Vietnamesische Matrosen auf den Spratly-Inseln, Vietnam

22.9.2014 | Von:
Christoph Hein

ASEAN, der übersehene Riese - Essay

Im Jahr 2010, als die Finanzkrise die Welt noch in ihrem Griff hatte, fand Surin Pitsuwan deutliche Worte. Während die Welt zitterte, sprach der damalige Generalsekretär des Verbandes der Südostasiatischen Nationen (ASEAN) ungerührt über das Selbstbewusstsein der Asiaten: "Ja, natürlich empfinden wir jetzt Stolz. Die Welt sieht, wie gut Asien dasteht. Der Aufstieg Chinas und Indiens, der wachsende Regionalhandel hier in Südostasien – das alles ist ja kein Trugbild. Wir haben die Schockwellen aus dem Westen deswegen so gut überstanden, weil wir unsere Hausaufgaben ordentlich gemacht, unsere Reformen umgesetzt haben", sagte Surin und fügte an, er könne genau beschreiben, wann er diese Überlegenheit erstmals gespürt habe: "Während des Asien-Europa-Gipfels in Peking im Oktober 2008. Damals saß der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao in der Großen Halle des Volkes in der Mitte des Podiums, ich neben ihm. Dann waren da Frau Merkel und Herr Berlusconi und Herr Sarkozy und all die anderen Staats- und Regierungschefs Europas. Und sie alle hatten nur eine Botschaft: Bitte China, sorge dafür, dass die Welt nicht untergeht. Bitte China, halte die Wirtschaft unter Dampf. Bitte China, hilf uns. So etwas hatten wir noch nie erlebt. Das war die Wende, ein Erdrutsch."

Lange Zeit schaute der Westen herablassend auf die Region, betrachtete den Bund der zehn südostasiatischen Staaten Brunei Darussalam, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar (Burma), Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam als "lahme Ente", als eine weitgehend schwache, handlungsunfähige Partnerschaft. Die Vereinbarung der Nichteinmischung in die internen Angelegenheiten der Mitgliedsländer und der Wille zum Konsens bremsten immer wieder wichtige Entscheidungen aus; sei es beim Abbrennen der Tropenwälder in Indonesien, die Singapur und Malaysia im Rauchnebel versinken ließen, sei es beim Ringen Osttimors um seine Unabhängigkeit von Indonesien, sei es über Jahre im Umgang mit der Militärdiktatur in Myanmar oder seit 2014 mit derjenigen in Thailand. "ASEAN hat den Lebensstandard von mehr als 600 Millionen Menschen dramatisch verbessert und Unmengen indirekter Vorteile für Milliarden von Menschen in den umliegenden Ländern gebracht. Gleichwohl hat ASEAN für diese Leistungen relativ wenig Anerkennung bekommen", klagt Kishore Mahbubani, der Dekan der Lee Kuan Yew School of Public Policy in Singapur.

Ali Alatas, der ehemalige indonesische Außenminister, sieht die Ursachen der Schwierigkeiten vor allem in der vom Westen manchmal nicht wahrgenommenen Vielschichtigkeit dieses Teils der Erde: "Die ostasiatische Region ist von enormen Unterschieden geprägt – kulturell, politisch, wirtschaftlich, wie auch in Hinblick auf ihre militärische Stärke. Die Unterschiede in Werten, politischen Systemen und dem Stand der wirtschaftlichen Entwicklung sind nicht zu übersehen. Darüber hinaus hat die Region mit territorialen Auseinandersetzungen und Kämpfen um die Souveränität zu ringen." Die ASEAN-Gründerväter sprachen nie von einer "Integration", sondern von "Kooperation". 1967 auf der Grundlage einer Annäherung zwischen Malaysia und Indonesien als Antwort der antikommunistischen Staaten auf den Vietnamkrieg ins Leben gerufen, war und ist ASEAN ein politisch bestimmtes Bündnis, das von seinen Außenministern über einen Generalsekretär in Jakarta geführt wird. Zu den Gründungsnationen, die sich im Kalten Krieg gegenseitig Sicherheit garantieren wollten, gehörten auch die Philippinen, Thailand und Singapur.

Zusammenwachsen

ASEAN fungierte zunächst als loses Bündnis mit einem gemeinsamen "Briefkasten". Dies wandelte sich 1976 mit dem ersten Gipfel auf Bali, auf dem ein Programm zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit verabschiedet wurde. Der Bund wurde nun zu einer Art "Wanderzirkus", der eine Fülle von Vorhaben anging, aber noch keine gemeinsame Infrastruktur hatte. Erst nach 1992, mit der Deklaration von Singapur und ersten wirtschaftspolitischen Schritten, änderte sich dies.

Inzwischen schält sich ASEAN immer deutlicher als eigener Akteur heraus – politisch und wirtschaftlich definiert. Die Voraussetzung dafür, überhaupt als eine integrierte Region neben China, Japan und Südasien mit seinem Zentrum Indien betrachtet zu werden, ist das wachsende Selbstbewusstsein der ASEAN-Staaten. Ihre Eckdaten lassen die Bedeutung schon erahnen: Rund 620 Millionen Menschen – etwa halb so viele wie in China oder Indien leben – erwirtschaften ein Bruttoinlandsprodukt von mehr als 2,3 Billionen US-Dollar jährlich. Das ist deutlich mehr, als dasjenige Indiens und entspricht fast der Wirtschaftsleistung Großbritanniens, der sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt. Die ASEAN-Volkswirtschaften zählen dabei zu den offensten: Macht ihre Wirtschaftsleistung 3,3 Prozent der Leistung der Welt aus, stehen sie für fast sieben Prozent des weltweiten Handels. ASEAN verfügt nicht nur über einen großen Markt mit rasch wachsender Mittelschicht, billige Arbeitskräfte und Rohstoffe wie Kautschuk, Palmöl, Reis, Kohle und Gas, sondern fungiert mehr und mehr als Scharnier zwischen anderen Weltregionen. Singapur bildet etwa die Brücke zwischen China und Indien, das islamische Malaysia rückt an die arabischen Länder heran, Russland entdeckt die Rohstoffe Indonesiens.

Mit der Öffnung ging eine Fülle unterschiedlich ausgestalteter Freihandelsverträge einher, die manchen an eine "gefüllte Spaghetti-Schüssel" erinnert, weil sie inzwischen so undurchdringlich erscheint: Ende 2013 hatten die ASEAN-Länder 40 Freihandelsabkommen unterzeichnet. 29 weitere werden verhandelt. Darunter befindet sich auch die Transpazifische Partnerschaft (TPP), die derzeit zwölf Länder auf beiden Seiten des Pazifiks umfasst. Im November 2012, auf dem ASEAN-Gipfel in Kambodscha, wurden die formalen Verhandlungen über ein gemeinsames Freihandelsabkommen (Regional Comprehensive Economic Partnership, RCEP) zwischen den zehn ASEAN-Ländern und ihren sechs umliegenden Partnerstaaten (China, Japan, Südkorea, Australien, Neuseeland und Indien) aufgenommen – sein Abschluss hätte enormen Einfluss auf den Welthandel.

Die Annäherung an das Konzept eines gemeinsamen Wirtschaftsraums hatte 1992 mit dem Beschluss zur Gründung der ASEAN-Freihandelszone (AFTA) große Fortschritte gemacht. Die fünf Gründungsländer galten in den 1990er Jahren als wichtige Bestandteile des "ostasiatischen Wunders", bei dem vormals wenig beachtete Länder sprunghafte Wachstumsraten produzierten. Die Gruppe schaffte es, weitere Reformen vorzubereiten, während sie die nachwachsenden Länder Kambodscha, Laos, Myanmar und Vietnam aufnahm. Die Asienkrise 1997/1998 war dann ein Weckruf auch für ASEAN; sie traf Indonesien und Thailand mit voller Wucht – das Wirtschaftswunder schien beendet, bevor es in die breite Gesellschaft hatte durchsickern können. Die ASEAN-Länder erkannten, dass eine engere Kooperation mit den starken Nachbarn China, Japan und Südkorea nötig war. So kam es zum ASEAN+3-Prozess und der 1997 verabschiedeten "ASEAN Vision 2020", die eine vertiefte Integration der Mitgliedsländer vorsieht. 2003 wurde die AFTA gegründet, unter der die sechs führenden ASEAN-Länder heute mehr als 99 Prozent ihrer Güter zollfrei transportieren. Seit 2005 gibt es auch mit Australien, Neuseeland und Indien verstärkte Beziehungen (ASEAN+6-Prozess). Der East Asia Summit bindet neben den zehn ASEAN-Ländern und den genannten sechs Partnern seit einigen Jahren auch noch Russland und die USA ein. Die AFTA bildete über all die Jahre die Basis für den weitreichenden Plan, 2015 die ASEAN Wirtschaftsgemeinschaft (AEC) zu gründen, die ihrerseits Keimzelle einer noch weiter reichenden ASEAN-Gemeinschaft werden soll.

An Visionen, Vorhaben und Zielen fehlt es den ASEAN-Ländern also nicht; stets war es die Umsetzung, an der es haperte. Auf die Frage, ob er glaube, dass ASEAN seine Ziele eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes 2015 erreichen werde, antwortete der Singapurer Zentralbankchef Ravi Menon so offen, wie er nur darf: "Nicht alle. Aber wir werden die meisten von ihnen erreichen, und das wird eine ziemlich bedeutende Verbesserung darstellen gegenüber dem, was wir hatten." Das Institut der Asiatischen Entwicklungsbank mit Sitz in Tokio (ADB-Institut) wagt sich weiter vor: "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der Entwurf der ASEAN-Wirtschaftsgemeinschaft 2015 in die Wirklichkeit umgesetzt sein wird." De facto hatte ASEAN bei der jüngsten Überprüfung 2011 nur 97 der geforderten 172 Ziele in der Vorbereitung der AEC abgearbeitet. Längst aber haben die Länder Südostasiens erkannt, dass sie sich unter dem Druck der Entwicklung Chinas bewegen müssen. Dem Beispiel des kleinen, aber reichen und dynamischen Stadtstaates Singapur folgend, machen sie sich ihre Lage als Scharnier zwischen Asiens prosperierendem Nordosten und dem nachziehenden Süden immer mehr zum Vorteil.

Mit ASEAN ist zudem ein Bund entstanden, der manche drohende bewaffnete Auseinandersetzung im Südosten Asiens verhindert hat – wie etwa die Grenzkonflikte zwischen Thailand und Kambodscha zeigen. Und doch bleiben tiefe Zerwürfnisse und Fragezeichen. Kambodscha, das von Peking unterstützt wird, verhinderte immer wieder eine gemeinsame Position von ASEAN gegenüber Chinas Vordringen im Südchinesischen Meer. Diese zu finden, ist auch deswegen schwierig, weil China als Großinvestor in einzelnen Mitgliedsländern auftritt – die ihren Partner nicht vor den Kopf stoßen wollen. Auch findet die Gemeinschaft keine gemeinsame Haltung und Sprache gegenüber schädigenden Entwicklungen in Mitgliedsländern wie etwa im Mai 2014 beim Militärputsch im Königreich Thailand. Angesichts der herrschenden Armut in der Region beurteilen die Asiaten selbst allerdings die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung als das wichtigere Ziel.

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Autor: Christoph Hein für bpb.de
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