Vietnamesische Matrosen auf den Spratly-Inseln, Vietnam
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

Südostasien im Fokus der Weltpolitik


22.9.2014
In Südostasien leben über 600 Millionen Menschen, Hunderte unterschiedliche Ethnien und Kulturen sowie Angehörige aller Weltreligionen. Die Region ist zudem eine der wirtschaftlich am stärksten wachsenden der Welt, zusammen kommt sie auf ein Bruttosozialprodukt von 2,5 Billionen US-Dollar – über eine halbe Trillion mehr als Indien – und verfügt über mehr ausländische Direktinvestitionen als China. Europa ist hierbei der größte Investor. Ein Viertel des Welthandels wird über wichtige Schifffahrtsrouten abgewickelt, die durch Südostasien verlaufen. Es verwundert daher nicht, dass sich die Region im Blickfeld der Weltpolitik befindet. Dies ist keineswegs neu: Seit Jahrhunderten schon treiben Chinesen, Inder, Portugiesen, Holländer, Franzosen, Spanier, Briten und Amerikaner intensiven Handel mit den südostasiatischen Ländern.[1] Der externe Einfluss nahm durch die Kolonialisierung der Region, mit Ausnahme des heutigen Thailands, im 18. und 19. Jahrhundert weiter zu.[2] Und im Kalten Krieg war Südostasien Schauplatz der Supermächtekonfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion.[3]

Nach 1989 wurde die Wahrnehmung der Region zunehmend von ihrer rasanten wirtschaftlichen Entwicklung geprägt. Im 21. Jahrhundert verdeutlichten jedoch Asienkrise (Finanz-, Währungs- und Wirtschaftskrise 1997/1998), Terrorismus, Bürgerkriege und territoriale Konflikte im Südchinesischen Meer ihre Fragilität. Da eine umfassende Abhandlung aller zentralen politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen Südostasiens in einem Artikel kaum zu leisten ist, beschränke ich mich auf eine Skizzierung der aktuell im Blickfeld der Weltöffentlichkeit stehenden sicherheitspolitischen Problemstellungen. Ich versuche hierbei Antworten auf eine Reihe von Fragen zu geben: Was sind die aktuellen, zentralen Konfliktgegenstände in Südostasien? Wer sind die wesentlichen Akteure, und was sind ihre Interessen? Wo verlaufen die dominanten Konfliktlinien in der Region? Die Beschäftigung mit diesen Fragen erfordert an vielen Stellen eine gewisse Simplifizierung; wenn im Folgenden von den USA, China oder den Philippinen die Rede ist, dann suggeriert dies eine Kohärenz, die so in ihrer Trennschärfe in der Realität fast nie auftritt. Politische Entscheidungsprozesse verlaufen in Staaten entlang von einer Vielzahl politischer Institutionen mit unterschiedlichen Wahrnehmungen und Interessen. Den hier thematisierten politischen Entscheidungen ging somit stets ein vielschichtiger Aushandlungsprozess in innenpolitischen wie außenpolitischen institutionellen Komplexen voraus.

Gewachsene Rolle Chinas



Der Aufstieg Chinas und, damit verbunden, seine veränderte Rolle in Südostasien dominieren seit einiger Zeit die Debatten um die Zukunft der Region. Das in weiten Teilen Südostasiens historisch bedingte Misstrauen gegenüber China aufgrund der imperialen Einflüsse des Kaiserreichs, andauernder Territorialansprüche im Südchinesischen Meer und der Unterstützung kommunistischer Aufstände während des Kalten Krieges machte zu Beginn des 21. Jahrhunderts einem neuen Image Chinas als attraktivem Partner Platz. Durch sein Wirtschaftswachstum und seine geografische Nähe zur Region hat China seit einigen Jahren die USA als größten externen Handelspartner überholt. 2002 schloss es ein Freihandelsabkommen mit den zehn Staaten der ASEAN (Association of Southeast Asian Nations) ab.[4] Neben seiner primär ökonomischen "Charme Offensive"[5] zeigte Peking darüber hinaus Bereitschaft, sich in die bestehenden multilateralen Sicherheitsinstitutionen der Region zu integrieren. Beispielsweise unterzeichnete China 2002 die "Declaration on the Conduct of the Parties in the South China Sea", die den Grundstein für eine Beilegung der konkurrierenden Gebietsansprüche im Südchinesischen Meer legen sollte.[6]

Ab 2009 geriet die chinesische Charme-Offensive jedoch ins Stocken, als Peking begann, sein zunehmendes wirtschaftliches Gewicht auch auf politischer Ebene einzusetzen. Entlang der auf historischen chinesischen Karten und Dokumenten basierenden "Zehn-Punkte-Linie" (eine Fortschreibung der "Neun-Striche-Linie", siehe Karten) beansprucht China fast das gesamte Südchinesische Meer. Dem stehen konkurrierende Ansprüche von vier südostasiatischen Staaten (Vietnam, Philippinen, Malaysia, Brunei) und Taiwan gegenüber. Konfliktgegenstände sind hierbei vor allem die Paracel- und Spratley-Inseln. Die Auseinandersetzungen um die zumeist unbewohnten Atolle haben zuletzt deutlich an Schärfe gewonnen: Peking errichtete eine eigene Präfektur (Shansha) für die beanspruchten Gebiete, rüstete seine Marine massiv auf, hielt Flottenmanöver in den umstrittenen Gebieten ab und ließ durch seine Küstenwache vietnamesische und philippinische Fischerboote aufbringen.[7] Vietnam und die Philippinen reagierten mit einer Verschärfung der Rhetorik, Verhaftungen chinesischer Fischer und der Aufrüstung ihrer Seestreitkräfte. Mehrfach kam es bereits zu Zusammenstößen auf See zwischen der chinesischen Küstenwache und philippinischen und vietnamesischen Marinebooten.[8]

In dem Konflikt geht es um mehr als eine Reihe größtenteils unbewohnter Inseln und Riffe. Asiens rascher ökonomischer Aufstieg wird begleitet von einem steigenden Rohstoffbedarf. Unter den Ozeanböden werden große Öl- und Gasvorkommen vermutet, zudem sind die Gewässer sehr fischreich. Der Besitz der entsprechenden Inseln garantiert daher in der Wahrnehmung der Konfliktparteien den direkten Zugriff auf diese Ressourcen.[9] Der ansteigende Nationalismus in der Region ist bei der Betrachtung der Territorialkonflikte im Südchinesischen Meer ebenfalls zu berücksichtigen. Durch die gezielte Instrumentalisierung nationalistischer Diskurse als politisches Legitimationsinstrument stehen die Regierungen in Peking, Manila und Hanoi unter wachsendem innenpolitischem Druck, nach außen Stärke zu demonstrieren.[10] So kam es beispielsweise in der Folge des Eindringens einer chinesischen Ölbohrplattform in von Hanoi beanspruchte Gewässer zu massiven antichinesischen Demonstrationen und Ausschreitungen in Vietnam. Die Demonstranten forderten eine härtere Gangart der Regierung gegenüber China und attackierten vermeintlich chinesische Fabriken und Läden.[11]

Die exakten Gründe für die zunehmend aggressive chinesische Außenpolitik in Südostasien sind bislang unklar. Von Beobachtern werden abwechselnd der wachsende Hunger nach natürlichen Ressourcen, die Instrumentalisierung eines chinesischen Nationalismus für den Machterhalt der Kommunistischen Partei, ein Machtzuwachs des Militärs innerhalb der chinesischen Führung und das Ausnutzen der durch die Kriege im Irak und Afghanistan geschwächten USA als mögliche Erklärungsfaktoren ins Feld geführt. Gesichert erscheint in jedem Fall die Beobachtung, dass diese Politik in China selbst nicht so sehr als aggressive Expansion, sondern als Konsolidierung berechtigter Machtansprüche betrachtet wird.[12] Aus dieser Wahrnehmung heraus ist es China, das über Jahrzehnte hinweg in punkto Gebietsansprüchen und Einflusszonen aufgrund der eigenen wirtschaftlichen und militärischen Schwäche ins Hintertreffen geraten war und nunmehr die rechtmäßigen Ansprüche geltend machen kann.[13] Dazu passt, dass China Medienberichten zufolge derzeit die Errichtung einer Luftverteidigungszone (Air Defense Identification Zone, AIDZ) für das Südchinesische Meer plant.[14] Demnach ist vorgesehen, dass alle in diese Zone eindringenden Flugzeuge dem chinesischen Verteidigungsministerium ihre Flugpläne und Nationalität mitteilen sowie Funkkontakt halten müssen. Allerdings ist Peking bislang darum bemüht, eine Eskalation in Richtung bewaffneter Auseinandersetzungen zu vermeiden. Mit wenigen Ausnahmen waren in die oben beschriebenen Vorfälle auf chinesischer Seite nur nichtmilitärische Akteure involviert – beispielsweise die Küstenwache.[15]


Fußnoten

1.
Vgl. Anthony Reid, Southeast Asia in the Age of Commerce, 1450–1680: The Lands Below the Winds, New Haven 1988.
2.
Vgl. Robert E. Elson, Southeast Asia and the Colonial Experience, in: Mark Beeson (Hrsg.), Contemporary Southeast Asia, Basingstoke 20082, S. 17–28.
3.
Vgl. Odd Arne Westad, The Global Cold War: Third World Interventions and the Making of Our Times, Cambridge 2005.
4.
Vgl. Bridget Welsh, Divided or Together? Southeast Asia in 2012, in: Daljit Singh (Hrsg.), Southeast Asian Affairs 2013, Singapur 2013, S. 3–16. Die zehn ASEAN-Staaten sind Brunei Darussalam, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar (Burma), Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam.
5.
Joshua Kurlantzick, Charm Offensive: How China’s Soft Power Is Transforming the World, New Haven 2007.
6.
Vgl. ASEAN, Declaration on the Conduct of the Parties in the South China Sea, Phnom Penh, 4.11.2002.
7.
Michael Paul, Die Flottenrüstung der Volksrepublik China – Maritime Aspekte sino-amerikanischer Rivalität, SWP-Studie 15/2013.
8.
Vgl. Steffen Richter, China demonstriert seine Macht mit einem Fischerdorf, 24.7.2012, http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-07/china-paracel-spratly« (2.9.2014). Siehe hierzu auch den Beitrag von Peter Kreuzer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
9.
Vgl. Alice D. Ba, Staking Claims and Making Waves in the South China Sea: How Troubled Are the Waters?, in: Contemporary Southeast Asia, 33 (2011) 3, S. 269–291; Gerhard Will, Tough Crossing: Europa und die Konflikte in der Südchinesischen See, SWP-Studie 10/2014.
10.
Vgl. Michael Yahuda, China’s New Assertiveness in the South China Sea, in: Journal of Contemporary China, 22 (2013) 81, S. 446–459.
11.
Vgl. Ralph Jennings, As Maritime Disputes Simmer, Vietnam Counts Cost of Anti-China Riots, 19.8.2014, http://www.csmonitor.com/World/Asia-Pacific/2014/0819/As-maritime-disputes-simmer-Vietnam-counts-cost-of-anti-China-riots« (2.9.2014).
12.
Vgl. U.S. Department of Defense, Press Conference by General Dempsey, China’s General Fang, Washington, DC, 15.5.2014.
13.
Vgl. Sarah Raine, Beijing’s South China Sea Debate, in: Survival, 53 (2011) 5, S. 69–88.
14.
Vgl. Zachary Keck, China’s Drafting a South China Sea ADIZ, 31.1.2014, http://thediplomat.com/2014/01/chinas-drafting-a-south-china-sea-adiz/« (2.9.2014).
15.
Vgl. Christian Le Mière, Maritime Diplomacy in the 21st Century: Drivers and Challenges, London 2014, S. 25.
Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Felix Heiduk für bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.