Comics

5.8.2014 | Von:
Jaqueline Berndt

Manga ist nicht gleich Manga: Plädoyer für eine Differenzierung

Sieben Monate nach der Dreifach-Katastrophe vom 3. März 2011 erschien in Japan ein Taschenbuch mit dem Titel "Komikku: Mienai kumo" ("Comic: Die unsichtbare Wolke"). Es handelte sich dabei um Anike Hages preisgekrönte Comicadaption von Gudrun Pausewangs 1987 erschienenem Roman "Die Wolke".[1] Wie die meisten Arbeiten der 1985 geborenen Zeichnerin empfiehlt sich diese durch Figurendesign, Seitenlayout und Rasterfolien-Einsatz sowie durch den Verlagsnamen Tokyopop auf dem deutschen Buchdeckel auf den ersten Blick als Manga. Aber im Unterschied zu anderen deutschen Comics im Mangastil folgte "Die Wolke" ursprünglich nicht der japanischen Leserichtung von rechts nach links. Erst für die Übersetzung wurden die Seiten gekontert und die Schriftzeilen von der Horizontalen in die Vertikale überführt. In möglichst eingängiger Form sollte offenbar noch einmal die Romanübersetzung beworben werden, die seit den späten 1980er Jahren in Japan mehrfach aufgelegt worden war. Doch das Publikum reagierte mit Distanz, sowohl hinsichtlich des Inhalts als auch der Form. Leserinnen und Leser, die "Die Wolke" als Manga nicht überzeugend fanden, legten unverkennbar den Maßstab des shōjo manga – der japanischen Mädchencomics – an, wenn sie beanstandeten, dass die Mimik zu wenig Aufschluss über das Innenleben der Charaktere gebe. Eine solche Kategorisierung als "weiblich" kommt nicht von ungefähr: "Die Wolke" stammt schließlich aus der Feder einer Frau, erzählt die Geschehnisse aus der Sicht eines 15-jährigen Mädchens, und das erste Bild zeigt das Gesicht der Hauptfigur sowie Blüten, die sowohl dekorativ verstanden werden können als auch referenziell als Verweis auf die Natur außerhalb des Klassenzimmers (vgl. Abbildung 1).

Ob "Die Wolke" sich in Japan als Manga behaupten kann oder soll, sei dahingestellt. Doch verdeutlicht die Rezeption der japanischen Übersetzungsausgabe einige Aspekte, die außerhalb der Mangakultur leicht übersehen werden – sogar in Japan. Sie erschien beim auch als Mangaverlag bekannten Haus Shōgakukan, doch war dort keine Mangaredaktion zuständig, sondern diejenige für ausländische Literatur, die auch Pausewangs Roman betreut. Dass Manga einer sorgfältigen Kontextualisierung bedürfen, um Nicht-Romanleser zu erreichen, war der Redaktion vielleicht sogar bewusst, als sie sich für ein manga-untypisches Kleinformat entschied und dem Titel das Lehnwort komikku hinzufügte. Beides signalisiert, dass es sich hier nicht um das vertraute genrespezifische Konsumgut, aber doch immerhin um eine Bilderzählung und damit um eine Jugendlichen zugängliche Form handelt. Die Annahme, ein kritisches Thema könne durch den bloßen Rückgriff auf die Comicform besser transportiert werden, bestätigte sich allerdings nicht. Dafür gibt es mindestens drei Gründe.

Erstens sprechen unbewegte, tonlose und monochrome Bilder junge Menschen nicht mehr unbedingt an. Zumindest in Asien ist die gedruckte Mangaerzählung dabei, das Terrain der Jugendkultur zugunsten digitaler Medien zu räumen. Bereits 2005 soll das Durchschnittsalter der Konsumentinnen und Konsumenten von Mangamagazinen wie "Young Jump" und "Big Comic Spirits" bei über 30 Jahren gelegen haben.[2]

Abbildung 1Abbildung 1 (© Anike Hage, Gudrun Pausewang, Komikku mienai kumo, Tokyo 2011, S. 14.)
Zweitens gehen viele Jugendliche heutzutage eher als user denn als klassische Leser mit Manga um. Abgesehen davon, dass sie normalerweise eher mit Anime (Zeichentrickserien) und Video- beziehungsweise Computerspielen als mit Comics in Berührung kommen, interessieren sie die gezeichneten Erzählungen nicht nur als Kontemplationsvorlagen. Bereits die cartoonesken Gesichter der Charaktere und der Verzicht auf detaillierte Hintergründe, die "organisierte Leere",[3] laden zum imaginativen wie zum wortwörtlichen Ausmalen ein: Leser schreiben Geschichten um beziehungsweise weiter und werden mittels fan art, Online-Kommentaren und Cosplay (Mangarollenspiel) zu Mitgestalterinnen und Mitgestaltern. Darauf beruht seit mindestens einem Jahrzehnt der Erfolg ganz bestimmter Mangatitel bei jugendlichen Lesern. Am populärsten sind offensichtlich solche, die eine gewisse – auch inhaltliche – "Leere" aufweisen und sich somit für verschiedene Gebrauchsweisen eignen. Bei diesen Titeln geht es nicht nur um Bedeutungsgehalte und Lektüreerlebnisse, sondern mindestens im gleichen Maße um sinnlich-affektive, fankulturelle und marktwirtschaftliche Effekte. Solche Manga in den Dienst eines sozialkritischen Themas zu stellen, liegt nicht unbedingt auf der Hand.

Drittens ist beim Manga neben den Lesergruppen mit ihren unterschiedlichen Nutzungsweisen und Qualitätskriterien die Kategorisierung von Titeln nach Genres entscheidend. Auf Deutsch profiliert sich Anike Hages Comicadaption einerseits durch ihre Unterscheidung von der Romanvorlage und andererseits durch ihren Kontrast zur nordamerikanischen und franko-belgischen Comictradition. Das Publikationsformat des tankōbon – broschierte Bücher mit etwa 200 Seiten in einem Format von 12 mal 18 Zentimetern –, der Verzicht auf Kolorierung, die Konzentration auf Gesichter und damit auf die Gefühle der Figuren sowie die im Gegensatz dazu eher abstrakt bleibenden Räume sind Alleinstellungsmerkmale, die dazu verleiten, den Manga als ein Comicgenre neben anderen zu sehen. Insider halten dagegen, dass Manga ein Medium mit einer Vielzahl von Genres sei. Natürlich gibt es Werke aus japanischer Produktion, die sich jeglicher Konvention zu entziehen versuchen. Aber das, was von außen betrachtet unterschiedslos als Manga erscheinen mag, wird in Japan nochmals unterteilt. Versierte Leser weisen einem Comic im Mangastil wie "Die Wolke" unwillkürlich eine entsprechende Position zu – shōjo manga in diesem Fall.

Fußnoten

1.
In Deutschland 2008 bei Ravensburger erschienen, seit 2010 bei Tokyopop.
2.
Vgl. Nakano Haruyuki et al., 2005nen kaiko zadankai, in: Redaktion Freestyle (Hrsg.), Kono manga o yome! 2006, Tokyo 2006, S. 81–92.
3.
Jens R. Nielsen, Manga – Comics aus einer anderen Welt?, in: Stephan Ditschke/Katerina Kroucheva/Daniel Stein (Hrsg.), Comics. Zur Geschichte und Theorie eines populärkulturellen Mediums, Bielefeld 2009, S. 335–357, hier: S. 346.
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