Vietnamesische Matrosen auf den Spratly-Inseln, Vietnam
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Machtverschiebung in Richtung Asien? China als globaler Investor


22.9.2014
Während infolge der globalen Banken- und Finanzkrise ab 2007/2008 die USA wie auch die europäischen Staaten extreme Einbrüche ihres Wirtschaftswachstums zu verzeichnen hatten, notierten die asiatischen Ökonomien weiterhin relativ hohe Zuwachsraten. Hatte bis Mitte der 1990er Jahren der rapide ökonomische Aufstieg der südostasiatischen Tigerstaaten die westliche Welt in Atem gehalten, so ist es heute China, dessen Zugewinn an ökonomischer und monetärer Macht mit Faszination und zugleich großen Bedenken verfolgt wird. Die Volksrepublik, die seit 2009 Deutschland als weltweit führende Exportnation und wenig später Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft abgelöst hat, ist neuesten Hochrechnungen der Weltbank zufolge auf dem Sprung, die USA in den kommenden Jahren – und damit sehr viel früher als bislang erwartet – an der Spitze der Weltwirtschaft einzuholen.[1]

Die Reform- und Öffnungspolitik, die mit den Beschlüssen des 3. Plenums des 11. Zentralkomitees 1978 eingeleitet worden war, hat damit nun, so scheint es, den von chinesischer Seite lange erhofften Erfolg gebracht. Deng Xiaoping, der Ideengeber der chinesischen Wirtschaftsreformen, hatte damals formuliert, dass die chinesische Entwicklungsstrategie zunächst einmal die Steigerung der chinesischen Wirtschaftskraft in den Mittelpunkt zu stellen habe. Ideologische Ziele wurden pragmatischen Modernisierungsbestrebungen untergeordnet. China hat seitdem nicht nur seine relative ökonomische Macht ausbauen können, sondern hat seit 2007/2008 zudem eine Transformation von einem Kapitalempfängerland zu einem Kapitalgeberland durchlaufen. Durch die Handelstransaktionen mit den euro-atlantischen Volkswirtschaften verfügt China mittlerweile über die weltweit größten Devisenreserven – Kapital, das es nun seinerseits im Ausland investieren kann.

Während nach Beginn der globalen Banken- und Finanzkrise weltweit ein deutlicher Rückgang an Investitionen verzeichnet wurde, und insbesondere die USA und Europa in ihrer Investitionspolitik große Zurückhaltung an den Tag legten, verdoppelten chinesische Unternehmen ihre Investitionen und wandten sich dabei verstärkt den Staaten und Regionen außerhalb Asiens zu. 2011, gerade einmal vier Jahre nach Ausbruch der Krise, avancierte die Volksrepublik weltweit gesehen zum sechstgrößten Investor (unter Einbeziehung Hongkongs, dem nach der Formel "ein Land, zwei Systeme" ein Sonderstatus im chinesischen System zukommt, sogar zum zweitgrößten).[2] 2013 ist China bereits zum weltweit drittgrößten Investor aufgestiegen (hinter den USA und Japan).[3] Während das chinesische Wirtschaftswachstum sich insgesamt abschwächte und nach jahrelang zweistelligen Wachstumsraten gegenwärtig bei etwa sieben Prozent jährlicher Steigerung liegt, so ist es nun die Zurschaustellung der chinesischen Finanzmacht, die zur neuen Wahrnehmung Chinas als zentraler Mitgestalter des internationalen (Finanz-)Systems beiträgt.

Allein, aber auch im Verbund des BRICS-Netzwerkes – eines interregionalen Zusammenschlusses der aufsteigenden Ökonomien des "Globalen Südens", das 2009 als Viererbündnis von Brasilien, Russland, Indien und China ins Leben gerufen und später um Südafrika erweitert wurde – tritt China für eine Reform der internationalen Währungs- und Finanzordnung ein. Daraus folgt die Forderung, sowohl die Bretton-Woods-Institutionen (Internationaler Währungsfonds und Weltbank) grundlegend neu zu organisieren, als auch die bislang auf den US-Dollar gestützte globale Währungsordnung zu restrukturieren.

Die Umsetzung der 2010 vereinbarten Reformen des Internationalen Währungsfonds (IWF) steht weiterhin aus. Diese sehen eine Umverteilung von Anteilen und Stimmrechten vor, durch die China zum drittgrößten Anteilseigner des IWF aufsteigen würde. Parallel zu den Vorstößen, die bestehenden internationalen Währungs- und Finanzinstitutionen zu restrukturieren, verfolgen die BRICS-Staaten die Strategie, über die Schaffung eigener Institutionen Alternativstrukturen aufzubauen. Auf dem Gipfeltreffen der BRICS-Staaten 2014 im brasilianischen Fortaleza wurde nach langen Vorbereitungen eine BRICS-Entwicklungsbank gegründet, die ihren Sitz in Shanghai haben wird – und für welche der chinesische Renminbi eine nicht unwesentliche Rolle spielen dürfte.

Inwiefern aber bedeutet dieser weithin sichtbare ökonomische und monetäre Bedeutungsgewinn der Volksrepublik China eine Verlagerung der Gravitationszentren der Weltpolitik in Richtung der BRICS-Staaten oder aber sogar exklusiv in Richtung Asien? Tritt die Weltpolitik nun in ein "Asiatisches Jahrhundert" ein, in dem sich die Interdependenzen zu Gunsten der asiatischen Ökonomien verschieben?

Chinas Rolle im globalen Währungs- und Finanzsystem



Machtverhältnisse lassen sich in einem verflochtenen, globalisierten Weltsystem nicht nur in eine Richtung beschreiben. Dass China gegenwärtig im Besitz der weltweit größten US-Dollar-Reserven ist, verleiht ihm auf der einen Seite ungeahnte Verhandlungsmacht in der Weltpolitik. Auf der anderen Seite muss China im Sinne der Wertsicherung seiner Devisenreserven daran interessiert sein, den US-Dollar zu stabilisieren und seine Absatzmärkte in den USA und Europa zu erhalten. Denn die chinesische Wirtschaft ist auch weiterhin primär exportorientiert; auch die 2007/2008 eingeleiteten Umsteuerungsmaßnahmen zur Stärkung der chinesischen Binnennachfrage haben daran bislang wenig zu ändern vermocht. Der Versuch, einen Teil der chinesischen Devisenreserven in Euro zu konvertieren und dadurch die Gefahr einer "Ansteckung" durch die US-Krise zu verringern, hat letztendlich dazu geführt, dass sich die Volksrepublik China nun in ihrem eigenen Interesse dazu gezwungen sieht, in den USA wie auch in der Eurozone stabilisierend einzugreifen.

Zwei Szenarien dominieren derzeit die internationale Chinaperzeption: Zum einen wird die Volksrepublik China als wichtiger Stabilisator des internationalen Systems gesehen, von dem eingefordert wird, sich mit seinen Devisenreserven im Rahmen einer kooperativen Wirtschafts- und Währungspolitik an einer Aufrechterhaltung der bestehenden Institutionenordnung und der Liquiditätssicherung im globalen System zu beteiligen. Zum anderen aber wird Chinas ökonomisch-monetärer Bedeutungsgewinn als Herausforderung der Machtverteilung im internationalen System und Infragestellung der etablierten Normen- und Regelwerke durch einen "asiatischen" und zugleich "sozialistischen" Akteur interpretiert. Diese Debatte über Chinas ökonomische und währungspolitische Stärke erinnert an die Diskussionen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Japans Aufstieg zu einer führenden Industrie- und Technologienation begleiteten. Anklagen der Verletzung intellektueller Eigentumsrechte, unlauterer Wettbewerbspraktiken sowie der Unterbewertung der japanischen Währung wurden damals wiederholt von euro-atlantischer Seite gegenüber Japan erhoben[4] – heute finden sich diese Vorwürfe erneut, diesmal allerdings an China adressiert. Die Tatsache, dass Indien, der zweite asiatische Wirtschaftsgigant, eher selten mit entsprechenden Bedrohungsszenarien verknüpft wird, verdeutlicht einmal mehr, dass China als asiatisch-sozialistischer Akteur in Opposition zum Westen, Indien hingegen als moderne Demokratie in Anlehnung an eine westlich-liberale Ordnung imaginiert wird.

Einer empirischen Prüfung dürften diese stereotypen Vorannahmen allerdings nur sehr bedingt standhalten. Denn die Volksrepublik China steht zwar formal für ein sozialistisches Einparteiensystem mit zentralstaatlicher Planung, im Wirtschaftsbereich aber hat eine weitreichende Liberalisierung Einzug gehalten, die durch die Beschlüsse des 3. Plenums des 18. Zentralkomitees (November 2013) noch weiter ausgebaut werden soll. In Zukunft soll der Markt eine zentrale Rolle bei der Allokation von Ressourcen spielen; die Macht der großen Staatsunternehmen hingegen soll weiter beschnitten werden. Im Wirtschaftssektor ist folglich eine starke Ausrichtung an kapitalistischen Funktionsmechanismen zu konstatieren. Die in offiziellen Stellungnahmen der Kommunistischen Partei Chinas weiterhin zu findende rhetorische Bezugnahme auf sozialistische Prinzipien wirkt sich nicht in der aktiven Ausgestaltung der chinesischen Außen(wirtschafts)politik aus, sondern dient primär der systeminternen Legitimierung des politischen Einparteiensystems. Der antizipierte Systemantagonismus und der Wettstreit um die globale ökonomische und politische Vorherrschaft, die auf die zukünftigen Konstellationen zwischen den beiden wichtigsten Volkswirtschaften, USA und China, projiziert werden, wären damit Ausdruck eines Konfliktes zwischen zwei Ausprägungen des Kapitalismus – und nicht, wie oft oberflächlich angenommen, zwischen sozialistischer Planwirtschaft und westlich-liberalem Marktsystem.


Fußnoten

1.
Vgl. The World Bank, Purchasing Power Parities and Real Expenditures of World Economies, Washington, DC 2014, http://siteresources.worldbank.org/ICPINT/Resources/270056-1183395201801/Summary-of-Results-and-Findings-of-the-2011-International-Comparison-Program.pdf« (28.8.2014).
2.
Vgl. Yun Schüler-Zhou/Margot Schüller/Michel Clement, Internationalisierung chinesischer Unternehmen, in: Die Betriebswirtschaft, 73 (2013) 5, S. 361–378.
3.
Vgl. UNCTAD World Investment Report 2014, New York–Genf 2014, S. XV.
4.
Zur Wahrnehmung Japans als Herausforderer der ökonomischen Führungsposition der USA vgl. Henry Wai-Chung Yeung, The Rise of East Asia: The Emerging Challenge to the Study of International Political Economy, in: Mark Blyth (Hrsg.), Routledge Handbook of International Political Economy, New York 2009, S. 202ff.
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Autor: Nele Noesselt für bpb.de
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