Patronen des Kalibers 5,56 mm, wie sie auch im Sturmgewehr G36 der Bundeswehr verwendet werden, laufen am 20.02.2014 in einer Produktionshalle des Munitionsherstellers Metallwerke Eisenhütte Nassau MEN in Nassau (Rheinland-Pfalz) durch die Endkontrolle
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Genderdimensionen des Waffengebrauchs


18.8.2014
Obwohl militärische Organisationen in der historischen Rückschau in Kriegs- und Krisenzeiten immer auf Frauen angewiesen waren, gelten Krieg und Militär nach wie vor als typisch männliche Domänen. Sie wurden in der Vergangenheit als die wichtigsten Institutionen in der Konstruktion von Männlichkeit angesehen; militärische Männlichkeit konstituierte sich aus der Verknüpfung von Körperkraft, Heterosexualität, Mut, Kampfeswillen, der Bereitschaft, für die Nation zu sterben und die Schwachen, die "FrauenundKinder",[1] zu beschützen.[2] Auch viele der gegenwärtigen Konflikte und Kriege beruhen auf der Verbindung von Kampf, Stärke und Männlichkeit und der Vorstellung einer zu schützenden Weiblichkeit. Sexualisierte Gewalt wird in Kriegen eingesetzt, um die Kampfeskraft des Feindes zu schwächen; die massenhafte Vergewaltigung großer Teile der weiblichen Bevölkerung wurde beispielsweise in den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien gezielt verwendet, um die Moral der feindlichen Truppe zu brechen.[3] Die Vorstellung, dass auch Frauen (als Soldatinnen, Kämpferinnen, Unterstützerinnen) an Tötungen, Kriegsverbrechen und Folter beteiligt sein könnten, ist für die internationale politische Öffentlichkeit hingegen immer noch nur schwer zu greifen, wie die Beteiligung von Soldatinnen an den Misshandlungen irakischer Kriegsgefangener eindrücklich gezeigt hat.[4] Die Instrumentalisierung geschlechtlicher Identität stellt, so hat es die feministische und gendersensible Friedens- und Konfliktforschung in vielfältigen Studien gezeigt, einen wesentlichen Aspekt moderner Kriegsführung dar.[5]

Der Gebrauch von Waffen und die damit verbundenen Möglichkeiten, über Leben und Tod zu entscheiden und Macht und Gewalt auszuüben, sind zentral für die Definition militärischer Männlichkeit und wurden immer auch als klar definiertes Abgrenzungskriterium zwischen den Geschlechtern in ein waffentragendes männliches und ein nicht waffentragendes weibliches Geschlecht verwendet. Frauen waren in fast allen europäischen Staaten bis vor kurzem formal von Kampfpositionen ausgeschlossen. Zwar war es ihnen im Rahmen der Selbstverteidigung als Sanitätssoldatinnen erlaubt, Waffen zu gebrauchen, und sie erhielten auch eine dementsprechende Ausbildung. Dies galt allerdings nicht für Kampfhandlungen. "Bewaffnung (ist) die langlebigste und stabilste Grenze, die Frauen zu überschreiten hatten, um vollständig anerkannte Soldatinnen zu werden."[6]

Die Verknüpfung von Waffengebrauch und militärischer Männlichkeit war in der sozialen Praxis allerdings keineswegs so eng, wie es die offizielle Linie vorgab: Je nach historischem Kontext, den Erfordernissen der militärischen und politischen Führung und den Ambitionen einzelner Frauen nahmen Frauen immer auch aktiv an Kampfgeschehen teil. Neben der wohl berühmtesten historischen Kämpferin und französischen Nationalheldin Johanna von Orleans, die im 15. Jahrhundert während des Hundertjährigen Krieges unter französischen Truppen England und Burgund besiegte, kämpfte beispielsweise eine Frau namens Gesche Meiburg bei der Belagerung Braunschweigs durch die Truppen Herzog Friedrich Ulrichs von Braunschweig-Wolfenbüttel 1615 und verteidigte erfolgreich die Stadt. Dorothy Lawrence war als Kriegsreporterin in Männerkleidern im Ersten Weltkrieg an der Front und schaffte es 1915 als Mann verkleidet bis in die Spezialeinheiten britischer Militärs.[7] Das bekannteste deutsche Beispiel in der jüngeren Geschichte waren die sogenannten Flakhelfer: Frauen und Jugendliche wurden in der Endphase des Zweiten Weltkrieges, nachdem das Reservoir an männlichen Soldaten erschöpft war, herangezogen und in kampfunterstützenden Positionen eingesetzt, die eigentlich Wehrmachtssoldaten vorbehalten waren.

Diese historischen Beispiele führten jedoch nicht dazu, dass die Verbindung von Soldatenehre, Männlichkeit und Waffengebrauch aufgehoben wurde, waffentragende Frauen wurden im Gegenteil in der öffentlichen Wahrnehmung tabuisiert, mystifiziert oder als "Flintenweib" diskriminiert. Auch die Flakhelferinnen kehrten nach Kriegsende wieder nach Hause zurück und erfüllten ihre traditionelle Hausfrauenrolle. Traumatische oder auch emanzipatorische Erfahrungen, die sie in diesen Einsätzen erlebten, fanden in der Nachkriegszeit keinen Raum für Aufarbeitung. Erst seit den 1990er Jahren werden die vielfältigen Erfahrungen und komplexen Verflechtungen von Frauen in Kriegen und Konflikten als Opfer und Täterinnen aufgearbeitet.[8]

Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Restrukturierung militärischer Organisationen von Wehrpflichtarmeen zu Berufsarmeen öffneten sich viele europäische Armeen teilweise oder ganz für Frauen. Kampfpositionen blieben in vielen Ländern für Frauen allerdings nach wie vor verschlossen.[9] Deutschland wurde 2001 durch ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs gezwungen, die Bundeswehr für Frauen zu öffnen. Obwohl sich die Mehrzahl der deutschen Soldatinnen und Soldaten aufgrund der deutschen Geschichte nicht mit einer traditionellen kämpferischen Männlichkeit identifiziert,[10] wird Waffengebrauch und die damit verbundene Möglichkeit zur Ausübung von Gewalt immer noch im Kontext von militärischer Männlichkeit verhandelt. In einer Anfang 2014 vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften veröffentlichten Studie über die Akzeptanz und Integration von Frauen zehn Jahre nach Öffnung des bewaffneten Dienstes äußerten fast die Hälfte aller männlichen und knapp 30 Prozent der weiblichen Soldaten die Meinung, dass Frauen nicht in der Lage seien, körperlich anspruchsvolle Aufgaben zu übernehmen. 40 Prozent der Männer befürworteten den Ausschluss von Frauen aus Kampfpositionen, und 20 Prozent der männlichen Soldaten waren der Ansicht, dass Frauen in schwierigen Einsätzen eines besonderen Schutzes bedürfen.[11] Traditionelle Vorstellungen militärischer Männlichkeit bleiben damit für einen Teil der Soldatinnen und Soldaten identitätsstiftend.

Zugleich verändern Krieg und Kriegsführung ihr Gesicht: Der verstärkte Einsatz von unbemannten Flugobjekten und Drohnen fordert nicht nur die Konfliktparteien und die Zivilbevölkerung auf neue Weise heraus, auch die militärische Geschlechterordnung bleibt hiervon nicht unberührt, insbesondere, wenn der traditionelle Kämpfer die Grundlage soldatischer Selbstdefinition ist, wie dies besonders für die US-Streitkräfte gilt.

Zur symbolischen Bedeutung von Waffen für Militärkulturen



Es lassen sich historisch fünf verschiedene Dimensionen des Waffengebrauchs (bezogen auf Handwaffen, kleine Waffen) herausarbeiten:[12]
  1. Die Waffe als soziales Symbol: Die Waffe dient der Trennung der Gesellschaft in zivile und militärische Räume. Sie fungierte historisch auch als Differenzierungsmerkmal unterschiedlicher sozialer Schichten und unterschiedlicher Truppengattungen. Jede Truppengattung innerhalb des Militärs besitzt ihren eigenen Waffenstolz, der ihre soldatische Ehre und Männlichkeit definiert.
  2. Die Waffe als religiöses Symbol: Die Waffe symbolisierte im christlich geprägten Raum über viele Jahrhunderte hinweg die Verbindung zwischen Krieg und Christentum im Sinne des "Schwert Gottes".
  3. Die Waffe als nationales Symbol: Waffen dienen immer auch der Herstellung eigener positiver Selbstdefinition und Kampfeskraft. Die eigenen Waffen werden als stärker und machtvoller bewertet als die des Feindes.
  4. Die Waffe als Symbol von Sexualität und Männlichkeit: Waffen besitzen immer auch eine sexuelle Konnotation. So wird die Waffe als Phallus gesehen, der in die (als weiblich definierten) feindlichen Gebiete eindringt. Auf der Ebene von Männlichkeit symbolisieren sie sozial anerkannte männliche Eigenschaften wie Mut, Stärke, Kampfeskraft, Schutz und Verteidigung. Waffen symbolisieren ein "embodiment of violent, often militarized models of masculinity, which, in turn, have broader socio-political ramifications".[13]
  5. Die Waffe als Person: Waffen werden, gerade im Rahmen militärischer Sozialisation, zu engen Freunden, sie sind die "Braut des Soldaten", ein Kamerad oder ein Teil des eigenen Körpers. Sie werden zu Partnern, emotionaler Stütze und damit im militärinternen Diskurs verweiblicht.
Aus den bisherigen Ausführungen zur engen historischen Verknüpfung von militärischer Männlichkeit und Waffengebrauch ließe sich schlussfolgern, dass für Soldatinnen der Umgang mit Waffen eine besondere Herausforderung darstellt. In der sozialen Praxis zeigt sich hingegen zunächst das Gegenteil: Für Soldatinnen ist die Möglichkeit, an der Waffe ausgebildet zu werden, oft ein wichtiger Grund, sich für den Dienst zu entscheiden. Viele sind begeistert von der Schießausbildung und sehr stolz, wenn sie die Ausbildung erfolgreich absolvieren und dabei teilweise besser abschneiden als ihre männlichen Kameraden.[14] Soldatinnen sehen "das Tragen einer Waffe als Privileg und als Ausweis ihres militärischen Wertes sowie als Quelle von Autorität und Selbstvertrauen".[15] Erst durch das Beherrschen der Waffe können sie an militärischer Männlichkeit teilhaben und die Geschlechtergrenzen überschreiten. Im Prozess der "Soldatwerdung" müssen Frauen, die in das Militär eintreten, diese männlich besetzten Räume erobern und sich aneignen. Neben dem Tragen der Uniform, dem Bestehen militärischer Übungen, dem Beweis körperlicher Leistungsfähigkeit und der Ausübung von Kameradschaft stellt die Ausbildung an der Waffe die letzte Hürde in der Identifikation mit dem Soldatenberuf und der Aneignung von Verletzungsmacht dar.[16]

Auf der anderen Seite zeigt sich im Diskurs um den Waffengebrauch auch die Schwierigkeit der Frauen auf, ein positives soldatisches Selbstbild zu entwickeln. Sie identifizieren sich einerseits nicht mit dem vorgegebenen militärischen Weiblichkeitsideal – die schwache und zu beschützende Frau –, können aber andererseits nur unter großen Anstrengungen die Identität des Soldaten als Kämpfer übernehmen, da der Diskurs um unterschiedliche körperliche Leistungsfähigkeit von Frauen und Männern sehr dominant ist. So werden das Tragen und der Gebrauch von Waffen von vielen Soldatinnen explizit als körperlich sehr anspruchsvolle Aufgabe beschrieben, der sie als Frau nicht gut gewachsen sind. Soldatinnen sind damit in einer ambivalenten Position: Die Ausbildung an und der Gebrauch von Waffen sind zentral, um an militärischer Männlichkeit zu partizipieren und damit "richtige" Soldaten zu werden. Zugleich müssen sie damit umgehen, dass sie immer auch als Frauen mit bestimmten weiblich konnotierten Eigenschaften gesehen werden.


Fußnoten

1.
Cynthia Enloe, Womenandchildren: Making Feminist Sense of the Persian Gulf Crisis, in: The Village Voice vom 25.9.1990, S. 29.
2.
Siehe dazu etwa Jason Crouthamel, Deutsche Soldaten und "Männlichkeit" im Ersten Weltkrieg, in: APuZ, 64 (2014) 16–17, S. 39–45 (Anm. d. Red.).
3.
Vgl. Ruth Seifert, Der weibliche Körper als Symbol und Zeichen. Geschlechtsspezifische Gewalt und die kulturelle Konstruktion des Krieges, in: Andreas Gestrich (Hrsg.), Gewalt im Krieg. Ausübung, Erfahrung und Verweigerung von Gewalt in Kriegen des 20. Jahrhunderts, Münster 1996, S. 13–33.
4.
Vgl. Timothy Kaufman-Osborn, Gender Trouble at Abu Ghraib?, in: Tara McKelvey (Hrsg.), Women as Aggressors and Torturers, Emeryville 2007, S. 145–166.
5.
Vgl. Bettina Engels/Corinna Gayer (Hrsg.), Geschlechterverhältnisse, Frieden und Konflikt, Baden-Baden 2011.
6.
Urte Evert, Soldatenbraut und Mannesehre. Geschlechtsspezifische Symbolisierungen und Zuordnungen militärischer Waffen, in: Klaus Latzel/Franka Maubach/Silke Satjukow (Hrsg.), Soldatinnen. Gewalt und Geschlecht im Krieg vom Mittelalter bis heute, Paderborn 2010, S. 65–94, hier: S. 70.
7.
Vgl. Sapper Dorothy Lawrence, The Only English Woman Soldier, Late Royal Engineers, Fifty-First Division 179th Tunneling Company, Edinburgh 1919.
8.
Siehe beispielsweise D’Ann Campbell, Women in Combat: The World War Two Experience in the United States, Great Britain, Germany, and the Soviet Union, in: Journal of Military History, 57 (1993) 3, S. 301–323.
9.
Vgl. Cordula Dittmer/Anne Mangold, Die Integration von Frauen in die europäischen Streitkräfte – das Militär zwischen internationalem Recht und nationaler Sicherheitspolitik, in: Annette Jünemann/Carmen Klement (Hrsg.), Die Gleichstellungspolitik der Europäischen Union, Baden-Baden 2005, S. 65–80.
10.
Vgl. Cordula Dittmer, Gender trouble in der Bundeswehr, Bielefeld 2009.
11.
Vgl. Gerhard Kümmel, Truppenbild ohne Dame? Eine sozialwissenschaftliche Begleituntersuchung zum aktuellen Stand der Integration von Frauen in die Bundeswehr, Potsdam 2014.
12.
Vgl. U. Evert (Anm. 6).
13.
Henri Myrttinen, Disarming Masculinities, in: Disarmament Forum, (2003) 4, S. 37–46, hier: S. 41.
14.
Vgl. C. Dittmer (Anm. 10).
15.
Orna Sasson-Levy, Frauen als Grenzgängerinnen im israelischen Militär: Identitätsstrategien und -praktiken weiblicher Soldaten in "männlichen" Rollen, in: Christine Eifler/Ruth Seifert (Hrsg.), Gender und Militär, Königstein/Ts. 2003, S. 74–100, hier: S. 84.
16.
Siehe dazu ausführlicher Ruth Streicher, Männer, Männlichkeit und Konflikt. Eine kritische Reflektion des Forschungsstandes und ein Plädoyer für konzeptionelle Öffnungen, in: Femina politica, (2011) 1, S. 44–56.
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