung einsetzte.

Erst im Zuge der 68er-Bewegung und unterstützt durch eine Comicausstellung samt Tagung an der Akademie der Künste in Berlin 1970 änderte sich die Blickrichtung. Allerdings blieben die Meinungen gespalten: Sahen die einen in Comics einen kulturellen Wert, waren sie für andere ein manipulatives Angebot der Unterhaltungsindustrie – "Massenzeichenware"[4] im Geiste Max Horkheimers und Theodor W. Adornos Kritik der Unterhaltungsindustrie hinsichtlich ihres Warencharakters und einer heimlichen Erziehung im Sinne der Herrschenden im kapitalistischen System.

Trotz andauernder Kritik wuchs jedoch die Erkenntnis, dass Comics nicht per se qualitätslos sind und auch positive Werte vermitteln können. In wissenschaftlichen Werken und populären Ratgebern begann eine Auseinandersetzung mit Inhalten, Ästhetik und Geschichte der Comics sowie ihrer Wirkung und Rezeptionsanforderungen. Erstmals wurde dem Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt am Main ein entsprechendes DFG-Forschungsprojekt genehmigt.[5] Junge Lehrerinnen und Lehrer sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler öffneten in Unterricht, Lehre und Forschung den Comics kleine Fenster und suchten auf Fachtagungen Pädagogen, Eltern und Bibliotheksbeschäftigte für diese Lektüre zu sensibilisieren. Dieser vermeintliche Schwung der 1970er Jahre erwies sich jedoch als Strohfeuer. Die revidierte Sicht blieb auf einen relativ kleinen Kreis von Interessierten beschränkt. Die Präsenz der Comics an Schulen und Hochschulen war eher marginal, in Presse, Funk und Fernsehen fand ihre Reflexion so gut wie nicht statt.

Entstehen einer Subkultur

Dennoch erwuchsen aus der Kindergeneration, die in den 1950er und 1960er Jahren trotz aller Verbote mit intensiver Comiclektüre groß geworden waren – verstärkte doch die Pejorisierung nur die Leselust –, mehr und mehr Menschen, die trotz aller Vorbehalte ihr Interesse bewahrten und eine engagierte Subkultur aufbauten. Was einst Verlage aus marktstrategischen Gründen mit Fanclubs wie dem Micky-Maus-Club oder dem Sigurd-Club angestoßen hatten, wird bis heute gepflegt, inzwischen vor allem über das Internet. 1970 wurde in West-Berlin die bis heute existierende Interessengemeinschaft Comic Strip (INCOS) zum Austausch zwischen Fans, Sammlerinnen und Sammlern, Händlerinnen und Händlern sowie der Wissenschaft gegründet. Eine weitere, wenn auch kuriose Initiative war die Gründung der Deutschen Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus (Donald) durch Hans von Storch in Hamburg 1977. Sie widmet sich bis heute ironisch-intellektuell der Welt Entenhausens, den Comics von Carl Barks und seiner kongenialen deutschen Übersetzerin Erika Fuchs. Die "Donaldisten" sind mittlerweile in zahlreichen deutschen Städten vertreten und durch Publikationen sowie im Internet präsent.[6] Von Beginn an überregional Bedeutung hatte für alle Comicinteressierten der 1981 gegründete Interessenverband Comic, Cartoon, Illustration und Trickfilm (ICOM). Er versteht sich vorwiegend als Interessenvertretung der Comickünstlerinnen und -künstler, zählt aber auch Sammler, Wissenschaftler und allgemein Comicinteressierte zu seinen Mitgliedern.

Gleichzeitig bildete sich innerhalb der Fanszene mit verschiedenen Fanzines nach und nach eine überregionale deutschsprachige Comicfachpresse heraus, die mittlerweile durch die Publikationsmöglichkeiten des Internets eine ungleich größere Dimension angenommen hat.[7] René Lehnerer, Thilo Rex und Andreas C. Knigge gründeten 1974 das Magazin "Comixene", das sich schon bald mit Informationen über die aktuelle nationale und internationale Comicszene, Sachbeiträgen, Künstlerporträts und Rezensionen zu einem geschätzten Fachblatt entwickelte. 2012 wurde es aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Das Engagement der Redakteurinnen und Redakteure sowie der Autorinnen und Autoren ist die Basis dieser Zeitschriften, wodurch allerdings nur zu leicht ökonomische oder persönliche Gründe zu ihrer Einstellung führen können. So erschienen beispielsweise auch das Wiener "Comicforum" von 1979 bis 1998, "Rrraah!" aus Hildesheim zwischen 1978 und 2001 oder die "Sprechblase" aus Schönau von 1978 bis 2008. Seit 1984 präsentiert "Reddition. Zeitschrift für Graphische Literatur" aus Barmstedt Schwerpunktthemen zu europäischen und amerikanischen Comics. Das gleiche Team gibt seit 2012 auch die vierteljährlich erscheinende Zeitschrift "Alfonz. Der Comicreporter" heraus. Solche Fanzines bieten dem Forschungs- und Sammlereifer der Fans Raum und liefern einen wichtigen Beitrag zur Erforschung der Comics. Jahrbücher,[8] Internetportale[9] sowie Lexika[10] komplettieren heute das Informationsangebot.

Seither lebt die Comicszene in Deutschland, wie heute die wachsende Zahl an Festivals, Tauschbörsen und Messen in deutschen Städten, aber auch an Förderpreisen und Wettbewerben für junge Nachwuchskünstler zeigt.[11] Als bedeutendstes deutsches Treffen hat sich der 1984 ins Leben gerufene, im Zweijahresrhythmus stattfindende Internationale Comic-Salon in Erlangen etabliert, auf dem mit dem "Max und Moritz-Preis" auch die wichtigste Auszeichnung für grafische Literatur im deutschsprachigen Raum vergeben wird.

Erste Schritte zur kulturellen Akzeptanz

In den 1970er Jahren veränderte sich mit dem Generationenwechsel in der Bundesrepublik auch der Comicmarkt. So etablierte sich mit den Erfolgsserien "Asterix" und "Lucky Luke" das Medium Album, das bislang "Tim und Struppi" von Hergé vorbehalten gewesen war. Es erlaubte eine längere Marktpräsenz als das kurzfristige Heftchenprogramm am Kiosk. Zudem entwickelten sich spezialisierte Comicläden und der Comicversand. Autorencomics – abgeschlossene längere Geschichten oder Kurzserien – und Sammelmagazine wie "Zack" erreichten ein jugendliches und erwachsenes Publikum. "Zack" erschien von 1972 bis 1980 und wurde auch in Frankreich, den Niederlanden und Dänemark vertrieben. In den 1980er Jahren entstanden darüber hinaus Foren für innovative Experimente, wie etwa die von 1989 bis 1994 erscheinende Zeitschrift "Boxer. Moderne Bildgeschichten" oder "Strapazin M", das 1984 in München als "Comic-Art Magazin für Strapazierfähige" ins Leben gerufen wurde.

Ein wichtiger Impuls für die kulturelle Akzeptanz des Comics in Deutschland war das Erscheinen der deutschen Ausgabe von Art Spiegelmans "Maus" 1989 und 1991 bei Rowohlt. Das Werk über den Holocaust demonstrierte der deutschen kulturellen Öffentlichkeit, sekundiert von zahlreichen begleitenden Analysen und Ausstellungen, dass Comics mehr als triviale Unterhaltung sein und auf ihre eigene künstlerische Weise anspruchsvoll ernste Themen aufgreifen können.[12] Schritt für Schritt erleben wir seitdem eine Erweiterung des Comicangebots in Deutschland, insbesondere für die Zielgruppe Erwachsene.

Etwa zur gleichen Zeit erhielt mit der deutschen Wiedervereinigung auch die Szene der Comiczeichnerinnen und -zeichner in Deutschland Auftrieb. Experimentelle Ansätze junger Ostberliner Grafikerinnen und Grafiker, zum Beispiel der Gruppe "Renate", zu deren Gründern Atak (Georg Barber) zählt, oder Anke Feuchtenbergers,[13] wirkten sich bundesweit aus. Risikofreudige Verlage wie Jochen Enterprises aus Berlin boten diesen Künstlern Publikationsmöglichkeiten, beispielsweise für die von Atak zwischen 1998 und 2002 herausgegebene Heftreihe "Wondertüte" oder Feuchtenbergers Geschichte "Die Hure H" von 1996. Beide sind heute Hochschullehrer. Mit einer Reihe weiterer Comiczeichner wie Hendrik Dorgathen in Kassel, Ute Helmbold in Braunschweig, Marcus Herrenberger in Münster oder Henning Wagenbreth in Berlin haben sie an Fachhochschulen und Akademien Comics als Teil des künstlerischen Lehrangebotes etabliert. Seitdem werden immer wieder gelungene Abschlussarbeiten publiziert, wie zum Beispiel 2007 "Liebe schaut weg" von Line Hoven, Diplomarbeit an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg. Zwar können nach wie vor nur wenige Grafiker allein von ihrer Comicarbeit leben, dennoch ist die Zahl junger Talente deutlich gestiegen. Anleitungsbücher zum Comiczeichnen für Laien wie für Profis spiegeln diesen Trend.[14]

Immer mehr Verlage boten zunehmend auch deutschsprachigen Künstlern Publikationsmöglichkeiten. Denn neben Heft und Album erschloss sich der Comic inzwischen hierzulande auch das Buch als Medium und damit den Buch- und Versandbuchhandel, was wiederum die Gelegenheit war, neben Mainstreamserien für Fans auch spezielle Comicangebote aufzulegen, die über einen längeren Zeitraum Interessierte ansprechen. So erzielte beispielsweise Rowohlt 1987 einen großen Publikumserfolg mit Ralf Königs Comic "Der Bewegte Mann", der 1994 auch verfilmt wurde. Ein weiteres Beispiel ist die 1999 erschienene zweibändige Goethe-Biografie der Zeichner Christoph Kirsch und Thomas von Kummant in der Ehapa Comic Collection in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut.

Einen wichtigen Impuls für Produktion, Markt und Publikum gab das Label "Graphic Novel". Gemeint sind längere, abgeschlossene Bildgeschichten. Das Angebot zeichnet sich durch eine große Themenvielfalt und ästhetische Innovationen aus. Trotz berechtigter Kritik an der Gefahr, durch eine Spaltung in Comics als massenmediale Trivialunterhaltung einerseits und Graphic Novels als grafische Belletristik andererseits neue Vorurteile zu produzieren, ist das Label durchaus erfolgreich, werden doch so nach wie vor latent existente Vorbehalte überspielt. Trotz relativ niedriger Auflagenhöhen sind Graphic Novels internationaler und nationaler Herkunft auf dem Comicmarkt relativ erfolgreich.

Heute nehmen auch traditionelle Verlage vermehrt Bildgeschichten in ihr Programm auf. Darunter viele Adaptionen, die bekannte Stoffe nicht einfach übertragen, sondern mit den spezifischen ästhetischen Möglichkeiten der Bildgeschichte neu erzählen.[15] Auch Sachcomics, naturwissenschaftliche Werke,[16] Biografien,[17] historische Arbeiten – insbesondere zur jüngsten deutschen Vergangenheit[18] – zeigen die Vielfalt der Bildgeschichte als eigenständige Kunstform auf. Doch nach wie vor ist es vor allem das Engagement mutiger Kleinverlage, das das Experimentierfeld anspruchsvoller Bildgeschichten bewegt.[19]

Gleichzeitig ist in jüngster Zeit auch zu beobachten, dass die jetzige Großelterngeneration – vom Schmutz- und Schundkampf gegen Comics zwar stark geprägt – ein großes nostalgisches Erinnerungsinteresse an Comics der 1950er und 1960er Jahre an den Tag legt. Der Markt reagiert: Inzwischen gibt es Nachdrucke von alten Serien, die oft von Ausstellungen und wissenschaftlichen Aufarbeitungen begleitet werden. Die Beispiele reichen von "Lurchi der Salamander", das seit 1937 erscheinende und damit älteste deutsche Comicheft, über "Mecki", seit 1951 in der "Hörzu", bis zu "Sigurd" von Hansrudi Wäscher oder Helmut Nickels "Winnetou".[20] Besonderer nostalgischer Beliebtheit erfreuen sich die Bildgeschichten, die in der DDR erschienen sind.[21] So wird die Kultserie "Mosaik" von Hannes Hegen, die 1955 mit der gleichnamigen Zeitschrift startete, derzeit in Sammelbänden neu aufgelegt. Gleichzeitig ist das "Mosaik", das 1975 nach dem Ausscheiden Hegens mit den Abrafaxen von Chefzeichnerin Lona Ritschel als neuen Helden weitergeführt wurde, bis heute lebendig und gewinnt eine wachsende Interessentengemeinde.[22]

Einzug in Feuilletons, Museen und Wissenschaft

Während noch bis in die 1990er Jahre die Presse Comics als Reflexionsthema weitgehend ignorierte, hat sich das Feuilleton überregionaler wie regionaler Zeitungen dank des besonderen Engagements einiger Redakteure dem Thema heute geöffnet. Als Ralf Königs Buch "Elftausend Jungfrauen" 2012 erschien, wurde das Ereignis in zahlreichen Tages- und Wochenzeitungen kommentiert. Schon kurz darauf wurden die Zeichnungen des Buches in einer Ausstellung im Stadtmuseum Köln 2013 präsentiert.[23] Rezensionen zu aktuellen Comics finden sich heute nicht nur in der Comicfachpresse und einschlägigen Internetportalen, sondern auch in zahlreichen Zeitungen. Ein weiterer Hinweis auf ein gewachsenes allgemeines Interesse ist die vermehrte Herausgabe populärwissenschaftlicher Bücher über Comics[24] oder Themenhefte etablierter Zeitschriften, die diese Kunst als diskussionswürdig vorstellen.[25]

Nach dem Anstoß der Berliner Ausstellung 1970, die als Wanderausstellung durch zahlreiche bundesdeutsche Städte zog, wuchs die Zahl der Comicausstellungen in Deutschland. Waren die Exponate anfangs noch oft Kopien aus Heften und Alben, so sind heute vornehmlich Originalzeichnungen oder Erstdrucke zu sehen. Zu Überblicksausstellungen zur Geschichte der Comics,[26] zu Künstlern, Genres oder Serien gesellen sich zahlreiche thematische Ausstellungen, zum Beispiel "Helden, Freaks und Superrabbis. Die jüdische Farbe des Comics" 2010 im Jüdischen Museum Berlin oder "Comics gegen Nazis" 2009 im Wiesbadener Pressehaus.[27] Das Verhältnis von bildender Kunst und Comics zeigt mit einem Augenzwinkern die seit 2003 tourende Wanderausstellung "Duckomenta", die Kunstwerke in Disney-Comics wie klassische Kunstmotive in Duck’scher Personalausstattung präsentiert, oder mit eher sachlich-informativem Blick die Ausstellung "Kaboom! Comic in der Kunst" 2013 im Museum für Moderne Kunst in Bremen. Den Stellenwert der Comics in der deutschen Gesellschaft thematisierte die Ausstellung "Comicleben – Comiclife" 2012 im Museum Europäischer Kulturen in Berlin, die an individuellen Beispielen den Comiczeichner, -verleger, -sammler, -leser und -wissenschaftler vorstellte. Die meisten Ausstellungen werden von einem Katalog begleitet, der in der Regel einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt.

Die Comicforschung in Deutschland ist in hohem Maße auf die Informationen von Sammlern und der Fanszene angewiesen, ist sie doch institutionell nicht verortet. Es gibt nur wenige Ausnahmen, wie das Institut für Jugendbuchforschung der Goethe-Universität Frankfurt am Main, wo seit den 1960er Jahren eine Bibliothek primärer und sekundärer Comicliteratur aufgebaut wird, die Arbeitsstelle für Graphische Literatur (ArGL) an der Universität Hamburg oder das Institut für Germanistik der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn mit seiner "Bonner Online-Bibliographie zur Comicforschung".[28] Wissenschaftler aus den Kunst-, Literatur-, Medien- und Kulturwissenschaften sowie aus der Linguistik, Geschichte und Theologie haben – meist aus persönlichem Interesse – Comics zum Gegenstand ihrer Forschung und Lehre gemacht und in bestehende Studiengänge integriert. Das spiegelt sich in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen,[29] Tagungen an Universitäten und Akademien[30] sowie in Dissertationen, Habilitationsschriften und Forschungsprojekten. Die Vielfalt der Wissenschaftsgebiete findet sich jedoch in der Terminologie sowie in den wissenschaftlichen Methoden und Fragestellungen wieder, wobei in vielen Fällen die Forschungsarbeiten der parallelen Wissenschaften nicht oder nur unzulänglich in die eigenen Überlegungen eingebunden werden, wenngleich der fachübergreifende Zugriff dieses "hybriden" Gegenstands stets betont wird. Um die am Comic interessierten Wissenschaftler kommunikativ zu verbinden und der Comicwissenschaft als pluraler Forschung ein Forum zu bieten, wurde daher 2004 die Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) gegründet.[31] Sie organisiert jährlich eine Wissenschaftstagung zu wechselnden Themen und publiziert deren Ergebnisse in Tagungsbänden.[32]

Fazit

Nach Jahren der Ablehnung, Ignoranz und heimlichen Duldung sind Comics schließlich auch hierzulande auf dem Weg zur kulturellen Akzeptanz. Als "Opium in der Kinderstube" gelten sie schon lange nicht mehr. Ganz im Gegenteil: Derzeit werden Comics als Gegenstand wie als Medium im Unterricht für ein breites Spektrum an Fächern wie Deutsch, Geschichte, Naturwissenschaften, Fremdsprachen, Religion und Kunst wieder diskutiert, erprobt und untersucht.[33] Forschungsprojekte stützen die These, dass Kinder aktiv und sinnvoll mit Comics umgehen können und diese sogar eine motivierende Lernbasis darstellen.[34]

Trotz der festen Verwurzelung der Bildgeschichte auch in der deutschsprachigen Kultur sind Comics gegenüber den anderen Künsten in Deutschland jedoch immer noch ein Stiefkind. Wie Comickünstler, -forscher und -fans im Berliner "Comic-Manifest" von 2013 forderten,[35] sollten Comicprojekte hierzulande gleichberechtigt behandelt und entsprechend gefördert werden. Comics sollten als eine eigenständige Kunstform angesehen werden, die fern aller sprachartistischen und akademischen Differenzierungen zwischen Comic, Graphic Novel, Manga und anderen auf der narrativen autonomen Bildfolge basiert.[36]

Für eine angemessene kulturelle Akzeptanz braucht es nicht nur ein qualitativ überzeugendes Angebot, sondern auch die Bereitschaft der Leser, sich diesem Angebot zu öffnen sowie eine lebendige öffentliche Resonanz in Medien, Wissenschaft und Bildung. Comiclektüre ist ein reiches, lohnenswertes Angebot für alle, die Freude an narrativen Bildern haben. Bildgeschichten sind nicht nur anschaulich und unmittelbar, sie fordern darüber hinaus eine mitspielend-deutende Rezeption, Offenheit sowie einen kritisch-wertenden Blick. Natürlich ist nicht alles gut, nur weil es Comic ist. Doch die vielen hervorragenden Werke, die es inzwischen auch hierzulande gibt, belegen, dass sich die Anstrengung lohnt.
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Fußnoten

1.
Vgl. Dietrich Grünewald, Eneas. Ein Bildroman des Mittelalters, in: Eckart Sackmann (Hrsg.), Deutsche Comicforschung 2013, Hildesheim 2012, S. 6–21.
2.
Vgl. beispielsweise Christian Vähling, Bildidiotismus und Jugendnot, in: Burkhard Ihme (Hrsg.), Comic!-Jahrbuch 2004, Stuttgart 2003, S. 8–27.
3.
Vgl. zu Vorkriegscomics die Reihe Eckart Sackmann (Hrsg.), Deutsche Comicforschung, Hildesheim seit 2004.
4.
Wiltrud Ulrike Drechsel/Jörg Funhoff/Michael Hoffmann, Massenzeichenware, Die gesellschaftliche und ideologische Funktion der Comics, Frankfurt/M. 1975.
5.
Vgl. Bernd Dolle-Weinkauff, Comics. Geschichte einer populären Literaturform in Deutschland seit 1945, Weinheim–Basel 1990; Dietrich Grünewald, Zwischen Schund und Kunst, Comics in den 70er Jahren, in: Eckart Sackmann (Hrsg.), Deutsche Comicforschung 2010, Hildesheim 2009, S. 132–143.
6.
Siehe die Homepage der Organisation: http://www.donald.org« (19.6.2014).
7.
Vgl. beispielsweise den Mecki-Fanclub, http://archive.bilderundworte.de/de/catalog/mecki-fanclub/publisher/216« (19.6.2014) oder das Mosaik Online-Fanzine http://www.tangentus.de« (19.6.2014).
8.
Vgl. beispielsweise Eddition Alfonz (Hrsg.), Comicreport 2014, Barmstedt 2014. Eine wissenschaftliche Comicinternetzeitung wird von der Gesellschaft für Comicforschung (ComFor) vorbereitet.
9.
Vgl. beispielsweise http://www.comic.de«, http://www.comicguide.de« oder http://www.comic-report.de«.
10.
Vgl. beispielsweise Andreas C. Knigge, Comic Lexikon, Frankfurt/M. 1988; Reinhard Pfeiffer, Von Hannes Hegen bis Erich Schmitt, Lexikon der Karikaturisten, Presse- und Comiczeichner der DDR, Berlin 1998; Marcus Czerwionka (Hrsg.), Comic-Lexikon, Meitingen 1992.
11.
So schreibt beispielsweise der Egmont Verlag seit 2012 ein Comicstipendium für Nachwuchskünstler, Studierende, Szenaristen und Zeichner unter 35 Jahren aus. Die Ausschreibung gibt ein Thema vor (2014: "Grenzenlos"), der Preis besteht aus einem Preisgeld und der Veröffentlichung der Arbeit.
12.
Vgl. unter anderem Oliver Näpel, Auschwitz im Comic, Münster 1998, sowie die umfangreiche Spiegelman-Ausstellung im Museum Ludwig, Köln 2012. Der Erfolg von Spiegelmans Buch über seinen Comic ist ein Beleg für die Nachhaltigkeit dieser Erkenntnis: Vgl. Art Spiegelman, Meta Maus, Frankfurt/M. 2012.
13.
Einen selbstironischen Rückblick gibt hierzu der Comicstrip "Wie Alles begann" von Anke Feuchtenberger und Atak in der Berliner Zeitung vom 4.2.2002.
14.
Vgl. beispielsweise Frank Plein, Der Comic im Kopf, Kreatives Erzählen in der neunten Kunst, Stuttgart 2012.
15.
Vgl. beispielsweise Jakob Hinrichs, Traumnovelle (nach Arthur Schnitzler), Frankfurt/M. 2012.
16.
Vgl. beispielsweise Gert Höfner/Siegfried Süßbier, Das verrückte Mathe-Comic-Buch, Heidelberg 2012.
17.
Vgl. beispielsweise Reinhard Kleist, Cash. I See the Darkness, Hamburg 2006 (über den Musiker Johnny Cash).
18.
Vgl. unter anderem Barbara Henniger, Unsere deutsche demokratische Republik, Ein Bilderbuch aus dem Jenseits, Berlin 1998; Flix, Da war mal was … Hamburg 2009; Claire Lenkova, Grenzgebiete, Eine Kindheit zwischen Ost und West, Hildesheim 2009; Simon Schwartz, Drüben!, Berlin 2009; Isabel Kreitz, Deutschland. Ein Bilderbuch, Köln 2011; Thomas Henseler/Susanne Buddenberg, Geteilte Stadt Berlin, Berlin 2013.
19.
Wie Edition Moderne aus Zürich, Reprodukt und Avant aus Berlin, Edition 52 aus Wuppertal, Die Biblyothek – Edition Moritate aus Leipzig, Salleck Publications aus Wattenheim.
20.
Bereits von 1977 bis 1980 hatte die Edition Becker & Knigge den Comicstrip "Taro" von Friedrich-Wilhelm Richter-Johnsen und Fritz Raab, der von 1959 bis 1968 im "Stern" erschien, in drei Bänden herausgebracht sowie ab 1979 "Jimmy das Gummipferd" von Roland Kohlsaat, das von 1953 bis 1976 ebenfalls im "Stern" erschien. 2003 stellte das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover die Serie aus und legte einen weiteren Nachdruck vor.
21.
Vgl. beispielsweise die Reihe "Klassiker der DDR-Bildgeschichte" des Dresdner Holzhof-Verlags, die seit 2005 Reprints beliebter Serien herausbringt.
22.
Vgl. beispielsweise Petra Kock, Das Mosaik von Hannes Hegen, Berlin 1999; Thomas Kramer, Micky, Marx und Manitu, Berlin 2002; Mark Lehnstedt, Die geheime Geschichte der Digedags, Leipzig 2010.
23.
Das Museum Caricatura in Frankfurt/M. zeigte 2014 eine umfassende König-Ausstellung.
24.
Vgl. beispielsweise Andreas C. Knigge, Alles über Comics. Eine Entdeckungsreise von den Höhlenbildern bis zum Manga, Hamburg 2004.
25.
Vgl. beispielsweise Schreibheft, Zeitschrift für Literatur, 30 (2007) 68; Text + Kritik, Sonderband V/09; Neue Rundschau, 123 (2012) 3; Kunst + Unterricht (2010) 347–348.
26.
Die erste umfassende und auf Originalen basierende Ausstellung zu deutschsprachigen Comics zeigte das Mittelrheinmuseum Koblenz 2004: "Comic-Kunst. Vom Weberzyklus zum Bewegten Mann. Deutschsprachige Bildgeschichten des 20. Jahrhunderts". Zuletzt bot die Ausstellung "Streich auf Streich. Deutschsprachige Comics von Wilhelm Busch bis heute" des Wilhelm-Busch-Museums Hannover 2014 einen Überblick.
27.
Vgl. den Sammelband zur parallelen Fachtagung: Ralf Palandt (Hrsg.), Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Comics, Berlin 2011.
28.
Vgl. http://www.comicforschung.uni-bonn.de« (1.7.2014).
29.
Ich verweise als Beispiel auf den Bachmann-Verlag, der unter anderem in seiner Gelben Reihe der Comicforschung ein Forum bietet. http://www.christian-bachmann.de« (1.7.2014).
30.
Zwei Beispiele aus dem Jahr 2014: "Graphisches Erzählen – neue Perspektiven auf Literaturcomics", 5.–7.3.2014, Düsseldorf; "Was ist eigentlich eine Graphic Novel? Zur Kultur des Erzählens mit Bildern", 2.–4.7.2014, Braunschweig.
31.
Siehe die Homepage der Gesellschaft: http://www.comicgesellschaft.de« (1.7.2014)
32.
Vgl. zum Beispiel Dietrich Grünewald (Hrsg.), Der dokumentarische Comic, Essen 2013; Stephan Packard (Hrsg.), Comics und Politik, Berlin 2014.
33.
Vgl. als Beispiel zum Geschichtsunterricht: René Mounajed, Geschichte in Sequenzen, Über den Einsatz von Geschichtscomics im Geschichtsunterricht. Frankfurt/M. 2009.
34.
Vgl. Ellen Thiessen, Comicrezeption und die kognitive Verarbeitung bei Kindern, München 2012.
35.
Vgl. http://www.literaturfestival.com/aktuelles/das-comic-manifest-comic-ist-kunst« (17.6.2014).
36.
Vgl. Dietrich Grünewald, Das Prinzip Bildgeschichte, in: ders. (Hrsg.), Struktur und Geschichte der Comics, Bochum–Essen 2010, S. 11–31.
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