Vietnamesische Matrosen auf den Spratly-Inseln, Vietnam
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22.9.2014 | Von:
Claudia Derichs

Grundzüge der Geschichte Südostasiens

Die Geschichte Südostasiens auf wenigen Seiten darzulegen, kommt dem Versuch gleich, auf eine heiße Herdplatte zu fassen, ohne sich zu verbrennen. Zumal die Frage im Raum steht: Ist Südostasien eigentlich eine kohärente, eigenständige Region? Immerhin kann sie sich nicht auf geteilte Merkmale wie eine gemeinsame Sprache oder gemeinsame politische Errungenschaften berufen. Vielmehr sind Diversität und Heterogenität in jeder Hinsicht – kulturell, religiös, politisch, wirtschaftlich – die augenfälligsten Charakteristika. Zur Regionenfrage gibt es höchst unterschiedliche Ansichten, die in den Südostasienwissenschaften mit Verve und mitunter äußerst kontrovers ausgetauscht werden.

Bei näherem Hinschauen erweist sich "Südostasien" als recht junge Region, deren Bezeichnung als Entität in erster Linie auf politische Entwicklungen und Entscheidungen zurückgeht. So hätte vor der Dekolonisierung kaum jemand von "Südostasien" gesprochen, wenn sich das Augenmerk auf Kambodscha, Laos oder Vietnam richtete. Diese Teilregion firmierte unter dem Terminus "Indochina". Sie als integralen Bestandteil einer Region zu verstehen, die heute wie selbstverständlich dem akademischen Fach Südostasienwissenschaften zugeordnet wird, ist, historisch betrachtet, eine noch junge Erscheinung. Indochinastudien wären, in heutiger Diktion, politisch inkorrekt. Im Unterschied zu Japanologie und Sinologie sind die meisten aus der Dekolonisierung entstandenen Nationalstaaten des heutigen Südostasiens keine Einheiten, die auf eine lange nationale Tradition zurückblicken können. Zu den bekanntesten Reichen der vorkolonialen Zeit zählen Pagan in Burma (11.–13. Jahrhundert), Angkor in Kambodscha (9.–14. Jahrhundert), die Thai-Reiche (14.–15. Jahrhundert) sowie Srivijaya (7.–13. Jahrhundert) und Majapahit (14.–15./16. Jahrhundert) auf den indonesischen Inseln Sumatra und Ostjava. Sie bildeten zwar eine gewisse Grundlage für die späteren Nationalstaaten in Südostasien, wiesen aber völlig andere Grenzen auf. Ihre Spuren hinterließen sie eher in Form kultureller Traditionen. Die Grenzen der heutigen Staaten Südostasiens wurden in den meisten Fällen aus rein politischem Kalkül gezogen oder folgten der politischen Sachlage nach der Besetzung der Region durch Japan beziehungsweise der "Rückeroberung" durch die vormaligen Kolonialmächte.

Ein prägnantes Beispiel stellt Malaysia dar. 1957 entstand zunächst auf dem Gebiet des heutigen Westmalaysia ein unabhängiger Nationalstaat, die Föderation Malaya (kurz: Malaya). Die Zusammensetzung des damaligen Staatsgebiets steht exemplarisch für das "Geschick" von Kolonialmächten, unter weitgehender Ausblendung indigener Beziehungen und Affinitäten Grenzen zu ziehen und Territorialkonflikte zu regulieren. Malaya umfasste die ehemaligen Handelsniederlassungen Penang und Malakka, die Sultanate der Federated Malay States (Negeri Sembilan, Pahang und Selangor) und die Sultanate der Unfederated Malay States (Johor, Kedah, Kelantan, Perlis und Terengganu). 1963 wurden Malaya, das heutige Singapur und Teile der auf der anderen Seite des Südchinesischen Meeres liegenden Insel Borneo zum Staat Malaysia zusammengefasst. Singapur verließ die Föderation nach zwei Jahren wieder. Die Bundesstaaten Sabah und Sarawak im Norden Borneos, die das heutige Ostmalaysia bilden, trennen vier Flugstunden vom politisch dominanten Westmalaysia.

Die machtpolitische Überlegung hinter dieser Ost-West-Konstruktion war dem demografischen Gefüge geschuldet: Die Bewohner Malayas waren mehrheitlich ethnische Malaien und Muslime; ethnische Inder, vor allem aber ethnische Chinesen bildeten maßgebliche Minderheiten. Durch den Beitritt Singapurs fürchteten die Malaien einen zu hohen Anteil an ethnischen Chinesen. Um eine starke nichtchinesische Bevölkerungsmehrheit zu gewährleisten, wurde der noch von den Briten kontrollierte Teil Borneos – zum Verdruss Indonesiens – Malaysia zugeschlagen. Lediglich Brunei Darussalam blieb ausgespart. Von dort aus wurden in den 1960er Jahren Kampagnen zur Schaffung eines "Greater Malaya" – Indonesien, Philippinen, Singapur, Malaya, Sabah, Sarawak, Brunei – organisiert, die jedoch scheiterten.

Die unmittelbaren postkolonialen Regierungen Südostasiens appellierten an nationalistische Sentimente, um eine Integration der unterschiedlichen ethnischen und religiösen Bevölkerungsgruppen zu bewirken.[1] Dennoch sind die transnationalen und lokalen Verbindungen bis heute intakt. Sie führen bisweilen zu militanten Auseinandersetzungen über die Anerkennung der staatlichen Autorität, wie heute noch im Süden Thailands oder im Süden der Philippinen. Um separatistischen Bestrebungen zu begegnen, reagierten die Staaten teilweise mit Repression, teilweise mit Zugeständnissen an eine lokale Autonomie – so beispielsweise in Indonesien: Während die Provinz Papua bis heute unter ständiger Militärpräsenz leidet, sind der Provinz Aceh großzügige Autonomierechte eingeräumt worden.

Staaten wie Indonesien, Vietnam, Myanmar (Burma) oder Kambodscha haben Erblasten der vorkolonialen Zeit, der Kolonisierung wie auch der unmittelbaren Vergangenheit zu tragen. Nicht zuletzt deshalb ist der 1967 gegründete Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) dem Prinzip der Nichteinmischung in nationale Angelegenheiten nach wie vor äußerst gewogen. Seine Mitgliedsländer verdrängen ihre Geschichte nicht, sondern schöpfen immer wieder Argumente aus ihr, um (auch gegeneinander) nationales Handeln zu legitimieren. Einer politischen Integration durch supranationale Institutionen innerhalb der ASEAN stehen daher etliche Hürden entgegen. Dennoch können die zehn ASEAN-Staaten (Brunei, Indonesien, Kambodscha, Laos, Malaysia, Myanmar, Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam) als diejenigen gelten, die das heutige Südostasien nach allgemeinem Verständnis verkörpern und seine wirtschaftliche, politische und kulturelle Dynamik ausmachen.

Florierender Handel und kosmopolitische Metropolen

Die konventionelle Staatenweltperspektive, in deren Spektrum Ordnungen und ihre Veränderungen ohne die Idee eines nationalstaatlichen Gebildes nicht beschrieben werden können, ist modernisierungstheoretisch inspiriert. Im Laufe der Jahre hat sie einen dominanten Einfluss auf die wissenschaftliche Diskussion über die Weltordnung und den Blick darauf erlangt. Bisweilen gerät dadurch in Vergessenheit, wie gut die vormoderne Vorstaatenwelt kosmopolitische Metropolen, transregionalen Handel und darauf abgestimmte Finanzsysteme kannte. Die vorstaatliche Weltordnung zeigte in Südostasien staatsähnliche Formationen, die meist als "indisierte" bezeichnet werden, realiter aber schon vor der Übernahme indischer Vorstellungen existierten. "Gewiß kam es in Südostasien bedeutend später zu Staatsbildungen als auf dem indischen Subkontinent und in Ostasien, doch es besteht kaum ein Zweifel darüber, dass schon in den letzten Jahrhunderten des ersten Jahrtausends v. Chr., noch bevor indische Einflüsse erkennbar werden, in ganz Südostasien (…) Siedlungen existierten, die zumindest einige Attribute von Staaten aufweisen."[2]

Der Historiker Xiaoming Huang unterscheidet vorkoloniale "indisierte" von "sinisierten" Staats- beziehungsweise staatsähnlichen Formen.[3] In der indisch geprägten Variante dominierten lokale und regionale Patronageverhältnisse. Die von der administrativen Ordnung im chinesischen Reich geprägte Formation stützte sich auf bürokratische oder feudale Bindungen zur Regelung der Machtverhältnisse. Mit der Legitimation einer jeweiligen Ordnung gingen theoretisch-philosophische Vorstellungen einher; die "staatliche" Ordnung reflektierte die kosmische Ordnung. Die zugrunde liegende Konzeption von politisch-gesellschaftlichen Systemen war metaphysisch bestimmt, weshalb sie heute auch als "galaktische" Ordnung oder, in der indisierten Variante, als "Mandala-Staat" bezeichnet wird.[4]

Gleichwohl ist das Wissen über die vorkoloniale und vormoderne Zeit eingeschränkt. Auch die heutigen Länder Südostasiens haben in dieser Hinsicht einen enormen Nachholbedarf, weil ihre Geschichte gemeinhin mit den geopolitischen Entwicklungen des 20. Jahrhundert verknüpft und der Blick auf sie davon geprägt ist. Die kritische Aufarbeitung des "kolonialen Wissens" und die Freilegung eigener Wissenstraditionen sind ein work in progress. Überdies ist der angenommene Einfluss Indiens auf Südostasien überschätzt worden. Begriffe wie "Indochina", "Ostindien" oder auch "Indonesien" zeugen von einer Wahrnehmung des insularen und kontinentalen Südostasiens als "Extensionen" Indiens. Eine umfassendere Forschung fördert andere Perspektiven zutage, die zum einen der Bedeutung Ostasiens und der arabisch-islamischen Welt Rechnung tragen, und andererseits auf eine starke Einflussnahme in umgekehrter Richtung – von Südostasien nach Indien – hindeuten.[5]

Flankiert wird dies durch Studien zum inter- und intraregionalen Handel in der vorkolonialen Zeit, in der Südostasien eine wichtige Drehscheibe war. Hafenstädte im heutigen Indonesien lebten vom Handel zwischen Süd- und Ostasien; seit etwa 1400 n. Chr. bildete die Hafenmetropole Malakka (im heutigen Malaysia) das Verbindungszentrum für das Handelsroutensystem zwischen dem Roten und dem Südchinesischen Meer.[6] Indische, arabische und chinesische Händler etablierten ein ausgeklügeltes Handels- und Finanznetz, auf das sich später die europäischen Kolonialmächte stützen konnten. Mehr noch: Ohne die Finanz- und Marketingdienste der mobilen Händlergemeinschaften in Asien hätte es das europäische Kapital nie vermocht, das Landesinnere der Region zu durchdringen.[7]

Der europäische Kolonialismus, der zunächst als Handelskolonialismus begann, durchbrach die ungeschriebenen Regeln der Reziprozität unter den Händlergemeinschaften der Region, die ungeachtet sprachlicher, kultureller und ethnischer Heterogenität unter anderem den Fluss von Kapital, den Abschluss von Kreditverträgen, Partnerschaften und Preisfestlegungen erlaubt hatten. Mit dem Auftritt Portugals und Spaniens im 16. Jahrhundert und dem forcierten Einrücken anderer in den folgenden Jahrhunderten – Holländer im 17., Briten im 18., Franzosen im 19. und US-Amerikaner im 20. Jahrhundert – änderte sich dies. Zunehmende Kontakte mit westlichen Repräsentanten aus Religion und Wissenschaft lösten die traditionellen Ordnungsvorstellungen ab oder sorgten zumindest für eine Diffusion und Vermischung von westlichem mit östlichem Gedankengut. Als die europäischen Kolonialmächte im späten 19. Jahrhundert begannen, auch die staatlichen Strukturen ihrer Kontroll- und Einflussgebiete zu bestimmen, avancierte das Konzept des Nationalstaates zum maßgeblichen Referenzrahmen politischen Handelns und internationaler Beziehungen. Panasiatische Bestrebungen kamen zwar zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf (nach dem Sieg Japans über Russland), gingen aber weniger von Südostasien als vielmehr von Intellektuellen der großen, imperial orientierten Mächte China, Japan und Indien aus. Sie konnten sich gegen die Idee des Nationalstaates nicht durchsetzen. Kulturelle Identität folgte fortan staatlich dominierten Vorstellungen und unterlag dem in aller Regel auf Eliten fokussierten kolonialen Blick auf die Gesellschaften der Länder.

Schachbrett des internationalen Machtgefüges

Jede der genannten Kolonialmächte (inklusive Japan während des Zweiten Weltkriegs) war darauf bedacht, das kontrollierte Territorium von den anderen abzuschotten. Dem Politologen Benedict Anderson zufolge wusste die junge Generation Batavias – das niederländisch besetzte Gebiet des heutigen Jakarta in Indonesien – mehr über Holland und seine Geschichte als über die der eigenen Nachbarländer.[8] Und während die schon vor dem 15. Jahrhundert vielfach aus China nach Südostasien eingewanderten Menschen sich je nach lokaler Provenienz, Clan, Beruf oder Sprache als Gemeinschaften identifizierten, wurden sie nun auf der Basis sichtbarer Merkmale unter ethnische Kategorien gefasst und nach "Heimatnationen" bezeichnet. Diese Migranten, die sich nie auf eine nationale Identität berufen hatten, wurden, da die Europäer ihre Sprachen nicht verstanden und stattdessen auf Physiognomie- und Kleidungsmerkmale fokussierten, zu "Chinesen" erklärt.[9] In Malaysia gilt die gesellschaftliche Strukturierung entlang ethnischer Gruppen bis heute als folgenschweres Erbe der britischen Kolonialzeit.

Siam (heute Thailand) blieb als einziges Land von kolonialer Herrschaft verschont, wenngleich auch dies wesentlich auf einer Absprache zwischen Frankreich und Großbritannien beruhte. Alle anderen heutigen ASEAN-Mitglieder gerieten unter britischen (Brunei, Malaysia, Myanmar), französischen (Kambodscha, Laos, Vietnam) oder holländischen (Indonesien) Einfluss. Die Philippinen waren für lange Zeit spanische, ab 1898 US-amerikanische Kolonie. Zwischen 1942 und 1945 besetzte Japan die Länder der Region – im Bestreben, eine "großostasiatische Wohlstandssphäre" zu schaffen. Als Portugal 1975 Osttimor in die Unabhängigkeit entlassen wollte, rückte Indonesien in den kleinen Staat ein und beherrschte ihn durch mitunter schwerste Repression. Erst 2002 konnte die Unabhängigkeit durch ein von den Vereinten Nationen begleitetes Referendum erreicht werden.

Die Kolonialzeit hat politische Institutionen (etwa Regierungsformen, Wahlsysteme), administrative Apparate, das Bildungswesen, gesprochene und geschriebene Sprachen, Weltordnungsvorstellungen und vieles andere mehr geprägt. Sie hat auch die einheimische wissenschaftliche Befassung mit der Region und ihrer Geschichte bestimmt, sodass Forderungen nach einer Dezentrierung und Verlagerung der Südostasienwissenschaften in die Region selbst (statt einer Konzentration der Wissensproduktion über Südostasien in den akademischen Zentren der westlichen Welt) in zunehmendem Maße artikuliert werden.[10]

Dass der Blick auf die Region deren Realität häufig nur unzureichend erfasst, wird vielfach der hegemonialen Kraft des Konzepts "Nationalstaat" zugeschrieben. Die Genese der europäischen Nationalstaaten und der Siegeszug des europäischen industriellen Kapitalismus sind zu Meistererzählungen geworden, welche die Erklärung der Entstehung der modernen Welt bis heute entscheidend prägen. Alle anderen historischen Phänomene von regionalen Verbindungen, Kommunikation und Assoziation werden ausgeblendet oder können nur noch vor dem Hintergrund dieser narrativen Vergleichsfolie interpretiert werden.[11] Die heutige Sicht auf die Geschichte anderer Weltregionen wird demzufolge durch die Vorstellung bestimmt, dass sich eine Region aus Einzeleinheiten zusammensetzt, die durch Grenzen definiert sind. Konzepte wie die Willem van Schendels versuchen dieser Sicht entgegenzuwirken: Der Historiker hat seine Forschung auf Gebiete Südostasiens konzentriert, die sich über Jahrhunderte hinweg der Kontrolle von nationalstaatlichen Regierungen weitgehend entzogen haben.[12] Er bezeichnet diese als Region Zomia, die im Kern das Hochland und die Berggebiete von Vietnam, Laos, Myanmar und im Südwesten Chinas umfasst. Die dort lebenden Bergvölker sind kulturell, sprachlich und ökonomisch eng verbunden. Ihre Verbundenheit wurde aber bei den Grenzziehungen in der Region ignoriert, sodass Zomia nie als eine eigene regionale Einheit anerkannt wurde. Van Schendels Konzeption stellt einen völlig neuen Zugang zur Idee von Region dar und verdeutlicht, wie stark der Blick auf Südostasien bislang von der westlichen und postkolonialen Wahrnehmung bestimmt war.

Unabhängigkeit und Kalter Krieg

Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte die Dekolonisierung Südostasiens für enorme politische und wirtschaftliche Bewegung. Einige Staaten erreichten ihre Souveränität nach Befreiungskämpfen (Myanmar, Indonesien, Vietnam), andere durch Verhandlungen (Kambodscha, Laos, Malaysia). Eine gemeinsame Verortung in der Weltordnung gelang den 25 in die Unabhängigkeit entlassenen Staaten Asiens und Afrikas mit der vom indonesischen Präsidenten Sukarno einberufenen Konferenz von Bandung 1955. Sie bildete eine Basis der 1961 gegründeten Blockfreienbewegung, die für Asien und Afrika einen wichtigen Bezugsrahmen darstellte. Während ihre Relevanz im Westen insbesondere nach dem Ende der Ost-West-Konfrontation als sehr gering betrachtet wird, halten ihre heute 118 Mitglieder den antikolonialen Geist der Bewegung aufrecht.

Dem Einfluss des Kalten Krieges aber konnte sich Südostasien weder über die Blockfreienbewegung noch mit der dezidiert als sicherheitspolitischen Zusammenschluss gegründeten ASEAN entziehen. Der Vietnamkrieg stellt eines der bedrückendsten Ereignisse in diesem Kontext dar. Doch auch innerhalb einzelner Staaten vollzogen sich Massaker und systematische Verfolgungen von (angeblichen) Kommunisten. Indonesien hat dieses dunkle Kapitel der eigenen Geschichte bis heute nicht aufgearbeitet, und auch in Malaysia hat das Thema im offiziellen öffentlichen Diskurs keinen Platz. Allein in Indonesien fielen 1965/1966 Hunderttausende den Morden des Militärs zum Opfer – entweder, weil sie als Mitglieder der Kommunistischen Partei Indonesiens galten, oder schlichtweg aufgrund ihrer ethnisch chinesischen Herkunft, die sie kollektiv als Kommunisten markierte.

In politisch-systemischer Hinsicht entwickelten sich die Staaten Südostasiens nach 1945 in höchst unterschiedliche Richtungen. Das Spektrum reicht von (Militär-)Diktaturen in Myanmar oder Kambodscha über autokratische Systeme in Singapur und Malaysia bis hin zu Demokratien auf den Philippinen und im heutigen Indonesien. Monarchen üben in unterschiedlicher Intensität Einfluss aus – sehr starken in Brunei, sporadisch starken in Thailand und kaum spürbaren in Malaysia. Auf den Philippinen (1986) und in Indonesien (1998) fanden "demokratische Revolutionen" zum Sturz von Diktatoren statt, während andernorts die Transition Zeit braucht, so etwa in Myanmar, Kambodscha oder Malaysia. Demokratische Hoffnungsträger wie Thailand fallen in nahezu regelmäßigen Abständen Militärputschen anheim, und auch die Philippinen stellen nur mehr eine elektorale Demokratie dar. Korruption und Nepotismus hemmen den demokratischen Prozess.

In den meisten Ländern Südostasiens sind Religion und Politik miteinander verwoben. Buddhistische, islamische und christliche (katholische) Akteure sind sowohl in politischen Organisationen (Parteien) als auch in der Gesellschaft aktiv. Als religiöse Autoritäten genießen sie häufig eine höhere Glaubwürdigkeit als Repräsentanten des (säkularen) Staates. In den mehrheitlich muslimischen Staaten Indonesien und Malaysia ist die Islamisierung des politischen und gesellschaftlichen Lebens in den vergangenen Jahren rasant vorangeschritten. Religiöse Bürokratien (Malaysia) oder selbsternannte Hüter von Recht und Ordnung (etwa die Front zur Verteidigung des Islam in Indonesien, FPI) sanktionieren moralisches Fehlverhalten. Die brutale Verfolgung und Unterdrückung von Minderheiten wie Schiiten oder Ahmadiya-Anhängern in Indonesien ist nicht nur augenfällig, sondern für den friedlichen religiösen Pluralismus, den das Land gerne für sich reklamiert, auch bedrohlich.

Auf den Philippinen sorgt die mächtige Stellung der katholischen Kirche teilweise für ein beharrliches Festhalten an überkommenen gesellschaftlichen Normen: Scheidung und Abtreibung sind bis heute verboten. Während der religiöse Einfluss auf Politik und Gesellschaft einerseits die individuellen Freiheiten der Bürger einzuschränken scheint, bietet die Religion andererseits auch den oftmals einzigen Kanal, um politischen Protest artikulieren zu können. Die Proteste der buddhistischen Mönche in Myanmar illustrieren dies genauso wie die von buddhistischer Symbolik durchdrungene Performanz der Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi. In Vietnam oder Singapur hingegen haben religiöse Bindungen nie einen für die politische und gesellschaftliche Entwicklung maßgeblichen Stellenwert erreicht.

Die Erklärungen dafür sind unterschiedlicher Natur. Einerseits blicken Buddhismus und Islam auf eine lange Geschichte in der Region zurück, die damit begann, dass die königlichen Herrscher ihre Macht nicht mehr über Rituale sicherten und aus ihrer "Vergöttlichung" heraus rechtfertigen konnten. Dem Indologen Hermann Kulke zufolge war es "letztlich nur eine Frage der Zeit, bis sich die Bevölkerung der spätmittelalterlichen Reiche den neuen religiösen Bewegungen der Zeit zuwandte und damit den Großkönigen und ihrer aufwendigen Ritualpolitik die Legitimation entzog. Es waren dies der volksnahe Theravada-Buddhismus, der sich seit Beginn des 13. Jahrhunderts in festländisch Südostasien ausbreitete, und der Islam, der ein Jahrhundert später durch Händler aus Indien und dem Vorderen Orient zunächst in den küstennahen Gebieten von Malaya und Indonesien Fuß fasste."[13] Auch die antikolonialen Befreiungsbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert nutzten die Religion als Mobilisierungsinstrument. Gleichwohl wäre es unzulässig, daraus im Umkehrschluss auf eine geringe Mobilisierungskraft des Konfuzianismus zu schließen, der in Vietnam und Singapur tiefe Spuren hinterließ. Vielmehr sind die unmittelbaren politischen und demografischen Kontexte hier ein entscheidendes Moment für die vergleichsweise untergeordnete Rolle der Religion in der postkolonialen Zeit. Dies gilt für das kommunistisch orientierte Vietnam ebenso wie für den Stadtstaat Singapur, in denen die Staatsräson alles andere als Appelle an religiöse Gefühlslagen nahelegte.

Wirtschaft und Migration

Die unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung, die Südostasien nach 1945 vollzog, spiegelt sich in den Migrationsbewegungen wider. "Traditionell" bewegt sich die Arbeitsmigration aus den ärmeren in die wohlhabenderen Staaten, so etwa aus Myanmar, Indonesien und den Philippinen nach Malaysia und Singapur. Frauen wie Männer verdingen sich dabei meist ohne arbeitsrechtlichen Schutz im informellen Sektor der Zielländer. Während in neutraler Diktion von einer nationalstaatlichen Regulierung von Migrationsflüssen gesprochen werden kann, legen die realen Entwicklungen die Interpretation nahe, dass die schiere Masse an arbeitssuchenden Einwanderern es erlaubt, sie für politische Zwecke zu instrumentalisieren. In Malaysia reichen die Maßnahmen zur "Sicherheit" der Bevölkerung von punktuellen Razzien bis hin zu Internierungen und erzwungenen "Rücksendungen" indonesischer Arbeitsmigranten – bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel in den betroffenen Branchen (vornehmlich im Bausektor). Indonesien wiederum sprach 2009 ein Entsendeverbot für Haushaltshilfen nach Malaysia aus, weil diese allzu oft brutalen Übergriffe seitens ihrer Arbeitgeber ausgesetzt waren. Nach einer Einigung der Regierungen über einen Mindestlohn wurde das als maid ban bekannte Verbot aufgehoben.

Die Migration im Niedriglehnsektor zeigt indes nur eine Seite der Medaille. Im Bereich der hochbezahlten Berufe zeichnet sich eine neue Art der "Elitenmigration" – vor allem nach Singapur – ab, die zu einem veränderten Beziehungsgefüge zwischen den Einwanderern aus Asien geführt hat. Hier zeigt sich das wirtschaftliche Gefälle im postkolonialen Südostasien besonders deutlich. Den migrierten Eliten auf gut dotierten Posten steht ein unterbezahlter, oft informeller Dienstleistungs- und Versorgungssektor gegenüber, der sich aus Arbeitsmigranten derselben Herkunftsländer rekrutiert. Die Logik, so der Historiker Prasenjit Duara, folge dabei nach wie vor den nationalistischen Interessen der jeweiligen Staaten: "Das neue Asien erweckt nicht den Anschein eines nachlassenden Nationalismus, sondern eher den einer Refigurierung oder Restrukturierung des Nationalstaates, um sich den Bedingungen des globalen Kapitalismus anzupassen."[14]

Dieser Befund bekräftigt den Eindruck der ungebrochenen Wirkmächtigkeit des Konzepts Nationalstaat. Das transregionale Handelsgeschehen der frühen Jahrhunderte ist durch technische Fortschritte erleichtert worden. Die Reiche der frühen Jahrhunderte, die Mandala-Staaten und die Kolonialgebiete sind dem heutigen Format des Nationalstaates gewichen, dessen erfolgreiches Narrativ zumindest das politische Geschehen in Südostasien nach wie vor maßgeblich beeinflusst.
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Fußnoten

1.
Vgl. Susanne Feske, Nationalismus, ethnische Konflikte und regionale Kooperation in Südostasien, in: Brunhild Staiger (Hrsg.), Nationalismus und regionale Kooperation in Asien, Hamburg 1995, S. 88–98, hier: S. 89.
2.
John Villiers, Die Geschichte Südostasiens, in: Bernhard Dahm/Roderich Ptak (Hrsg.), Südostasien-Handbuch, München 1999, S. 79–97, hier: S. 87.
3.
Vgl. Xiaoming Huang, Comparative Politics of Asia Pacific, Houndmills u.a. 2009, S. 10–18.
4.
Vgl. Stanley Tambiah, The Galactic Polity: The Structure of Traditional Kingdoms in Southeast Asia, in: Annals of the New York Academy of Sciences, 293 (1977), S. 69–97.
5.
Vgl. Tom Hoogervorst, Travelling Worlds and Their Lessons on the "Indianisation" of Southeast Asia, in: The Newsletter, 66 (2013) 47.
6.
Vgl. Prasenjit Duara, Asia Redux. Conceptualizing a Region for Our Times, in: ders. (Hrsg.), Asia Redux. Conceptualizing a Region for Our Times, Singapur 2013, S. 5–32, hier: S. 7.
7.
Vgl. ebd., S. 8.
8.
Vgl. Benedict Anderson, The Spectre of Comparisons. London–New York 1998, S. 13.
9.
Vgl. ebd.
10.
Vgl. etwa Beng-Lan Goh, Decentring and Diversifying Southeast Asian Studies, Singapur 2011.
11.
Vgl. Roy Bin Wong, Comparing States and Regions in East Asia and Europe: Is Southeast Asia (Ever) Part of East Asia?, in: Southeast Asian Studies, 48 (2010) 2, S. 115–130, hier: S. 122.
12.
Vgl. Willem van Schendel, Geographies of Knowing, Geographies of Ignorance, in: Paul Kratoska/Raben Remko/Henk Schulte Nordholt (Hrsg.), Locating Souhteast Asia: Geographies of Knowledge and Politics of Space, Leiden 2002, S. 275–306.
13.
Hermann Kulke, Die Geschichte Südostasiens. Die frühen Reiche vom 5. bis 15. Jahrhundert, in: Bernhard Dahm/Roderich Ptak (Hrsg.), Südostasien-Handbuch, München 1999, S. 98–111, hier: S. 109.
14.
Vgl. Prasenjit Duara (Anm. 6), S. 28.
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Autor: Claudia Derichs für bpb.de
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